Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Hebräer 13,14

Pfarrer Jens Junginger (ev)

13.01.2013 in der Evang. Stadtkirche in Tuttlingen

Von alten Menschen und spielenden Kindern

Dialogpredigt zwischen Baubürgermeister Will Kamm (WK), der langjährigen Mitarbeiterin und vielfachen Mutter Hilke Schalk (HS) und Jens Junginger, (JJ) dem geschäftsführenden Pfarrer der Evangelischen Stadtkirche in Tuttlingen

 

 

HS: Ich höre die Losung für dieses Jahr. „Suchen“ ist für mich das Stichwort, das mich auf Anhieb anspricht. Ja, auf der Suche bin ich. Auf der Suche nach Heimat. Ich sehne mich nach Geborgenheit. Und ich hoffe auf Ankunft. Ich möchte ans Ziel kommen und Gewissheit haben: Ja, da will ich sein. Hier gehöre ich hin.

Dass wir keine bleibende Stadt haben (sollen). Das passt nicht zu meinem Wunsch, dass ich mal angekommen sein will.

Und ich frage mich: Sind meine Heimatwünsche nur Augenblicke im Leben? Bestenfalls Zeitabschnitte? Hat nichts im Leben Bestand? Ist alles vergänglich?

Sind nicht Familie, Freundschaften, Beruf, Ehrenamt, Hobbies etwas ganz besonders wertvolles gerade, weil sie einem eine Heimat geben, hier und jetzt. Und über die Vergänglichkeit hinaus.

Will dieser Bibelspruch mir sagen: Meine Heimat ist ausschließlich ganz woanders? Fern von hier? Im Himmel, was immer wir uns darunter vorstellen?

Ist dieser Spruch wieder eine der zahlreichen Vertröstungen, die in der Bibel so häufig zu finden sind?

JJ: Diese Losung beunruhigt. Sie setzt etwas in Bewegung, gedanklich und emotional. Sie setzt einen auch körperlich in Bewegung.

Wir machen uns auf den Weg – hier und jetzt - . Wir gehen den Anstößen dieser Losung im wahrsten Sinne des Wortes nach (durch den Kirchenraum) .

Das Zukünftige suchen. Das drängt einen geradezu danach loszulaufen. Das finde ich sympathisch.

Mit der Losung wird eine Parole ausgegeben, nicht nur für den Neujahrsmorgen, sondern auch heute, sondern für das junge, noch vor uns liegende Jahr. Es hat noch unabgelaufene Füße.

WK: Als Baubürgermeister in dieser Stadt horche ich bei dieser Losung besonders auf, wenn da von der Stadt die Rede ist, die nicht bleibt. Denn ich wünsche mir natürlich, dass unsere Städte Bestand haben, dass wir in unserer Stadt etwas schaffen, das auch zukünftige Generationen noch achten und schätzen, eine bleibende Stadt also. Da denke auch ich: Bleibendes ist eigentlich wichtig.

Denn, wir hängen alle an unserem Elternhaus. Das hat uns geprägt, danach sehnen wir uns, gerade weil die meisten von uns heute woanders wohnen.

JJ: Beheimatet sein und unterwegs sein. Das ist ein Widerspruch. Ich sehe ältere Menschen vor mir, die hier eine bleibende Stadt gefunden haben, nach 1945. Menschen die hier nun ihre goldenen oder diamantenen Hochzeiten feiern, aber nicht vergessen können, dass sie in ihrer Heimatstadt nicht bleiben konnten. Daran wird spürbar: Gezwungenermaßen unterwegs sein müssen, das ist schmerzhaft. Dass man in einer Stadt nicht bleiben konnte, sondern gehen musste, fliehen. Dieses Nicht-bleiben-dürfen hinterlässt eine Wunde. Und die bleibt.

WK: Ich begegne Menschen, die über Generationen in Bewegung blieben. Schwaben, die vor Jahrhunderten die Donau hinab gezogen sind, die in Hermannstadt, der Kulturhauptstadt Europas 2012 Wurzeln geschlagen haben und deren Enkel und Urenkel wieder vertrieben wurden und heute in dieser Stadt leben.

