Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hebräer 13,14

Pastor Dr. Friedrich Brandi-Hinnrichs (ev.-luth.)

02.01.2013 im Ratzeburger Dom

zum Beginn eines neuen Vikarskurses der Nordkirche

copyright: Dr. Friedrich Brandi-Hinnrichs

copyright: Dr. Friedrich Brandi-Hinnrichs

Kanzelgruß.

Der Predigttext für diesen Gottesdienst ist kurz, es ist die Jahreslosung für das Jahr 2013: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebr 13,14)

Liebe Gemeinde – da hat man eben seinen Silvesterrausch ausgeschlafen, startet ins neue Jahr und möchte sich einlassen auf das, was kommt; manche beginnen sogar eine neue Lebensphase, starten in ihren neuen Beruf oder in den zweiten Ausbildungsabschnitt und haben womöglich sogar gerade eine neue Bleibe gefunden – und schon kommen die Herrnhuter und winken mit dem Hebräerbrief: „Nix da, Einrichten ist nicht – wir haben hier keine bleibende Stadt....“ Ja, biblische Weisheiten machen es einem oft nicht gerade leicht.

Welche Erfahrungen hinter dieser Aussage stecken lässt sich mit Bestimmtheit nicht sagen. Ob der Verfasser des Hebräerbriefes auf die Tempelzerstörung in Jerusalem anspielt oder auf die wechselvolle Besatzungsgeschichte oder überhaupt auf die leidvolle Geschichte Israels – das bleibt im Dunkeln. Vermutlich handelt es sich hier doch eher um eine religiös-philosophische Erkenntnis, dass eben nichts im Leben von Dauer ist.

Das ist eigentlich ja auch keine wirklich neue Erkenntnis. Jeder und Jede von uns weiß: Alles ist der Vergänglichkeit unterworfen, kein Haus wird ewig stehen bleiben, selbst eine Kirche wie der Ratzeburger Dom nicht, und kein Mensch wird ewig leben. Philipp Roth setzt sich in seinem Roman „Jedermann“ (2006) in bemerkenswerter Weise mit der Endlichkeit eines jeden Menschen auseinander, und man kann dieses Buch lesen als einen Roman zum Thema „Wir haben hier keine bleibende Stadt...“ – und auch über den Schmerz dieser Erkenntnis. Am Ende heißt es:

Jedem kommt ab und zu der Gedanke, dass in hundert Jahren niemand von den jetzt Lebenden noch auf der Welt sein wird – die überwältigende Macht wird sie alle vernichtet haben.“

Und dennoch, Jedermann möchte festhalten und bewahren, sei es einen bestimmten Pullover, der bis zum Geht-Nicht-Mehr getragen wird; oder am Teddy, der aus der Kindheit bis ins hohe Alter in Ehren gehalten wird, weil er doch immer schon da war. Und kein Fest ist so von dem Verlangen nach Konstanz und Bewahren geprägt wie das noch nicht ganz zurückliegende Weihnachten: Wehe, die Kerzen am Baum sind auf einmal weiß, anstatt rot oder aus Bienenwachs; oder es wird am Heiligen Abend nicht das gegessen, was es immer schon gab. Und ohne „Stille Nacht“ und „O du fröhliche“ geht schon mal gar nichts.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, aber wir suchen sie ständig“ – könnte man sagen. Selbst Renate Künast und Gregor Gysi haben inzwischen das Thema Heimat für ihre Parteien entdeckt; ein Thema, das bei den Linken ja eher verpönt war (wobei zu überlegen ist, ob die Grünen wirklich links zu nennen sind....) Selbst sie haben gespürt, dass es in der modernen Zeit eine Sehnsucht nach Konstanz gibt, nach einer Art bleibender Stadt. Und wir Kirchenmenschen sind in besonderer Weise verführbar, eine bleibende Stadt zu bauen. Schließlich haben wir ja eine große und großartige Tradition, die über Jahrhunderte gegolten hat und die es auch weiterhin zu bewahren gilt.

Doch Tradition ist kein Wert an sich. Immerhin sind wir Protestanten. Wir gehören zu einer Kirche der Reformation, deren Wurzeln man auch mit dem Satz beschreiben könnte: „Wir haben hier keine bleibende Stadt“ – selbst in der Kirche nicht und schon gar nicht in irgendwelchen frommen Behauptungen, die im Gewand der Objektivität daher kommen.

