Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Genesis 32, 23-33

Pfarrerin und Gemeindeberaterin Christel Weber (ev.-luth.)

17.03.2013 in der Ev. Stephanus-Kirche in Borchen

Passionsgottesdienst

„Zeig mir dein wahres Gesicht, Gott!“

An den meisten Tagen giggelte sie herum wie jedes andere Mädchen ihrer Klasse auch.

Sie hatte Freundinnen, man mochte sie, die Noten o.k., die Lehrer zufrieden. Alles normal.


Aber dann kamen sie wie aus heiterem Himmel, diese anderen Tage, pechschwarz, abgründig, von so beängstigender Sinnlosigkeit, das sie selbst wünschte, sie wäre nie geboren.


Dann schloss sich Johanna ein, verweigerte das Essen, und nur ihr Hund durfte bei ihr bleiben. Er tat es treu und stumm.


Jakob (so erzählt unser PT) schickte an diesem Abend seine Lieben fort und blieb allein. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach.


Der Mann war ihr Stiefvater gewesen.

Er hat dem Richter später seine Version der Geschichte erzählt:
„Sie war es, die sich immer an mich heran gemacht hat. Ständig wollte sie mich küssen und ließ mich gar nicht wieder los. Ich konnte mich gar nicht wehren.“


Aber Johanna hat es anders erlebt.

Für sie war es ein nächtliches Grauen, ein immerwährender Überfall, dem sie nichts entgegensetzen konnte.

Ohnmacht wäre Gnade gewesen. Sie aber blieb bei Bewusstsein, machtlos, stumm über die Jahre hinweg, die manche für die schönsten halten.


Sie kam aus einem frommen Zuhause, freies Gebet bei Tisch morgens, mittags, abends, Bibellesung, Kirchgang, das ganze – verlogene – Programm.

„Wie sieht er denn aus, Gott, für dich?“ fragten wir beim Konfirmanden-Unterricht. „Weiß ich nicht“, sagte sie unwirsch, und während die anderen eine brennende Kerze oder den gütigen alten Mann mit Bart malten, entstand auf ihrer Holzfliese ein fetter, schwarzer Kreis: „Weiß ich doch nicht! Wie soll er schon aussehen?“


Wir hörten die Frage nicht, und gaben ihr keine Antwort.

Es wusste ja auch niemand, was in ihr vorging. Niemand außer ihrem Hund.


***


Und WENN wir es gewusst hätten, hätten wir eine Antwort gegeben?

Hätten wir sie geben können?


Ist Gott der liebe Gott? Oder der fette schwarze Kreis, der große Unbekannte?

Wie sieht sein Gesicht aus?


Was ist unsere Antwort?
Ein Schulterzucken? „Weiß ich auch nicht..“

Ein Mund, der sich zum Sprechen öffnet und sofort wieder schließt, weil sich alle einfachen Antworten verbieten?

Ein gesenkter Blick, weil uns schämen, dass wir so lange brauchen, bis wir endlich so etwas wie eine Antwort hervorbringen?


***

Ja, natürlich, wir wollen erst einmal helfen, das Mädchen seinem Peiniger entreißen: „Wenn ich den sehe, den bringe ich um, dem lass ich keinen Knochen am Leib heile...“

Aber Vorsicht: sie wohnen unter uns, hinter bürgerlichen Fassaden und frommen Gesichtern: es ist kein Schutz in Gottes Haus, nicht einmal hier...

Ja, natürlich, wir sollen helfen, tun, was wir können, vielleicht müssen wir sogar etwas riskieren, damit Johanna eines Tages wieder lachen kann und in der Nacht wieder schlafen kann ohne die Albträume, aus denen sie schweißgebadet erwacht, weil sie auch nach Jahren noch ringt mit „ihm“, obwohl er schon eine Weile tot ist.


***

Aber die Frage bleibt trotzdem, und sie bohrt sich mit jeder Jakobsgeschichte, Johannageschichte, ...Hiobgeschichte.... tiefer unter die Haut:

Was für ein Gesicht hat Gott?

Ist es finster und hart oder hell und freundlich?

Oder liegt vielleicht ein Schleier über seinem Gesicht?

Hat Gott Fratzen, Masken?

Hat er mehrere Gesichter?

Ein freundliches, lächelndes für die guten Stunden,

das finstere für die Überfälle im Dunkeln,

denen wir nichts entgegenzusetzen haben?


Was siehst Du für ein Gesicht....wenn du alleine bist, während die anderen sich vergnügen oder in Sicherheit wiegen und das Leben scheinbar unbeeindruckt weiter geht?

Vielleicht meint Ihr, Schwestern und Brüder, ich muss es doch wissen. „Schließlich ist unsere Pfarrerin doch die bezahlte Expertin in Sachen „Wie sieht Gottes Angesicht aus“...


Aber sehen muss jeder alleine, jede für sich.

Jeder muss seine, jede muss ihre Antwort finden in den dunklen Stunden, in denen wir wie Jakob alleine am Fluss zurückbleiben und nur noch ein Hund stumm und treu zu uns hält.


***
Jakob wagt es. Er ringt um Antwort.

Er ringt mit Gott, dem Ungeheuerlichen, Undurchschaubaren selbst –

mit dem, der so lieb und gütig herniederschauen kann wie eine Sonne an einem milden Frühlingstag, und sich dann umdreht und seine Fratze zeigt, die gefährlich der des Stiefvaters von Johanna ähneln kann, und auch den einen oder anderen hier schon überfallen und zum Kampf gezwungen hat:

„Was ist dein wahres Gesicht, Gott?
Zeig es mir! Zeig es uns!“


Wir beten gemeinsam zu dir:

Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe;
sei mir gnädig und erhöre mich!
Mein Herz hält sich an dein Wort:
„Ihr sollt mein Antlitz suchen.“
Darum suche ich auch, Herr, dein Antlitz.

Verbirg dein Antlitz nicht vor mir,

verstoße nicht im Zorn deinen Knecht.

Denn du bist doch meine Hilfe; verlass mich nicht
und tue die Hand nicht von mir ab, Gott, mein Heil.
Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich...“ (Psalm 27, 7-10a)


Reiß’ den Schleier von deinem Gesicht, Gott!
Nimm die Fratze weg!
Lass die Maske fallen!

Zeig mir endlich dein wahres Gesicht!

Ich lasse dich nicht...“


„Ich gebe nicht auf“, hat Johanna neulich gesagt.

„Er wird mich nicht unterkriegen, nichts und niemand wird mich unterkriegen!“
Und dann bat sie, die Verwundete, die Kämpferin, mich um einen Segen.


Und da war auf einmal das Gesicht:
„Der Herr lassen sein An-gesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Antlitz auf dich und gebe dir Frieden.“

Es war Morgen. Ostermorgen. Die Nacht war vorüber und die Sonne ging auf.

Gott hat Gott überwunden.

Sein wahres Gesicht scheint jetzt.

Amen.