Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Glaube und Unglaube

Andreas Bruns (ev.)

13.06.2009 in Berlin Charlottenburg, Trinitatiskirche

„jetzo sank eine hohe edle Gestalt mit einem unvergänglichen Schmerz aus der Höhe auf den Altar hernieder, und alle Toten riefen: Christus! Ist kein Gott? Er antwortete: Es ist keiner. Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonne und flog mit den Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, soweit das Sein seine Schatten wirft, und schaute in den Abgrund und rief: Vater, wo bist du? Aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert, und der schimmernde Regenbogen stand ohne eine Sonne, die ihn schuf, über dem Abgrund und tropfte hinunter. Und als ich aufblickte zur unermesslichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren bodenlosen Augenhöhle an; und die Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es und wiederkäute sich.“
Jean Paul, ein Zeitgenosse Goethes, hat das geträumt, was er da 1797 so wortgewaltig notierte, ein Albtraum, wie es sagt. Und er war froh, als er wieder aufwachte: „Meine Seele weinte vor Freude“ schreibt er, „daß sie wieder Gott anbeten konnte – und die Freude und das Weinen und der Glaube an ihn waren das Gebet.“

Über Gott uns die Welt hören wir viel, lesen einiges und reden auch darüber. Freilich viel mehr über die Welt als über Gott. In den Nachrichten über die Konflikte der Konfessionen, was der Papst gerade gesagt hat oder nicht gesagt hat, wo er doch etwas hätte sagen sollen, über Kirchen, die entwidmet werden und Moscheen, die eröffnen.
Wir reden über soziale Verantwortung, Ethik, Bewahrung der Schöpfung und über Geld. In den Gemeindekirchenräten über Denkmalschutz, Überalterung und die Friedhofssatzung. Worüber wir nicht reden: Gibt es überhaupt einen Gott?
Einen Gott der Bibel – und wenn ja, wie wirkt er? Ist er ein höheres Wesen, das direkt auf uns einwirkt oder tragen wie Gott ausschließlich in unseren Herzen und Seelen?
Hat er keine anderen Hände als unsere?
Was ist Hokuspokus, was ist wahrhaftig? Warum lebe ich?

Meine Frau war entsetzt und tief getroffen, als ich am Sonntag aus der Schrift las, wonach sie, die mir die Liebste, durch ihren Nichtglauben verworfen wird, dahin, wo es nur Heulen und Zähneknirschen gibt. Und daß man nur durch Jesus Heil erlangen kann. Dies stimmt für mich, aber meinen jüdischen und moslemischen Freunden will ich das nicht zumuten und dem Dalai Lama auch nicht sagen.
Wir reden zuwenig vom persönlichen Glauben und auch zuwenig vom Zweifel an diesem. Ich denke – die gehören zusammen, wie Mann und Frau, oder besser gesagt wie Paare, die garnicht gleich sind, aber dennoch nicht ohne einander sein wollen. Und beide Parts, den Glauben wie den Zweifel, finde ich auch in mir, und an meinem Tisch und Bett. Wir reden zu wenig darüber.
Ja, laß uns reden, meine schöne Ungläubige.

Sie: Ich bin tolerant erzogen und bewundere Zeugnisse menschlicher Leistungen, die aus dem Glauben erwachsen sind. Und dennoch ist es mir unbegreiflich, wie heute noch, bei dem Stand der Aufgeklärtheit, intelligente Menschen an ein höheres Wesen glauben. Als ob es Darwin und Einstein nie gegeben hätte.

Ich: Ja, warum soll Gott die Welt nicht so geschaffen haben wie Darwin diesen Prozeß beschrieb?
Im Alter fand er doch wieder zurück zu Gott, was er auch immer darunter verstand. So weit ab kann´s nicht gewesen sein, schließlich wurde er in der Westminster Abby christlich beerdigt. Und laß mich Einstein zitieren (Diesen Vers habe ich für solche Fälle immer griffbereit):

„Meine Religion besteht in meiner demütigen Bewunderung einer unbegrenzten geistigen Macht, die sich selbst in den kleinsten Dingen zeigt, die wir mit unserem gebrechlichen und schwachen Verstand erfassen können. Diese tiefe und emotionale Überzeugung von der Anwesenheit einer geistigen Intelligenz, die sich im unbegreiflichen Universum eröffnet, bildet meine Vorstellung von Gott.“
Ist der Gedanke Einsteins ein Argument für Dich?

Sie: 1:0 für den Glauben allgemein.
Aber Du sprichst in Deinem Glaubensbekenntnis vom allmächtigen Gott, der Himmel und Erde gemacht hat. Ist das zeitgemäß? Durch solche Glaubenssätze verprellst Du eher den „normalen“ Menschen, anstatt durch eine zeitgemäße Glaubensäußerung ihnen eine goldene Brücke zu bauen. Eins geht nur, entweder allmächtig oder gütig.

