Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hebräer 13,14

Pfarrerin Silvia Johannes (ev)

31.12.2012 in der ev. Kirchengemeinde Meersburg

Gottesdienst am Altjahresabend

Liebe Gemeinde!                               

"Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir" (Hebräer 13,14)

I

Heinrich  wurde 1927 als zweites Kind  von Erich und Alwine  in einem kleinen Dorf  in Westfalen geboren.  Sein Vater war Werkzeugmacher bei der Mark, einem Stromwerk und im Nebenberuf  Landwirt. Als junger Mann hatte Heinrichs Vater im 1. Weltkrieg bei Verdun gekämpft. Sein älterer Bruder, Heinrichs Onkel, war dort gefallen. Erich selbst hatte überlebt; nicht zuletzt durch einen  Granatsplitter, der sein linkes Bein getroffen hatte. Das beförderte ihn als kriegsuntauglich, weil kriegsversehrt, in die alte Heimat zurück.

Heinrich wuchs in jenem ländlichen Umfeld auf und besuchte von der ersten bis zur achten Klasse die einklassige  Dorfschule. Mit dreizehn Jahren begann er eine Schlosserlehre. In seinem Lehrvertrag stand noch, dass der Lehrherr das Züchtigungsrecht der Eltern übernahm. Heinrich, ein sensibler und aufgeweckter junger Mensch, sehnte sich auch deswegen und vor allem anderen, nach einem anderen Ort zum Leben. Er sah für sich im elterlichen Umfeld keine bleibende Stadt. Er sah keinen Raum für seine Lebenspläne. Er wollte Maschinenbau studieren und Ingenieur werden.

„Er wolle wohl was Besseres werden und zu den Herren gehören“, sagte sein Vater dazu. Und nach dem Studienabschluss fügte er hinzu: „nun bist du auch was …“.  Doch ungeachtet der väterlichen Abwertung, bewarb sich Heinrich direkt nach der Lehre bei der Ingenieurfachschule in Dormagen.  Bildung erschien ihm als Schlüssel zum Tor seiner persönlichen Freiheit. Auf diese Weise lebte er seine Auslegung des Verses: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Doch noch vor Studienbeginn wurde er Ende 1944 zum Militär eingezogen. Da war er 17 Jahre alt und wählte als Waffengattung die Marine. Allerdings war die schon nicht mehr im aktiven Kriegseinsatz. Ihr fehlten die Schiffe und U-Boote. Im Frühjahr 1945, mit Kriegsende, endete auch Heinrichs Soldatenleben in Dänemark mit der Entnazifizierung der jungen Segelschulmannschaft. So kam er heil aus dem Krieg in die alte Heimat zurück. Zu seinem  Glück, weil der eine Professor  sein Notizbuch mit Heinrichs Namen noch hatte, stand dem Studienbeginn  nichts mehr im Weg. Nur –  die Ingenieurschule war durch Fliegerbomben dem Erdboden gleichgemacht. So musste er, bevor das Studium begann, wie fast alle Menschen in dieser Zeit, Arbeiten für das Gemeinwohl leisten. Die einen räumten Trümmer weg und bauten auf. Andere, wie Heinrich, arbeiteten für ein Jahr unter Tage in einem Kohlebergwerk. Dann erst konnte das Studium beginnen. Im Frühsommer 1950 hielt er sein Zeugnis als Maschinenbauingenieur in der Hand. Im August des gleichen Jahres heiratete er standesamtlich und im November folgte die kirchliche Trauung.

Der Jungingenieur Heinrich sah für sich in Deutschland keine großen Arbeits- und Entwicklungschancen. Dazu sehnte er sich, nach all dem Unglück des dritten Reichs, den schweren Kriegs-  und Nachkriegsjahren, nach einem vollständigen Neuanfang.  Alles Deutsche und Zerstörte, auch die alte Familie, sollten zurückbleiben. Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir, wurde ihm erneut zum inneren Antrieb seiner Zukunftssuche.

