Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hebräer 13,14

Pfarrer Markus Büttner (ev.-luth.)

01.01.2013 in der Evangelisch-Lutherischen St. Mariengemeinde in Steglitz und Zehlendorf

Neujahr 2013

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen. Gottes heiliges Wort, unter das wir uns heute stellen, ist die Jahreslosung für das neue Jahr 2013, aufgeschrieben im Brief an die Hebräer im 13. Kapitel, Vers 14:

14 Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Lasst uns beten: Herr Gott, lieber Vater im Himmel, wir danken dir für dein heiliges Wort und bitten dich nun: Sende den Heiligen Geist, dass er Reden und Hören segne, durch Jesus Christus, unseren Herrn, Amen.

Liebe Gemeinde!

Sie reisen mit leichtem Gepäck. Die Oroqen (sprich: Orotschen) sind ein Volk in China. Es dauert weniger als eine Stunde, wenn ein Familienclan sein Hab und Gut zusammenpackt und auf die Rentiere verstaut. Dann ziehen sie weiter. Lange bleiben sie nicht an derselben Stelle. Vielmehr wandern sie von einem Ort zum anderen. Sie sind Nomaden. Anders als wir. Wer schon einmal umgezogen ist, weiß was das bedeutet. Vor allem was sich da alles an Krempel ansammelt; das dann eingepackt werden muss. Ein Transportunternehmen muss nicht selten beauftragt werden, um Hab und Gut von A nach B zu transportieren. Ja, wir richten uns schon ganz schön ein in unserem Zuhause – anders als die Nomaden im fernen China. Wer einmal angekommen ist und seinen Platz im Leben gefunden hat, der bleibt gerne da wo er ist. Man weiß ja, was man hat… Beruf, Familie, Freunde, Karriere, Shoppingläden, Schule …

Wir haben hier keine bleibende Stadt, heißt es im Hebräerbrief. Am Anfang des neuen Jahres werden wir durch dieses Wort Heiliger Schrift darauf aufmerksam gemacht, dass unser Leben als Christen das eines Nomaden ist. Wanderer zwischen den Welten sind wir, so Gottes Wort an diesem ersten Tag des neuen Jahres an uns.

Nun, als Freizeitvergnügen kann der eine oder die andere Wanderungen etwas Gutes abgewinnen. Vielleicht geht mancher auch gerne mal zelten und zieht dann mit seinem Zelt von Campingplatz zu Campingplatz. Dennoch ist irgendwann die Freude groß, wieder zu Hause anzukommen; in den eigenen festen vier Wänden zu sein; wieder in den Alltag einzusteigen. Denn das, was wir gewohnt sind, kann Halt geben und eine Struktur für das eigene Leben schenken.

Aber nun soll das Leben als Christ das eines Vagabunden sein?

„Jetzt haben wir uns doch schon so gut eingelebt, sind sesshaft geworden, haben eine Wohnung, ein Haus, Arbeit, Freunde, Familie, Gemeinde und Kirche. Ja, eben ein Zuhause. Ich habe meinen Platz im Leben gefunden. Und nun? Alles aufgeben?“

Gemeint ist etwas anderes! Wir als Volk Gottes – als Kirche – sind auf der Wanderschaft. Ja! Wir sind Wanderer zwischen beiden Welten – dieser Welt und der Welt Gottes. Durch die Taufe hat uns Gott in dieses wandernde Gottesvolk aufgenommen und eingefügt. Natürlich dürfen wir die guten Gaben, die uns unser himmlischer Vater schenkt, genießen: in einer schönen Stadt einen Augenblick verweilen; an einem Ort einen Moment leben; eine kleine Weile eine Bleibe bewohnen. Es ist aber Heimat auf Zeit!

Was kann eine solche Heimat auf Zeit bedeuten? Ganz unterschiedlich mag es sein. Eine Bleibe auf Zeit zu haben, heißt zunächst einmal Verunsicherung. „Wie lange werde ich wohl hier bleiben? Wann packe ich Hab und Gut und ziehe weiter? Wohin ziehe ich? Was wird werden?“ Als vagabundierende Christen in einer wandernden Kirche muss uns aber nicht Angst und Bange werden bei aller Vergänglichkeit, Übergangslösungen und Vorläufigkeiten: Denn – in der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost ich habe die Welt überwunden (Johannes 16,33).

