Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Genesis 1,27

Siegmar Beer (ev.-luth.)

09.11.2012 in der katholischen Kirche „Zu den Hl. Schutzengeln“ in Eichenau

Ökumenische Friedensdekade

Liebe Schwestern und Brüder,

das Motto der diesjährigen ökumenischen Friedensdekade lautet »Mutig für Menschenwürde«. Was verstehen wir unter Menschenwürde? Zunächst ist festzustellen, dass es für die Menschenwürde keine rational zwingende Begründung gibt. Dennoch lässt sich über diesen Begriff durchaus auch ohne religiösen Bezug reden. So schützt unser Grundgesetz in seiner wichtigsten Wertentscheidung die Menschenwürde, ohne dabei auf eine religiöse Begründung zurückzugreifen: In Artikel 1 des Grundgesetzes steht knapp und klar: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.«

Im Grunde bleibt das Bekenntnis zur Menschenwürde Glaubenssache. Fragen wir uns somit, welche Grundlage die Menschenwürde in der Bibel hat. Zwar kommt der Begriff »Menschen­würde« in der Bibel nicht vor. Doch findet sich dort eine zentrale Aussage, in der der Grundsatz der Menschenwürde der Sache nach enthalten ist: Im 1. Kapitel des Buches Genesis, des ersten Buches Mose wird ausgesagt: »Gott schuf also den Menschen als sein Bild; als Bild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.«1 – Diese Bibelstelle ist auch unser heutiger Predigttext. Doch nun der Reihe nach.

Was lesen wir in den ersten 34 Versen der Bibel? Es ist die im 6. Jahrhundert vor Christus entstandene erste der beiden biblischen Schöpfungserzählungen. In symbolhafter Sprache wird hier die Erschaffung der Welt durch Gott in einem Sieben-Tage-Werk geschildert. Demnach schuf Gott am sechsten Tag der Schöpfungswoche zunächst die Landtiere und dann die Menschen. Dazu heißt es in der Bibel:

»Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land. – Gott schuf also den Menschen als sein Bild; als Bild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. – Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.«2

Soweit das Bibelzitat, in dem auch unser Predigttext enthalten ist. Für unsere Betrachtung sind drei Dinge in der biblischen Schilderung des sechsten Schöpfungstages bedeutsam:

1. Gott schuf die Menschen als Gottes Ebenbild; und er schuf sie als Mann und Frau.
2. Gott segnete die Menschen.
3. Gott beauftragte die Menschen, sich die Erde zu unterwerfen.

Gott schuf also den Menschen – Mann wie Frau – als sein Ebenbild. Daraus leitet sich die besondere Postion und die Würde des Menschen ab. Dieser hervorgehobene Status des Menschen, diese besondere Nähe zu Gott wird dadurch noch unterstrichen, dass Gott die Menschen segnete. Auch in Psalm 8 wird die Sonderstellung des Menschen in der Schöpfung bezeugt; dort heißt es:

»Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.«

Die herausgehobene Postion und die damit verbundene Würde hat Gott seinem Ebenbild, dem Menschen, voraussetzungslos und allein wegen dessen Existenz verliehen. So kommt die Menschenwürde unterschiedslos allen Menschen zu – also unabhängig von Geschlecht, Alter und Herkunft, von Hautfarbe und Rasse, von persönlichen Eigenschaften und Fähigkeiten, vom körperlichen oder geistigen Zustand, unabhängig auch von persönlichen Leistungen oder sozialem Status, von Weltanschauung und religiöser Orientierung.

Was bedeutet nun diese von Gott verliehene besondere Würde? Mit der Menschenwürde sind insbesondere die unveräußerlichen Menschenrechte verbunden – also vor allem das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, der Schutz vor Folter, Körperstrafen und erniedrigender Behandlung, das Recht auf Freiheit und Sicherheit sowie Gleichheit vor dem Gesetz, das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, die Meinungs-, Glaubens- und Bekenntnisfreiheit, das Recht auf ungehinderte Religionsausübung, der Schutz vor Ausbeutung der Arbeitskraft.

Ein Indiz für die Würde, die Gott dem Menschen verliehen hat, ist auch der Auftrag Gottes an den Menschen, sich die Erde zu unterwerfen. Ist der Mensch doch so als Partner und Sachwalter Gottes beauftragt, im Sinne Gottes in der Schöpfung zu wirken. Denn mit »Unterwerfen« ist ja nicht Unterdrücken und Ausbeuten gemeint. Vielmehr geht es darum, mit Gottes Schöpfung weise und umsichtig umzugehen, sie als Treuhänder Gottes zu erhalten und zu entfalten.

