Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Genesis 22,1-14

Pfarrer Enno Junge

29.03.2002 in der Ev. Kirchengemeinde Eschede

Liebe Gemeinde,

die Erzählung von der Glaubensprobe Abrahams ist eine der großen biblischen Texte, die in der Bibel selbst bereits Spuren hinterlassen hat. Und darüber hinaus ist diese Erzählung - und gerade sie - , wichtig für die Geistesgeschichte des Abendlandes. Für die späte Weisheit des Volkes Israel ist sie ebenso unentbehrlich geworden, wie für den Hebräerbrief oder für den Brief des Jakobus. Martin Luther hat dieser Erzählung in seiner Genesisvorlesung tiefe Gedanken gewidmet und Sören Kierkegaard hat sie in zentrale philosophische Erwägungen einbezogen.

Diese Erzählung von der Opferung Isaaks ist aber nicht nur positiv aufgenommen worden. Glaubende haben zu allen Zeiten eben auch negativ auf sie reagiert. Sie hat immer wieder Befremden und Widerspruch ausgelöst, wie zum Beispiel in Tilman Mosers Buch "Gottesvergiftung". Und gerade diese Erzählung hat immer wieder Fragen aufgeworfen wie diese: Ist Gott grausam? Ist Gott jemand, der einen absoluten Anspruch geltend machen kann, wann und bei wem auch immer? Ist Gott ein Gott, der Opfer und Verzicht zumutet? Und: Ist der Gott, der hier handelt eigentlich noch der Gott der Bibel?

Aber, liebe Gemeinde, es waren ja nicht nur die Philosophen und Theologen, die große Gedanken oder auch provozierende Fragen an diese Erzählung gewandt haben, sondern auch Maler haben sich mit dem dunklen Inhalt dieser biblischen Perikope auseinander gesetzt. Rembrandt van Dijk hat die Szene der Opferung mehrfach ins Bild gesetzt. So groß war seine persönliche Betroffenheit bei dieser Geschichte. Rembrandt hat eben versucht, darzustellen, was die Bibel da Befremdliches erzählt!

Und - wir dürfen es gut und gerne zugeben - diese Geschichte ist befremdlich geblieben bis auf den heutigen Tag.
Nun kann man hergehen und sagen und sich damit beruhigen, dass die Geschichte gut ausgegangen ist, ja selbst wenn man sich den allzu gewagten Gedanken eines Martin Luther zu eigen macht, dass Gott in dieser Erzählung sein Spiel mit den Frommen treibe, dass er damit den Engeln ein heiteres Schauspiel bereite, dann bleibt trotzdem oder gerade doch die Tatsache, dass Gott es tut.

Gott macht Ernst, denn Gott mutet zu und macht selbst vor dem Leben des Sohnes nicht halt. Er fordert das Liebste und zwar bedingungslos. Und es bleibt die Tatsache, dass es Gott bleibt, der der Gott Israels ist, der Gott Jahwe, der doch zugleich der Vater Jesu Christi ist. Und es wird uns nicht gelingen, uns hier davon zu mogeln, indem wir hier einen anderen Gott sehen, der nicht der Gott der Liebe ist, also einen fremden Gott, dessen Zeit vorbei ist, vorbei seit Jesus Christus.
Wir müssen das Anstößige in dieser Geschichte aushalten. Wir müssen damit rechnen, dass Gott uns auch hier begegnet und dass er derselbe ist, den wir durch Jesus Christus "Vater" nennen.

Liebe Gemeinde,
Israel selbst ist uns diesen Weg vorausgegangen, indem es diese Geschichte nicht fallengelassen, sondern sie aufbewahrt hat als ein Beispiel seiner Gotteserfahrung. Und indem Israel diese Erzählung aufbewahrt und immer wieder weitererzählt hat, hat es uns zwar eine der dunkelsten, aber sicherlich auch eine der theologisch tiefsten Erzählungen überliefert.

Lassen Sie uns dem nun im folgenden nachdenken. Und dabei kann es geschehen, dass wir mit dieser Geschichte nicht zu Ende kommen. Das liegt nun etwa nicht daran, dass wir nicht in der Lage wären, diesen Gott Abrahams, Jakobs und Isaaks in unser Gottesbild einordnen zu können. Sondern es liegt daran, dass wir ein Leben lang an solcher Gotteserfahrung herumbuchstabieren, wie sie uns diese Erzählung vermittelt.

Und ich denke, es ist auch notwendig, dass wir von uns reden, von unserer Gotteserfahrung. Denn die Geschichte erzählt Typisches, wie es nicht nur dem Abraham widerfahren ist, sondern auch Israel, das sich in Abraham wiedererkannte. Und auch heute Menschen widerfährt, wie es uns trifft und treffen kann.

In der Geschichte, so wie sie dasteht, geht es um ein Geschehen zwischen Gott und Abraham. Und es geht um das Verhalten Abrahams angesichts dieses bestimmten Handeln Gottes. Sehen wir auf Abraham: Der weiß nicht, dass Gott ihn in eine Erfahrung stößt, die eine Prüfung ist. Was mag sich in dem Abraham alles abgespielt haben? Das ist ja sicherlich viel mehr als das, was wir da von seinem Glaubensgehorsam lesen. Es ist ja auch die Anfrage an uns, ob wir uns so willig in Gottes Forderungen fügen. Aber, ob wir solche Prüfungen nicht brauchen, brauchen für unser Glaubensleben?