Ich: Ich bleibe dabei, der Glaube, gegen allen Augenschein und gegen alle einleuchtenden Argumente: Gott lebt. Ich behaupte: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein. Denn das Erste ist vergangen.“

Sie: Dein letzter Satz klingt fremd in Deinem Mund. Es ist nicht Deine Sprache. Du zitierst die Bibel. Wo bleibt Deine Freiheit, wenn Du nicht allein für Deine Hoffnung stehen kannst und Dir ständig die Stimme der Toten ausleihst, die Stimmen der Tradition und der Bibel? Denk selber! Und sage, was Du mit eigener Stimme und eigenem Herzen verantworten kannst, und nicht mehr.

Ich: Die Bibel ist unser kostbarstes Ding. Das Fundament, eine Hilfe, ein Gerüst, an dem man sich fest- und aufrecht halten kann.
Erinnere Dich: Bist Du nicht auch als Kind in Vaters alte Filzschuhen in der Wohnung umhergeschlappt? Ich machte das auch und tat so, als ob ich er wäre.
Und wenn ich 2- oder 3000 Jahre alte Bibelworte zitiere, dann schlüpfe ich in die Sprache und Bilder der Alten, meiner Tradition, meiner Toten.
Das haben Generationen vor uns gelesen und nachgesprochen. Und es hat ihnen geholfen. Ich fühle mich mit ihnen verbunden und ziehe dadurch Lebenskraft und finde Würde in oftmals unwürdigen Umständen. Nur so habe ich Krisen gut überstanden. Glaube mir: Es ist schön, zu glauben.

Sie: Ja, ich weiß, Glauben versetzt Berge. Durch Glauben motivierte Menschen schaffen das Zehnfache oder mehr.
Das kann aber auch in die falsche Richtung losgehen. Inquisition, Scheiterhaufen, Kreuzzüge, Kriegsverherrlichung, Unterdrückung der Frau.
Ich will Dich nicht langweilen. Deine Kirche hat sich nicht nur mißbrauchen lassen, sondern auch selber mißbraucht. Auch heute verachtet Ihr andere religiöse Entwürfe.
Jetzt in der Minderheit seid ihr lammfromm. Wenn ich glauben könnte, würde ich beten, daß religiöse Programme nie wieder an die Hebel der Macht gelangen werden.
Ich staune, wie Du so ungebrochen glauben kannst, daß alles gut ausgehen wird.

Ich: Ja, manchmal wundere ich mich über mich selbst, daß ich lieben kann, was so oft missbraucht wurde. Aber, meine skeptische Liebe, nenne mir irgendeine andere, eine nichtreligiöse Tradition, die nicht mißbraucht wurde. Denk daran, wie die Nazis Hölderlin, Beethoven, Wagner, Nietzsche und die wundervolle Mystik geschändet und mißbraucht haben. Die großen Tyrannen, die Menschenschlächter Napoleon, Hitler, Stalin, Pol Pot waren alle Atheisten.
Wer eine Tradition hat, hat den Geist seiner Väter und Mütter geerbt, und er muß sich mit ihrem Ungeist herumschlagen. Wer Väter und Mütter hat, steht auf ihren Schultern, und er muß ihnen vergeben, wie auch unsere Kinder uns einst vergeben müssen - sei es individuelles Fehlverhalten oder Schuld unserer Generation; ich denke da an die Maßlosigkeit im Umgang mit den natürlichen Ressourcen.

Sie: Schöne Worte, doch zurück zum Glauben. Was ist das für ein Gott, der die einen glauben läßt und die anderen nicht, auch wenn sie sich bemühen? Dem Einen wird die Gnade zuteil, dem Anderen sie verwehrt. Ihr seid doch nichts Besseres.

Ich: Das sind wir auch nicht. Aber Du darfst uns nicht absprechen, daß wir besserwerden wollen dürfen.
Schon von Anbeginn an haben Menschen versucht, Gott näher zu kommen. Der Weg ist das Ziel, und der Weg ist weit.
Ich glaube, daß Gottes Liebe so groß ist, daß es auch für die reicht, die nicht glauben können.
Glaub mir, es gibt viel mehr als wir fassen können. Ich glaube an Gott und spüre seine Liebe, wie ich auch Deine Liebe spüre, die ich ja auch nicht immer sehe und auch nicht immer spüre und dennoch da ist. Ein Geschenk.

Sie: Ich sehe, Du bist des Streites müde und willst Dich mit mir versöhnen.

Ich: Ja. Ich brauche Dich. Du bist die Laus in meinem religiösen Pelz, die mir keine Ruhe läßt und ohne die jede Religion zu gefährlich wäre. Darum will ich, daß wir zusammen bleiben.
Der Zweifel reinigt den Gauben, der Glaube heilt die Skepsis. Du kannst gar nichts dagegen tun, daß ich für Dich bete.
Kennst Du das Gedicht von Bonhoeffer?

Christen und Heiden

Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,
flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot,
um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.
So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.

Menschen gehen zu Gott in Seiner Not,
finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,
sehn ihn verschlungen von Sünde,
Schwachheit und Tod.

Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,
sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot,
stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod
und vergibt ihnen beiden.

// Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen in
Jesus Christus, Amen