Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Galater 5,5f.

Pfarrer Alexander Behrend

22.02.2004 in Gönningen

Predigt über „Hoffnung“

Hinführung

Dann wollen wir uns mal kräftig zum Narren machen,
liebe Gemeinde!

Nein,
nicht weil zufällig Faschings-Sonntag ist!

Nein,
weil es wahrscheinlich das einzig Vernünftige ist in einer verrückten Welt.

In verrückter Welt stehen die Narren am rechten Fleck.
In verrückter Welt rücken sie die Dinge ins rechte Licht und an den richtigen Ort.
In verrückter Welt muß man zum Narren werden, damit man leben kann!

Liebe Gemeinde,
aber wir haben natürlich auch jene andere Erfahrung,
die, von der das Sprichwort redet:
„Hoffen und harren hält manchen zum Narren“.

Gerade die Hoffnung scheint es zu sein, die einen zum Narren halten und für dumm verkaufen kann.

Der schmachtende Jüngling, der auf eine Gunstbezeugung seiner Liebsten wartet - und 40 Jahre später immer noch Junggeselle ist.

Oder der Broker, der immer noch auf den großen Wurf und das nächste Aktienhoch wartet - und hofft und hofft und hofft und alles verliert.

Und dann war da jener Delinquent, zu dem morgens um fünf vor der Hinrichtung der Wärter kommt:
ob er noch einen letzten Wunsch habe?
Eine Tasse Kaffee!
Mit Zucker?
Um Gottes Willen, ich bin Diabetiker!

Liebe Gemeinde,
übervorsichtig sein, zu sehr auf sich acht geben,
aber auch hoffen auf bessere Zeiten
und aus-harren und aushalten, was vielleicht zu ändern wäre -
es kann einem Lebensraum und Gegenwart nehmen, wenn man auf diese Weise hofft und harrt.

Es kann einen in falscher Weise zum Narren machen -
weil man damit das Leben verfehlen kann.

Erhofft, besser gesagt: erträumte Zukunft kann einem die Gegenwart rauben.

Alles kommt offensichtlich darauf an, auf das richtige zu hoffen,
vieles entscheidet sich daran, ob man Situationen ausharren, aushalten soll
oder verändern, was sich ändern läßt.

Man muß guter Hoffnung, man muß der rechten Hoffnung sein, damit es stimmt,
damit das Leben stimmt und Richtung hat.

Hoffnung kann einen als Illusionen und Träume an die Vergangenheit binden,
kann einen festhalten und runterziehen,
statt nach vorn zu bringen und die Gegenwart gegenwärtig zu machen.

Christliche Hoffnung, das ist wie zwei Strommasten, zwischen denen die Leitung gespannt ist -
je nach Temperatur mal straffer, mal lockerer,
aber immer wird die Verbindung gehalten zwischen hier
und dort, jenseits des Flusses -
Spannung, die Energie zur Verfügung stellt.

Christliche Hoffnung hat hier ihren Haltepunkt und verbindet uns,
setzt uns in eine fruchtbare, eine Energie bringende Spannung zum Drüben.

Spätestens jetzt, liebe Gemeinde, stehen wir in der Gefahr, auf falsche Weise erst recht uns zum Narren zu machen.

Denn der Verweis dort hinüber über den Fluß
- „I looked over Jordan“, wie der Gospel singt -,
der kann vertrösten und einschläferndes Opium sein.

Jahrhunderte lang hat man Menschen mit dem Verweis auf ein besseres Jenseits sediert,
ruhig gestellt,
in bitterster Art vertröstet;
bis dann irgendwann einer gefragt hat, ob es eigentlich ein Leben vor dem Tod gibt -
und dann womöglich auf der anderen Seite vom Pferd fiel, weil er es nur noch hier, diesseits des Flusses, suchte, das Leben.

Machen wir uns so nicht zum Narren!
Indem wir etwas erwarten, das dann womöglich so gar nicht kommt,
oder von dem wir nichts Genaues nicht wissen.

Christliche Hoffnung - sie erhofft nicht etwas,
nicht irgend welche Ereignisse,
nicht das Paradies und nicht das Schlaraffenland,
nicht das Tausendjährige Reich als von Menschen gemachtes Gottesreich auf Erden -
christliche Hoffnung erhofft nicht etwas,
sie hofft auf jemanden, auf Jesus Christus.

Das ist das Kennzeichnende an aller christlicher Hoffnung: daß sie von einem herkommt, der schon mal da war, daß sie auf einen zulebt und zugeht, den sie schon kennt!

Jene Welt da jenseits der Flusses ist nichts total anderes als hier:
der Hauptunterschied ist:
Jesus Christus wird uns offensichtlich sein,
wird uns unmittelbar einleuchten,
und alles wird klar sein -
auch wir selbst uns -
und alle Rätsel werden sich lösen
und alle Geheimnisse werden offenbar!

Und dann war da jenes Ehepaar, das innerhalb kurzer Zeit hochbetagt stirbt und in den Himmel kommt.
Und Petrus führt ihnen ihre neue riesige Limousine vor,
sie bestaunen ihre Villa am Meer und den wohltemperierten Swimmingpool und freuen sich über das Hauspersonal -
und wenn etwas fehle, stehe er selbst natürlich ebenfalls jederzeit zur Verfügung, meint Petrus.
Daraufhin sie zu ihm:
„Und ohne deine dämlichen Pillen hätten wir all das schon viel früher haben können!“

Die Bibel verspricht nichts im Jenseits, nichts fürs Jenseits;
sie spricht in Beziehungsbildern und sie erzählt letztlich nur und ausschließlich davon, daß die Sache mit Gott klar sein wird -
alles andere ergibt sich.

