Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hebräer 13,12-14

Edgar L. Born

29.03.2009 in der Ev. Kirche in Feudingen

Text:

Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.

So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.

Denn wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir.

 

  1. Draußen vor dem Tor

Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.

Draußen vor dem Tor ist kein schöner Ort. Da führt man die Abgeurteilten hin, die Gefolterten, um ihnen den Rest zu geben. Dort werden sie endgültig aufs Kreuz gelegt.

Draußen vor dem Tor wird gestorben. Dort riecht es nach Schweiß und Tränen und nach Blut.

Draußen vor dem Tor ist ein schmutziger Ort, wo die Soldaten das Sagen haben und die Henker ihr blutiges Handwerk verrichten.

Draußen vor dem Tor ist kein ruhiger, beschaulicher Ort, sondern ein lauter Ort, an dem geschrieen, geklagt und geweint wird.

Draußen vor dem Tor will eigentlich keiner gern sein. Und doch gibt es Menschen, die fasziniert sind von diesem Ort. Die Neugierigen, die Gaffer, die sich vom Schmerz anderer ernähren.

Deshalb ist dieser Ort auch – so merkwürdig es klingt - ein Ort, an dem gelacht wird: ausgelacht und verspottet. Ein Ort, der den Spöttern gefällt.

Draußen vor dem Tor ist ein grausamer Ort. Golgatha. Schädelstätte. Richtplatz.

Draußen vor dem Tor: so etwas wie die Müllkippe für den menschlichen Abschaum.

Draußen vor dem Tor werden die Aussortierten und Abgeschriebenen bloß- und die Übeltäter zur Schau gestellt, aller Ehre und Würde beraubt.

Manchmal hängen die Gekreuzigten tagelang, winden sich in Schmerzen, bis sie endlich ihr verlorenes Leben aushauchen. Manchmal bleibt der Leichnam hängen zur Abschreckung oder einfach deshalb, weil es niemand mehr gibt, dem dieser Mensch irgendetwas bedeutet. Weil alle, die ihn einst liebten, ihn für immer aufgegeben haben. Oder einfach Angst haben, mit so einem in Verbindung gebracht zu werden.

Draußen vor dem Tor ist man ganz einsam. Von allen verlassen. Ein Ort, an dem Verzweiflung und Zweifel herrscht.

Wo es Rufe gibt wie: Wo ist denn Gott? Warum tut er denn nichts? Wie kann er das zulassen? Besonders rufen es die Spötter, als der da am Kreuz hängt, von dem gesagt wird, er sei Gottes Sohn.

Wo ist denn dein Gott? Warum greift er nicht ein?

Draußen vor dem Tor. Ein Ort der Gottverlassenheit?! Der eine am Kreuz schreit: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Doch: durch diesen einen wird dieser Ort verändert. Geradezu ein heiliger Ort. Das heißt nicht, dass gerechtfertigt wird, was hier geschieht. Das Unrecht, das hier geschieht an dem einzig Unschuldigen, bleibt Unrecht. Der Ort wird nur deshalb geheiligt, weil er da ist, der wirklich Heilige, der Sohn Gottes, der hier stirbt.

Aber gerade weil er draußen leidet, macht er so alle Menschen, die leiden, zu seinen Brüdern und Schwestern. So heiligt er das Volk. Mit seinem eigenen Blut.

 

Draußen vor der Tür: So heißt ein Drama von Wolfgang Borchert, dass Entwurzelung widerspiegelt direkt nach dem Krieg. Ein junger Soldat kommt nach Hause und findet die Heimat wie eine Fremde vor. Nicht nur, weil der, der ihn in den Krieg schickte, nicht mehr da ist, und auch sein tausend jähriges Reich in Trümmern liegt, ist ihm die alte Heimat fremd geworden. Sondern auch, weil der junge Soldat sich selbst fremd geworden ist. Draußen auf dem Schlachtfeld hat  er so viel Entsetzliches gesehen, was ein Mensch überhaupt nicht sehen müssen sollte. Vielleicht hat er sogar Entsetzliches getan. Die Fremdheit jedenfalls trägt er in sich. Und jetzt ist er Fremder unter Fremden, die sich auch nicht zu Recht finden in dem Neuen, das noch keine Kontur hat und kein Ziel.

Der junge Soldat fasst keinen Fuß mehr. Sein Weg endet im Dunkel.

Draußen vor der Tür: ein wirkliches Drama, das sich womöglich täglich wiederholt, unter anderen Vorzeichen, in anderen Zeiten und unter anderen Umständen. Vielleicht unter den Fremden, die so gerne dazugehören würden, denen man aber demonstrativ die kalte Schulter zeigt.

Vielleicht unter den Arbeitslosen, die einfach aussortiert wurden, weil sie zu alt wurden oder weil man sie einfach nicht mehr brauchte, als das Unternehmen in Insolvenz ging.

