Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Hebräer 13,14

Dr. des. Vikar Diederik Noordveld (ev.-luth.)

14.07.2013 in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirchengemeinde in Hannover

Foto privat

Mit großen Augen schaut er aufs Meer.

Farid kannte das Mittelmeer nur vom Hörensagen.

Jetzt hört er aber das Rauschen der Brandung.

Und er riecht das salzige Wasser.

Über ihm kreischen ein paar Möwen.

Langsam läuft er durch den nassen Sand.

Zu einem kleinen Fischerboot.

Es schaukelt im Wasser, kurz vor der Küste.

Richtig sicher sieht es nicht aus.

Und ziemlich überfüllt ist es auch.

Farid zuckt die Schultern.

,Was habe ich zu verlieren?‘

Und er schaut noch einmal zurück.

Auf seinen Kontinent, auf seine Heimat, auf seine Vergangenheit.

,Wer nicht wagt, der nicht gewinnt‘, schießt ihm durch den Kopf.

Und er wirft seinen Beutel an Bord.

Viel ist nicht drin.

Farid hat vor allem Hoffnung im Gepäck.

Jedes Jahr flüchten tausende Menschen nach Lampedusa.

Eine kleine italienische Insel.

In etwa so groß wie Langeoog.

Zwischen Sizilien und Tunesien.

Lampedusa ist für sie das Tor zu Europa.

Und Europa ist für sie der gelobte Kontinent.

Sie wollen ihr Elend hinter sich lassen.

Und eine neue Zukunft anfangen.

Mailand, Lyon, Hamburg.

In den Ohren der Bootsflüchtlinge klingen diese Namen wie der Himmel auf Erden.

Nicht nur Afrikaner setzen ihre Hoffnung auf Städte.

Weltweit zieht es immer mehr Menschen in die Stadt.

Während in der Landwirtschaft immer weniger Arbeitskräfte gebraucht werden, schreit die Industrie nach fleißigen Händen.

Inzwischen leben mehr Menschen in Städten als auf dem Land.

2050 sollen sogar 70 % der Weltbevölkerung in Städten wohnen.

Und dann lautet die Jahreslosung für 2013:

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Die biblische Überlieferung erwähnt viele Städte.

Kleine, aber auch große Städte.

Assur, Ninive, Rom, sie sind Machtzentren von großen Reichen.

In ihnen wird regiert, wird Geschichte geschrieben.

Denn es sind Städte, die die Welt bestimmen.

Damals wie heute.

Die niedersächsische Landesregierung sitzt hier in Hannover.

Frau Merkel regiert in Berlin.

Jeden Tag haben wir es mit ihren Entscheidungen zu tun.

Auch wenn wir es uns dessen vielleicht gar nicht so bewusst sind.

Oder es uns vielleicht gar nicht so bewusst sein wollen.

Denn es geht uns - im Vergleich zu Farid - sehr gut.

Und daran gewöhnt man sich leicht.

Das Gesundheitswesen, die Rentenversicherung, der Rechtsstaat, die Müllentsorgung:

sie gehören für uns einfach dazu.

Und geben uns ein Gefühl von Sicherheit.

Was man hat, das hat man.

Das war vor 2000 Jahren nicht wesentlich anders.

Der Brief an die Hebräer ist - wie der Name schon sagt - adressiert an die Hebräer.

Eine Bezeichnung für Israeliten, für Juden.

In diesem Fall für zum Christentum übergetretene Juden.

Es geht um eine judenchristliche Gemeinde in Jerusalem.

In der Stadt des Tempels.

Das Herz der jüdischen Religion.

Ich denke, der Tempel ist irgendwie das religiöse Äquivalent zu unserem Sozialstaat.

Die Feiern, die Opfer und auch die Opfermahlzeiten:

sie alle dienen dazu, sich seiner religiösen Identität zu versichern.

Und dann sagt der Hebräerbrief:

,Lass es sein: darin liegt deine Sicherheit nicht.

Ihr braucht überhaupt keine Opfermahlzeiten.‘

Krass.

Es ist als ob jemand zu uns sagt:

,Die Renten sind nicht länger sicher, deine Krankenversicherung läuft ab und den Müll, den entsorgst du ab jetzt selbst.‘

Mit dem Argument:

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde;

denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen,

und das Meer ist nicht mehr.