Das mag blutleer erscheinen -
aber es ist der beste Weg, damit wir uns von der Hoffnung nicht die Erde entziehen lassen:
denn für diese Welt sind wir geschaffen,
so ist zumindest der ursprüngliche Bauplan.
Und hier haben wir zu leben - und zu lieben.

Im Galaterbrief sagt der Apostel Paulus einmal - und es klingt wie eine Zusammenfassung unserer vier HauptWorte-Gottesdienste:
„Wir warten im Geist durch den Glauben
auf die Gerechtigkeit,
auf die man hoffen muß.
Denn in Christus Jesus gilt … der Glaube,
der durch die Liebe tätig ist.“

Gerechtigkeit, Liebe, Glaube - Hoffnung.

Liebe Gemeinde,
was dürfen, wollen, können wir hoffen?

Zunächst einmal ist uns das Hemd näher als der Mantel -
und deshalb ist die erste Frage nach unserer Hoffnung auch immer erst einmal die Frage nach meinem ewigen Leben,
nach der Hoffnung für mich.

Hoffnung ist, daß ich immer Zukunft habe,
daß da immer noch etwas vor mir liegt -
daß da immer noch Gemeinschaft mit Jesus Christus vor mir liegt -
in alle Ewigkeit habe ich noch was vor!

In der Beziehung zu Jesus Christus, dem Auferstandenen, kann man nicht mehr untergehen,
nicht mehr verschütt gehen, vergessen werden.
Dann hat er immer noch was vor mit einem - in alle Ewigkeit!

Liebe Gemeinde,
er hat freilich auch noch etwas vor mit einem:
„Er sitzt zur Rechten Gottes, von dort wird er kommen zu richten.“
So sprechen wir es im Glaubensbekenntnis.

Was wir als Christinnen und Christen noch für uns erhoffen ist das Gericht.
Im Gericht Gottes kommst du mit deiner Vergangenheit ins Reine.

Ein Mensch mit Vergangenheit ist ein zwielichtiger Geselle.
Er muß mit seiner Vergangenheit ins Reine kommen.
Und das geschieht im Gericht, in dem wir es eben nicht nur mit unseren Taten und Untaten zu tun bekommen,
sondern in dem wir es mit dem zu tun bekommen, der zu uns kam, für uns einstand, für uns starb am Kreuz.

Da wird alles gut!
Da werden wir zu neuen Menschen - und wir werden versöhnt mit unserer Vergangenheit.

Lebe so, daß du dem Richter möglichst wenig Versöhnungsarbeit machst!

Und dann war da noch der Fromme Mann, der den stadtbekannten Tunichtgut im Himmel trifft:
„Mensch, Claasen, Sie auch hier? Sie haben sich ja unglaublich verändert: größer, auch ein bißchen dicker, aber die Glatze ist ein bißchen fortgeschritten …“
„Aber ich heiße doch gar nicht Claasen!“
„Was, Claasen heißen Sie auch nicht mehr?“

Doch, doch, wir dürfen guter Hoffnung sein, unseren Namen zu behalten -
und es wird ein guter Name sein, weil wir ausgesöhnt mit unseren Untaten, mit unserer
Vergangenheit das Gericht hinter uns und immer Zukunft vor uns haben werden!

Liebe Gemeinde,
daß sich der fromme Mann und Claasen im Himmel treffen ist so unwahrscheinlich nicht;
vor allem ist es sicher, daß wir einander treffen,
daß es da ein Miteinander geben wird.

Das ist sozusagen jetzt nach dem uns nahe liegenden Hemd der Mantel.

Der Himmel, die Zukunft sind nicht solo zu haben - so wie eben Jesus Christus nie für einen allein da ist.

In der Schriftlesung haben wir vom neuen Jerusalem, der zukünftigen Stadt gehört.

Es sind Bilder, die der Seher da vor Augen geführt bekommt;
es sind - natürlich - Bilder, die darstellen sollen, was irdischen Augen unsichtbar ist.

Und es sind Bilder, die uns wieder in die Gegenwart und in unsere Welt entlassen.

Und sie entlassen uns mit der Aufgabe, uns an diesem Bild zu orientieren,
so zu leben, daß wir jetzt schon dieser himmlischen Stadt entsprechen:
dieser völkerverbindenden Stadt,
in der Friede und Gerechtigkeit herrscht -
und in der das Leben gefeiert wird, in der Gott gefeiert wird!

Wenn Jesus mit seinen Leuten - und mit den anderen erst recht - aß,
dann hat er diese himmlische Stadt abgebildet, vorweggenommen:
daß alle an einem Tisch sitzen,
daß alle Grund zur Freude und zum Fest haben -
so wie wir es jeden Sonntag feiern - kleine Vorzeichen der Ewigkeit!

Und dann war da noch der Pfarrherr, der meinte, man müsse auch mal auf ein Opfer verzichten können - und die nächste Flasche entkorkte!
Er hat sie bestimmt mit jemandem geteilt, will ich hoffen!

Schluß

Liebe Gemeinde,
wir erwarten nicht etwas, wir erwarten jemanden - präziser: Jesus Christus!
Und wir machen uns zum Narren, indem wir hoffen, manches ausharren, und bereit sind Dinge anzugehen und zu verändern, die verkehrt laufen,
die nicht unserer Zukunft entsprechen.

Dem Narren ist seine Sache ernst - auch wenn er sich lustig macht.

Ich will mich lustigen machen über meine Zweifel an Gott,
über meine bösen Gedanken, daß die Menschen alles in der Hand haben - selbst die Zukunft und damit den Untergang noch!

Ich will ein Narr bleiben, dem seine Sache ernst ist:
der von dem, was auf ihn zukommt, nichts weiß -
aber der mit dem lebt,
der kommt -
und der da war -
und der jetzt dabei ist -
in Ewigkeit!

Amen.


 


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