Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hebräer 10, 19-25

Pastor Frank Lotichius (ev.-luth.)

01.12.2013 in der Kirche Breitenfelde

Abendmahls-Gottesdienst mit Taufe (+ 25-jähriges Ordinationsjubiläum)

Gnade sei euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wir beten: Oh Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Him­mel lauf, reiß ab vom Himmel Tür und Tor, reiß ab, wo Schloss und Riegel vor. Amen.

Liebe Gemeinde,

als ich Kind war gab es in den Wochen vor Weihnachten etwas ganz Besonderes, was uns unsere Eltern schenkten: das Weihnachtsmär­chen in einem ganz großen Theater. Mein Vater hatte aus berufli­chen Gründen die Möglichkeit, Karten für das Deutsche Schauspiel­haus in Hamburg zu bekommen. Das war unglaublich aufregend, denn das Theater war riesig. Der aufregendste und schönste Moment war, wenn sich nach langem Warten endlich der große Vorhang auf­tat und nun das Märchen begann wie eine Erzählung aus einer ande­ren Welt. An Peterchens Mondfahrt kann ich mich noch gut erinnern oder an Rumpelstilzchen.

Der Vorhang, das war wie der Eintritt in eine wunderschöne Welt. Wenn er sich auftat, ging das Herz auf, dann schauten wir mit gebannten Augen auf die große Bühne.

Das war fast so schön wie die Bescherung zu Weihnachten. Die Erin­nerung daran ist noch ganz frisch und lebendig.

Advent, Liebe Gemeinde, da tut sich für uns der Vorhang neu auf.

Al­le Jahre wieder. Alle Jahre wieder tut sich der Vorhang für uns auf wie zu einem Theaterstück. Ein Theaterstück, das fünf Akte hat. Der erste bis vierte Akt, die vier Adventssonntage sind so etwas wie Vorbereitungen und Einstimmungen auf das Hauptstück, auf das große Finale, die heilige Nacht.

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit.

Wunderbares kommt auf uns zu.

Wir wollen uns darauf einstimmen. Die ersten Plätzchen werden ge­backen, besondere Beleuchtung holen wir aus dem Keller oder vom Dachboden, Konfirmanden haben in der letzten Woche in der Schule bereits Adventliches oder Weihnachtliches gebastelt.

Der Gottesdienst mit seinen schönen Liedern und Lesungen, dazu noch mit einer Taufe und Blockflöten-Musik trägt sicher sei­nen Teil dazu bei, dass adventliche Gefühle in uns wach werden.

Heute also Vorhang auf zum ersten Akt! Festlich soll jemand in unse­re Herzen einziehen, der so viel Gutes mit sich bringt, Heil und Se­gen, Barmherzigkeit, Sanftmut, Trost, Freude und Wonne - wir sin­gen das mit dem ersten Lied aus unserem Gesangbuch, was für ein wunderbares Vorspiel für den ersten Akt!

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit.

Aber schon gibt es ein Stocken auf der Bühne, die Bühnenbildnerin taucht auf und fragt, welche Bilder denn da eigentlich passen könn­ten zu diesem ersten Akt, dem ersten Schritt auf das Finale hin. Wie bitte zeige ich Sanftmut und Wonne und Segen? Sie schaut in das Skript, und liest die Texte für den ersten Akt:

Es sind die Lesungen für diesen ersten Adventssonntag. Sie malen verschiedene Bilder. Das Evangelium malt mit kräftigen Farben den Einzug eines Königs, mit festlicher Musik und Lobgesang. Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, Hosianna! DA kann man was draus machen auf der Bühne und im Orchestergraben! Ruft begeis­tert der Regisseur.

Der andere Text sind Worte des ehrwürdigen Apostels Paulus. Der ist immer so spröde, grundsätzlich, moralisch, stöhnt der Regisseur: er­innert an die alten Gebote, an die Liebe, die wir tun sollen.

Aber er macht Tempo: Die Zeit ist schon da! Es hat schon angefangen! Auf geht’s! Also lahm darf es im 1. Akt nicht zugehen.

