Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Galater 4,6.7

Pfarrerin Beatrix Jessberger (ref)

27.05.2012 in der evang.- reformierten Kirche Rehetobel AR, Schweiz

anlässlich eines Abendmahlsgottesdienstes am Pfingstsonntag 2012

Lesung: Gal 4,6.7

In seinem Brief an die Galater schreibt Paulus: „Weil ihr Söhne und Töchter Gottes seid, gab Gott euch den Geist seines Sohnes ins Herz. Der ruft aus uns: „Abba, Vater!“. Du bist also nicht länger Sklave, sondern mündiger Sohn und mündige Tochter, und deshalb auch Erbe.“

Predigt

St. Gallen feiert in diesem Jahr 1400 Jahre Gallus, den Patron und Namensgeber der Stadt.

Im Jahr 612 senkte Gallus sein Fischernetz in den Wasserwirbel. Er deutete sein Stolpern und seinen Fall ins Dorngestrüpp beim Wasserfall der Steinach als göttliche Mahnung an diesem Ort zu bleiben und er richtete in der Mülenenschlucht aus Haselruten ein Kreuz auf. Aus Luxeuil waren er und seine Mitbrüder vertrieben worden. In Bregenz hatten aufgebrachte Bewohner zwei Mitbrüder erschlagen. Gallus bekam hohes Fieber und konnte und wollte Kolumban nicht mehr weiter nach Italien folgen. Im Akt der Loslösung von seinem Abt und Meister fand er seinen ureigenen Weg. Er wurde Eremit und baute mit dem Diakon Willimar eine kleine Zelle und ein Bethaus. Viele Menschen kamen zu ihm. Und sein Zeugnis überzeugte sie. Wir wissen, welche Anziehungskraft Gallus hatte. An der Stelle seiner Einsiedelei steht heute die prächtige Kathedrale von St. Gallen.

Was hat die irischen Mönche, von den Gallus nur einer war, auf die Idee gebracht, Irland zu verlassen und bis Italien zu pilgern und zu missionieren?

Bei einem Seminar erzählte mir eine Frau, die irischen Mönche hätten sich über Jahre hinweg Gedanken gemacht haben, wie sie mit ihrem Leben Märtyrer Jesu Christi sein können, Zeugen wie die ersten Christen. Sie wollten das Kreuz auf sich nehmen und sich selbst als beständiges Opfer Jesus Christus darbringen.

Mit seinen Mitbrüdern, unter der Leitung von Kolumban, beschloss die Gruppe dasjenige zu opfern, was ihr am meisten am Herzen lag: die Heimat. Es war um das Jahr 590 als Kolumban mit 12 Gefährten die Heimat Irland verliess. Die Gruppe dachte dabei an den Befehl Gottes an Abraham: „Zieh fort aus deinem Land, aus deiner Verwandschaft und deinem Vaterhaus und geh in das Land, das ich dir zeigen werde“ (Gen.12.1) Vom Kloster Bangor in Norden Irlands aus segelten sie in kleinen, zerbrechlich aussehenden Booten, aber im Geleit „günstigen Wind“ Richtung Festland und landeten an der Küste der Bretagne. Von dort machten sie sich zu Fuss und per Schiff auf den Weg bis an den Bodensee.

War in der Geschichte von Gallus der Heilige Geist am Werk?

Ganz eindeutig.

Denn der Heilige Geist ist es, der wachrüttelt, der uns neue Wege zumutet. Wir sollen das Leben nicht verschlafen oder mit Arbeit zupflastern, sondern nie aufhören, mit unserem Leben Jesus Christus zu bezeugen.

An Pfingsten geht es um das Thema „Freiheit“. Wir sind nicht Sklaven unseres Lebens oder unserer Überzeugungen, sondern wir sind Kinder Gottes und tragen Gottes Geist in unseren Herzen.

Der heutige Festtag lädt mich ein, innezuhalten und mich zu fragen

  • Wo mache ich faule Kompromisse?

  • Welche Lebensträume habe ich weggeschlossen?

  • Habe ich schon genug geliebt?

Der Heilige Geist ist die Liebeskraft Gottes, die mich bewegt, die mich aufbrechen lässt in unbekanntes Land, die mir Lebenssinn schenkt und mein Leben umstülpt. Mutter Theresa wurde einmal von einem Reporter gefragt, was sich in der Kirche ändern müsste. Sie antwortete: „sie und ich“. Die Kirche muss sich ändern, aber ich auch.

Am besten fange ich also damit an, mich zu ändern.

Wir sprechen an Pfingsten vom Geist der Freiheit, der uns mündig macht.

Um über Freiheit sprechen zu können, müssen wir allerdings wissen, was Freiheit ist.

Und genau da liegt bereits das Problem; denn es gibt keine Freiheit an sich.

Dass wir in einem freien Land leben, liegt daran, dass wir in einem Rechtsstaat leben. Unsere Freiheit wird garantiert durch Gesetze und Paragraphen, an die wir uns halten müssen.

Politische, ethische und kirchliche Gesetze schränken unsere Freiheit ein.

Wir kennen auch innere Barrieren, die uns bestimmte Handlungen verbieten.

Eine KonfirmandInnengruppe interpretierte Freiheit zuerst naiv damit, dass ich tun und lassen kann, was ich will. Aber sehr schnell begriff sie, wie schnell Freiheit in Willkür umschlägt. Die Freiheit zerstört damit sich selbst.