Vielleicht bei denen, die straffällig geworden sind und niemand mehr an sie glaubt, dass sie doch noch eine zweite Chance verdienen haben und auch nutzen werden.

Vielleicht unter denen, die einfach anders sind, weil sie von irgendeiner – wie auch immer zustande gekommenen - Norm abweichen.

 

Draußen vor dem Tor. Der unbekannte Hebräerbriefschreiber formuliert das Ungeheure, das Unglaubliche und doch so überaus Tröstliche: Draußen vor dem Tor ist Gott, da ist sein Sohn Jesus Christus bei den Ausgestoßenen und Ausgrenzten, den Entwurzelten, die sich nirgends zugehörig fühlen, überall übrig und nicht gewollt.

 

Dietrich Bonhoeffer schrieb: „Christus hat diese Menschengestalt angenommen...

Wer sich jetzt am geringsten Menschen vergreift, vergreift sich an Christus, der Menschengestalt angenommen hat und in sich das Ebenbild für alles, was Menschenantlitz trägt, wieder hergestellt hat... Der Menschgewordene macht seine Jünger zu Brüdern aller Menschen.“  Und man sollte hinzufügen: besonders der Leidenden.

Heißt das vielleicht dieses, dass unser Platz vielleicht weniger drinnen, wo es warm und angenehm ist, sein soll, sondern da draußen, wo gelitten und gestorben wird? Beim aussortierten Abschaum?

Nun also: was sollen wir tun?

 

  1. Hinausgehen und seine Schmach tragen

So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.

Könnte so Nachfolge des Gekreuzigten aussehen? Hinausgehen und bei ihm sein in seinem Ausgestoßensein? Mitleiden, Mittragen? Und eben auch solidarisch sein mit denen, die aussortiert sind?

Verträgt sich unsere gutbürgerliche, brave Existenz mit diesem Hinausgehen? Die eigene Sicherheit aufs Spiel setzen, den eigenen Status nichts achten und den Abstieg riskieren?

Die Schmach tragen. Bei Jesus stehen in seinen Leiden. Dabei dürfem wir fröhlich und selbstbewußt „das Kreuz wie eine Krone tragen“, wie der Kirchenvater Johannes Crysostomos es einmal gesagt.

 

Dietrich Bonhoeffer, evangelischer Pastor und Widerstandskämpfer gegen Hitler, wurde systematisch nach draußen gedrängt: zuerst (1936) wurde ihm die Lehrbefugnis für die Universität entzogen, dann (1937) wurde das Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Finkenwalde geschlossen, dann (1938) wurde ihm verboten, sich in Berlin aufzuhalten, dann (1940) folgte ein Reichsredeverbot und die Sammelvikariate wurden verboten, 1941 folgte ein Veröffentlichungsverbot, bevor er dann am 5.4.1943 verhaftet wurde. Erst ausgesperrt, dann eingesperrt: zuerst fast 1 ½  Jahr U-Haft, dann ½ Jahr Gestapogefängnis, schließlich in verschiedenen KZ’s. Und am 9.4.1945 im KZ Flossenbürg in der Oberpfalz erhängt.

Von Bonhoeffer haben wir aus der Haft nicht nur einen bewegenden Schriftwechsel, der unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ veröffentlicht wurde, sondern auch 10 Gedichte.

Vielleicht ist Poesie überhaupt eine Antwort auf so viel Grauen. Poesie und Gebet.

Das bekannteste Gedicht ist zweifellos das Letzte: Von guten Mächten. Ein anderes heißt:

 

Heiden und Christen.

Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,

flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot,

um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.

So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.

 

Menschen gehen zu Gott in seiner Not,

finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,

sehn ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.

Christen stehen bei Gott in Seinem Leiden.

 

Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,

sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot,

stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod,

vergibt ihnen beiden. (Widerstand und Ergebung, S. 382)

 

Christen stehen bei Gott in Seinem Leiden. Bonhoeffer hat daraus sein Bild von Kirche entworfen, die eine Kirche für andere sein soll. Eine Kirche, die nicht in erster Linie um ihrer selbst willen besorgt ist. Eine Kirche, die nicht fortwährend unterscheidet zwischen denen, die drinnen und denen, die draußen sind. Sondern einfach dem Gekreuzigten in den Ausgestoßenen dient.

So hat sich Bonhoeffer auch selbst unter den Gefangenen und Bewachern gelebt. Ist ihr Freund geworden, für viele auch ihr Seelsorger, dem sie sich anvertrauen konnten.

 

Oder denken wir an die Heilige Elisabeth: sie hat viele Kranke besucht und gepflegt und Fremde aufgenommen. Und doch hat sie mehr getan, sie hat Christus besucht und gepflegt und aufgenommen.

