Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Genesis 9, 20-27

Vikar Matthias Bortlik (ev)

11.03.2012 in der Evangelischen Kirche Sankt Margaretenkirche in Plüderhausen

Der Mensch ein „schwindelnder“ Noah

20 Und Noah, der Ackerbauer, war der Erste, der einen Weinberg pflanzte.  21 Und er trank von dem Wein und wurde betrunken, und er entblößte sich im Inneren seines Zeltes. 22         Da sah Ham, [ein Sohn von Noah, welcher selbst] der Vater von Kanaan [ist], die Blöße seines Vaters, und er sagte es seinen beiden Brüdern draußen. 23            [Diese beiden] Sem und Jafet aber nahmen einen Überwurf, legten ihn auf ihre Schultern und deckten, rückwärts gehend, die Blöße ihres Vaters [Noah] zu. Ihr Gesicht hielten sie abgewandt, so dass sie die Blöße ihres Vaters nicht sahen. 24 Und Noah erwachte aus seinem Rausch und erfuhr, was ihm sein jüngster Sohn [Ham] angetan hatte. 25 Da sprach er: Verflucht sei [Ham, der Vater] Kanaan[s]. [Ein] Diener der Diener soll er seinen Brüdern sein. 26         Und weiter sprach er: Gepriesen sei der HERR, der Gott Sems, [Ham, der Vater] Kanaan[s] aber sei ihm ein Diener. 27 Weiten Raum schaffe Gott für Jafet, er [Jafet] wohne in den Zelten Sems, [Ham, der Vater] Kanaan[s] aber sei ihm ein Diener.

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Und Noah, der Ackerbauer, war der Erste, der einen Weinberg pflanzte. Energisch und kräftig stelle ich ihn mir vor. Die Haut angesengt und braun - Noah der Ackerbauer. Seine Hände sind mit Schwielen überzogen. Unter den Fingernägeln hängt noch etwas Erde. Die rechte Hand fest an seiner Hacke. Den Blick aufrecht mit strahlenden Augen. Ein Ausdruck der Freude und der Bewunderung geht über sein Gesicht. Stolz steht er so in der Abendsonne vor seinem Weinberg. Stolz zu Recht. Viel Arbeit hat es ihn gekostet. Viele Monate hat es gebraucht, bis die Mauer hochgezogen, der Zaun angelegt, ein funktionierendes Bewässerungssystem erdacht, bis der Boden entsteint, bis Kelter und Turm errichtet waren. Ausdauer brauchte es auch die Gärprozesse zu erforschen und Geduld die Abläufe gut zu optimieren. Wie presst man am effektivsten die Trauben? Wie oft muss der Wein gesiebt, wie viel Wasser beigemischt werden, damit sein Aroma voll zur Geltung kommt? Wie ist die Maische zu verarbeiten, um aus ihr Farbe gewinnen zu können? Wie viel Luftzufuhr bedarf es, um brauchbareren Essig herzustellen? Achtung fordert ein solch innovativer Erfindergeist, Achtung vor der Leistung solcher Kulturgüter, Achtung vor dem Geist, der eine solche Technik erschafft.

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Szenensprung: Ruhig liegt es in der Abendsonne vor ihm. Der Glanz der Strahlen spiegelt sich in dem golden-gelblichen Schornstein mit seiner schwarzen Spitze. Monumental liegt es so vor dem Betrachter. Man könnte fast an dem lauschigen Frühlingsabend die Matte ausbreiten, den Ausblick genießen und das Vesper dazu auspacken. Derart skurril schillert sich das Wrack mit seinen 65 Grad Schlagseite vor der Küste Giglios im Wasser des Mittelmeeres. Ins Straucheln kam es, als der Felssporn begann an ihm zu kratzen, als das Wasser in sein Inneres spuckte, bis es an dem Druck erbrach, bis es den Halt verlor und zur Seite kippte. Aufgeschlitzt ragt seitdem die klaffende Wunde, der Riss an der Längsseite, aus dem Meeresspiegel heraus. Zur Show gestellt wie ein Warnschild, das zurückweist auf einen technikbegeisterten William Murdoch, der im April 1912 rund 300 Seemeilen vor Neufundland auf der Brücke steht, und zu spät bemerkt, dass die als unsinkbar gefeierte RMS Titanic auf einen Eisberg und das Schiff mit seinen Menschen in ihren Untergang zusteuert.