Henning Luther hat solche Behauptungen in einen treffenden Begriff gefasst: Das seien die Lügen der Tröster. Nichts in der Trauerbegleitung und der Seelsorge sei schlimmer als pastorale Behauptungen, die von Erfahrungen nicht gedeckt sind – z.B. die Vertröstung auf eine andere, bessere Welt im Jenseits; oder dass alles gut wird, weil der liebe Gott es so will. Das seien alles Versuche, Sicherheiten und Verlässlichkeiten zu schaffen, die es nicht gibt und nicht geben kann; und durch einfache Behauptungen in erhöhter Stimmlage auch nicht wahrer werden. Es seien eben Lügen, die – so ergänze ich – eine bleibende Stadt vorgaukeln.

Im zweiten Teil des Losungswortes heißt es: „....sondern die zukünftige suchen wir.“ Wir haben sie nicht, wir suchen sie. Und es ist im pastoralen Alltag die eigentliche Herausforderung, sich diesem Suchen auch wirklich auszusetzen und an den Verheißungen als Verheißungen festzuhalten – gemeinsam mit Anderen. Denn ständig wird man als Pastorin mit suggestiven Fragen konfrontiert, wie: „Sie müssen doch wissen, was nach dem Tod kommt, oder?“ Oder wie es Ostern wirklich war, und ob es Engel gibt, und was Pfingsten wirklich geschahen ist....

Die Verlockung, darauf Antworten zu geben, sind groß, und ich vermute mal, jeder Pastor oder jede Pastorin erliegt irgendwann im Berufsleben mindestens einmal der Versuchung, in Eile oder aus Verlegenheit etwas zu behaupten, das theologisch nicht wirklich durchdacht oder durch Erfahrung nicht gedeckt ist. (Hin und wieder möchte man ja auch einfach mal seine Ruhe haben.  )

Doch da steht nicht: „Wir Christen haben die zukünftige Stadt bereits gefunden“ – sondern: „Wir suchen sie.“ Vielleicht haben wir Pastoren und Vikarinnen mit unserer Ausbildung einen etwas ausgeprägteren Spürsinn bei dieser Suche, aber täuschen wir uns nicht: Fast immer sind es die Anderen, die religiös Unmusikalischen, die Kinder oder die Querdenker, die uns bei der Suche nach dem Heil entscheidend voranbringen. Wir Geistliche haben allerhöchstens die Fähigkeit, die Erkenntnisse der Anderen mit der christlichen Tradition zu verknüpfen,

Es gibt nichts Verlässliches; Verheißungen sind keine Sicherheiten oder Garantien, dass es einmal so werden wird. Deswegen sollte jede Glaubensaussage, die mit der Attitüde „So und nicht anders verhält es sich mit Gott, mit Jesus, mit der Auferstehung oder mit Pfingsten etc.“ mit sehr viel Skepsis behandelt werden. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Ein Dilemma bleibt allerdings. Wir brauchen in unserem Leben Bleibendes, Verlässliches. Es wäre ja furchtbar, wenn alles, was wir anpacken und denken, fühlen oder glauben, von vornherein unter das Verdikt der Vergänglichkeit gestellt wäre. Als Kirche sollen und wollen wir gerade in dieser Zeit den Menschen Heimat bieten, Geborgenheit in der Tradition vermitteln, in den alten Liedern und Gebeten, im Kyrie, im Gloria im Agnus Dei oder auch im aaronitischen Segen.

Die traditionellen Texte unserer Kirche helfen, mit der Vergänglichkeit alles Irdischen fertig zu werden. Die Rituale unserer Kirche – die übrigens nicht mit der Reformation angefangen hat, sondern 1517 / 1545 sind ja die Katholiken nur ihren eigenen Weg gegangen.... – also die uralten Rituale unserer Kirche vermitteln Verlässlichkeit, Konstanz und Vertrauen, ohne die Vergänglichkeit, der wir unterworfen sind, zu verleugnen. Das ist der Schatz der Rituale, und sie geben gleichzeitig schon hier einen Geschmack der verheißenen Herrlichkeit.

Michel Houellebecq verleiht dem Gedanken aus dem Hebräerbrief eine sehr eigene Not. Am Ende eines frühren Gedichtes heißt es:

Der Ort, an dem unsere Bewegungen ablaufen, sich harmonisch in den Raum einschreiben und ihre eigene Chronologie erzeugen,

Der Ort, an dem all unsere verstreuten Wesen nebeneinander marschieren, an dem alle Mißverhältnisse aufgehoben sind,

Der magische Ort des Absoluten und der Transzendenz

Wo das Wort ein Gesang ist, das Gehen ein Tanz

Den gibt es nicht auf Erden.

Aber wir gehen ihm entgegen.“

Das Predigerseminar in Ratzeburg und die Ausbildungsgemeinden in Schleswig-Holstein werden Orte sein, an denen wir uns gemeinsam auf die Suche nach der zukünftigen, verheißenen Stadt machen werden – – wohl wissend, dass es sie auf dieser Erde nicht geben wird.

Amen