Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt "Über Gerechtigkeit - Eine Meditation nicht nur zu biblischen Geschichten"

Prof. Dr. Pfarrer (der EKHN) Martin Stöhr (ev)

10.05.2012 in Dresden

beim Treffen der Alt-ESG Dresden und Darmstadt

Alle zwei Jahre treffen sich die früheren Mitglieder der Ev. Studentengemeinde Dresden und Darmsdt Studiernde in den 60er Jahren, (zu DDR-Zeiten in Prag, Ungarn oder auf der Leipziger Messe). Es waren diesmal ca 70 Leute, alles Ingenieur.- und Naturwissenschaftler und Architekten, jetzt alle PensionärInen. Sie bestehen auf einem Tagungsbeginn mit Meditation/Bibelarbeit oder Predigt. Thema der Tagung: "Wachstum und Wohlstand". Ich war in den 60er Jahren Stud.Pfr an der TU Darmstadt

 

 

Heute berät mich neben den kritischen Bibellesern Thomas Mann und Bertolt Brecht ein weiterer Kenner und Leser der Bibel, der tschechische Ökonom Thomas Sedlacek. Nicht nur die theologischen Profis sind zuständig für ein zeitgenössisches Verstehen und Praktizieren der biblischen Botschaft. 

I

Es rührt sich öffentlich etwas in der ethischen Debatte zur Gerechtigkeit. Einmal beklagt zB die Süddeutsche Zeitung (4./5. II. 2012), dass es juristisch nicht möglich sei, Hedgefonds, „Gier-Banker“ oder, wie sie mit dem Wort spielt, „Gierbankster“, auf dem Rechtsweg zu belangen. Das Recht stoße an seine Grenzen, wenn es in der Finanzindustrie darum gehe, der Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen, Hypo Real Estate, Landesbanken und Privatbanken würden in ihren Repräsentanten oder als Institutionen zwar angezeigt. Geschädigte gebe es genug, bisher seien aber noch keine Gerichts-Verfahren eröffnet worden. Verantwortliche Subjekte für das, was geschieht seien schwer, wenn überhaupt greifbar, geschweige denn haftbar.

Ein anderes Beispiel: Eine stattliche Gruppe von Wirtschaftswissenschaftlern veröffentlicht zur selben Zeit ein Manifest, das mit scharfen Worten die „akademische Prostitution“ kritisiert. Sie bestehe darin, dass sich „die Wirtschaftswissenschaften seit Jahrzehnten dogmatisch verkapselt haben“.  Die Dogmatisierung zeige sich daran,  dass man an die „Selbstheilungskräfte des Marktes glaube“; dass man „mit mathematischen Modellen das Bild eines Idealmarktes zeichne – fern von Moral und Ethik“; dass man diese Modelle als Inbegriff der Vernunft und eines Naturgesetzes verstehe. Die Fragen der Gerechtigkeit blieben außen vor ebenso die Tatsache, dass die Formen des Wettbewerbs wenige Gewinner kenne, wohl aber viele Verlierer. Die Nobelpreisträger für Wirtschaft, J. Stiglitz und P. Krugman in den USA, vertreten ähnliche Gedanken, von den Ökonomen der sog 3. Welt ganz zu schweigen.

II

Zum ersten Mal habe ich in meinem Alter einen zeitgenössischen Klassiker der Wirtschaftswissenschaften ganz durchgelesen. Der tschechische Ökonom Tomas Sedladcek analysiert in seinem Buch „Die Ökonomie von Gut und Böse“ (München 2012)  ethische Überlieferungen der Philosophien, Religionen und Dichter nicht nur der Neuzeit, sondern auch der Antike. Er erzählt ausführlich biblische Geschichten, zB auch die von  Josef und seinen Brüdern. Der Koran übernimmt die Josefgeschichte aus der Bibel. Sedlacek untersucht die Gleichnisse Jesu und stellt fest, dass die meisten sich auf einen ökonomisch relevanten Inhalt beziehen. Ich komme darauf noch zurück.

