Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Genesis 11, 1-9

Dr. Johannes Bartels (ev.-luth.)

27.05.2012 in der ev.-luth. Kirche Breitenbrunn (Erzgebirge)

zum Pfingstfest 2012

Predigttext (Genesis 11, 1-9)

Damals sprachen die Menschen noch eine einzige Sprache, die allen gemeinsam war. Als sie von Osten weiterzogen, fanden sie eine Talebene im Land Schinar. Dort ließen sie sich nieder und fassten einen Entschluss. "Los, wir formen und brennen Ziegelsteine!", riefen sie einander zu. Die Ziegel wollten sie als Bausteine benutzen und Teer als Mörtel. "Auf! Jetzt bauen wir uns eine Stadt mit einem Turm, dessen Spitze bis zum Himmel reicht!", schrien sie. "Dadurch werden wir überall berühmt. Wir werden nicht über die ganze Erde zerstreut, weil der Turm unser Mittelpunkt ist und uns zusammenhält1!" Da kam der Herr vom Himmel herab, um sich die Stadt und das Bauwerk anzusehen, das sich die Menschen errichteten. Er sagte: "Sie sind ein einziges Volk mit einer gemeinsamen Sprache. Was sie gerade tun, ist erst der Anfang, denn durch ihren vereinten Willen wird ihnen von jetzt an jedes Vorhaben gelingen! Wir werden hinuntersteigen und ihre Sprache verwirren, damit keiner mehr den anderen versteht!" So zerstreute der Herr die Menschen über die ganze Erde; den Bau der Stadt mussten sie abbrechen. Darum wird die Stadt Babylon ("Verwirrung") genannt, weil dort der Herr die Sprache der Menschheit verwirrte und alle über die ganze Erde zerstreute.

Predigt

Russen und Amerikaner landen in einer Gemeinschaftsaktion auf dem Mars. Sagt der Ami nach dem obligaten Spaziergang:
"Mist, die Deutschen waren schon hier!"
"Wieso?"
"Na, lies mal das Schild da: Amt für Marsangelegenheiten.“

Liebe Gemeinde, es ist wohl eines der ehrgeizigsten Projekte der Geschichte: die Erkundung unseres Nachbarplaneten Mars. Milliarden werden da hineingesteckt, die hervorragendsten Köpfe engagiert und die beste Technologie ist gerade gut genug für den Traum, dass eines Tages der Mensch seinen Fuß auf den Mars setzt. 2037 soll es soweit sein. Allerdings sind es nicht die Deutschen, die sich da besonders hervortun, sondern die Amerikaner, die Nasa. Sie spricht von einer "Weltraumzivilisation für morgen", die so entstehen soll. Der Mensch greift nach den Sternen, im wahrsten Sinne des Wortes.

Doch ist das überhaupt möglich? Ist der Mensch überhaupt dafür gemacht, monatelang durch den Weltraum zu düsen, eingepfercht in eine Kapsel, ohne Schwerkraft, ohne Bewegung, ohne frisches Essen und frisches Wasser? Ist das nicht einfach nur Größenwahn?

Es klingt wie eine moderne Version der Geschichte vom Turmbau. Auf! Jetzt bauen wir uns eine Stadt mit einem Turm, dessen Spitze bis an den Himmel reicht, damit wir uns einen Namen machen! Unsterblich soll unser Name sein. Noch in vielen Jahrhunderten soll man von uns sprechen! Ohne diesen Turm werden wir zerstreut in alle Länder. Der Turm aber wird den Mittelpunkt markieren, den Nabel der Welt. Hier werden alle Fäden zusammenlaufen. Der Turm wird uns zusammen halten.

Und es stimmt ja auch! So ein Turm ist wie ein Magnet. Wer einmal vor den Wolkenkratzern der Metropolen dieser Welt gestanden hat, kennt das. Als ich vor Jahren in Chicago war, hat mich diese Stadt regelrecht in ihren Bann gezogen. Eine ehrfurchtgebietende Skyline, und mitten drin der Sears Tower, damals der höchste Wolkenkratzer der Welt.

