Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Genesis 1,1-2,4a

Pastor Tobias Götting (ev.-luth.)

21.04.2013 in der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Ansgar in Hamburg-Langenhorn

Sonntag Jubilate 2013

Am Anfang war die Hoffnung

Anmerkung: Viele wertvolle Hinweise zum Buch Genesis habe ich vor vielen Jahren als Student der Theologie an der Universität Hamburg aus Gesprächen mit Prof. Dr. Milton Schwantes, sowie aus seinem Buch „Am Anfang war die Hoffnung - Die biblische Urgeschichte aus der Sicht der Armen“ (München, 1992), gewonnen. Milton Schwantes - vielen vielleicht auch von seinen Bibelarbeiten auf Kirchentagen vertraut - ist am 1. März 2012 in Brasilien gestorben.

Die Hoffnung ernährt sich von zwei Sorten Geschichten. Die eine lenkt den Blick zurück und erzählt von dem, was einmal war. Solche Hoffnungsgeschichten schwärmen davon, was früher einmal gelingen konnte. Von der Wärme und Schönheit vergangener Tage erzählen sie und von dem Glück, das in früheren Zeiten zu Hause war.

Die andere Sorte Hoffnungsgeschichten streckt sich in die andere Richtung aus und greift nach vorne in das unbekannt Unerhörte, in das unerlebte Zukunftsland.

Die Bibel, das Protokoll erlebter und herbeigesehnter Hoffnung, kennt beide Sorten von Hoffnungsgeschichten. Und zwei der schönsten bilden die Klammer um das ganze Buch der Bücher. Am Anfang steht die große Ouvertüre von der Erschaffung der Welt. Sie erzählt, dass einmal, am Urbeginne, alles gut war. Und am Ende steht die große Schlußkadenz vom neuen Himmel und einer neuen Erde. Sie erzählt von der Welt, so wie Gott sie sich wünscht und die einmal wieder sein wird. Ohne Leid, ohne Tränen, ohne Schmerz, ohne Geschrei.

Und zwischen diesen beiden Hoffnungsgeschichten sind sie aufbewahrt: Die vielen anderen Erzählungen von Gott und den Menschen. Protokolle erträumter und gelebter, aber auch enttäuschter Hoffnung.

Heute sollen wir unseren Blick auf den Anfang lenken. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Das ist die große Überschrift und sie ist mehr als eine Überschrift. Sie ist das erste Glaubensbekenntnis. Nicht blinde Schicksalsmacht, nicht einfach aufeinanderzurasende Materie schafft diese Welt. Sie kommt aus eines großen Meisters Hand.

„Gott schuf“ - das Wort, das da im hebräischen Originaltext steht, es wird ausschließlich im Zusammenhang mit Gott verwendet. Er erschafft die Welt. Und dieses schaffen ist ein ganz anders qualifiziertes als unser „schaffen, schöpfen, bauen“. Hier ist eine göttliche Hand im Spiel.

Das ist, was die Erzähler dieser Geschichte zu allererst betonen und festhalten wollen. Der eine Gott Israels, er ist der Schöpfer, alles andere ist seine gute Schöpfung. Die Lichter am Himmel - Sonne Mond und Sterne - sie sind keine göttlichen Wesen, wie die Babylonier und andere Völker der Antike behaupteten und darum große Kulte um sie herum gesponnen haben. Sie sind wunderbare Lampen, vom großen Elektriker am Himmel aufgehängt.

Die Erzählung von dem Gott, der aus dem Vollen schöpft, soll vor allem die Gottheit Gottes festhalten. Seine Einzigartigkeit unterstreichen.

Die, die später die Geschichten zu einem ganzen Buch zusammengestellt haben, sie werden noch eine andere Erzählung von der Erschaffung der Welt hinzufügen. Damit ist ein für allemal klar: Keine dieser beiden Erzählungen kann will ein Tatsachenbericht sein. Die biblischen Geschichten des Anfangs wollen kein Dokumentarfilm sein. „Sie sind nicht dazu gedacht, dass man sie in 'Akademien der Wissenschaft' debattiert, um dann zu sehen, wer Recht hat: die Wissenschaft oder die Bibel.“1 Es sind Annäherungen des Glaubens an einen Anfang, der so wunderbar ist, dass keine Erzählung ihn jemals erfassen könnte.

