Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über "Gelassenheit"

Prädikantenanwärterin Christiane Bleck

12.03.2009 in der Kapelle von Haus Wiesengrund , Nümbrecht-Überdorf

Abendandacht im Rahmen eines Prädikanteneinführungskurses

Liebe Schwestern und Brüder!
Waren Sie schon einmal im Traum mit dem Zug unterwegs? Wollten Sie schon einmal im Traum verreisen?

 „Im Traum unterwegs“ … So ist eine kleine Episode von Maria Baldus-Cohen-Or überschrieben.   Lassen Sie sich mit hineinnehmen in diese Traumgeschichte:

„Ich stand auf einem Bahnhof, um zu verreisen. Da der Zug, mit dem ich fahren wollte, schon in Sicht war, versuchte ich, schnell am Schalter eine Fahrkarte zu kaufen. Der Beamte gab mir die Auskunft, daß ich meine Karte nur über den am Bahnsteig stehenden Automaten erstehen könne. Dies sei jedoch kompliziert und koste einen Anfänger Zeit.
Es war tatsächlich schwierig, aber die Karte wurde noch ausgedruckt, bevor der Zug sich in Bewegung setzte.  Ich konnte gerade noch aufspringen und fand einen Platz in einem leeren Abteil. Als der Schaffner kam und mich fragte: „Nun, wo wollen wir denn hin?“, fiel mir auf, daß ich dies selbst gar nicht wußte. Ich sagte ihm dies und setzte hinzu: „Aber es steht auf meiner Fahrkarte, wohin ich will.“ Er nahm die Karte entgegen und schien ziemlich erstaunt beim Lesen. Dann gab er sie mir zurück mit der Bemerkung: „Na, dann gute Fahrt!“ Schließlich schaute ich selbst auf meine Karte, und darauf stand als Zielort das Wort: Ge-Lassen-heit!“ *

  • Gelassenheit? Angesichts dessen, was Menschen gestern in Winnenden an unfassbarem Leid erfahren haben?
  • Gelassenheit? Angesichts dessen, was mit den Stichworten  Arbeitslosigkeit,  Finanzkrise und Globalisierungsfolgen nur kurz angedeutet ist?    
  • Gelassenheit? Auch angesichts unserer persönlichen Zukunftspläne, angesichts dessen, was wir im Laufe dieser Woche gehört,  kennengelernt und erfahren haben?


Gelassenheit?  Ich gestehe, es fällt mir persönlich schwer, gelassen zu sein. Wer kennt sie wirklich, meine heimlichen und unausgesprochenen, meine offensichtlichen und ausgesprochenen Ängste? Ich soll    bei all dem in meinem Lebensabteil  gelassen sitzen bleiben und weiterreisen,  gar als Zielort meiner Reise „Ge-Lassen-heit“ anpeilen?
Vielleicht geht es dem einen oder der anderen unter uns ähnlich?

Da war während dieser Woche im Prädikanten-Einführungskurs die Rede von Perikopen-Reihen, von homiletischen Fragen,  von Konsonantensprache und Tetragramm, von Exegese und Handwerkszeug, von Stino-Gottesdiensten und Kompositionen, von präsentischer Zukunft und zukünftiger Präsenz.
Oder etwas mathematischer und zahlenspielerischer formuliert:
Da war die Rede von einem Gott, von zwei Predigtarten, von der drei-Säulen-Verkündigung, vom vierfachen Schriftsinn, der Fünf-Satz-Methode und vom sechsfachen Zirkel!
Gelassen soll ich dabei bleiben?
Wo ich doch als zukünftige Prädikantin und zukünftiger Prädikant gerade – nicht nur körpersprachlich, sondern auch prozesshaft und dynamisch - den „Sitz im Leben“ suche und ihn weder im „homiletischen Dreieck“ noch im „liturgischen Körbchen“ finde!

Gelassenheit hat viele Gesichter: das Loslassen und das Hinter-Sich-Lassen, die Lässigkeit und das  Sich-Einlassen. Es hat auch etwas mit dem Verlassen des Gewohnten und in diesem Sinne mit Abschied und Aufbruch zu neuen Orten,  Ufern,  neuen Herausforderungen und Zielen zu tun. Wir brauchen Gelassenheit, um Gelassenheit zu erlernen. Wir brauchen Gelassenheit, um den Zielort „Ge-Lassen-heit“ zu erreichen.
Wir haben Sehnsucht nach Begleitung im manchmal heillosen Durcheinander unseres Alltags, Sehnsucht nach Orientierung in all den Ansprüchen und Anforderungen, in dunklen Stunden der Traurigkeit und der persönlichen oder globalen Erschütterung.