Und wenn so ein Turm einstürzt, wie vor 10 Jahren die Zwillingstürme des World Trade Center, dann ist das ein bisschen wie ein Angriff auf das Allerheiligste des Landes. Was für eine Demütigung! Osama bin Laden hätte das Ziel seines Angriffs nicht geschickter auswählen können für den Plan, Amerika zu demütigen.

Was für eine Demütigung auch für die Babylonier, als das Projekt mit dem Turm scheiterte! Da wollten sie einen Turm in den Himmel bauen, doch wie heißt es weiter: Da kam der Herr vom Himmel herab, um sich die Stadt und das Bauwerk anzusehen, das sich die Menschen errichteten. Gott muss erst mal herabfahren, so winzig ist dieser Turm aus seiner Perspektive! Nach dem Motto: Was ist denn da unten plötzlich für ein Gewimmel?

Wer behauptet, die Bibel sei ein humorloses Buch, übersieht das feine Schmunzeln, das an Stellen wie dieser durch die Zeilen scheint!

Aber auch, wenn Gott das Türmchen der Menschen nicht so ernst nehmen kann, so ahnt er schon, dass die Menschen, wenn sie sich zusammen tun, mehr Macht erlangen können als gut ist. Und nach allem, was Gott mit den Menschen bereits erlebt hat, kann man das verstehen: sie haben sein Gebot mit Füßen getreten und sich von ihm abgekehrt, sie haben einander erschlagen, der Bruder den Bruder, und die Menschen waren bald so voller Bosheit, dass Gott sie in seinem Zorn fast komplett ausgerottet hätte. Nicht auszudenken, was erst dabei heraus kommt, wenn die Menschen in ihrer Bosheit an einem Strang ziehen!

Also schiebt Gott den Riegel vor. Und er bedient sich eines sehr einfachen, aber zugleich sehr effektiven Mittels: Er verwirrt die Sprache der Menschen. Wo früher alle dieselbe Sprache sprachen, spricht man plötzlich unterschiedliche Sprachen: Sumerisch, elamitisch, akkadisch, griechisch, deutsch – und erzgebirgisch natürlich. Und plötzlich versteht keiner mehr den andern! Der Hochdeutsche spricht „Hosen“ – und der Erzgebirger denkt an „Hasen“. Der Erzgebirge spricht „Husen“ – und der Hochdeutsche versteht gar nichts mehr.

Kein Wunder, dass da alles durcheinander gerät! So sehr geraten die Bauleute durcheinander, dass sie das Projekt abbrechen müssen. Und von den ehrgeizigen Plänen bleibt nichts als eine Investruine. Die Sache geht voll in de Hus’ (wie der Erzgebirger sagen würde)!

Eine kluge Strategie ist das. Gott greift ein, und zwar, anders als Osama bin Laden gewaltlos, ohne Selbstmordpiloten und Tausenden von Opfern, aber eben höchst effektiv. Mit Folgen bis heute.

Bei allem Bemühen darum, Englisch als Universalsprache zu etablieren, führen noch heute Missverständnisse zu kleinen und mittleren Katastrophen.

Ein besonders spektakuläres Beispiel gab es 1999 im Zusammenhang mit dem Mars-Projekt der NASA. Da verlor die NASA eine Hunderte Millionen Dollar teure Sonde, den Mars Climate Orbiter – und warum? Manche spekulierten schon, der Orbiter sei von Außerirdischen abgefangen worden – bis man eine Woche später einem verhängnisvollen Programmierfehler auf die Schliche kam. Ein Fehler, der sich eingeschlichen hatte, weil die zuständigen Programmierer unterschiedliche Sprachen sprachen. Nicht grundsätzlich. Grundsätzlich sprechen alle NASA-Mitarbeiter englisch – oder sagen wir amerikanisch. Aber während ein Team in den alten englischen Maßeinheiten Inch und Fuß rechnete, benutzte ein anderes das metrische System, also Zentimeter und Meter. So gerieten die Daten für den Anflug auf den Mars durcheinander, die Sonde kam dem Mars zu nahe und verglühte in dessen Atmosphäre. Für die NASA war’s natürlich einfach nur peinlich! So ein ehrgeiziges Projekt, und dann so ein idiotischer Fehler!