Zunächst kann das alte Jahr zurück in Gottes Hände gelegt werden. Du kannst es an den himmlischen Vater abgeben und loslassen. Mancher wird vielleicht sagen: „Bloß gut, das dieses Jahr vorüber ist!“ Eine andere: „Schade, es war ein gutes Jahr!“ Ganz unterschiedlich werden wir das vergangene Jahr wahrgenommen und erlebt haben. Nun ist das neue Jahr einige Stunden alt. Vor uns liegt 2013 und keiner von uns weiß, was dieses Jahr bringen wird; wohin die Reise gehen wird. Als wanderndes Gottesvolk durch diese Zeiten brauchen wir jedoch keine Angst zu haben. Denn wir wandern ja nicht alleine, sondern der gute Hirte Jesus Christus geht mit uns mit. Unter seinem Stecken und Stab wandern wir – in Freude wie in Leid. Ja, auch wenn wir im finsteren Tal wandern müssen, fürchten wir kein Unglück (Psalm 23,4). Denn Christus geht uns – geht seiner Kirche – als der gute Hirte voran.

Manche Ungewissheit mag auf dich warten, aber der Herr der Zeit geht mit dir mit.

Etliche Unwägbarkeiten mag es auf der Wanderung geben, aber an Gottes Hand gehen wir weiter – getröstet und gestärkt.

Viele Schwierigkeiten kann es auf der Wanderung durch diese Zeit geben: Da sind die Gefahren, die das Leben bedrohen und uns daran erinnern, dass wir hier keine bleibende Stadt haben:

Krankheit, die uns treffen kann.

Der Tod, der nach unser bisschen Leben greift.

Das Sterben eines geliebten Menschen, das uns zurücklässt.

Anfechtungen, die den Glauben bedrohen.

Schuld, die sich quälend immer wieder Bahn bricht.

Sünde, die nicht zur Ruhe kommen lässt.

Fragen, nach der Sinnhaftigkeit des Lebens und des Tuns.

Sorgen, um die eigene Zukunft, die der Kinder und Enkelkinder.

Die Fragen der großen Politik, die ohne wirkliche Antwort bleiben, kommen hinzu: Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, Umweltpolitik, Frieden, Krieg, Terror, Blutvergießen, Naturkatastrophen, soziale Gerechtigkeit…

Ja, menschlich gesprochen, kann einen das schon ganz schön verunsichern - die Herausforderungen der großen sowie die Sorgen der eigenen kleinen Welt. Denn jeder sehnt sich wohl nach einigermaßen gesicherten Lebensumständen, nach Geborgenheit, nach Sicherheit, nach Nestwärme. Wenn alles aber nur Durchgangsstation ist, was hat dann Bestand und welche Konstante gibt es im Leben? Etwa nur die: Sicher ist, das nichts sicher ist? Ganz bestimmt nicht. Auch wenn wir nicht wissen, was im neuen Jahr passieren wird, dürfen wir gewiss sein: wir sind nicht alleine unterwegs.

Denn es heißt: Die ganze Kirche – die Schwestern und Brüder in Christus – sind gemeinsam auf dem Weg im Wissen: Diese Erde ist nicht unsere Heimat. Hier sind wir Wanderer zwischen den beiden Welten – zwischen dieser Erde und Gottes Welt.

Aber wir sind nicht auf uns allein gestellt. Wir haben mit Jesus Christus einen kompetenten Wanderführer, der uns durch diese Zeit und damit auch durch dieses Jahr führen wird. Und er hat uns eine gute Wanderausrüstung mitgegeben, damit wir das Ziel – die zukünftige Stadt – auch garantiert finden. Denn das Ziel unserer Wanderung oder Pilgerschaft ist der Himmel, das himmlische Jerusalem, das ewige Vaterland, die ewige Ruhe, das Zuhause.

