Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hebräer 13,15-16

Pastor Dr. Wichard v. Heyden (ev.-luth.)

14.09.2014 auf dem Rittergut Erichshof/Gehrden

zum Regionserntefest der Region Hannover

Gnade sei mit euch von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde hier auf dem Erichshof,

Wenn wir als Kirche Erntedankgottesdienst feiern, stellen wir zunächst eine Frage.

Es ist die Frage nach dem, was gilt.

Es ist die Frage, wer oder was unser Leben bestimmt.

Das ist die Frage nach dem ersten Gebot.

Stimmt es, dass Gott, der lebendige, der Herr allen Lebens, auch unser Herr ist?

Oder ist er uns egal? Ist Gott mehr so etwas für ein Museum vergangener und überholter Träume und Einbildungen? Gehört Gott ins Museum?

Erntedank: Wir feiern, dass die Ernte nicht selbstverständlich ist. Wir feiern, dass Gott auch in diesem Jahr gegenwärtig war und ist. Nicht im Museum, sondern in der Wirklichkeit unseres Lebens, auch in der Wirklichkeit von Wachsen und Gedeihen.

Danke sagen, dass bedeutet, wir sind achtsam dafür, dass wir nicht alles in der Hand haben.

Wir sind dankbar für den Segen.

Segen ist nicht planbar. Der Mensch tut und macht, er bereitet vor, investiert und probiert aus.

Wie die Saat aufgeht, wie das Wetter wird, ob Krankheiten auftreten, all das ist nur bedingt steuerbar.

Deswegen: Segen ist nicht planbar. Das anzuerkennen, bedeutet auch: Anerkennen, dass es einen Gott gibt, der unser Planen und Machen übersteigt.

Auch die eigene Krankheit oder Gesundheit und die der Familienmitglieder gehört dazu.

Bewahrt zu werden oder trotz Unglück und Unfall weitermachen zu können, das gehört auch dazu.

Die Kirche ist nicht die Gouvernante der Landwirte. Sie segnet aber auch nicht einfach alles ab.

Die Kirche ist nicht die Gouvernante mit dem Zeigefinger. Auch wenn das einige Leute gerne so hätten. Man müsse den Landwirten nur mal sagen, wie sie zu arbeiten hätten.

Oder umgekehrt: Die Kirche müsse sich als Schutzpatronin vor die Landwirte stellen. Schließlich waren die Bauern früher doch die Kerngemeinde auf dem Land.

Beides ist falsch. Denn selbst bei einigem Interesse: Ich kann vieles gar nicht beurteilen. Wie sollte ich mich dann dazu aufwerfen, es besser zu wissen, als die, die betroffen und Experten sind?

Andererseits sind die Landwirte auch längst nicht mehr so selbstverständlich aktive Gemeindeglieder. Keineswegs! Auch außerhalb von Saat und Erntezeit kann man sonntags so manchen Trecker auf dem Feld beobachten, wenn man als Pastor von einem Gottesdienst zum nächsten fährt.

Dankbar sein bedeutet dagegen, einen Platz für Gottes Segen im eigenen Leben zu reservieren. Gottesdienst und Sonntagsheiligung gehören dazu. Gott hat den siebten Tag nicht dazu geschaffen, dass alles einfach so weiter geht. Sondern: Die Unterbrechung des ewig-gleichen Trotts ist die Chance, Gott im Ablauf der Woche die Ehre zu geben und das eigene Leben, das eigene Herz zu öffnen, es in die Sonne des Evangeliums zu halten, es von Gottes Liebe und Licht erfüllt werden zu lassen.

Albert Schweitzer brachte die Bibel auf den Punkt, indem er sagte:
Habt Ehrfurcht vor dem Leben!

Ehrfurcht vor dem Leben.

Im wachsenden,

im lebenden, im vergehenden Leben

Gottes Spur und Handschrift, Gottes Liebe zu sehen.

In all den Details. Im Hasen und im Bock, im Schmetterling, in den Eigenarten der Schweine, Kühe und Kälber, der Hühner und Gänse, des Getreides, des Weidelandes der Rüben und der Kartoffeln.