Aber das zeigt einfach, wie anfällig unser menschliches Sprachengewirr für Missverständnisse ist. Wir müssen damit leben, dass wir nicht alle dieselbe Sprache sprechen. Und selbst da, wo man dieselbe Sprache spricht, gibt es Missverständnisse. Spätestens seit dem Turmbau zu Babel gehört das ganz einfach zu den Bedingungen des Zusammenlebens in unserer Welt dazu.

Aber, liebe Gemeinde, es gibt eine Gegengeschichte zu der Geschichte vom Turmbau. Es gibt eine Gegengeschichte, und das ist die Pfingstgeschichte. Die Geschichte von der Verständigung der ersten Christen über alle sprachlichen und kulturellen Barrieren hinweg. Hier wird die Verwirrung der Sprachen für einen Moment wieder rückgängig gemacht. Parther, Meder, Elamiter, Mesopotamier und was es da sonst noch alles gab auf den Straßen von Jerusalem, sie verstehen plötzlich, als die Jünger ihnen das Evangelium predigen. Der Heilige Geist als universaler Dolmetscher.

Liebe Gemeinde, ich glaube, der Heilige Geist kann auch heute noch dafür sorgen, dass Menschen einander verstehen. Nicht, wenn es darum geht, gigantische Türme zu errichten – das hat mit dem Heiligen Geist nichts zu tun. Der Heilige Geist lässt sich ohnehin nicht vor irgendeinen Karren spannen. Der Geist weht bekanntlich, wo er will. Aber wo der Geist weht, kommt es vor, dass Menschen plötzlich einander verstehen, die sonst oft aneinander vorbeireden: Alte und Junge, Großstädter und Landeier, Hochdeutsche und Erzgebirger, Wessis und Ossis.

Wo der Geist weht, da kommt es vor, dass sich die erbittertsten Gegner einig werden.

Wo der Geist weht, da können Menschen neu anfangen. So wie die Jünger, die nach der Himmelfahrt ihres Meisters erst mal nicht so recht was mit sich anzufangen wussten. Und die plötzlich auf die Straße gingen und predigten. Oder wie die, die von ihren Worten erreicht wurden. Und plötzlich einen Neuanfang mit Gott wagten und sich taufen ließen.

Wo der Geist weht, da können Menschen manchmal endlich loslassen. Endlich einmal nicht alles unter Kontrolle haben, sondern die Tränen fließen lassen. Laut loslachen. Tanzen, springen, unverständliche Laute von sich geben und dabei wissen: das geschieht jetzt irgendwie zu Gottes Lob. Ich brauche das nicht zu verstehen. Ich lasse es einfach geschehen.

Wo der Geist weht, da ist vor allem auch Liebe. Denn das ist die größte Gabe des Heiligen Geistes: nicht das Reden in den schönsten Engelssprachen, nicht die Prophetie, nicht all die anderen übernatürlichen Gaben, die es hier und da noch immer gibt, nein, die Liebe. Die Liebe, die plötzlich da ist, auch da, wo sie immer schwer fiel. Die Liebe, die Verbindung schafft, wo die Brücken eigentlich abgebrochen waren. Die Liebe, die uns die Augen dafür öffnet, dass sich in allen Menschen, in jedem einzelnen, Gottes Ebenbild spiegelt.

Also lassen wir den Geist wehen! Laden wir ihn ein in unser Leben, rechnen wir mit seinem Wirken, lassen wir uns von ihm bewegen und, eben, begeistern! So sei es! Amen.