Und dann findet der Regisseur einen Text, der noch ganz andere Far­ben ins Spiel bringt mit etwas fremden Bildern. Es sind Worte aus dem Hebräerbrief aus dem Neuen Testament, ein Brief, der wahrscheinlich einmal eine Predigt war. Folgendes liest er:

Liebe Brüder und Schwestern!

Dank des Blutes, das Jesus für uns vergossen hat,

steht uns der Zugang in das himmlische Heiligtum offen.

Weil Jesus Mensch ist wie wir,

kann er für uns die Tür zum Himmel sein.

Auf diese Weise ist er der neue, lebendige Weg selbst,

wie ein Vorhang, durch den Gott zugänglich wird.

Er ist als der große Priester über Gottes Tempel gesetzt.

So wollen wir also mit einem Herzen, dass er rein gemacht hat,

und mit einem Glauben, dem er Kraft und Zuversicht geschenkt hat, vor Gott treten.

Denn unsere Herzen sind rein gewaschen von jedem Makel des schlechten Gewissens, wir sind in klarem Wasser gebadet.

So wollen wir unbeugsam festhalten an unserem Bekenntnis zu dem, was unsere Hoffnung ist.

Denn Gott, der die Verheißungen gegeben hat, ist treu.

Wir wollen darauf achten, das wir uns gegenseitig zu Liebe und zu anderen guten Taten anspornen.

Wir wollen nicht - wie es sich einige angewöhnt haben - unseren Versammlungen fernbleiben, sondern einander dazu anhalten, sie zu besuchen.

Und das umso mehr, als der Tag des Herrn nicht mehr fern ist.

(Übersetzung: Klaus Berger, Das Neue Testament und frühchristliche Schriften)

Der macht ja auch Tempo – sagt der Regisseur, ganz wie der Paulus! Als ob die Zeit drängt. Aber irgendwie so ganz anders, fremd kommt er daher, spricht von Jesus als einem Hohenpriester und ist irgend­wie so ganz rituell, so tempelmäßig.

Aber vom Vorhang hat er gesprochen, wendet die Bühnenbildnerin ein, das passt doch! Jesus ist wie ein Vorhang, durch den Gott zu­gänglich wird, wow! Vorhang auf – und die siehst IHN!

Jesus kann für uns die Tür zum Himmel sein, das ist doch ein wunderschönes Bild, das lässt sich prima umsetzen, das macht mich richtig an, meint Sie begeistert. Vorhang auf und du siehst ihn, den Allerheiligsten!

Und wie sieht der aus, fragt der Regisseur?

Na, wenn ich das genau wüsste, wär ich nicht mehr hier, antwortet die Bühnenbildnerin.

Beide sind berührt von dieser alten Predigt. Jesus selbst hat den Vorhang aufgetan, hat den Weg frei gemacht, durch das, was er ge­tan hat, durch seinen Weg, den er bis zum Blutvergießen gegangen ist. Sterben, damit wir leben können, sagt die Bühnenbildnerin ganz erschüttert. Vielleicht muss ich zum Himmel auch das Kreuz malen, irgendwie? Oder einfach Rot mit in das himmlische Blau malen.

Lila wird daraus, murmelt sie.

Und es geht auch um Liebe, wie beim Paulus. Ist das vielleicht der Türöffner, fragt der Regisseur ganz in sich gekehrt. Klar, das ist der Schlüssel zu allem. Wir müssen Szenen auf die Bühne bringen, in der Liebe deutlich wird, Liebe zum Nächsten, Freundlichkeit, Sanftmut, Barmherzigkeit, das muss irgendwie rüber kommen, sind sich beide einig. Aber statt Rot nehme ich Lila, sagt die Bühnenbildnerin. Dann hab ich beides, das Blau des Himmels, der uns verheißen ist und das Rot der Liebe und Hingabe von Jesus.

Irgendwie höre ich in all diesen alten Texten die große Sehnsucht nach erfülltem Leben, philosophiert der Regisseur.

Wie kommst du jetzt darauf, fragt sie?