Ehrfurcht vor dem Leben, das meint auch auf das menschliche Leben. Die Not der Anderen nicht übersehen. Wer Leben und Lebensfähigkeit geschenkt bekommt und ernten darf, der darf nicht über die Not des Anderen hinwegsehen. Weder in Afrika, noch im Nahen Osten, noch in der Ukraine, aber auch nicht im eigenen Land dürfen wir weggucken.

Wir müssen uns stellen. Wir sind vor die Frage gestellt, wo und wie wir Ehrfurcht vor dem Leben haben und zeigen.

Wie ist das nun mit der Landwirtschaft?

Früher war alles anders. Es wurden weniger Tiere gehalten und die Ackerflächen waren kleiner.

Aber: Was hilft es, die Vergangenheit romantisch zu verklären?

Zu Erntedank gehört, dankbar zu sein für die Möglichkeiten, die wir heute haben, Tiere in großen Einheiten sauberer und besser zu halten als je zuvor und große Schläge schonender zu beackern als noch vor wenigen Jahren, weil alles genau und zurückhaltend dosiert wird.

Die Frage aber bleibt, wie wir umgehen mit dem, was lebt. Sind wir dankbar und achtsam? Oder schmeißen wir Leben einfach weg?

Diese Frage richtet sich an alle, vor allem auch an die Verbraucher. Aber natürlich auch an den konkreten Umgang mit Tieren und Pflanzen bei Saat und Ernte, bei Erzeugung, Geburt und später bei der Schlachtung.

Ist da noch Platz für die Ehrfurcht? Ist da ein Platz, an dem wir sehen, dass jedes Leben Eigentum des Herrn über Leben und Tod ist? Ist da noch Platz für den Gedanken, dass wir nur Verwalter des geschenkten Gutes sind, das von unserem himmlischen Vater sein Leben hat? Der Herr des Lebens ist Gott. Wie gehen wir mit dem Leben um, das wir produzieren, ernten, schlachten, verkaufen, kaufen und essen?

Das ist nicht der moralische Zeigefinger einer Gouvernante. Es vielmehr eine Frage. Die Frage nach Umkehr stellt sich immer. Johannes der Täufer ruft zur Umkehr. Dann erst beginnt das neue Leben durch Christus.

Umkehr: das ist nicht eine zu kurz gedachte moralinsaure Angelegenheit. Es ist vielmehr die Frage, wo Dein Herz ist: „Fühlst Du das Leben?“ „Nimmst Du es wahr?“ „Achtest Du es?“ „Nimmst Du wahr, dass es Gott ist, dem Du Dein Leben und alles Gute verdankst?“

Zum Abschluss lese ich den Predigttext für das diesjährige Erntedankfest. Es steht im Hebräerbrief im 13. Kapitel.

Herr, öffne unsere Ohren und Herzen für dein Wort!

So lasst uns nun durch ihn Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen.  16 Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.

Amen.

Solche Opfer gefallen Gott:

- Das fröhliche und selbstverständliche Bekenntnis zum Herrn des Lebens.

- Und das Tun des Guten. Das Teilen mit den anderen.

Wir feiern heute Erntedank. Wir danken dem Schöpfer. Wir loben ihn. Indem wir das tun, sind wir einige Schritte auf Weg des Lebens unterwegs. Der Weg des Lebens mit Gott, mit Dankbarkeit, mit der Ehrfurcht vor dem Leben, dieser Weg geht weiter, jeden Tag. In der Familie. Im Betrieb. Im Verein. In der Gemeinschaft. Der Weg des Lebens beginnt mit Umkehr und Neuanfang. Er führt zu einer neu wachsenden Ehrfurcht vor dem Leben. So wird alles Leben zu einer Spur, die Gott uns hinterlassen hat. Hinterlassen zum Staunen, zum sich Wundern, zum Jubel und zur Freude.

Wir feiern Erntedank. Denn auch in diesem Jahr sind wir trotz mancher Wetterkapriole noch immer Beschenkte.

Segen lässt sich nicht planen. Wir können nur staunen, danken und ehrfürchtig werden.

Amen.

Und der Friede Gottes, der all unser Denken und Verstehen übersteigt, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

Pastor Dr. Wichard v. Heyden, Gehrden