Er gehörte damit zu den Abenteurern, die aus freien Stücken auswanderten und nach Argentinien wollten. Er träumte davon, an seiner zukünftigen Wohnstätte Erfolg zu haben oder schlicht gesagt, reich zu werden.  In der Bibel wäre er wohl am ehesten mit Abraham zu vergleichen, der kinderlos mit Sara aus Ur in Chaldäa auswanderte. Sieben Jahre dauerte das zukünftige Leben von Heinrich in Buenos Aires. Wovon die erste Hälfte der Zeit von großer Armut gezeichnet war. Es waren die Regierungsjahre Perons, mit hoher Inflation und wirtschaftlicher Rezession. Nach sieben Jahren, als es Heinrich und seiner Familie, er hatte nun zwei Kinder, endlich besser ging, dachte er neuerlich:         Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.  Dieser Gedanke kam nun aus der Erkenntnis, dass er ein Fremder in Argentinien bleiben würde. So wuchs die Sehnsucht nach der Heimat. Señor Henrico, so hieß er in Argentinien, entschloss sich  zur Rückwanderung. Im Dezember 1957 kamen Heinrich, seine Frau und Kinder mit der Alberto Dodero, einem Auswandererschiff, wieder in Hamburg an. Im darauffolgenden Jahr fand er bei einem großen Konzern in Süddeutschland Arbeit und lebte bis zu seinem Tod am gleichen Ort.

Heinrich und viele andere Menschen haben den Vers so gelesen und ausgelegt. Andere Menschen werden dieser Auslegung folgen. Denn dieser Weg beginnt immer wieder neu, wenn das Leben neuen Raum sucht.

Sein Lebensweg, das zeigen uns auch andere Biographien, kam wiederholt an Wegkreuzungen. Sie sind die Zeitfenster der Entscheidung. Denn sie führen zu der Frage: wohin gehe ich, welcher Himmelsrichtung will ich  folgen, gehe ich dorthin oder lieber wieder zurück?

Wohin gehe ich aber, wenn ich nirgendwohin mehr gehen kann? Wenn ich buchstäblich in einer Lebenssituation festhänge? Wie liest sich dann der Vers?
Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir" (Hebräer 13,14)

II

Jesus war der erstgeborene Sohn von Maria und Josef, einem Zimmermann in Nazareth. Seine Geburt lag nach unserer Zeitrechnung vor dem Jahr 0 n. Chr. Mit dem ersten Schritt auf seinem Weg in die Öffentlichkeit, verließ auch Jesus, wie Heinrich, sein Elternhaus und seine Heimat. Wir verstehen diese Zeit, als seine irdische Wirksamkeit. Nur, seine Sehnsucht hatte ein anderes Ziel. Heinrich wollte selbst reich werden. Jesus wollte das Leben der anderen Menschen reich machen. Unter Reichtum oder reich werden, verstand Jesus: mehr und mehr liebesfähig werden. So öffnete seine Liebe  beispielsweise dem Zöllner Zachäus oder der blutflüssigen Frau, den Weg in ein neues, würdevolleres Leben. Und am Ende seines Lebens, öffnete er allen, die an seine Liebe glauben, das Tor zu einer neuen Wohnstatt über alle irdischen Lebensbedingungen hinaus. Er selbst wurde der Schlüssel dazu.

