Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hebräer 11,8-10

Dr. Hartmut Becks

24.02.2002 in der Evangelischen Kirche Alpen/Westfalen

"Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden Land und wohnte in den Zelten Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist."

Hebräer 11,8 - 10

Liebe Gemeinde!

Der Taumelkäfer, lat, Name 'grynidae marginalis' ist ein sehr interessantes Tierchen. Nicht nur weil er die Oberflächenspannung des Wassers ausnutzt und dann leicht darübergleitet, sondern vor allem weil er geteilte Augen hat, vier Augen also: Zwei schauen nach unten, auf den Boden, um unter der Wasseroberfläche zu sehen, was es für Möglichkeiten gibt. Die anderen beiden aber schauen gleichzeitig nach oben, um immer im Auge zu behalten, was einen von dort erwartet. Sein Sehen ist also ein Ineinander und Beieinander von oben und unten, von Himmel und Erde. Er kennt die Grenzen seines Lebens und die Gebundenheit der Existenz, aber eben darin auch das Umfangensein von einer viel größeren und unvorstellbaren Weite, die alles umgibt und trägt.

Von unseren Ursprüngen her könnten wir alle hier ähnlich begnadete Geschöpfe sein wie der Taumelkäfer. Denn auch in uns ist die wunderbare Fähigkeit angelegt, nicht nur auf das Naheliegende starren zu müssen, nicht nur nach unten auf Nützliches, auf Technisches, auf Beute. Sondern wir haben zugleich Augen für die Weite des Seins, für die Geborgenheit und den tiefen Frieden, der jenseits unserer kleinen Welt liegt. Seit Menschengedenken hat es darum Religion gegeben. Der Glaube liegt im Ursprung des Menschen. Dass der Mensch diese Augen für Gott hat, für die Ewigkeit, macht zurecht seine Erhabenheit aus, seine Kultur, seinen Glanz.

Nun wissen wir aber alle, dass genau diese Sehfähigkeit beim Menschen durchaus verkümmern kann. Und zwar um so mehr sich der Mensch nur mit den unteren Dingen befasst, seine Augen nur auf das Naheliegende richtet, um so weniger scheinen diese anderen Augen, die in uns sind, geschult zu werden und manche werden dadurch zu der Seite des Himmels hin regelrecht blind. Wir sind dann so auf den Morast unseres Alltags fixiert, auf unsere Ängste und Sorgen, auf unser Sichern und Arbeiten, dass wir gar nicht mehr merken, in welchem Kontext das alles stattfindet, welchen weiten Sinn das hat, und uns kommt das "Maß des Lebens" abhanden. Dieser Sehverlust ist nicht nur ein Handicap sondern eine gefährliche Behinderung, eine 'Krankheit zum Tode', wie es Kierkegaard einmal ausgedrückt hat, weil es die Grenzen und die Bestimmung unseres Lebens verlieren lässt. Der Taumelkäfer ohne die nach oben gerichteten Augen würde seine Orientierung verlieren. Ein gutes Beispiel dafür ist ja Kain: Er erschlug seinen Bruder. Warum? Weil er den Blick nach oben verloren hatte. Er sah nur noch seine Maßstäbe und seine Belange und seine Gerechtigkeit. Darum hatte er auch keine Vorbehalte und Skrupel mehr, meinte auch absolute Urteile sprechen zu können und tötete am Ende. Und Gott fragt ihn: "Warum senkst du nur deinen Blick auf die Erde?" (Gen. 4, 6)

Liebe Gemeinde!
Was ich damit sagen will: Es ist gefährlich und eine "Krankheit zum Tode", wenn uns diese Dimension abhanden kommt. Eine Kultur, eine Gesellschaft, die blind für die Weite des Daseins, für die Liebe Gottes geworden ist, zerfleischt sich am Ende selbst und wird zum Horror. Sie verkennt ihren Stellenwert und macht sich zum Selbstzweck.

Der Hebräerbrief, aus dem wir heute morgen den Predigttext gehört haben, ist genau in so einer Situation entstanden. Er stammt aus dem Ende des 1. Jh. n. Chr., aus einer Zeit, in der Luxus und Dekadenz sich im Römischen Reich begannen auszubreiten und sich viele fragten, welchen Sinn Glaube und Gottesdienst überhaupt noch haben. Man beginnt in Rom die eigenen Götter zu verhöhnen und auch die Christen fragen sich, ob nicht ihr Glaube überflüssig ist und man glücklich und in Frieden nicht auch ohne den Blick auf Gott leben kann. Man beginnt zu verspotten und zu verlachen, was den Vätern und Müttern noch heilig war und gibt sich lieber dem Vergnügen hin, den weltlichen und materiellen Genüssen, dem Spaß. Die, die noch ein Auge für Gott haben, werden als komische Käuze abgetan, als verschroben und rückwärtsgewandt, am Ende werden sie sogar verlacht und verhöhnt. Das ist schick. Kennen wir diese Situation irgendwoher? Der Schreiber des Hebräerbriefes ruft darum fast flehentlich seinen Leuten zu: "Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat; und lasst uns aufeinander Acht haben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken und nicht verlassen unsere Versammlungen, wie einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen." Es ist so als ob er sagen wollte: Macht euch nicht völlig blind für die andere Seite eures Lebens, damit ihr nicht im Sumpf eurer Überheblichkeit untergeht. Vor allem mit langen Geschichtsrückblicken versucht er zu zeigen, dass der Glaube nicht nur aus monotonen und langweiligen Sätzen besteht, die man nachsprechen soll, nichts also, was dem Menschen künstlich auferlegt wird, sondern aus der Erfahrung und dem Leben selbst kommt und dass der Glaube mit dem alltäglichen Leben von Menschen immer zu tun hatte.