Damit der Mensch diesem Herrschaftsauftrag gerecht werden kann, hat Gott ihm eine – wenn auch begrenzte – Willens- und Handlungsfreiheit zugemessen. Die Kehrseite dieser Medaille indes ist es, dass sich der Mensch sowohl für gutes wie für böses Handeln entscheiden kann; darin liegt der wesentliche Unterschied zum rein vom Instinkt geleiteten Tier. Und so kam das Böse in die Welt. Das wurde bereits im Paradies sichtbar.

Erst verstießen Adam und Eva gegen das göttliche Gebot, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen; dann praktizierten sie das auch heute noch beliebte Spiel der Schuldverschiebung. Gott fragte den Adam:

»Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe? Adam antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben und so habe ich gegessen. Gott, der Herr, sprach zu der Frau: Was hast du da getan? Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt und so habe ich gegessen.«3

Und bereits in der nächsten Generation nach Adam und Eva kam es sogar zum Mord: Kain erschlug seinen Bruder Abel. – In der Tat: In unserer Beziehung zu Gott und zu unseren Mitmenschen werden wir immer wieder schuldig. Der Mensch kann zwar »edel, hilfreich und gut« sein, zugleich aber auch böse, lieblos, gewalttätig und zerstörerisch. Diesen inneren Widerstreit zwischen gutem und bösem Verhalten bringt Paulus aus eigener schmerzlicher Erfahrung im Römerbrief so auf den Punkt: »Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.«4 Wilhelm Busch drückt das humorvoll so aus:»Tugend will ermuntert sein, Bosheit kann man schon allein.«

Zum negativen Höhepunkt führt menschliches Fehlverhalten überall dort, wo Machthaber in Staaten und Organisationen die Missachtung der Menschenwürde zum System werden lassen; wo Menschenrechte bestenfalls auf dem Papier stehen.; wo Menschen wie Sachen behandelt werden, wo Ausgrenzung, Ausbeutung, Verfolgung, Misshandlung und Folter an der Tagesordnung sind. Hier sind wir alle aufgefordert, uns im Rahmen unserer individuellen Möglichkeiten mutig für den Schutz der Menschenwürde, mutig für die Achtung der Menschenrechte zu engagieren – durch Proteste, durch Friedensgebete, durch Unterstützung von Organisationen, die sich weltweit für Menschenwürde und Menschenrechte einsetzen.

Hinzukommen muss aber noch ein Weiteres. Mahatma Gandhi hat einmal gesagt: »Wir müssen die Veränderung selbst sein, die wir in der Welt sehen wollen.« Versuchen wir also durch unser Verhalten im persönlichen menschlichen Umfeld stets die Menschenwürde unserer Mitmenschen zu wahren – auch, wenn wir mit Paulus immer wieder erkennen müssen: »Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.« Ohne Gottes Hilfe geht es hier nicht. In Psalm 143 drückt der Beter das so aus: »Lehre mich, deinen Willen zu tun; denn du bist mein Gott. Dein guter Geist leite mich auf ebenem Pfad.«5

Hören wir abschließend, wie Martin Luther in seiner plastischen Ausdrucksweise den Zwiespalt zwischen menschlichem Wollen und Können und das Erfordernis von Gottes Hilfe in Worte fasst:

»Siehe, mein Herr Christus, da hat mich mein Nächster ein wenig geschädigt, hat mich ein wenig an meiner Ehre gekränkt, hat mich ein wenig übervorteilt: Das kann ich nicht ertragen, darum wollte ich ihn gern tot haben. Ach, mein Gott, lass dir das geklagt sein: Ich wollte ihm gerne gut sein, aber ich vermag es leider nicht. Siehe, wie ich so ganz kalt, ja so ganz tot bin. Ach Herr, ich kann mir nicht helfen, da versage ich. Machst du mich anders, so bin ich fromm, sonst bleibe ich, wie ich vorher gewesen bin.«

Amen.

1Gen 1,27.

2Gen 1,26–28.

3Gen 3,11–13.

4Röm 7,18 f.

5Ps 143,10.