JJ: Da sehe ich auch Menschen an unserer Haustür. Menschen, die hier bei uns in Deutschland eine Bleibe suchen und in dieser Stadt bleiben wollen, weil sie in ihrer Heimat-Stadt nicht bleiben können, nicht bleiben wollen, weil sie dort nicht überleben können. Ich sehe Menschen, die hier ihre Zukunft suchen, einen jungen Afrikaner, der eine Lehre macht und eine Wohnung sucht.

WK: Ich erlebe junge Menschen, die in Spanien und Griechenland keine Arbeit finden und hier in unserer Gewinnerregion eine neuen Job oder vielleicht auch eine neue Heimat suchen.

JJ: Keine bleibende Stadt mehr zu haben, das haben Menschen auch hier bitter erfahren müssen, nachdem diese Stadt einmal von Feuerflammen zerstört worden war.

WK: Kriege und bewaffnete Konflikte vertreiben auch heute wieder 10.000 von Menschen in Syrien. Wenn Systeme aus dem Gleichgewicht geraten, wenn Menschen unterdrückt werden, wenn die Ungerechtigkeit Oberhand gewinnt, entstehen Spannungen, bricht Gewalt aus. Menschen machen sich auf die Flucht.

JJ: Sie sprechen von Menschen, die sich eine Zukunft suchen, nicht freiwillig, sondern weil sie müssen. Das scheint mir ein wichtiger Aspekt zu sein. Das Zukünftige suchen, statt an dem Festhalten was ist. Das heißt: Um der Zukunft willen die Gegenwart gestalten. Der scheidende Stuttgarter Oberbürgermeister Schuster sagte bei seiner Verabschiedung: „eine Stadt ist nie fertig.“ Ich wünsche mir nicht nur für eine Stadt, für eine Gesellschaft, sondern für unser aller Leben, dass wir nicht mittendrin einfach sagen „habe fertig“.

WK: Die zukünftige Stadt suchen, das heißt: den Wandel gestalten, Pläne schmieden, Veränderungen als Chance und nicht als Bedrohung wahrnehmen. Wir alle sind gut beraten, wenn wir das Pläne schmieden nicht nur den Profis überlassen, sondern wenn wir uns selber auf den Weg machen, wenn wir uns einmischen und unsere Ideen formulieren, wie wir die Zukunft menschlich gestalten wollen.

JJ: Die Zivilgesellschaft ist gefragt. Das sehe ich auch so. Die BürgerInnen müssen die Bedarfe zur Sprache bringen und an konstruktiven Lösungen mitgestalten können. Beim Pläne schmieden kommt es darauf an, die eigenen Interessen ernst zu nehmen und das Gemeinwohl, also: das konkrete Gemeinwesen.

Nun steht aber noch die Antwort auf die Frage aus: Will diese Losung aufs Jenseits vertrösten?

Ich höre bei Menschen, die nach einem langen Leben dem Tode nahe sind, dass es für sie ein Trost ist, wenn sie für sich empfinden: Ich habe hier keine bleibende Stadt. Da ist der Glaube und das Vertrauen zu spüren, dass für sie noch etwas kommt, nach ihrem Dasein hier in dieser Welt.

Auf der anderen Seite hat man lange genug Menschen angehalten Ausbeutung, Erniedrigung, Misshandlung und Unterdrückung zu ertragen, zu erdulden und auszuhalten, mit der Vertröstung: Wir sind alle soundso nur ein Gast auf Erden, wir haben hier keine Bleibe.

Nun fällt mir gegenwärtig eine anderes Verhalten auf: Eine beinahe zwanghafte Suche. Der unbändige Drang sich verewigen zu wollen. Ein Streben danach, mit dem eigenen Werk, der erbrachten Leistung etwas Bleibendes zu schaffen und zu hinterlassen? Da jagen Menschen der Sehnsucht nach, wie sie sich selbst so lange wie möglich vor machen können sie würden dadurch ewig am Leben bleiben.