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Momentaufnahmen von Erfahrungen und Szenen in der Menschheitsgeschichte. Momentaufnahmen, die den Menschen in ein schillerndes Licht rücken. Schillernd, weil in ihnen die Zwiespältigkeiten, die Ambivalenzen des Menschseins voll zum Tragen kommen.

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Liebe Gemeinde,

was verbinden Sie mit dem 11. März? Welche Erinnerungen werden bei Ihnen mit diesem Tag geweckt, als heute vor genau einem Jahr im fernen Japan die Flut das Land überspülte und in Fukushima Daiichi die Reaktoren begannen zu havarieren.

Ich bleibe bei Noah dem Ackerbauern stehen, bei Noah, wie er vor seinem Weinberg an seiner Hacke lehnt und über seine Reben blickt; bei Noah, weil für mich bei ihm die Zwiespältigkeit der menschlichen Natur voll aufgedeckt wird.

Schillernde Charaktereigenschaften des Menschen, die eigentlich sehr tragisch sind: Da müht sich einer ab, investiert seine ganzen Energien in das Kultivieren der Natur. Da rackert einer, um sich und seine Familie zu ernähren. Da schuftet ein Mann, um seine Existenz nicht zu gefährden. Er erfindet geistreich Techniken und Methoden, um sich das Leben einfacher und glücklicher zu machen. Doch bei all dem Arbeiten verliert er den Kopf. Das eigentliche Ziel gerät aus dem Blick. Noah beginnt zu torkeln und zu taumeln. Der Verstand geht mit ihm durch. Das, was den Alltag eigentlich erfreuen und bereichern sollte, wirft ihn nun aus der Bahn. Berauscht von seinem Werk, berauscht über den Anblick seiner technischen Errungenschaften, stolpert er über sich selbst. Dieser Höhenrausch vernebelt ihm die Augen, er verengt ihm die Sicht. Grenzüberschreitungen werden nun nicht mehr wahrgenommen. Doch Noah selbst merkt zu diesem Zeitpunkt noch nichts von seinem Fall. Für andere ist dieser bereits offensichtlich. Aber auch diese Menschen sträuben sich, eine Antwort auf die jetzt unübersehbare Katastrophe zu finden. Ham, der jüngste Sohn Noahs, erschrickt und nimmt wahr. Ham erkennt, aber wendet sich wieder ab! Ham hat verstanden, aber geht! Muss, soll, kann – könnte – und, wenn ja, was könnte er unternehmen?

Und nun wird das menschliche Sein völlig entblößt. Der mit Odem ausgestattete Mensch, das mit Geist ausgestattete Ebenbild Gottes fängt jetzt erst richtig an zu „menscheln“. Ham, der doch handeln könnte, schreitet nicht ein. Ham zieht sich zurück und beginnt über den Fall Noahs zu erzählen. Das ruft andere Menschen auf den Plan, die jetzt auch erkennen, die wahrnehmen, die begreifen. Ihnen dämmert, dass der Fall des Noahs eigentlich ein Unglück der gesamten Menschheit ist. Sie spüren, dass hier die Grenzen des menschlichen Verstands deutlich werden. Aber anstatt sich der Situation zu stellen, springen die Brüder Sem und Jafet auf. Sie eilen los, holen einen Überwurf und bemühen sich so schnell es geht, die Blöße - die Bloßstellung des Menschen -  die Verantwortung ihres Vaters, und nicht zuletzt auch ein Stück weit ihre eigene, zuzudecken. Nichts wie weg mit dem Unglück, schnell die Decke - und ach ja: Schwamm darüber!

Warum wendet sich Ham nur ab? Warum bemühen sich Sem und Jafet das aller Welt bereits Offensichtliche zu vertuschen? Rückwärtsgehend - rückwärtsgewandt - werden nun die beiden Geschwister selbst vor unseren Augen und vor den Augen der Menschheit bloßgestellt. Als rückwärtsgewandt werden sie beschrieben. Rückwärtsgewandt, weil sich ihr Blick, ihre Augen, an dem Geschehenen verhängen. Weil ihre kurze Sicht nicht über das Mittelfristige reicht und schon gar nicht auf eine nachhaltige Weitsicht ausgerichtet ist. Weil ihre Augen die Katastrophe nicht als Chance wahrnehmen, sondern die vermeintliche Wahrung des Gesichts, die Erhaltung des eigenes Rufs und Ansehens alles andere überblendet.