Schauen wir dafür auf das Bild seiner Kreuzigung: Seine ausgestreckten Arme am Kreuz umarmen  bildhaft alles Leben auf der Erde. Sie symbolisieren seine dem Nächsten und der Schöpfung zugewandte Liebe. Die Füße, die Beine, der Rumpf und sein Kopf bilden, am Kreuz hängend, eine starke Senkrechte. Es ist, als ob sich in ihm alles berührt: Erde und Himmel und das Leben dazwischen. Die am Kreuz körperlich betonte Vertikale zeigt zudem: mit welcher Perspektive Jesus im Leben und Sterben unterwegs war: aufrecht, dem Himmel, zugewandt. Gehen wir jetzt noch etwas näher heran, um besser zu hören. Auch ihn hatte die Angst im Sterben ergriffen. Es war das Erleben sich ganz und gar verlassen zu fühlen. Diese menschliche Urangst beschreibt Jesus am Kreuz, als Erfahrung der absoluten Gottesferne. Es ist die tiefste Verlassenheit, die ein Mensch erleiden kann und sie lässt ihn ausrufen: „Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen.“  Es muss aber nach diesem 4. Wort, von den insgesamt sieben Worten Christi am Kreuz, eine Art innere Drehung in ein tiefes Vertrauen hinein geschehen sein. Wir können sie aus dem letzten, dem 7. Wort des sterbenden Jesus heraushören: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“  Das Wort bezeugt seine  Hinwendung zum Vater und damit neue Zustimmung in eine unumstößliche Bindung. Hier zwischen sich, dem Kind Jesus und Seinem Vater Gott. Wenn so ein Vertrauen ins Bewusstsein tritt, also nach oben steigt, fällt alle Angst vom Menschen ab. Die Gabe oder Fähigkeit - trotz alle dem –  Vertrauen zu können, muss dafür noch tiefer im Menschen liegen, hier in Jesus, als alle Verzweiflung und Angst. So ein Vertrauen bezeichnen wir auch als Urvertrauen. Selbst wenn es verschattet ist, in großer Tiefe im Menschen liegt, ist es als tiefster Grund immer noch da. Als Jesus in diesen Raum des Vertrauens eintritt und damit aus sich und seiner Angst herausging, konnte er ruhig sterben. Im Text lesen wir danach nur: „Und als er das gesagt hatte, verschied er.“ Lk 23,46   

Darum  ist für uns das Herausgehen (Sterben) aus der Stadt (Bild für das Leben), zugleich der Eingang in die unantastbare und unumkehrbare Beziehung zwischen Gott und Mensch oder anders gesagt: in ein ewiges Sein bei Gott.

"Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir" (Hebräer 13,14) wird,  so gesehen, zum bildhaften Ausdruck für Trost. Und der Trost besteht darin, dass der Garant des Trostes und der Ort des Trostes immer derselbe ist –  Gott.  Paulus beschreibt diesen Trost in seinem Brief an die Römer mit den Worten: ob wir leben oder sterben, wir gehören dem Herrn (Röm. 11,9)

Wenn ich aber zu Lebzeiten meine Seele so am Himmel festmachen muss. Ich um des Lebens willen, durch das Tor des Lebens trete, um außerhalb meiner Lebenswirklichkeit  Zukunft zu finden; mich also genau betrachtet, bei Gott/Vater selbst verorte, gilt für mich dann auch:   „ob wir  leben oder sterben, wir gehören dem Herrn“? Römer 11,9 Denn ich bin ja nicht Jesus? 

III

1906 wurde Dietrich in Breslau als das sechste von acht Kindern geboren. Sein Vater Karl war Psychiater und Neurologe. 1912 zog die Familie nach Berlin. Der Vater hatte einen Ruf an die Universität angenommen. Auch in Dietrichs Familie hatte der erste Weltkrieg ein Todesopfer gefordert. Ein älterer Bruder war im 1. Weltkrieg gefallen. Zu Beginn des 2.Weltkrieges war er fast doppelt so alt wie Heinrich. Von Beruf wer er evangelischer Theologe und  Pfarrer. Dietrich musste sich, durch die Gottesferne der Zeit, existenziell und nicht nur aus theologischer Ambition, mit dem Vers Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir beschäftigen. Wegen seiner vermuteten Zugehörigkeit zu einer Widerstandsgruppe gegen Hitler, war er im Herbst 1944 inhaftiert  worden. Von  daher ging für ihn die weitläufige Lösung, Auswanderung oder Flucht, nicht. Im Hier und Jetzt musste er in der Gefangenschaft aus seiner Angst aussteigen, um neuen Halt zu finden. Das bedeutete für ihn zuallererst: die eigene Ohnmacht annehmen. Das geschah in einem sehr tiefgehenden Prozess des Loslassens. Ein so tiefes Loslassen, wie es für Dietrich anstand, ist nun immer schwer und es hat durchaus mit Sterben zu tun. Denn so Vieles muss losgelassen und aufgegeben werden. Vom Recht auf Freiheit angefangen, über Besitz, Macht, Ansehen, bis zum Loslassen des eigenen Lebensentwurfes. Dietrich war damals verlobt und träumte sicher auch von einer Familie. Diese horizontale Blickrichtung musste er ganz aufgeben. Das verunsicherte ihn als Menschen sicher tief. Uns, in eine solche Situation geratend, ginge das nicht anders. Auch die eigene Identität kommt dabei ins Rutschen. Dietrich musste sich in diesem anstehenden Wandlungs- oder Reifungsprozess, der damit immer verbundenen Kernfrage stellen, die bis heute auch unsere ist: Wer bin ich? Es ist sein Gedicht – Wer bin ich? – in dem er um Antworten auf diese Frage ringt, beschreibt seine Erschütterung und seine Er-lösung. Denn es endet in der Erkenntnis: Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