Und ich sehe einen Zusammenhang mit den angehäuften Gütern und Schätzen, mit der wahnsinnigen Raffgier, die sich in den letzten Jahren Bahn gebrochen hat.

Jesus hält das in der Bergpredigt für ein geradezu närrisches Klammern und Festhalten an vermeintlichen Sicherheiten, für ein erbarmungs- und rücksichtsloses Versuchen Bleibendes schaffen zu wollen.

Da wünschte ich manchen etwas von der Gelassenheit, die der erste Teil der Losung vermittelt: wir haben hier keine bleibende Stadt. Eine Gelassenheit, die vom Gieren befreien und dazu ermutigen kann loszulassen.

HS: Dann gilt also doch: Alles ist vergänglich? Das stimmt mich unzufrieden, weil ich im Hier und Jetzt lebe und dabei immer denken soll: Meine eigentliche Heimat liegt fern von hier, in einem anderen leben, nach dem Tod, im Himmel, im Jenseits.

Aber was ist hier? Gibt es da nicht so viel ganz Wertvolles? Familie, Freundschaften, Beruf, Ehrenamt, Hobbies. Davon will ich nicht weg. Da, genau da will ich bleiben. Das ist meine Stadt. 

Musikalisches Zwischenspiel

JJ: Es gibt eigene Fernsehserien, in denen Leute erzählen, dass sie weg wollen aus ihrer Stadt. Möglichst weit weg. Sie suchen irgendwo, meist in warmen Regionen, eine neue Heimat suchen. Sie suchen nach einer neuen Heimat und auch ein bisschen den Himmel auf Erden.

Der Hebräerbrief bezeichnet die Gemeinde der Christen als wanderndes Gottesvolk. Ich empfinde das als ein schönes Bild. Als Menschen, die nach vorne schauen, alte ausgetrampelte Wege verlassen. Sätze wie: „So ist das eben.“ „Da kann man nichts machen“ passen nicht dazu. Und Äußerungen: „So haben wir das immer gemacht“, oder: „So ist es üblich.“ Die begegnen einem aus dem Munde von Menschen, die – wie wir sagen - stehen geblieben sind, die es vielleicht auch nie gewagt haben etwa aus ihrer Heimatstadt herauszugehen. Die Haltung des Verharrens, des Bleibens ist nicht die Haltung des wandernden Gottesvolks, das das Zukünftige sucht. Auch für die Planung einer zukünftigen Stadt sind solche Beharrungshaltungen schwierig – denke ich mir.

WK: Nun, als Baubürgermeister bin ich in erster Linie verantwortlich, dass die öffentliche Infrastruktur, das Bestehende, funktioniert. Straßen müssen befahrbar sein, der Verkehr muss fließen, die Wasserversorgung und die Kanalisation müssen funktionieren. Die öffentlichen Gebäude – Kindergärten, Schulen, Feuerwehr, Stadthalle und Rathaus sollten funktionieren und in einem zeitgemäßen Zustand erhalten werden. Sie sollten im Übrigen auch möglichst wenig Energie verbrauchen.

Neues auf den Weg zu bringen, das geht in der Tat nicht mit einem Festhalten an dem was ist. Und ich merke, viele tun sich schwer damit. Man kann schon auch mal etwas wagen, Zeichen setzen, und damit auch eine Diskussion eröffnen: Der gelbe Kubus im Stadtgarten zum Beispiel, der den in die Jahre gekommenen Kiosk verhüllt, steht hier als Zeichen, als Symbol für neue Ideen. Auch die jüngsten Baumwickel, die Schülerinnen der Realschule gestaltet haben, stehen für den Mut Neues zu wagen.