Biblischen Texten geht es um Fragen der Gerechtigkeit und damit um eine  Überwindung von Mangel, Gewalt und Unfreiheiten jeder Art. Das Vaterunser nennt sie ebenfalls mit der Bitte um tägliches Brot oder um die Vergebung der Schulden (Plural!), was  Schuld einschließt. Aus den 10 Geboten leiten sich viele heute wichtige ethische Konkretisierungen ab. In allen geht es um den Schutz des Lebens, des Eigentums und Ehre meiner Mitmenschen. Das wird besonders deutlich im Sabbatgebot, am 7. Tag zu ruhen und den Feiertag zu ehren. Alle Kreaturen kommen in den Genuss, frei von Beschäftigungszwängen, zu leben, Mensch und Tier.  Zu den Abkömmlingen des Sabbatgebotes, gehören Schuldenerlass alle 7 mal 7 Jahre, also das sog. Jobeljahr, dazu im Siebenjahresrythmus eine Brache in Feld und Garten zugunsten der Armen und der Tiere, ein Lastenausgleich in der Eigentumsverteilung sowie ebenfalls eine Sklavenbefreiung alle sieben Jahre.

III

Der Ökonom Sedlacek sieht hier erste Grenzmarkierungen sowohl gegen die Wirklichkeitssicht aus einer nur privaten Perspektive wie auch gegen eine grenzenlose Herrschaft von fremdbestimmenden Vorgaben und Zeit-Taktierungen, die mein Leben zerteilen. Es ist aber auch ein Protest gegen eine endlose Festschreibung des status quo. Lebensnormierungen sind lebendig wie Menschen, folglich zu ändern, obwohl es mächtige Interessen geben kann – religiös, ökonomisch, politisch -  sie auf Dauer zu schalten. Den Menschen und der Menschlichkeit ist das allerdings wenig bekömmlich.

Der Vatikan zB griff ab 1300 nChr den Gedanken des „Sabbatjahres“ auf und benutzte ihn zum Ablasshandel in dem dazu ausgerufenen „Heiligen Jahr“. Schuld zu vergeben wurde kommerzialisiert. Im Protestantismus wie in weiten Teilen der Gesellschaft war der Gedanke, Schulden und Schuld jenseits des Strafrechts und jenseits liturgischer Vollzüge zu überwinden, vergessen. Vor der Jahrtausendwende 2000 verloren der Vatikan seine religiös verengten Konzepte und der Protestantismus seine soziale Ethikvergessenheit, dazu einige Regierungen ihren Unverstand gegenüber einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich - und gegenüber dem Verschuldungsproblem. Heute wird dieses Problem noch drängender, weil die reichen Nationen endlich ehrlich feststellen mussten: Es ist auch unser eigenes Problem.

Damals – vor dem Millenium - entstanden Tausende von Initiativen – religiös oder säkular, die für die hochverschuldeten Länder einen Schuldenerlass der ärmsten Länder forderten. Es dürfe doch nicht sein, dass ihnen gegenüber die reichen Länder mit ihren Banken nur ihre eigenen Interessen zu sichern suchten und dabei auch noch  verdienten – wie heute in Griechenland.

Gerechtigkeit und Recht gehören zu den Hauptworten der Bibel neben Liebe und Barmherzigkeit. Sie kennzeichnen Gottes Eigenschaften und sind als solche Handlungsorientierungen für Menschen. Sie gehören zu der eindeutigen biblischen Tendenz, die „Mühseligen und Beladenen“ (Mt 11,28) nicht zu übersehen Diese Tendenz steht in schreiendem Widerspruch zu den Befunden, die die  Bielefelder Universität regelmäßig veröffentlicht: „Deutsche Zustände“. Sie fragt: Wie steht es mit „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeiten“? Zu den  Ergebnissen dieser Recherche gehört, dass 60 % der Bevölkerung dem Satz zu stimmen „In Deutschland müssen zu viele schwache Gruppen mitversorgt werden!“