Unsere Wanderausrüstung besteht aus ….

a) Einem Kompass. Dieser Kompass ist Gottes Wort. Es zeigt uns den Weg zum himmlischen Jerusalem. Es ist der Leitstern, der die Marschrichtung durch die Wirrnisse unserer Zeit vorgibt; das App gegen die Versuchungen unserer Tage; die Stimme mit Standpunkt gegen das Stimmengewirr dieser Weltzeit. Es warnt und mahnt uns, wenn es nötig ist. Aber es tröstet auch, gibt Mut und Phantasie für die Herausforderungen, vor die wir in dieser Zeit und Welt gestellt werden.

b) Angemessene Kleidung bei jeder Wetterlage. Es ist der Mantel der Gerechtigkeit (Jesaja 61,10). In der Beichte wird er dir immer wieder neu umgelegt, wenn du glaubend hörst: Dir sind deine Sünden vergeben. Ja, dann bist gewappnet gegen die Stürme der Schuld und den unbarmherzigen Orkan der Sünde, die das Leben in Unruhe versetzen.

c) Essen und Trinken auf dem Wege. Ein Schluck Wein und ein Bissen Brot. Christi wahrer Leib und sein wahres Blut geben dir Kraft auf der Wanderung durch diese Zeit, um am Ziel, dem himmlischen Jerusalem, anzukommen.

d) Die Gemeinschaft der Kirche. Gemeinsam sind wir unterwegs. Die Kirche ist das leichte Zelt. Bei aller Vorläufigkeit haben wir eine Bleibe in der Gemeinschaft der Kirche. Diese starke Gemeinschaft sieht den Mitmenschen und lädt ein mitzuwandern: Der Nächste darf Geborgenheit, Achtung und Liebe erfahren. Der Lebenshungrige Nahrung für sein unruhiges Dasein. Die Heimatlosen das geistliche Zelt der Kirche. Die Fremden eine neue Familie.

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Nun suchen wir ja nicht blindlinks die zukünftige Stadt, so als ob wir die Zielkoordinaten nicht kennen würden. Vielmehr wissen wir als Glaubende, wohin wir wandern und wohin die Reise gehen wird. Dieses Leben mit all seinen belastenden aber auch schönen Seiten ist und bleibt Durchgangsstation. Wir als Christen sind auf Gottes neue Welt und seine Zukunft aus. Hierbei legen wir nicht die Hände in den Schoss, sondern sind aktiv dabei mit Diakonie und Mission, mit Gottesdienst und Liturgie, mit Nächstenliebe und Solidarität: Eine aktive und vitale Kirche, weil der lebendige und auferstandene Christus mit seiner Vitalität und der Heilige Geist mit seiner Aktivität in ihr gegenwärtig ist. Hiervon begeistert, angesteckt, inspiriert wendet sich die wandernde Kirche dieser Welt mit ihrer Not, ihren Tränen, ihrer Ungerechtigkeit zu. Sie lädt ohne Ansehen der Person ein, gemeinsam mitzuwandern durch diese Zeit.

Wanderer sind wir bis wir als pilgernde und bewegliche Kirche einmal wirklich angekommen sind; tatsächlich als Vagabunden im ewigen Vaterland daheim sind. Wo die Pilgerschaft zu Ende ist, wo die Sehnsucht nach einem festen Haus in unfassbarer Liebe und unaussprechlicher Geborgenheit gestillt wird. Wo die Wanderung durch diese Zeit mit Unruhe, Schmerzen, Leid und Tränen mündet in die Ewigkeit, der ewigen Ruhe, Heilung, Freude und Lachen. Eben in Gottes Welt. Es ist keine Vertröstung, sondern Trost, weil Gott selbst mit seinem Namen, mit dem gekreuzigten und auferstandenen Christus, dafür einsteht.

Das ist die Hoffnung des Glaubens. Diese Welt Gottes ist noch nicht erreicht, aber sie ist schon vorbereitet. Eben weil sie vorbereitet ist, strahlt von dieser Hoffnung mal ein kleiner, mal ein großer Strahl von jener in diese Welt hinein. Wanderer zwischen den Welten sind wir. Vagabunden auf Zeit. Nomaden zwischen den beiden Welten. Aber mit einem klaren Ziel – das himmlische Jerusalem. Zuhause! Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn, Amen.

SOLI DEO GLORIA