Ach, ich denke an das alte Lied: Oh Heiland, reiß die Himmel auf! Reiß ab vom Himmel Tor und Tür! Aufmachen bitte, öffne mir die Tür zu dir, das höre ich in diesen alten Gesängen zu den ersten vier Akten. Das ist so eine ganz tiefe Sehnsucht. Sehnsüchtig muss auf der Bühne zugehen, meint er.

Aber zugleich so ganz überzeugt und irgendwie tief verwurzelt in ih­rem Glauben, meint sie. Hast das nicht auch gehört: So wollen wir unbeugsam festhalten an unserem Bekenntnis zu dem, was unsere Hoffnung ist. Denn Gott, der die Verheißungen gegeben hat, ist treu.

Klingt total schön, sagt sie, die Bühnenbildnerin. Aber so überzeugt könnte ich das nie sagen, da bin ich irgendwie noch ziemlich weit weg von. Muss noch wachsen.

Ich sag's ja, meint der Regisseur: Sehnsucht!

Ja, aber so ganz tief vom Glauben her, schwärmt sie

Aber regelmäßige Kirchgänger waren das wohl nicht, wendet der Re­gisseur ein.

Wie kommst du jetzt darauf fragt sie?

Naja, da steckt doch auch ne' ganze Menge Selbstkritik drin:

Wir wollen nicht - wie es sich einige angewöhnt haben - unseren Versammlungen fernbleiben, sondern einander dazu anhalten, sie zu besuchen.

Hab ich völlig überhört, muss die Bühnenbildnerin ehrlich zugeben.

Hatte dich wohl auf falschem Fuß erwischt, was? Der Regisseur kann sich einen kritischen Unterton nicht verkneifen.

Ist das nicht faszinierend, wie aktuell der Text ist? wendet sie schnell ein.

Jaja, antwortet der Regisseur, das sage ich ja schon immer. Manche halten ja die Bibel für verstaubt, für mich ist sie top aktuell, mitten aus dem Leben. O.k., Blut und Hohepriester, das muss man irgend­wie anders übersetzen, aber dieses Bild vom Vorhang, von der Tür die Jesus öffnet zum Himmel, das ist irgendwie genial.

Liebe Gemeinde, wir verlassen die imaginäre Bühne und das Ge­spräch zwischen Bühnenbildnerin und Regisseur und schauen auf un­sere eigene Bühne. Wie kann es für uns Advent werden?

Ob auch wir, sie und du und ich auch vom Heiligen berührt werden, zudem uns Jesus Tür und Tor geöffnet hat und ob Heil und Segen in mir Wohnung nehmen, so dass es auch in mir Weihnachten werden kann wenn der fünfte Akt, das große Finale gespielt wird, das hängt viel­leicht auch von uns ab, wie wir uns auf den Advent Gottes einstellen, vorbereiten, sehnsüchtig.

Der schönste ist ja, Liebe Gemeinde, dass das Stück, das mit dem ersten Advent beginnt, kein Märchen ist, sondern viel mehr.

Obwohl der Schluss, den man häufig in einem Märchen liest, etwas abgewandelt durchaus passt: und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Bei uns heißt es so: weil er gestorben ist und wieder auferstanden, lebt er noch heute und ist unter uns.

Durch die Geburt Jesu Christi hat Gott die Tür zu dem, was wir hei­lig nennen, für uns ganz weit aufgetan. Dieses Geheimnis wenigs­tens ein Stückchen zu verstehen braucht Zeit. Deshalb feiern wir Ad­vent mit den Adventssonntagen, mit denen wir Schritt für Schritt auf IHN zugehn.

Und so wünsche Ihnen allen von Herzen eine wunderbare, mit Heil und Segen gefüllte Adventszeit. Vielleicht sehen wir uns ja auch beim zweiten und dritten und vierten Akt?

Sicherlich beim Finale. Das ist ja auch das Hauptstück. Möge es ein guter Weg bis dahin sein.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewah­re unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unseren Herrn. Amen

Verfasser: Frank Lotichius