Das wird in einem berühmten Bild gezeigt: die pflegende Elisabeth an einem Bett, in dem der Gekreuzigte samt Kreuz liegt. Die Legende dazu geht so: eines Tages klopft ein schwerkranker Bettler an der Tür der Wartburg. Man führt ihn zu Elisabeth, die sofort sieht, dass es hier mit einem einfachen Almosen nicht getan ist. Kurzerhand steckt sie den Schwerkranken in ein Bett, um ihn gesund zu pflegen. Dass es ihr Ehebett ist, stört sie nicht. Dafür stört es andere. Höflinge, denen immer schon die Mildtätigkeit der jungen Landgräfin von Thüringen suspekt war, informieren den Landgrafen. Als der ans Bett eilt, ist er einigermaßen erstaunt und verwirrt: im Bett liegt niemand anderer als der gekreuzigte Christus samt seinem Kreuz.

Für andere da sein ganz im Sinne Jesu und nach seinem Wort: „Was ihr getan habt einem dieser meiner geringsten Brüder, da habt ihr mir getan.“

Ihm in den Leidenden dienen. So könnte heute Kreuzesnachfolge aussehen, dass die Kirche, die sich heute um ihre Gebäude sorgt und um ihr Personal, hinausgeht und denen beisteht, die entwurzelt sind und die keiner haben will? Die aufhört, nur an sich und die eigene Zukunft zu denken und endlich wieder anfängt, Kirche des Gekreuzigten – Kirche für andere - zu werden!

 

  1. Ich muss alles verlassen

Denn wir haben hier keine bleibende Statt

Es wird uns noch ein Grund geliefert, warum unser Ort als Gemeinde des Gekreuzigten nicht nur im Drinnen von schönen Kirchen und gepflegten Gemeindehäusern sein kann, in Gruppen und Kreisen, in denen wir uns wohl fühlen und wir so schön unter uns sein können, sondern auch draußen im Zeugnis und Dienst des Gekreuzigten.

Ein verblüffender Grund: denn wir haben hier keine bleibende Statt.

Ein schlichter wie wahrer Grund. Ins persönliche gewendet könnte der heißen: Ich muss alles verlassen.

Vor wenigen Jahren schickte eine Freundin aus Stuttgart dieses Tüchlein, auf das ein Spruch gestickt ist: Ich muss alles verlassen.

Als ich das Tüchlein auspackte, hat es mich gleich getroffen: zum einen dachte ich an die Freundin, die im Begriff war ihre bisherige größere Wohnung zu verlassen und in eine kleinere umzuziehen.

Keine Frage, da war so etwas wie Trauer zu spüren: Abschied nehmen fällt nie leicht. Und je älter man wird, sind auch kleine Umzüge schon Vorspiele von einem anderem, endgültigen Abschied. Ich muss alles verlassen.

Ja, dieser schlichte Satz auf dem Tüchlein beschreibt eine letzte Wahrheit über unser aller Leben: Ich muss alles verlassen. Und das gilt, ohne Ausnahme. Oder wie der Schreiber des Hebräerbriefes es sagt: Wir haben hier keine bleibende Statt. Ich habe hier keine bleibende Statt

Ich muss alles verlassen. Und wenn ich anfange loszulassen, bekomme ich die Hände frei, um anderen unter die Arme zu greifen, die mich wirklich brauchen. Um anderen die Hand zu reichen, denen sich sonst keiner zuwendet. Dann kann ich hinausgehen zu denen, die draußen sind. Aber das ist nicht alles:

 

  1. die zukünftige suchen

sondern die zukünftige suchen wir.

Suchende sein. Sich nicht zufrieden geben mit dem, was man erreicht hat. Nicht schon fertig sein mit allem und jedem: mit Gott und der Welt. Fertig im Urteil. Genügsam mit den angesammelten Vorurteilen.

Sondern den Mut haben, unfertig Suchende zu sein. Suchende nach der zukünftigen Statt, an der es keine Ausgeschlossenen, Abgeschriebenen mehr gibt, sondern alle Bleiberecht haben. An dem Liebe und Güte sich küssen. Und Gerechtigkeit herrscht. Gottes Gerechtigkeit. Und Friede wohnt. Und wir endlich Gott finden, nach dem unser Herz schon so lange lechzt wie ein Hirsch nach frischem Wasser.

Bis dahin: Suchende bleiben. Gehende bleiben. Die sich nicht in einem Drinnen einrichten während draußen gelitten wird. In gewisser Weise auch Unzufriedene bleiben, Unbequeme, Protestanten eben, die aber nicht nur protestieren, sondern selbst Hand anlegen um diese Welt einwenig heller und wärmer und erträglicher machen. Bis wir diese Statt finden, die zukünftige, die verheißene. Bis dahin: lasst uns zu Christus nach draußen gehen und bei ihm stehen und ihm dienen in den Leidenden und seine Schmach tragen. Und doch in dem Bewusstsein des Crysostomos: das Kreuz als Krone tragen.

Amen.