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem,

von Gott aus dem Himmel herabkommen,

bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach:

Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen!

Und er wird bei ihnen wohnen,

und sie werden sein Volk sein

und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;

und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen,

und der Tod wird nicht mehr sein,

noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein;

denn das Erste ist vergangen.“

Wenn ich aus der Kirche hinaus gehe, hinein in unser Stadtviertel, dann begegne ich vielen unterschiedlichen Menschen.

Dem Rentner, der mit alten Freunden seinen Geburtstag feiert.

Der Großmutter, die sich über ihr neugeborenes Enkelkind freut.

Der Lehrerin, die erleichtert von einem Arztbesuch zurückkommt.

Aber es ist nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen.

Da sind auch die alte Frau, die schon lange keinen Geburtstag mehr feiert, weil sie nicht wüsste, mit wem.

Depressive Stimmungen, die einem alle Freude am Leben rauben.

Angst wegen der unheilbaren Krankheit.

Ja, so ist das Leben in unserer Stadt.

Die zukünftige Stadt steht aber in starkem Kontrast zu Hannover:

der Tod ist nicht mehr, auch kein Leid, auch kein Geschrei.

Und Gott wischt alle Tränen von unseren Augen ab.

Ich finde, die zukünftige Stadt ist ein steingewordener Jesus.

Wie er durch Galiläa zieht.

Menschen berührt.

Sie heilt.

Und die frohe Botschaft vom Reich Gottes verkündet.

Ich sehne mich nach diesem stadtgewordenen Jesus.

Er bestimmt jetzt schon meinen Blick auf die Welt.

Ja:

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Farid hat vor allem Hoffnung im Gepäck.

Jedes Jahr machen sich viele Farids auf den Weg.

Viele erreichen ihr Ziel nie.

Sie erleiden Schiffbruch zwischen der tunesischen Küste und Lampedusa.

Bis jetzt sind um die 6.000 Menschen verloren gegangen.

6.000 Menschen!

Das sind 25 % der Einwohner von Groß-Buchholz!

Und wir lassen es einfach geschehen.

Vor einigen Tagen war Papst Franziskus auf Lampedusa.

Vielleicht haben sie es im Fernsehen gesehen.

Es war seine erste offizielle Reise als Papst.

Und er hat die Gleichgültigkeit ob des Schicksals dieser Menschen angeprangert.

Er findet sich nicht damit ab, dass die bleibende Stadt, unsere Welt sich dermaßen von der zukünftigen Stadt unterscheidet.

Franziskus hat einen Kranz ins Wasser geworfen.

Und für die ertrunkenen Flüchtlinge gebetet.

Ändert sich dadurch etwas?

Nicht direkt.

Muss es aber trotzdem geschehen?

Unbedingt!

Denn wir sind auf der Suche nach der zukünftigen Stadt.

Und zwei Sachen sind beim Suchen notwendig:

Erstens:

Weiß, was du suchst.

Wir suchen die zukünftige Stadt.

Die Stadt von Glaube, Hoffnung und Liebe.

Die Stadt von Recht und Gerechtigkeit.

Die Stadt, in der Gott bei den Menschen wohnt.

Und das bedeutet auch:

wir machen uns jetzt schon auf die Suche nach ihr.

Denn nur wer suchet, der findet.

Das ist das Zweite.

Wir könnten zwar abwarten, bis die zukünftige Stadt aus dem Himmel herabkommt.

Bis zum Ende der Zeiten würden wir aber wenig von ihr finden.

Wenn wir das Ziel unserer Suche, die zukünftige Stadt aber klar vor Augen haben, ist Abwarten nicht länger eine Option.

Denn wir können ihr Eintreffen kaum erwarten.

Sie motiviert jetzt schon unser Handeln.

Wie?

Ich denke an Farid.

Er wagt sein Leben, weil er an eine bessere Zukunft glaubt.

Ich denke an Bruder Franziskus.

Er prangert die europäische Flüchtlingspolitik an, weil er auf einen menschenwürdigen Umgang mit Migranten hofft.

Ich denke an die menschgewordene zukünftige Stadt, an Jesus.

Er vergegenwärtigt das Reich Gottes, weil er seine Mitmenschen liebt.

Lebe den Glauben von Farid, die Hoffnung von Franziskus und die Liebe Jesu, denn:

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“


 


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