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Predigt über Genesis 1,1-4a.26-31a;2,1-4a

Pastor Wolfram Braselmann

05.05.2001 in Münchehagen

Am späten Nachmittag des sechsten Schöpfungstages, als die Sonne ihre Stahlen noch einmal über die ganze neu geschaffene Welt scheinen ließ, und der Horizont rot aufzuglühen begann, da schien es, als ob die ganze Welt auf einmal den Atem anhielt. Die Werke der Schöpfung waren beendet, und es war in der Schwebe, ob Gottes letztes Schöpfungswerk nun auch ins Leben gerufen werden.
Gleich würde Er sprechen: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, doch noch war alles offen, und es war auch alles eigentlich abgeschlossen.
Die Schöpfung war geschaffen, wie sie war, und alles war gekommen, wie es kommen mußte, eins ging fast zwangsläufig aus dem anderen hervor:
Wenn da Licht ist, muß auch Finsternis sein, wenn da die Wasser waren, mußte auch Land sein, wenn Tag, dann Nacht, wenn Pflanzen, dann auch noch die Tiere des Feldes: Geschaffen war das Gleichmaß und das Gleichgewicht des Lebens selbst.
Das Gleichmaß des Lebens, das wird aus Ebbe und Flut, aus Sommer und Winter, und das eine ist nicht ohne das andere. Die Antilopenherden gibt es nicht ohne die Grasflächen der Serengeti nach der Regenzeit, den Pilz nicht ohne das Totholz, die Blütenpflanzen nicht ohne die Insekten. Nichts in der Schöpfung kann so sein, wie es ist, nein, es muß so sein, hat so, wie es ist, seinen Sinn und seine Bedeutung, und eins hängt vom andern ab: Das Bild der Schöpfung am Abend des sechsten Schöpfungstages ist eben das Bild eines wunderbaren Gleichgewichts, eines fein gesponnenen Netzwerks von Geben und Nehmen.
Wahrscheinlich haben wir Menschen nie so viel von diesem wunderbaren Gleichgewicht gewußt wie heute, da dies alles aus den Fugen zu geraten droht, da dies wunderbare Gleichgewicht der Schöpfung an so vielen Stellen vom Zusammenbruch bedroht ist.
Heute, da wir nicht mehr sicher sagen können, daß das Gleichgewicht der Natur- bleiben wird, da sehen wir erst, wie wahr dieser Satz ist, am Abend des sechsten Schöpfungstags gesprochen:

Und siehe, es war sehr gut.
Und wahrscheinlich stimmt dieser Satz nie so sehr wie an jenem Abend, unmittelbar bevor der Mensch in die Schöpfung trat.
Bis dahin war alles klar. Und alles hätte so weitergehen können: Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, der Schneefall im Winter und die heißen Sommertage, der Flug der Zugvögel, das Alpenglühen und das Fallen des Taus auf die Wiesen am Morgen.
Das alles war schon, bevor es den Menschen gab, und das alles kann ohne den Menschen sein. Die Schöpfung, das Leben, es hätte ewige Zeiten weitergehen können ohne den Menschen. Und nichts und niemand war da, der nach dem Menschen gefragt hätte. Denn die Schöpfung braucht den Menschen nicht. Sie hat auch gut ohne den Menschen sein können.

Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei. Das klingt so, als sei Er an diesem Abend des sechsten Schöpfungstages, als alles eigentlich schon fertig war, lange mit sich selbst zu Rate gegangen. Als habe er sich das lange gefragt: Will ich das, will ich das wirklich: den Menschen? Will ich den Menschen der Schöpfung aussetzten, und die Schöpfung dem Menschen aussetzten?
Nötig ist es nicht für die Schöpfung, daß der Mensch hinzukommt. Im Gegenteil, es wird sich zeigen, daß er höchst riskant für die Schöpfung ist.