Doch die Spirale der Menschlichkeit kommt nicht zum Stillstand. Die Zentrifugen drehen sich weiter. Das Karussell der Verdrängung und Selbsttäuschung bleibt weiter in Schwung. Es nimmt sogar noch einmal Fahrt auf. Irgendwann wird auch Noah bewusst, dass er mit seiner Maßlosigkeit Grenzen überrannt hat. Auch Noah muss einsehen, dass ihm beim Blick in die Tiefe der Schwindel gepackt hat. Nun erkennt er seinen Fall. Nun sieht er die Katastrophe, aber das Täuschen - das Selbstbeschwindeln - kann er nicht lassen. Zu einer angemessenen Sprache und zu einer angemessenen Form des Verhaltens, hat er auch nach seinem Höhensturz von den Ziegeln des Turmes nicht gefunden. Babbelnd, immer noch geblendet, sucht er ein Ventil für seine Situation bei Ham - jedoch nicht bei sich. Von außen wirkt es auf mich fehlgeleitet und unverständlich, wie Noah Ham verflucht. Er holt gegen seinen Sohn aus. Er geht gegen ihn an, nicht weil Ham versäumt hat den Vater auf seine Fehler hinzuweisen, sondern weil er aus der Sicht Noahs nicht von sich aus mithalf, wie Jafet und Sem, einen Mantel der Verhüllung um das Geschehene zu legen.

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Liebe Gemeinde,

ich frage mich, wo ich in meinem Alltag zu einem Noah werde, der Fehler nicht wahrhaben will und ein Ventil für empfundene Kränkungen und Enttäuschungen bei anderen sucht. Ich frage mich, an welchen Stellen ich aussteile, anstatt mir meine Fehler einzugestehen. Ich frage mich, an welchen Punkten in meinem Leben ich ein Ham bin, der erkennt und doch wegsieht. Wo ich ein Mensch bin, der wahrnimmt und schweigt, obgleich ein Aufschrei angemessen wäre. Ich frage mich, wo ich zu einem Jafet und einem Sem werde, die um der Bequemlichkeit willen lieber einen Mantel des Schweigens und der Verhüllung über Geschehenes legen. Ich frage mich, wie ich im gesellschaftlichen Netz verwoben bin und damit zwangsläufig auch auf Kosten anderer lebe. Aber ich frage ebenso nach den Orten, an denen in diesem Netz Tau- und Stabilisierungsknoten geknüpft werden müssen. Ich suche nach den Stellen, an denen in diesem Weinberg eine Mauer gezogen gehört. Ich überlege welcher Weinstock einer Stütze bedarf, was optimiert, was ausgebessert werden kann und sollte. Ich frage aber genauso nach meinen Grenzen: dort, wo ich Gefahr laufe mich zu überfordern; dort, wo ich beginne die Ziegeln des Turmes derart hoch zu bauen, dass sie drohen über mir zusammenzubrechen.

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Und so stehe ich neben Noah dem gefallenen „Schwindler“, dem Ackerbauern, wie er mit seiner Hacke in der Abendsonne über seinen Weinberg sieht. Auch ich bewundere seine Leistung. Mein Blick kommt dann aber wieder in seinem Gesicht zum Stehen. Ich bin erstaunt, wie zufrieden dieser Noah noch immer lächeln kann. Wie entspannt und in sich ruhend sein Äußeres auf mich wirkt.

Als könnte er meine Gedanken lesen antwortet Noah auf meinen fragenden Ausdruck: Siehe, du hast Recht: ich bin ein gefallener Schwindler. Ja, Erkenntnis braucht lange Zeit und Erkenntnis kann bitter, sehr bitter sein! Das geht nicht von heute auf morgen! Und zu seinen Unvermögen zu stehen - auch das braucht Überwindung. Doch siehe hier: meine Hacke! Geschmiedet ist sie aus demselben Material wie die Tatwaffe von Kain. Vergiss nicht, auch mit Kain ist Gott weitermarschiert. Auch nach der Sintflut half er mir in mein Leben zurück, auch nach dem Zusammensturz in Babel hält Gott an den Menschen fest. So vertrau auf diese Erfahrungen, wenn die Abstürze und Höhenflüge auch in Deiner Welt nicht ausgehen! Vertrau darauf, dass Gott sich auch mit Dir auf die Suche macht und Dich bei Deinen Herausforderungen begleiten wird!

Amen