IV

Sedlacek ist der Meinung, dass die modernen Wirtschaftstheorien genau so Mythen seien  wie die alten von Gilgamesch, aus Indien oder aus der Bibel. Mythen sind für ihn eine der reichhaltigen  Denk- und Sprachformen, die nicht ins Reich der Illusionen führen, sondern Wahrheiten zum Leben überliefern. Er kritisiert, dass die Frage nach Gut und Böse, nach Recht und Unrecht, nach Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in den modernen Wirtschaftstheorien nicht gestellt werde. Mathematisch seien sie heute notwendigerweise hochkomplex, was keineswegs zu kritisieren sei.  Aber ohne die Fragen nach ethischen Voraussetzungen und ethischen Zielen blieben diese Formeln stumm und menschenfeindlich. Sie erlaubten, dass das Faktische im Politik- und Wirtschaftsbetrieb zur Norm werde. Es werde nicht untersucht, welcher Sinn und welche Folgen sich in den Theorien und in der Praxis zB von Gewinnmaximierung, Effizienz, Ungleichheit und Konkurrenz fänden. Diese Ziele seien ja keineswegs per se schlechte Verhaltensweisen. Nur: Was wird mit ihnen für wen gemacht? Welche Folgen sind erwünscht, welche schädlich? Für wen?  Es werde nicht untersucht, welche Ethiken und Moralen in diesen so sachgerecht und neutral  daherkommenden Begriffen wie Effizienz, Wettbewerb, Ungleichheit oder Gewinnmaximierung steckten. Kritikwürdige und schlechte Ethiken sind auch Ethiken.  Was aber ist gut, was böse?  Der Sozialdarwinismus ist zB auch eine Ethik, für die der innovative Forscher Charles Darwin mit seiner Evolutionstheorie nicht in Haftung genommen werden darf, sondern jene, die aus Naturgesetzen Normen für menschliches Leben und Zusammenleben machen. Menschsein heißt, nicht nur den Naturgesetzen unterworfen zu sein, sondern sie in den Dienst von Menschlichkeit zu stellen.

Sedlacek zitiert den alten biblischen Grundsatz (Mk 2,27), den es in Varianten auch in anderen Religionen gibt, dass alle Strukturen - wie die der Zeiteinteilung im gerade zitierten Sabbatgebot und seinen Derivaten, - es verlangen, dass Öffentlichkeit, Wirtschaft, Politik oder Wissenschaft für die Menschen da seien und nicht die Menschen für deren Strukturen, welche es auch immer seien.

V

Aufgefordert durch Sedlacek, Ökonom in Prag und Princeton, vorher Präsidentenberater bei Vaclav Havel, komme ich zur bereits angekündigten Josefgeschichte zurück. Sie enthält für ihn Urelemente eines verantwortlichen wirtschaftsethischen Verhaltens. Sie ist die längste Familiengeschichte (1. Mose 37-50), die in der Bibel erzählt wird. Und ich nehme mir wieder einen Dichter als Fremdenführer in die fernen Gefilde der Bibel.

Thomas Mann hat die Josefgeschichte in drei Bänden nacherzählt. Goethe, von ihr in seiner Jugend begeistert, hatte mit diesem Stoff auch schon einmal zu schreiben angefangen, hatte als Verkehrs- und Bergbauminister keine Zeit mehr, sie fertigzustellen. 1933, so berichtet Thomas Mann, greift er zur ererbten Familien-Bibel der Manns. Es ist die Zeit, als Josefs und seiner Brüder Nachkommen in Europa, also das jüdische Volk, und andere Minderheiten, zunehmend mitsamt ihrem Leben und Eigentum gefährdet sind. Thomas Mann findet in der Josefgeschichte „Urnormen und Urformen der Humanität“ überliefert. Sie wird  im Stil eines Mythos erzählt. Er setzt sehr bewusst seine poetische Gestaltung des Josef-Mythos der Humanität, dem nichts Menschliches und Allzumenschliches fremd ist, gegen den „Mythos des „20. Jahrhunderts“. Dieses Buch des Nazi-Chefideologen Alfred Rosenberg sollte die Grundlage einer neuen, heidnischen, bibelfreien Religion werden. Es verbreitete in  Millionenauflagen seit 1930 die Ideologie einer überlegenen germanischen „Herrenrasse“ über alle Völker und Kulturen der Welt.