Als habe Gott lange überlegt: Ob er den Menschen wirklich machen will, als ob Er sich klarmacht, was er freisetzt, wenn er den Menschen der Schöpfung hinzufügt.
Ob Er in diesem Nachdenken Bilder vor Augen hat? Bilder davon, was werden kann, wenn der Mensch das Werk der Schöpfung betritt?
Ob Er Bilder vor Augen hat von abgeholzten Bergwäldern und überschwemmten Küstenregionen? Von wachsenden Wüsten und von toten Gewässern? Von der toten Landschaft um Tschernobyl, und von dem schönen Flecken Erde nicht weit von hier, das eingezäunt und bewacht wird, weil bis heute noch keiner weiß, welche Gefahren vielleicht von ihm ausgehen (1)?

Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei: Das war ein riskanter Entschluß, heute ist das deutlicher denn je.

Gott der Herr aber schuf den Menschen, zum Bilde Gottes schuf er ihn.
Und so steht am Anfang der Menschheitsgeschichte ein großes, wunderbares JA. Ein Ja zum Menschen, ursprünglicher und tiefer als das Ja zu allen anderen Geschöpfen.
Alles andere, das geschaffen ist, mußte sein, der Mensch aber mußte nicht sein, er ist aus freiem Willen Gottes geschaffen. Weil Er ihn wollte, und wohl auch, weil er ihn liebte.
Den Menschen: dies unstete, schwierige Geschöpf, als letztes geschaffen: Geliebt und aus Liebe geworden.
Gewollt und geliebt: Der Mensch mit all den Leistungen der Menschheitsgeschichte, und all ihren Katastrophen. Mit all dem, das er aufgebaut und gestaltet hat, und all dem, in dem er gescheitert ist.
Der Mensch mit seiner Weisheit und seinem Wahn, seinen Hoffnungen und seinen Verzweiflungen, mit dieser ganzen Menschheitsgeschichte: Am Anfang dieser Geschichte steht Sein JA zu ihm, und dies JA hat sich nie verloren.
Denn das geheimnisvolle Wort vom Menschen als Bild, das IFM gleich sei: es meint ja vielleicht: Nicht eine Notwendigkeit war es, daß er geschaffen wurde, nein, Gottes Leibe gebot es, daß er ins Leben trat.

ER hat sein JA gesagt zur Menschheit mit ihrer verworrenen, zerrissenen, sehnsuchtsvollen Geschichte. Sein JA zum Menschen. Zu dir und mir.

Und Er schuf sie als Mann und Frau. Schuf sie einander zur Aufgabe. Als Frau und Mann: Wieviel an Nähe, wieviel an Ferne sagt das. Wieviel an Sehnsucht, wieviel an Erfüllung, wieviel an Scheitern.
Der Mensch hat Arbeit mit sich und miteinander. Er braucht einander, der Mensch sehnt sich nach dem Menschen und hat Angst vor dem Menschen, der Mensch kann dem Menschen zur Ursache unendlichen Glücks und abgrundtiefer Sorge werden.
Auch das hat er der übrigen Schöpfung voraus: Daß der Mensch dem Menschen zur Aufgabe wird.
Das kann man ja noch weiterdenken: ER schuf sie als Mann und Frau, als alt und jung, als arm und reich, als schwarz und weiß.
Als Aufgabe füreinander, und so kann der Mensch dem Menschen Glück und Unglück, Verderben und Glückseligkeit, Hoffnung und Furcht sein.
So schuf er den Menschen am Abend des sechsten Tages.

Und Gott der Herr ruhte am siebten Tage, ruhte von all Seinen Werken.
Und Seine Gedanken, Seine Sorgen und Hoffnungen galten dem, was Er gemacht hatte, und sie galten dem Menschen.

Was wird der Mensch machen? Wie wird er leben in der Freiheit, in die er gesetzt ist in dieser Schöpfung?
Und Gott der Herr ruhte. Und Er sah an alles, was Er gemacht hatte.
Und Seine ganze Liebe galt Seinem letzten Geschöpf, dem Menschen.

(1) Dieser Satz nimmt Bezug auf eine Sondermülldeponie in einer Nachbargemeinde.