Welche Erfahrung macht Abraham in dieser Geschichte und mit ihm wir? Es ist zunächst die Erfahrung, dass der Gott, der gibt, der ihm den Sohn gegeben hat, den Isaak, den einzigen, zugleich auch wieder nimmt.

Gott ist nicht nur in Segen und Geleit da, sondern auch im Leiden, diese Erfahrung hat Israel machen müssen, aber auch machen dürfen. Und das Volk Israel weiß, dass der Gott, dem es alles Wesentliche verlangt, auch Opfer und Verzicht verlangen kann. Gott kann auch wieder nehmen, was er gegeben hat, zurückholen, was der Mensch niemand anderem verdankt als ihm. Leiden wird hier offenbar zum Entzug des Segens. Und mehr noch: Leiden wird hier zur Frage, ob Gott, der Geber, nur in der Gabe lebt, ob er Gott ist, solange die Gabe da ist, ob er wirklich Gott und nicht nur der "liebe Gott" ist.

Es ist ja nicht der Issak, den Abraham hier Gott zurückgeben muss, den Verheißungsträger, sondern, theologisch viel tiefer: Abraham muss Gott Gott zurückgeben, und zwar den vertrauten, den gütigen, den erfahrungsbewährten, ihm alles erschließenden Gott, - den muss er Gott zurückgeben. Das ist die ganze Härte der Erzählung, die es wahrzunehmen und die es auszuhalten gilt: Gott steht hier gegen Gott. Gott selbst nimmt hier seine Verheißung zurück, schlägt selber alles zu, was er einmal aufgeschlagen hat, stellt die Hoffnung und Erwartung, die er selbst in Abraham geweckt hat, mit aller Schärfe infrage. Hier steht nicht nur der Verlust des einzigen Sohnes auf dem Spiel, sondern hier wird Abraham zugemutet, dass er auf den gütig zugewandten Gott verzichten muss.

Meine Lieben, was hier in Genesis 22 geschieht, ist die dunkle, rätselhafte Zumutung Gottes, an seiner Hand weiterzugehen, obwohl er sein Wort zurücknimmt, obwohl er sein Versprechen bricht, obwohl er nimmt, was er gab, obwohl er seine Güte ins Verborgene, in den Widerspruch hüllt. Und wir erfahren, dass Abraham bereit ist es zu tun: Er bringt seine Zukunft zum Opfer, gehorsam gegen den Gott, der sich verhüllt. Hier wird ein Äußerstes zugemutet: Es ist die Aufforderung bei Gott zu bleiben, mit ihm zu gehen, sich dem Tun dieses Gottes unbedingt zu überlassen, im Vertrauen auf Gott und nichts sonst, - so wie Abraham es bereit ist zu tun.

Ich weiß es und Sie alle wissen es auch: Es ist unsagbar schwer, das nachzuvollziehen. Aber ich weiß auch dies: Es gibt Stunden in unserem Leben, wo Gott uns alles aus der Hand schlägt, wo wir lassen müssen, was er uns gegeben, wo Gott sich scheinbar gegen uns stellt. Dies sind die Stunden, wo alles Rechnen nicht hilft, wo der Verstand versagt und wo wir verzweifeln möchten, weil es keinen Weg, keine Zukunft mehr gibt. Sich dann diesem Gott in die Arme werfen, den ich nicht mehr sehe, der sich mir entzieht, das gehört ganz gewiß zuden tiefsten Glaubenserfahrungen und zu den Prüfungen, die zu bestehen, wir Gott nur bitten können.

Es gehört für mich ganz gewiss auch zum Tröstlichsten meines Lebens, dass unser Herr Jesus Christus selber mit solcher Erfahrung uns zur Seite tritt, wenn er auf Golgatha betet: "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" Und: "Doch nicht was ich will, sondern was Du willst!" Dein Wille geschehe. - Dass Jesus nicht nur unser Retter geworden ist, sondern in solcher Erfahrung unser Bruder, das könnte es uns leichter machen, uns solcher Erfahrung nicht zu verschließen.

Liebe Gemeinde,
das Volk Israel hat diese Erzählung von dem Gott, der gibt und nimmt, besonders im Exil erzählt, als es der Gabe des Landes, des Zion und des von Gott eingesetzten Königs beraubt war. Und diese Geschichte ist für mich immer auch ein Beispiel für den sich verbergenden Gott und diese Geschichte ist für mich ein Appell, mich dem sich verbergenden Gott in die Arme zu werfen.

Es ist sicher gut, dass diese Geschichte nicht das erste, nicht das einzige und nicht das letzte Wort über Gott ist.
Diese Geschichte bleibt wichtig als Erkenntnis dafür,

  • dass Gott wirklich Gott bleibt; - nicht der Gott, dem wir unsere menschlichen Züge verliehen haben ( und dem wir deswegen übrigens auch oft enttäuscht sind), sondern der Gott, der mit uns geht durch Güte und Geheimnis und dem ich mich immer wieder anvertrauen kann und anvertrauen darf;
  • dass Jesus hier an unsere Seite tritt;
  • dass es Zeiten gibt, in denen er sich in Güte und Geheimnis verhüllt und dass er dennoch seine Hand ausstreckt nach uns;
  • dass Gott nicht grausam ist, aber dass er auch nicht der "liebe" Gott ist, sondern dass es die Liebe Gottes ist, von der uns nicht und niemand scheiden kann, von der wir uns aber auch selbst nicht scheiden können, - Gott sei Dank!

Amen.