1933 wird Thomas Mann genau von diesem nationalistischen und rassistischen Ungeist aus Deutschland vertrieben. Als er 1943 in den USA seinen Josefroman fertig gestellt hatte, sagt er, er habe gewollt,  „dem Faschismus den Mythos aus den Händen nehmen und ihn bis in den letzten Winkel zu humanisieren.“ In den uralten Überlieferungen steckten Wertorientierungen und Aussagen über das Menschsein wie über das Menschlichsein. Einem inhumanen Mythos setzt Mann einen humanen Mythos aus der Bibel entgegen.

(Manchen von uns ist die theologische Debatte der sechziger Jahre über Rudolf Bultmanns Entmythogisierung der Bibel noch in Erinnerung. Er wollte nicht die Mythen aus der Bibel werfen, wohl aber ihren Sinn für eine aufgeklärte, christliche Existenz darstellen. Dass weder die Kunst noch die Wissenschaften noch die Religion auf die narrativen und symbolischen Sprachen des Mythos verzichten können, das nahm er vielleicht nicht ernst genug. Jedenfalls aber kämpfte er in seiner wissenschaftlichen Arbeit tapfer gegen den „Mythos des 20. Jahrhunderts“ des Rassismus – als Mitglied der Bekennenden Kirche und als solidarischer Mit-Doktorvater seiner jüdischen Doktoranden Hannah Arendt und Hans Jonas.)

Durch die in der Josefgeschichte geschilderte Beziehung zwischen Gott und Mensch entstehe eine menschenfreundliche „Gottesklugheit“, schreibt Thomas Mann. Diesen  Geist der Gottesklugheit zu verachten, führe zu einer  „Gottesdummheit“, die Katastrophen der Unmenschlichkeit ermögliche. Als Thomas Mann – religiös eher schüchtern und eher religiös „unmusikalisch“ (wie Habermas zusagen pflegt) – im Exil die Predigten des Im KZ sitzenden Martin Niemöller unter dem Titel „God is my Fuehrer“ veröffentlicht, da lobt er die Gewissensfreiheit und den Mut dieses zeitgenössischen Predigers uralter Geschichten. Dieser halte  sich „nicht an den  schäbigen Fetzen der Neutralität“ und Unzuständigkeít,  womit unendlich kleine und monströse  Inhumanitäten geduldet werden. Sein Gewissen arbeite.

VI

Wieder zurück zu  Josef, ein Kind von Rahel und Jakob. Die Kinder von Jakobs erster Frau Lea lieben ihn nicht. Nicht nur Josef hat  sich im Geschwisterkreis äußerst unbeliebt gemacht. Er hinterbringt den Eltern auch manchen Tratsch über seine Geschwister. Aber es war auch der Papa dieser patchwork-Familie, der  - pädagogisch völlig unbeleckt -   alle spüren lässt: Dieser Josef ist mein Lieblingskind. Er setzt dem Ganzen noch eins drauf und beschenkt ihn mit einem „bunten Rock“. In alten Zeiten ein Prinzengewand.

Josef ist ein Träumer. Lange vor Siegmund Freud werden Träume als wichtige Aufklärungen zur persönlichen und sozialen Lebensgeschichte gedeutet. Sie sagen nicht nur etwas aus über menschliche Selbstverständnisse und Befindlichkeiten, über die Beziehungen von Mensch zu Mensch, sondern sind gelegentlich auch als Kommunikationsmittel zwischen Gott und Menschen brauchbar. Josefs Träume sind eindeutig – aber höchst unerfreulich für seine Brüder: Einmal sieht er beim Getreideernten auf dem Feld die Garbenbündel seiner Brüder sich vor seiner Garbe verneigen. Ein völlig anderes Bild sagt dasselbe: Sonne, Mond und 11 Sterne verneigen sich wieder vor ihm. So poetisch die Bilder sind, sie schaffen böses Blut bei Brüdern wie bei Eltern.