Mit der Bindung seiner Seele, seinem innersten Kern an Gott, hatte er außerhalb seiner selbst, seinen  Vertrauensgrund gefunden. Der „Du kennst mich“  war ab da sein fester und einziger Bezugspunkt. Aus dieser exklusiven Beziehung zu Gott, erwuchs ihm als Mensch, ein im Vertrauen bleiben können. Die Beziehung zu Gott führte ihn aus tiefster existentieller Not. Denn sie erlöste ihn aus der zeitweilig absoluten und tief durchschrittenen Beziehungslosigkeit im Gefängnis. Er war ja von der Beziehung zu seiner Familie und zu seinen Freunden abgeschnitten. Im gleichen Moment, wie er aber sagen konnte: „Dein bin ich, oh Gott“ war er frei von allen horizontalen Bedingungen und Bindungen. Nichts und niemand  konnte ihn von da an mehr beugen. Was andere über ihn dachten oder entschieden, war hier  egal. Er blieb so aufrecht als Mensch bis zu seiner Hinrichtung, als er das Leben ganz aufgeben musste. Denn wer der Mensch auch ist, sagt Bonhoeffer, er war der Theologe im Gefängnis, und wo er auch ist, immer gilt für den Menschen, dass er gleich bei Gott ist, wenn er nur glaubt: „Dein bin ich, o Gott.“  Dann ängstigen ihn weder Gewalt noch Leid, noch Angst; nichts rührt ihn mehr an. Er ist hier ganz bei Trost und kann über seinen Tod sagen: "Das ist das Ende - für mich der Beginn des Lebens." Und das sind die letzten Worte Bonhoeffers vor seiner Hinrichtung, wie sie uns überliefert sind.

Wer, wie Jesus oder Bonhoeffer, durch diesen Wandlungsprozess, wir nennen es auch Sterben, durch das ganze Loslassen hindurch gegangen ist, wohnt ab da draußen – vor dem Tor seiner Angst, in der Liebe Gottes. Jesus und Bonhoeffer wohnten bereits im Leben dort.  Heinrich kam im Sterben durch die Gnade dorthin. Nichts, keine Angst rührt sie mehr an, nicht im Leben, nicht im Sterben. Das wehrt zugleich der Deutung einer oft in den Vers hineingesehenen Todessehnsucht. Denn die Kraft und das Vertrauen seines Glaubens, zog Bonhoeffer gegen alle Verzweiflung ins Leben.  Seine Seele litt –  aber sie zerbrach nicht an den unmenschlichen Verhältnissen.  Er rettete sich vielmehr durch den Glauben an Gott, in die Freiheit, die allein bei Gott wohnt.              

Eine  Übertragung von Hebräer 13,14 Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir –  findet sich auch in einem Lied von Bonhoeffer. Wir singen es gerne, weil  es uns besonders an seiner Trosterfahrung Anteil gibt. Unsere Seele kann offensichtlich das Stimmige und Richtige wahrnehmen. Genau genommen können wir das „trotz – alle – dem“ im Vertrauen  bleiben durchhören. Es ist sein Lied: Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und gehen in das neue Jahr.

Amen.