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Predigt über Hebräer 13,12-14

Pfarrer Ulrich Braun

17.03.2002 in der Klosterkirche zu Nikolausberg, Göttingen

Aufrechter Gang

Predigttext: Hebräer 13, 12-14
Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Liebe Gemeinde!

I. Von Anfang an

Nachdem die Evolution für unsere Vorfahren den aufrechten Gang erfunden hatte, war es bald so weit. Der homo erectus, der aufgerichtete Mensch, stellte fest, dass er sterben musste. Er entwickelte Bräuche der Bestattung. Er ließ seine Toten nicht einfach liegen oder verscharrte sie, sondern gab ihnen Zeichen der über den Tod hinaus fortdauernden Würde bei.

Die Anthropologie datiert mit dem Auftreten nachweisbarer Bestattungsriten den Beginn des Menschlichen. Indem man sich der eigenen Sterblichkeit bewusst wurde, wurde irgendwo in der Zeit aus dem homo erectus, dem aufgerichteten Menschen, den man für die zeit vor etwa 1,5 Mio Jahren nachweisen kann, der homo sapiens, der weise Mensch, den es seit etwa 300 000 Jahren gibt.

Tief aus diesem Brunnen der menschlichen Vergangenheit quillt das Wissen, dass wir hier keine bleibende Stadt haben. Aus diesem Wissen quillt Kultur, Dichtung, Musik, Tanz, Malerei - Spuren des Ewigen in dem der Endlichkeit verfallenen Menschenleben. Allein: der aufrechte Gang, mit dem doch einmal alles angefangen haben soll, ist angesichts dieses Wissens kein leichtes Erbe.

II. Herr lehre mich bedenken

„Herr, lehre mich doch, dass es ein Ende mit mir haben muss / und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss“, betet der 39ste Psalm und fährt fort: „Siehe, meine Tage sind eine Handbreit vor dir, / und mein leben ist wie nichts vor dir. / Wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher wohnen!“ Das ist die Aufgabe. Mit dem Wissen zu leben und dabei den aufrechten Gang nicht zu vergessen.

Der 90ste Psalm formuliert noch einmal: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden!“ Offenbar ist der Gedanke doch etwas, woran einer geradezu blöde oder irre werden kann. Also bedarf es der Fürbitte, dass genau dies nicht eintritt. Wenn es sich schon so verhält, dass wir hier keine bleibende Stadt haben, und wenn das Bewusststein davon geradezu ein Kennzeichen des Menschlichen sein soll, dann soll es uns klug machen. Das Bewusstsein soll zur Weisheit und damit unserer Gattungsbezeichnung, homo sapiens sapiens, zur Ehre gereichen.

III.

Wie kann solche Weisheit aussehen? Und wenn aus dem Bewusstsein, dass wir hier keine bleibende Stadt haben, doch auch und zuvörderst Verstörung quillt: Aus welchen Quellen soll diese Weisheit schöpfen?

Nun, die Weisheit wird sich zunächst allen Versuchen verweigern, unnütze Bollwerke gegen die Endlichkeit zu errichten. Seien es Tempel und Opferkulte, sei es der medizinische Fortschritt: nirgendwo können wir den Passierschein für die Ewigkeit lösen. Auch Glaubensbekenntnisse und religiöse Erlebnisse tun gut daran, die Welt, in der wir leben und die Grenzen, die sie uns auferlegt, nicht zu vergessen.

Die Quelle der Weisheit und des Trostes angesichts der eigenen Endlichkeit macht der Autor des Hebräerbriefes an überraschender Stelle aus. Na gut, in der Redegattung Predigt überrascht es nicht wirklich, dass die Quelle im Leiden Christi gefunden wird. Doch was uns am Sonntagmorgen schon beinahe abgedroschen vorkommt und den einen oder die andere an den Witz von Klein Fritzchen, das Eichhörnchen und das liebe Jesulein erinnert, ist in der Tat zur Zeit der Entstehung des Hebräerbriefes irgendwo zwischen Sensation und Skandal verortet.

Dort nämlich, wo die Hinfälligkeit des ganzen Menschenwesens offenkundig wird, genau dort wird von der Gegenwart Gottes gesprochen. Der Tempel in Jerusalem ist bereits im Jahre 70 nach Christus von den Römern zerstört worden. Etwa 30 Jahre später bezieht sich der Brief darauf. Auch dieser Tempel war eben kein Fahrkartenschalter für die Ewigkeit. Er war von Menschen erbaut und unterlag den Zersetzen der Zeit und der Vergänglichkeit. Der Stein, aus dem Tempel und große Städte gebaut sind, ist ein trügerisches Versprechen auf Dauerhaftigkeit.

Tempel und Städte sind doch erst durch Menschenhände erschaffen. Es ist Wunder genug, dass sie oftmals die Lebensspanne ihrer Erbauer um ein Vielfaches übertreffen. Was aber wahrhaft Dauerhaft und göttlich ist, ist nicht durch Menschen zu erbauen und zu befestigen. Es wird aber spürbar gerade an den Grenzen des sichtbaren Lebens. Es ist Gottes Gegenwart im Menschen selbst. Denn sie reicht bis an die äußersten Grenzen des Lebens - und darüber hinaus.