Die Brüder hecken einen Plan aus, ihn zu beseitigen. Blut soll nicht fließen, er ist ja ein Menschenbruder. Trotzdem: Ein „bisschen“ Beseitigung soll schon sein. Eine direkte Verantwortung für den Tod eines Mitmenschen will man nicht übernehmen. Schließlich lebt da im Hinterkopf noch die Geschichte von Kain und Abel. Man wirft den kleinen Bruder in eine ausgetrocknete Zisterne. Man hofft, dass er verschwindet, aber ebenso, dass er vielleicht überlebt. Wie? Man erzählt den Eltern, ein wildes Tier habe ihn zerrissen und zeigt ihnen den bunten Rock, verschmiert mit  dem Blut einer geschlachteten Ziege. Eine Karawane, unterwegs nach Ägypten, findet Josef.  Das überraschende Fundstück Mensch bereichert ihr Warensortiment, das ansonsten aus Gummi, Balsam und Harz besteht. Zum üblichen Marktpreis wird er für 20 Silberstücke in Ägypten an den Hof des Pharao verkauft.

Josef hat Glück. Der junge Mann macht dort – trotz Migrationshintergrund - Karriere. Er fängt als Wachmann bei der Palastwache an, steigt auf zum Hausverwalter und stürzt dann tief. Die  Frau des Chefs der Palastwache ist offensichtlich hinter dem viel versprechenden, hübschen, jungen Mann her, will ihn verführen und zettelt eine Intrige an. Auf ihrer Seite ist die Macht, da muss man es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Sie dreht die Wahrheit einfach um: Der Fremde habe sie, die vornehme Dame, verführen wollen, er, ein  Fremder, der eigentlich nicht hierher gehört. Dass die Intrige misslingt und Josef  das anschließende Gefängnis übersteht, das  macht ihn in der jüdischen, christlichen und islamischen Literatur – wo er überall vorkommt - zu einem tugendhaften Vorbild für die Jugenderziehung – durch die Jahrhunderte. Dutzende Theaterstücke, Romane, Gedichte, Opern oder Oratorien greifen den Stoff auf.

Im Gefängnis sitzt er gemeinsam mit dem Mundschenk und dem Hofbäcker. Beide hatten die Gunst seiner Majestät des Pharao verloren. „hire and fire“ geht in diesen Kreisen schnell. Als Pharao auch träumt, erinnert sich der früh freigelassene Mundschenk nach Jahren, dass da im Gefängnis noch ein  Mithäftling schmort. Der könne Träume deuten. Josef erklärt dem Pharao seine schweren Träume: Sieben fette Kühe steigen aus dem Nil und werden anschließend von sieben mageren Kühen aufgefressen.  Was soll das? Josef erklärt die Träume mit dem Zyklus von guten und schlechten Ernten durch die Nilfluten und die Notwendigkeit, vorzusorgen. Gewiss: Träume sind keine Schäume, sondern Interaktionen. Sie  können etwas aussagen.

„I have a dream“  sagte Martin Luther King in einer seiner letzten Predigten vor Müllwerkern. Eine andere Predigt in Memphis – die Stadt in den USA ist nach der ägyptischen Pharaonenstadt benannt – zieht Erfahrungen aus  Israels Sklavenzeit in Ägypten in die Gegenwart der schwarzen Bürgerrechtsbewegung: „We shall overcome!“ King erinnert im heutigen Memphis an das positive Ende der Sklavenbefreiung aus der Hand  des Pharao. Er zieht aus der alten Geschichte – wie die afroamerikanischen Sklaven in den USA - soziale wie ökonomische Konsequenzen für heute: Es gibt Hoffnung, dass alle Völker und Kulturen gleiche Rechte haben sollen, Hoffnung, die an die Kinder von heute und morgen edenkt.