So sind die beiden Erzählungen von der Erschaffung der Welt ein wundervoll-augenzwinkerndes Faustpfand gegen jeden religiösen Fanatismus, der immer schon weiß, was Gott will. Und die beiden sich in Teilen widersprechenden Erzählungen des Anfangs sind das Argument schlechthin gegen jeden enggeführten biblischen Fundamentalismus. Die beiden Texte sagen uns: Es könnte so oder so oder - vielleicht am wahrscheinlichsten - noch ganz anders gewesen sein. Niemand war bei der Erschaffung der Welt dabei - ausser Gott selbst. Der Glaube versucht eine Deutung dieses Anfangs unter der einen Voraussetzung: Himmel und Erde - Gottes Schöpfung. Produkt seiner Worte und Taten.

Die Geschichten vom Anfang malen darum in unterschiedlichen Bildern aus, wie es hätte sein können. Vielleicht ist das am Ende gar nicht das Entscheidende. So wie mir auch immer neue wissenschaftliche Erkenntnisse das Geheimnis um die Enstehung dieser Welt nicht in seiner ganzen Tiefenschärfe entschlüsseln helfen. Vielleicht gilt auch hier, was Philipp Melanchthon in seiner Zusammenfassung des christlichen Glaubens 1520 formuliert hat: „Die Geheimnisse Gottes sollen besser angebetet, denn erforschet werden“.

Die Erzählungen vom Anfang in der Bibel wollen mir beim Lesen in der Geschichte Gottes mit dieser Welt und seinen Menschen helfen. Wollen festhalten, wo und dass diese Welt ihren Ursprung hat. In Gott. In seiner Schöpfertat. Und in seinem Schöpferwort. Denn was er spricht, das geschieht.

Es ist nicht oft der Fall, dass wir die biblischen Hoffnungsgeschichten einer bestimmten Entsehungszeit innerhalb der Geschichte des Volkes Israel zuordnen können. Bei der ersten Erzählung von der Erschaffung der Welt ist es so. Wir sind im 6. Jahrhundert vor Christus in der Zeit des babylonischen Exils. Die Oberschicht des Volkes war nach Babylon verschleppt worden. „An den Wassern zu Babel“ (Psalm 137) sassen sie nun und weinten, wenn sie an Zion, an die Heimat dachten. Die Harfen hängten sie an die Weiden, denn wie sollten sie im fremden Land ihre fröhlichen und dankbaren Lieder anstimmen? Die blieben ihnen doch im Halse stecken. Als Zwangsarbeiter ausgebeutet wurde ihnen viel genommen. Vor allem war ihnen nicht möglich, den Sabbat zu halten, die heilige und heilsame Unterbrechung des Alltags.

Nichts war gut in Babylon. Aber etwas hatten sie sich nicht nehmen lassen: Ihre Hoffnung. Und so erzählen sie die alten Geschichte vom Anfang der Welt. Sie erzählen und halten vertrauensvoll daran fest, dass einmal alles gut war. Und in dieser Erzählung liegt die geradezu subversiv-revolutionäre Kraft: Weil einmal alles gut war, kann und wird es einmal wieder gut werden. Keine Vertröstung auf den St. Nimmerleinstag ist das, sondern das Beharren darauf, dass auf dieser Erde doch schon einmal alles gut war.Und dass sich daraus ergibt, dass auch wieder gut werden kann.

Was bedeutet das für unsere Beziehungen, die einmal aus Liebe gestartet sind, und denen die Zeiten schwerer geworden sind? Deutet die Perspektive des guten Anfangs und die Hoffnung auf einen guten Ausgang allen Lebens auch manche Wüstenzeiten dazwischen neu? Was folgt aus der Erinnerung des guten Anfangs für manche unserer kirchlichen Gruppen, die mit Elan begonnen haben und in der gepflegten Resignation stecken, wenn der erste Lack abblättert oder der zählbare Erfolg auszubleiben scheint?

Die Menschen an den Wassern zu Babylon erzählen weiter von einer Zeit, in der keiner den Anderen ausgebeutet hat. In der es ein Gleichgewicht gab von Arbeit und Ruhe, das sogar Gott sich selber verordnet hat.