Vielen ist ihr Glaube fraglich geworden, weil sie meinen, es ginge darum, etwas für wahr zu halten, was man überhaupt nicht sehen kann. Wie ein Zwang, mir etwas vorzustellen, was ich noch nie erfahren habe. Dem widerspricht der Hebräerbrief vehement, wenn er sagt: "Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht."

Glaube darf man nicht verwechseln mit Vermuten. Es geht in Wahrheit um eine innere Gewissheit. Darum versucht er dies am Beispiel von Abraham klarzumachen. Abraham, ein Vorbild des Glaubens für Juden, Moslems und Christen zugleich. Er war kein Träumer, kein entrückter Spinner, sondern er stand als Sippenältester in voller Verantwortung seinen Mann, schaute darum verantwortungsvoll auf die Notwendigkeiten und praktischen Belange des Lebens. Er musste Entscheidungen treffen, sicher auch unangenehme, die viele Menschen betrafen. Aber trotzdem wurde Abraham nicht selbstherrlich, wurde nicht überheblich und verlor den Blick auf die Grenzen seines Lebens, er blieb demütig. Er hatte bei allem sozusagen immer noch die Augen, die nach oben schauten, intakt. In allem, was er tat, sah er darum auch auf Gott. Und seine Entscheidungen hatten mit dieser Sichtweise zu tun. Darum war er gehorsam, weil er sah, dass es alles noch in einem größeren Kontext steht. Sehr schön deutlich wird das in der Geschichte, als er sich von Lot trennt. Er überlässt Lot um des Friedens willen das bessere Stück Land und gehorcht damit einer höheren Vernunft. Er schaut nicht nur auf das Naheliegende, sondern blickt weiter. Jeder muss ihn für verrückt erklärt haben, aber als die Geschichte weitergeht, zeigt sich, was aus Sodom und Gomorra wurde. Es zeigt sich, dass die Entscheidung, die Abraham traf, einem guten Instinkt entstammte, Weitblick hatte. So auch sein Aufbruch in ein völlig fremdes Land, an den der Hebräerbrief erinnert. Er zog los, obwohl es äußerlich für ihn keine Sicherheiten und Garantien gab. Aber er hatte Vertrauen und Mut, weil seine Augen auf Gottes Verheißung und Gottes Zusage sahen. Äußerlich war natürlich zunächst einmal gar nichts sichtbar. Nur Not, Fremdheit und Risiko. Hätte er diesen Blick auf Gott nicht gehabt, wäre er womöglich zu Hause sitzen geblieben, warm und sicher, aber wäre am Ende gestorben mit all den Seinen.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, liebe Gemeinde. Abraham hat für mich etwas Archaisches, hat sozusagen eine ursprüngliche Witterung in sich, die ihn ganz von selbst auf den Weg Gottes führt. Obwohl er vor viel tausend Jahren gelebt hat, weiß er schon, dass alles, was wir tun, alle Städte, die wir bauen, nicht endgültig sind, sondern er wartet auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist. Er hat ein ganz tief verwurzeltes Wissen über die Vorläufigkeit und Begrenztheit unseres Handelns. Und genau damit sind wir an einem neuralgischen Punkt, der uns gerade jetzt wieder in der postmodernen Situation des Jahres 2002 betrifft wie nie. Denn auch wir sind doch heute wieder an einem ähnlichen Punkt wie kurz vor dem Ende des Römisches Reiches. Machen wir uns doch bitte nichts vor. Wir leben schon längst in einer entchristlichen Gesellschaft. Zwar gibt es die Institution noch. Aber in Wahrheit haben die meisten den Blick für die Tiefe der Religion, ihre Frömmigkeit verloren. Das, was unseren Vätern noch heilig war, wird von vielen in unserer Wohlstandsgesellschaft mit Süffisanz belächelt. Unseren Kindern wird regelrecht nur der Blick auf die engen Grenzen des Konsums und der Leistung erlaubt. Demut, Ehrlichkeit, Treue, Selbstkritik werden zu Fremdwörtern in einer Gesellschaft, die sich selbst zum Maßstab erklärt hat. Natürlich gibt es Leute, die spüren, dass sich schleichend ein gefährlicher Werteverfall einstellt, dass unsere Orientierung zunehmend abhanden kommt. Wie Vorgesetzen, wenn der Chefredakteur der RP in einem Kommentar auf der ersten Seite sichtlich besorgt Folgendes schreibt:

"Alexanders Imperium: weg. Griechisches und Römisches Reich: und tschüs. Osmanisches Reich: versunken....Reiche kommen und gehen. Aber auf Größe und erfüllte Zukunft gibt es keine Garantie, nicht durch Reichtum, Wohlstand und Macht: Und Deutschland? Die deutsche Justiz setzt aus Wurschtigkeit schon mal geständige Kopfabsäger frei.... Die deutsche Politik hat das Land ans untere Ende Europas regiert..... Zwischendurch werden Deutschlands Schüler auf Mittelmaß heruntergezogen. Die schlampigen BSE-Tests sind in der Horrorliste dann nur noch ein Aperçu. Das alles ist schlimm. Noch schlimmer ist, dass nichts sich ändert. Reform wird zum Lügenwort: Kaum versprochen - schon gebrochen".....

Liebe Gemeinde!
Ich habe den Eindruck: Viele sind in der letzten Zeit nachdenklich geworden, was unsere Entwicklung angeht. Viele beklagen die Kälte, die Raffgier, die egoistische Selbstverliebheit besonders die Oberflächlichkeit einer nur materialistisch ausgerichteten Gesellschaft. Aber keiner traut sich zu sagen, dass das eine tiefe Ursache hat. Und dass diese Ursache im Verlust unserer Religion liegt. Wenn unsere Augen für Gott verkümmert sind, wenn wir permanent den Himmel außer Acht lassen und nur noch um uns selbst kreisen, werden wir vollends Maß und Orientierung verlieren. Die Blindheit auf dem Auge des Glaubens ist eine Krankheit zum Tode. Wir werden uns am Ende selbst zerfleischen, wir machen uns selbst wertlos.

Darum bin ich der gleichen Auffassung wie der Verfasser des Hebräerbriefes. Wir müssten als Christen aufrütteln, ermahnen, auffordern, zurückzukehren zum Sinn des Lebens. Wir müssten laut rufen: Kommt doch zurück zu den Gottesdiensten. Werft nicht alles achtlos in den Dreck, was eure Väter glaubten. Achtet auf den Sinn der alten Gebote. Reibt euch die Verkleisterung der Marktwirtschaft aus den Augen, damit ihr wieder die ganz andere und erhabene Dimension des Daseins erblicken können. Lasst euch von Jesus Christus und seinem Wort der Liebe ergreifen.

Ich glaube, es ist noch nicht alles verloren: Wir können noch nachdenklicher werden. Wir können unsere Religion nämlich nicht einfach wegwerfen, wie etwas Überflüssiges, weil sie in Wahrheit ein Teil von uns ist, der nur verschüttet daliegt. Weltreiche, Ideologien, Bauwerke können untergehen, aber nicht der Glaube. Darum bin ich auch dezidiert der Auffassung, dass sich die Kirche der Zukunft nicht noch mehr der Gesellschaft und ihren Realitäten [zuwenden sollte], wir sollten endlich die Skepsis gegenüber der Technik und das Bejubeln der Globalisierung aufgeben. Das wäre für mich die Fortsetzung der Anbiederungsmethode der 70er Jahre, die ich für fatal halte. Kirche muss stehen bleiben für eine kolossal andere Sichtweise der Welt. Sie muss sozusagen den Menschen helfen, ihre Augen für die fundamental andere Perspektive des Lebens zu öffnen. Kirche ist keine Gefälligkeitsorganisation, die die Entwicklungen der Moderne absegnet und damit moralisch rechtfertigt. Sondern das Evangelium trägt in sich immer eine in Frage stellende Kraft, ein Korrektiv zur einseitigen Sicht der Welt.

Wir sind jetzt in der Passionszeit: Im Gegensatz zum Karneval eine Zeit, an die unsere Gesellschaft auch nicht gerne erinnert werden möchte. Aber gegen alle Popularität sprechen wir hier in der Kirche von Jesus, wie er einsam im Garten Gethsemane sitzt und darum bittet, dass der Kelch des Leidens und des Todes an ihm vorübergeht. Es wäre ein leichtes gewesen einfach davor zu fliehen. Aber Jesus hat Augen, die sehen und Ohren, die hören. Er weiß, dass es mehr gibt als nur das Naheliegende und er vertraut sich ganz und gar der großen Liebe an, die er sieht und die ihn umfängt. Er sieht, dass sein Leben eine Grenze hat, er wird demütig und gehorsam. Seine Grenze ist das Kreuz. Aber das Kreuz wird zum Wendepunkt. Der Blickwinkel verändert sich und es zeigt sich, dass es mehr gibt, als uns vor Augen ist, dass es einen Weg gibt, der weitergeht und in die Ewigkeit des Lebens führt. Dieser Frieden und dieses Vertrauen und diese Erfüllung stecken im Glauben. Wer es nicht sehen kann, muss bald beginnen Schutt wegzuräumen, er muss aufblicken lernen um eine andere Perspektive zu bekommen. "Wenn du diesen Glauben hast, ist alles möglich!" hat Jesus einmal gesagt.

Amen