 Pharao vertraut der Traumerklärung des Josef. Er baut Vorratshäuser für die reichen Ernten und legt Nahrungsreserven  für die zu erwartenden Hungerjahre an.  Eine kluge Analyse der mittelfristigen Entwicklung folgt klugerweise dem ethischen Gebot, sagt Sedlacek. Das steckt auch in dem Gebet „Unser tägliches Brot gib uns (und nicht nur uns!) heute!“ 

Als in der Heimat des Josef eine gewaltige Hungersnot ausbricht, wird der Gedanke des Teilens und der Solidarität einem Wirklichkeitstest unterzogen. Josefs ganze Großfamilie mit allen Hungernden zieht in die Kornkammer der Antike, nach Ägypten. Ich erzähle jetzt nicht die ganze farbig ausgeschmückte Josefgeschichte.

Josef betreibt eine kluge Wirtschafts- und Sozialpolitik. Die Ethik der Gerechtigkeit steuert ihn. Er hilft  vorbeugend und aktuell. Als eines Tages dann seine Sippe, die ihn teilweise so übel behandelt hatte, vor ihm steht, erkennt er sie sofort. Sie ihn  nicht. Die Opfer von Gewalt sind immer hellsichtiger als die Täter und Zuschauer. Nach einigem Hin und Her kommt es zu einem gegenseitigen Erkennen – und auf Seiten der Brüder Josefs zu einem Erschrecken: Wird er uns jetzt heimzahlen? Er wird nicht. Josef sucht und schafft einen Neuanfang. Ein anderer Aspekt der biblischen Ethik zeigt sich: Eintreten für andere, Schuld nicht nachtragen, sondern vergeben.

VII

Josef bringt Gott ins Spiel mit seinem Konzept der Vergebung. Josef sagt den Brüdern: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte, es gut zu machen.“ Gut gemacht – das ist kein Happy End – doch das ist es einerseits auch. Andrerseits stellt sich mit letztem Ernst die Frage: Ist in wirklich bösen Erfahrungen auch Gutes zu entdecken? Ja!

Ich will in diesen Tagen des Prozesses gegen den Massenmörder Anders Breivik nach einmal an die ersten Worte erinnern, die der norwegische Ministerpräsident unmittelbar nach dem Morden in seinem Land sagte: „Aus dem brutalen Morden des Anders Breivik kann auch Gutes kommen, damit wir noch mehr Offenheit, Liebe und Demokratie leben und nicht der Gewalt folgen!“  Die Kette von Gewalt und Lüge zu unterbrechen durch deren Gegenteile wie Offenheit und Liebe – das ist es, worauf es ankommt.

So kommt es zur Verbindung und zur Versöhnung zwischen Getrennten und Feinden. So kommt es zur Hilfe für Hungernde und zur aushaltbaren Wahrheit über die Situation, in der Menschen leben.  „Urnormen und Urformen der Humanität“ findet Thomas Mann in dieser Geschichte. Dem ist nicht viel hinzuzufügen, außer, dass ich an eine Gegengeschichte, die auch in der Bibel steht, erinnern muss.

Es ist die Geschichte vom reichen Kornbauer (Luk 12, 19ff). Der hatte auch gut geerntet und sehr gut gewirtschaftet. Auch er baut neue Vorratshäuser. Aber er kennt nur sich und sein privates Heute: „Liebe Seele, iss und trink und habe guten Mut!“ Vielleicht betet er sogar das Vaterunser - aber in einer kleinen Abwandlung: „Mein täglich Brot gib mir heute!“. Gott jedenfalls sagt zu ihm: „Du Narr!“ Mit so einer individualistischen und egoistischen Einstellung gibt es kein Morgen, weder für die Reichen noch für die Armen! Weder für die ethisch Unbedarften noch für die Bedürftigen. Alle brauchen im Alltag, in Theorie und Praxis der Wirtschaft „Urnormen und Urformen der Humanität“ einer Christusnachfolge.