Aus dieser Gegenwart schöpft sich die Kraft des Menschen zum aufrechten Gang - trotz und alledem. Aus dieser Quelle fließt, was Menschen in die Lage versetzt, nach einem Zusammenbruch die Toten zu bergen, sie zu begraben und zu betrauern, dann aber die Trümmer aufzuräumen und neu zu beginnen. Das Leben ist eine Baustelle.

IV. Bernie Goldstein

Bernie Goldstein war ein im Grunde frommer Mann. Als seine Frau nach langer Krankheit gestorben war, entschloss er sich nach dem Trauerjahr noch einmal ganz neu anzufangen. Er nahm 30 Pfund ab, kaufte sich neue, moderne Anzüge und ein teures Toupet. Als er in nagelneuen weichen Wildlederschuhen federnden Schrittes aus dem Schuhgeschäft auf die Straße trat, überfuhr ihn ein Lastwagen.

Bernie war sofort tot. Im Himmel angekommen beklagte er sich bitter bei Gott: Wie konntest du mir das antun. Ich war ein ehrlicher Mann, bin regelmäßig zur Kirche gegangen und habe für die Armen gespendet. Warum also ich? Warum gerade jetzt? Antwortet Gott: Um ehrlich zu sein, ich habe dich nicht erkannt.

V. ... aber die zukünftige suchen wir

Glück und Schicksal verfahren ohne Ansehen der Person. Nach Goethe tappen sie unter die Menge, fassen bald es Knaben lockige Unschuld, bald auch den kahlen schuldigen Scheitel. Keiner hat hier eine bleibende Stadt, und die, die doch so sicher wohnen, haben nichts in der Hand, wenn das Schicksal auf sie zugreift.

Der Mensch hat, wohl um sich seinen aufrechten Gang zu bewahren, Großes geleistet. Er hat seiner Endlichkeit Ausdruck verliehen in Dichtung, Musik und bildender Kunst. Johannes Brahms hat die eingangs zitierten Psalmworte in seinen Deutschen Requiem vertont. Allein der Ausdruck ist ein Gegengewicht zur Endlichkeit. „Wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher wohnen?“ Das Ringen mit der eigenen Sterblichkeit ist einer der unerschöpflichen Motoren der Kunst und der Kultur. Darin gestaltet sich die Suche nach der zukünftigen Stadt, nach etwas, das nicht einfach von den Zeiten ausgewaschen wird.

VI. stromab

Wer ein wenig stromab lebt, sieht die Quelle nicht. Er lebt aber gleichwohl an den Wassern, die aus ihr fließen. Wir leben so ein Stück stromab, 1,5 Mio Jahre stromab seit die Evolution für uns den aufrechten Gang erfand, etwa 300 000 Jahre seit dem aufrechten Menschen Weisheit unterstellt wird, 2500 Jahre nachdem das Buch der Psalmen entstand, dem Johannes Brahms seine ernsten Gesänge und die Texte für das Requiem entnahm, und 1970 Jahre nachdem etwas außerhalb von Jerusalem ein Mann aus Galiläa ans Kreuz geschlagen wurde.

Aus diesen Wassern der Menschengeschichte schöpfen wir Manches: Trost und Erschrecken, Hoffnung und Fragen und sogar den verwegenen Mut, mit Bernie Goldstein noch Witze über den Tod und das blinde Schicksal zu machen.

All das ist auch immer die Frage nach der Quelle dieser Menschen-Kultur-Geschichte - und damit zugleich die Suche nach der sicheren und zukünftigen Stadt, wo unser Leben sein Ziel haben soll.

Der Hebräerbrief gibt einen Bericht über die Quelle. Es ist der Tod Jesu, der Tod Gottes selbst, der im Menschensohn ganz gegenwärtig war. Mitten in der Verstörung selbst, im Tod, ist Gott dem Menschen nah. Also dort, wo der aufrechte Gang am meisten in Gefahr ist, da wird der Mensch wieder aufgerichtet und erkannt.

Jetzt, wo ich ein Stück stromab lebe, erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin, schreibt Paulus an die Korinther. Das wird auch Bernie Goldstein nicht anders ergehen, dass er trotz Toupet und weichen Wildlederschuhen doch erkannt ist und bleibt. -- Was ihn eben nicht gegen blinde Schicksalsschläge abschirmt.

Der homo sapiens darf weiter aufrecht gehen. Nach Schicksalsschlägen wird er die Toten bergen, betrauern und begraben. Er wird die Trümmer räumen und auf ihnen neu aufbauen. Nichts Ewiges, aber das, was unser sichtbares Leben eben ausmacht. Ein Haus für heute und morgen. Danach sehen wir dann weiter. Auf die Quellwasser ist auch ein gutes Stück stromab verlass.

Und dort, wo der homo sapiens sapiens mit seiner Weisheit am Ende ist und erkennen muss, dass er hier keine bleibende Stadt hat, wird Gott seinen aufrechten Gang stützen. Und wir werden erkennen, wie wir erkannt sind.

Amen