Sie erzählen vom grossen Wert der heiligen Ruhe, dem Sabbat. In der Fremde, zur ständigen Arbeit gezwungen, fehlte ihnen der gnädige Ruhepol, der das verordnet-ungnädige Aktivsein unterbrechen konnte.

Unser Text „feiert den tiefsten Grund des Sabbat. Dieser nämlich liegt in Gott selbst begründet: Wer am Sabbat ausruht, der hat teil am Wesen und am Handeln Gottes. Sich wenigstens an einem Tag der Woche der Arbeit zu versagen, das bedeutet, Gott gleich zu sein.“2

Die Gottebenbildlichkeit in der Geschichte vom Anfang also kommt nicht nur aus den produktiven Möglichkeiten des Menschen. Sie kommt auch aus dem Wissen um heilige, notwendige Ruhe. Gott erfindet und begründet als erster eine griffige Burnoutprophylaxe: Sie liegt in der regelmäßigen, unhinterfragbaren, gottgegebenen Sabbatzeit für alle.

Was folgt daraus für unsere Gesellschaft, für die Frage nach immer mehr verkaufsoffenen Sonntagen? Gott sei Dank, dass es den Sonntag gibt. Die heilsame Unterbrechung alltäglicher Geschäftigkeiten. Wenn ich am Sonntag morgen aufstehe, riecht es anders und es sieht in meiner Umgebung anders aus. Es ist ruhiger, leiser. Alles atmet aus und manch einer neu auf. Den Sonntag schützen ist menschenfreundlich und gottesdienlich, beides zugleich.

Und schliesslich: Dass Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf - auch das so ein verrückter Hoffnungssatz der Menschen, die erlebten, wie in oben und unten eingeteilt wurde. Hier die bestimmenden Machtherren, dort die unterdrückten und rechtlosen Anderen.

Mit Gottes Augen entsteht ein anderes Bild: Menschen sind unterschiedlich. Das ist so. Aber die bunte Vielfalt ist von Gott gewollt. Alle haben dabei eines gemeinsam: Sie sehen Gott ähnlich. Sie sind nicht Gott, aber sie erinnern jeden staunenden Betrachter an ihn. Und das gilt nicht nur für das schöne, blühende Leben. Es gilt nicht nur für gesundes und jugendliches oder junggebliebenes Leben. Auch das geknickte, veränderte, verletzte Leben sieht Gott noch ähnlich.

Eingangsgebet

Jesus Christus, auferstanden von den Toten, und so dicht dran an unserem Leben: Komm in unsere Herzen mit Deinem Vertrauen und Deiner Liebe, komm in unsere Hände mit Deiner Hilfe, leg' dein Wort in unseren Mund, dass wir in Deiner Liebe bleiben und wie alles was lebt Dein Lob singen heute und an allen Tagen.

Fürbittengebet

Weil einmal alles gut war, kann es wieder gut werden.

Im Namen dieser Hoffnung denken wir an jene, denen nichts gut scheint.

Die einsam sind und krank.

Lass uns mit ihnen an nicht weniger als ein Wunder glauben

und lass uns auch beieinander bleiben, wenn es nicht geschehen kann.

Weil einmal alles gut war, kann es wieder gut werden.

Im Namen dieser Hoffnung bitten wir dich für alle,

die in Wüstenzonen ihres Lebens sitzen,

denen die Perspektiven und der Glaube vertrocknet sind:

Dass wieder etwas ins Fliessen kommt.

Dass sie neue Möglichkeiten erahnen.

Dass der andere Blick auf die Verhältnisse gelingt.

Dass der Mut wächst und die Kraft zur Veränderung.

Weil einmal alles gut war, kann es wieder gut werden.

So danken wir dir für alle, die unsere Lebensgärten bewässern.

Die unserem Leben frischen Mut und manch' neue Perspektive einträufeln. Die an unsere Kraft glauben und den Zusammenhalt unter uns stärken.

Weil einmal alles gut war, kann es wieder gut werden.

Wir danken dir, dass du durch uns dem Leben dienen willst.

Danken für deinen Geist, der uns beflügelt.

Danken für deine Kraft, die auch trotz unserer Schwächen wirksam wird

und alles zum Guten wenden kann.

1Schwantes, Am Anfang, 31

2Schwantes, Hoffnung, 36