JJ: Sie bringen die Sehnsucht danach zum Ausdruck, dass Gottes Wille schon jetzt hier auf Erden geschehen möge. Das lässt ja einen Christ nicht damit zufrieden sein, was geworden ist. Diese Sehnsucht wird angereichert, ja genährt, von Bildern, utopischen Bildern auch, von der zukünftigen Stadt Gottes, von der Stadt auf dem Berge, in der sich Gerechtigkeit und Frieden küssen, in der Menschen in Würde zusammenleben und füreinander das sind. Der Prophet Sacharja beschreibt ein solches zukünftiges Stadtbild, wenn er sagt: Es werden wieder alte Menschen auf den Plätzen der Stadt sitzen, Männer und Frauen, den Stock in der Hand, auf den sie sich beim Gehen stützen müssen – ein so hohes Alter werden sie erreichen. Und auf den Straßen wird es von spielenden Kindern, Jungen und Mädchen, wimmeln. (Sacharja 8). Ist damit die zukünftige Stadt skizziert, von der die Losung spricht? Müssen wir sie uns so vorstellen, wenn Gott sagt: “Siehe ich will neues schaffen“? Und wäre das für Sie als Baubürgermeister und bekennenden Christen ein Bild, das sie sich zu Eigen machen können?

WK: Eine soziale Stadt lebt aber ganz entscheidend von den öffentlichen Räumen, den Freiräumen der Stadt. Die Qualität der Straßen, Plätze und Parkanlagen, die Qualität der Landschaft spiegeln die Seele der Stadt. Marktplatz, Donaupark, Alter Friedhof, Aesculapkreisel, Bahnhofsplatz, Ebertplatz, Stadtgarten sind wichtige Orte in der Stadt, die ein großes Identifikationspotential haben und mit denen wir sorgsam umgehen müssen. Auch Gotteshäuser, öffentliche Versammlungsstätten und Feste sind für das gute Miteinander von zentraler Bedeutung. Hier freue ich mich über die Entscheidung des Kirchengemeinderates der Stadtkirche, dass das Foyer neu gestalten und als Begegnungsraum geöffnet werden soll.

JJ: Eingangs wurde betont: Familie, Freundschaften, Beruf, Ehrenamt, Hobbies. Da, genau da will ich bleiben. Das ist meine Stadt. 

Das hat ja alles wenig mit Gebäuden und Bauten zu tun, sondern mit einem Gefühl des Beheimatet seins. Da, wo Menschen ihre Beziehung zueinander leben und gestalten, im Quartier z.B. und in Stadtteilen und über den eigenen Tellerrand hinaus blicken, auch über den Tellerrand des eigenen Milieus hinaus. Wo Menschen sich auch als BürgerInnen einer Stadt verstehen und auf das Gemeinwohl blicken. Vielleicht sollten wir uns gemeinsam auf den Weg machen eine solche zukünftige Stadt zu suchen, schon jetzt, in der Stadt, in der wir leben, wohnen und arbeiten.

Die Parole für dieses Jahr hat was Ermutigendes und Tröstliches – für das wandernde Gottesvolk, für Christenmenschen, für die Kirche. Und für Menschen, die sich für ihre Stadt engagieren, für eine menschenfreundliche, lebenswerte Zukunft ihrer Stadt. Es ist eine Losung, die uns sehnsüchtig nach vorne schauen lässt und die Gewissheit gibt, dass Gott mit uns unterwegs ist.

HS: Diese Losung ist für mich schon auch ein Sehnsuchtswort. In zweierlei Hinsicht:

Es richtet sich aus nach Ewigem, nach dem, was - trotz aller Ungewissheit - beständig ist und bleibt. Nach Gott. 

An Gott glauben heißt aber nicht stehen bleiben, sondern mit Gott unterwegs sein. Immer wieder neu aufbrechen, mit und zu ihm, zur zukünftigen Stadt Gottes.  

Gott ist das Ewige, Beständige, also auch das Zukünftige, nach dem wir suchen, auch suchen sollen. Und Gott ist hier, zu Beginn des noch jungen Jahres, bei uns, mit unseren noch unabgelaufenen Füssen.

Amen


 


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