Es gibt ungeheuer viele Definitionen von Freiheit. Der Zürcher Künstler Gottfried Honegger meinte kürzlich in einem Vortrag, dass unsere Freiheit vom Geist der Ethik bestimmt sein sollte. Für ihn heisst Freiheit zuallererst, sich zu bilden und zu lieben. Denn das ist es, was vom Leben über den Tod hinaus bleibt, das Wissen und die Liebe.

Und was ist Eurer Meinung nach Freiheit?

Wo habt ihr sie erfahren, geschweige denn, das Gegenteil von ihr erfahren?

Für mich bedeutet Freiheit, Ausdehnung. Ich halte mich bei dieser Definition an die biblische Aussage vom zweiten Schöpfungstag. An diesem Tag berief Gott die Ausdehnung als Himmel. Fünfmal ist im hebräischen Orginaltext von Ausdehnung die Rede. Es geht also, meiner Meinung nach darum, dass mein Herz sich ausdehnt bis es „Himmel“ ist. Was es mit dieser Ausdehnung auf sich hat, interpretiert der Prophet Jesaja (42,5): Ich, der Herr, der die Himmel schafft und ausdehnt, der die Erde macht und ihr Gewächs, der dem Volk auf ihr den Odem gibt und den Geist denen, die auf ihr gehen: Ich, der Herr, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand und behüte dich und mache dich zum Bund für das Volk, zum Licht der Völker, dass du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und die da sitzen in Finsternis aus dem Kerker.

Das ist der Geist der Freiheit, der Heilige Geist.

Freiheit ist hier verbunden mit der Vision Gottes vom Menschen. Der Mensch lebt mit Gott in Partnerschaft, in tiefer Verbundenheit. Und der Mensch nutzt seine Freiheit dazu, Licht für die Völker zu sein, Blinden die Augen zu öffnen und Gefangene zu befreien.

Freiheit bedeutet also im Sinne der Ausdehnung: sie weitet mein Herz, damit es Gottes Pathos spürt und prophetisch handeln lernt, das ist die Meinung von Rabbiner Abraham Heschel. In der jüdischen Pessach- Haggadah, der Erzählung vom Auszug aus dem Sklavenhaus Ägyptens in die Freiheit des gelobten Landes, heisst es deshalb: „Nur ein gebrochenes Herz ist ein ganzes Herz“. Nur ein gebrochenes Herz wird so weit, dass es Erde und Himmel umfassen kann.

Der Geist der Freiheit führt mich also, wie Gallus, Kolumban und die Mitbrüder, nicht unbedingt in eine bequeme Situation. Ich darf mit Israel, mit Jesus Christus den Weg der Freiheit beschreiten, weg vom Sklavenhaus, weg aus dem Gefängnis eigener Zwänge und Ideologien, hin in die Freiheit zu der ich berufen bin. Ich bin gerufen, Antworten zu finden auf Fragen meiner Zeit. Antworten, die in mir ruhen und die ich im Diskurs mit anderen entdecke. Dort, in meinem Herzen, dort wo ich mich von Themen meiner Zeit berühren lasse, dort liegt meine Bestimmung, mein Auftrag, mein Lebenssinn.

Freiheit zu leben ist also kein Sonntagsspaziergang. Freiheit bedeutet, Widerstände überwinden, Grenzen ausweiten, bedeutet Arbeit und Disziplin. Um all das durchzustehen, brauche ich einen Verbündeten, brauche ich den Heiligen Geist. Er ist der Geist, der mich tröstet, der mich aufrichtet, wenn ich falle und der mir hilft, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

Pfingsten ist das Fest, an dem ich darüber nachdenke, wo ich stehe. Wo hat mich der Geist Gottes hingestellt? Verfolge ich, wie Nietzsche sagt, hartnäckig den Weg, den ich gewählt habe, und verliere dabei das Ziel aus dem Auge? Oder deckt sich mein Lebensziel mit dem meiner biblischen Vorfahren?

Ihn zu bezeugen, darum haben sich Gallus uns seine Mitbrüder auf den Weg gemacht, geleitet vom Heiligen Geist, das Ziel vor Augen: Zeugen Jesu Christi zu sein. Ihre Methoden, Jesus Christus zu verkünden, waren aus unserer heutigen Sicht nicht unbedingt feinfühlig. Sie waren keine Helden. Aber ohne sie wären wir heute nicht hier, in dieser Kirche, in diesem Bewusstsein von Gott. Sie wurden zum Licht der Völker. Sie haben Blinden die Augen geöffnet und Gefangene aus dem Gefängnis und aus der Finsternis ihrer Kerker geführt. Sie haben uns den Geschmack von Freiheit geschenkt.

Es sind 1400 Jahre her, seit der irische Mönch Gallus im Tal der Steinach eine Zelle und ein Bethaus gebaut und damit den Grundstein für die Hochkultur des Klosterstaats wie auch der Stadt St. Gallen gelegt hat. Wir haben das Glück, uns heute von ihm und seinem Wirken anregen zu lassen, von ihm zu lernen. Vielleicht hat er damals auch unsere Generation bereits in seinem Herzen geliebt. Wir hatten grosses Glück, dass er sich von der Schönheit unserer Landschaft bezaubern und vom Appenzeller Bären nicht abschrecken liess.

Berührt vom Heiligen Geist hat er die Freiheit des Himmels gelebt – und damit uns ein Zeugnis geschenkt von der Liebe und dem Geist Jesu Christi. Amen.