„Ich möcht‘, dass einer mit mir geht, der’s  Leben kennt, der mich versteht, der mich zu allen Zeiten kann geleiten. Ich möcht‘, dass einer mit mir geht.
Ich wart‘, dass einer mit mir geht, der auch im Schweren zu mir steht, der in den dunklen Stunden mir verbunden. Ich wart‘, dass einer mit mir geht.“

Eben haben wir diese beiden Strophen aus dem Lied von Hanns Köbler** gesungen. Er spricht von der zuvor beschriebenen Sehnsucht.
Und nun? Mal eben so von jetzt auf gleich und über Nacht geduldig und gelassen  werden, schwere und dunkle Stunden getröstet und in heiterer Gelassenheit  ertragen und  überwinden? Das gelingt wohl kaum jemandem von uns  im Vorübergehen. Wir wissen es aus eigener Erfahrung: Das dauert seine Zeit.
Und dann soll ich -  wie es in der Traumgeschichte heißt – ganz allein in meinem Abteil sitzend dem Zielort „Ge-Lassen-heit“ entgegenreisen? Womöglich auch noch nach der vielstrapazierten Devise ‚Der Weg ist das Ziel‘?  
Vielleicht finde ich den „hermeneutischen Schlüssel“ in meinem Lebensabteil? Vielleicht liegt er unter dem manchmal unerträglichen „Dilemma von Können und Nichtkönnen“ versteckt?
Viele, viele Fragen!
 Auf jeden Fall sind solche Situationen leichter zu durchstehen, wenn ich nicht allein gelassen bin, wenn jemand an meiner Seite steht und mich begleitet:  Wenn einer mit mir spricht, mir ein Lächeln schenkt, mir einen Brief oder eine E-Mail schreibt, mich anruft oder besucht.
Und das gilt auch anders herum, wenn ich nämlich jemanden in seinen Dunkelheiten des Lebens begleite und ihm diese Erfahrung des Nicht-Alleingelassen-Seins schenken kann.

Das eben angesungene Lied von Hanns Köbler nimmt diese Gedanken auf und führt sie ganz konkret weiter – hin zum Kern unseres christlichen Glaubens und Handelns,  zur Quelle und zum Fundament des Christseins:

„Es heißt, dass einer mit mir geht, der’s Leben kennt und mich versteht, der mich zu allen Zeiten kann geleiten. Es heißt, dass einer mit mir geht.
Sie nennen ihn den Herren Christ, der durch den Tod gegangen ist; er will durch Leid und Freuden mich geleiten. Ich möcht‘, dass er auch mit mir geht.“

Da also liegt der Schlüssel verborgen! Das ist die frohmachende Botschaft, das Evangelium!
Ja, mit dieser verheißungsvollen Botschaft im Lebensgepäck  kann ich – gelassen – weiterreisen, denn ich sitze nicht gottverlassen und allein in meinem Abteil. Das gibt mir eine sanfte, heitere Gelassenheit,  die aus dem Glauben kommt.  Dann bahnt sich – mit Martin Luther gesagt - in meinem Lebenszug ein „fröhlicher Wechsel“ an:
Im Vertrauen auf die Begleitung Gottes, im hebräischen Bibeltext Jahwe genannt. Sein Name ist Programm: Ich bin bei dir;  ich werde bei dir sein!  
Im Vertrauen auf die Begleitung durch Jesus, den menschgewordenen Gott. Auch sein Name ein Programm: Gott rettet!
Im Vertrauen darauf fahre ich in meinem Lebenszug auch über Holperstrecken, wenn es rumpelt und schuckelt und gar Entgleisungen und Unfälle drohen, und wenn es manchmal nicht zum Aushalten ist in meinem Abteil. Dann weiß ich, dass ich von Gott  begleitet und gehalten, beschützt und gesegnet bin.
Und mit dieser Gewissheit kann ich selbst – um im Traumbild zu bleiben – zum gelassenen „Zugbegleiter“ für Traurige und Trostlose, für Einsame und Alleingelassene, für Außenseiter und Ausgestoßene, für Mutlose und Hoffnungslose werden.
Das ist der Stoff, aus dem die Träume sind!

Genau deshalb stecke ich jetzt ganz gelassen ein Zettelchen mit dem Wort Gelassenheit in meine alte – neue - Streichholzschachtel, die mich von Beginn dieser Woche an begleitet. Ich möchte auch Sie gerne ermuntern, dieses Wort in Ihre Schachteln hineinzustecken.  Jeder von uns  kann  es  ganz nach Bedarf in brenzligen Situationen herausziehen und wird an die darin verborgene Verheißung Gottes erinnert. Dann kann ich mir  vergegenwärtigen, dass Gott – Jahwe jeden von uns im Lebenszug behütend begleitet.

Dieser „fröhliche Wechsel“ in meiner Traumreise spiegelt sich auch in einer Übertragung des 126. Psalms wider. Hanns Dieter Hüsch***  hat es in der  für ihn charakteristischen Weise so ausgedrückt:

Ich bin vergnügt erlöst befreit
Gott nahm in seine Hände
Meine Zeit
Mein Fühlen Denken
Hören Sagen
Mein Triumphieren
Und Verzagen
Das Elend
Und die Zärtlichkeit

Was macht dass ich so fröhlich bin
In meinem kleinen Reich
Ich sing und tanze her und hin
Vom Kindbett bis zur Leich
Was macht dass ich so furchtlos bin
An vielen dunklen Tagen
Es kommt ein Geist in meinen Sinn
Will mich durchs Leben tragen

Was macht dass ich so unbeschwert
Und mich kein Trübsinn hält
Weil mich mein Gott das Lachen lehrt
Wohl über alle Welt

AMEN


*       Quelle:  Maria-Baldus-Cohen-Or,  Schattenseiten – Lichtspuren; Klens-Verlag GmbH,
          Düsseldorf 1998, S. 35

**     Evangelisches Gesangbuch Nr. 209

***  Quelle: Hanns Dieter Hüsch, Ich bin vergnügt
          aus: Hanns Dieter Hüsch/Uwe Seidel, Ich stehe unter Gottes Schutz, Düsseldorf 2003,
          S. 140. tvd-Verlag Düsseldorf 1996