Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hebräer 13,15-16

Dompfarrer Jörg Coburger

05.10.2008 im Freiberger Dom

Erntedankfest 2008

Predigtpreisträger 2013

Heute zu Erntedank hören wir vom Teilen, vom Opfern, von: Gutes Tun.
Es wird von verschiedenen Opfern gesprochen, von falschen und richtigen, solchen  Opfern, die Gott gefallen. Gibt es Opfer, die ihm nicht gefallen? 

Ein armer Mann findet ein Geldstück, schon schwarz geworden und fast wertlos, auf der Straße und will es dem überlassen, der am bedürftigsten ist. Überall hält er Ausschau und beobachtet gut, damit das, was er doch auch gern behalten würde, an den richtigen Menschen gelangt. Schließlich geht er damit zur Audienz des Königs. Und weil der es als Beleidigung empfindet, gerät er in Zorn und ruft nach den Wachen. Immerhin bekommt der arme Mann die Gelegenheit, sich zu rechtfertigen: Nach meiner Beobachtung musst du der Bedürftigste sein, es gibt keinen Markt, keine Straße, kein Amt, nichts, wo man für dich kein Geld sammelt. Du nimmst von uns die Hälfte all dessen, was wir einbringen. Du musst, so schloss ich daraus, in großer Not sein. Keine Pore ist an dir, die nicht etwas begehrt, du bettelst an allen Türen des Landes. (1)

Beim Thema Opfern stellen sich häufig allergische Reaktionen ein. Das mag verschiedene Ursachen haben. Kleiner gewordene Gemeinden haben sich um einen nicht wesentlich kleiner gewordenen Bestand an Gotteshäusern zu mühen. Das schmerzt auch im Geldbeutel. Wo Kirchen dann nicht mehr zu halten sind und aufgegeben - geopfert - werden, gibt es erbitterte Diskussionen. Sicherlich, wir wissen das,  kann aber eine Opferallergie schlichtweg verbrämter Geiz sein.

Gibt es das, falsches Opfern? Und was kann uns bei hundert möglichen Projekten der Bedürftigkeit wieder ermutigen, damit wir uns nicht nur belästigt fühlen, sondern frei und gern geben? Was sind solche Opfer, die Gott gefallen und solche, die ihm nicht gefallen? Ein Opfern, das sich nicht auf Gott berufen darf - und es doch immer wieder versucht? Wo Gott für bloßen menschlichen, politischen, sozialen Willen eingespannt wird, um zu behaupten, er will das?

In manchen Kirchen sind Gedenktafeln für die in den beiden Weltkriegen ums Leben gekommenen Soldaten aufgestellt. Dort sehen wir lange Namenslisten. Der Schmerz dauert bis heute an. Es ist gut, dass sie nicht vergessen sind und in Gottesdiensten und Gedenkveranstaltungen ihrer  gedacht wird. Es ist gut, dass die Erinnerung an Menschen und Familienschicksale als auch an politische Ursachen wach gehalten wird. Manchmal sehen wir oben an den Gedenktafeln ein Motiv aus dem Johannesevangelium geschrieben: „Selig ist der Mann, der sein Leben gibt für seinen Bruder“ Für wen denn gaben sie ihr Leben? Für Kaiser, Gott und Vaterland? Können wir uns damit auf Gott berufen? Dürfen wir sagen: Gott wollte das Opfer?

Und dann im Mai 1968: Die Paulinerkirche, die völlig intakte gotische Universitätskirche in meiner Leipziger Heimat, wurde, wie es der Schriftsteller Erich Loest formulierte: „Ermordet.“  Ein herrlicher Dominikanerbau. Geopfert einer sozialistischen Städteplanung. Gesprengt, nicht ohne vorherige stasiüberwachte Grabschändung, nicht ohne die Orgelpfeifen von der Empore zu werfen und manches privat nutzbare Kunstwerk zu stehlen. Wo anfangen, wo aufhören beim Thema „Opfern“ Von einem gescholtenen Politiker wird gesagt, er habe seine Meinung der Partei geopfert. Und die, die Arbeit haben, opferten ihre Gesundheit, so wissenschaftliche Untersuchungen, weil sie hoffen, bei der nächsten Entlassungswelle eine bessere Chance zum Bleiben zu bekommen.

Der Hebräerbrief meint das Dankopfer. Ein Opfer, das aus dankbarem Herzen kommt und uns nicht abgepresst worden ist. Wie das Scherflein der Witwe, und ist das Opfer noch so gering, das darf sich auf Gott berufen. Allerdings, so lehrt uns die Witwe, werden wir nicht nach dem bemessen, was wir geben, sondern nach dem, was wir zurückbehalten. Opfer soll ein Segen sein. Das ist, was Gott will. Dabei denkt der Brief an zwei verschiedene Richtungen: Das Dankopfer mit den Lippen und das Dankopfer der Hände. Anbetung und Diakonie. Beides ist entscheidend wichtig, denn was wir nicht leibhaftig vollziehen, das wandert auch aus unserem Herzen aus. Der Dank im Herzen soll Gestalt gewinnen und für andere fassbar werden.

Anders gesagt: Das liturgische Lobopfer darf nicht gegen das diakonische Tatopfer gestellt werden. Hier im Freiberger Dom wird es gut sichtbar. Wenn wir neben der Sakristei den Dom verlassen, steht ein Opferstock aus dem Jahre 1570. Die Gemeinde, die gerade Gott das Lobopfer gebracht hat, die gesungen hat und gebetet, geklagt, gedankt und auch geschwiegen, muss an dem hüfthohen Sandsteinstock vorbei gehen, auf dessen Vorderseite Lazarus` Wunden von einen Hund geleckt werden, wie Lukas erzählt, weil niemand da ist, sie ihm zu verbinden. Dieser Opfer- Stock, welch ein interessantes Wort, ist ebenso eine Mahnung wie unser Predigttext. Opfere Gott Dank. Oder wie auf dem Stein: „Gebet den Armen“. Vergesst nicht, zu teilen. Letztlich haben Mahnungen keinen Sinn und müssen Moralpredigten bleiben, wenn wir uns nicht in Dankbarkeit erinnern, wie gut wir es bei unserem Herrn Christus Jesus haben. Dass bei ihm die Gemeinde keinen Mangel leidet. Die Gemeinde hat es gut bei ihrem Herrn.

Das Lebensopfer Jesu steht für sich. Christus ist der Hohepriester, der nicht mehr etwas gibt, sondern sich gibt. Niemand kann, soll und darf es nachahmen. Dank-   bar werden, indem wir uns beschenken lassen. So hatte es Christus im 11.Kapitel bei Matthäus gemeint: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will eich entlasten.

Danksagen mit den Lippen kommt von innen. Es darf entstehen. Geben wir uns eine Chance. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Danksagen entgiftet von Selbstsucht und Habgier. Dank bleibt nicht folgenlos, weil sich Dank immer mitteilen und verschenken will. Dank befreit auch unsere Hände. Das hatte Luther gemeint, als er im Großen Katechismus den Abschnitt „Von den guten Werken“ im Kapitel: „Von der Dankbarkeit einordnete“. Gutes Tun und mit anderen teilen, gute Werke tun,
ist möglich, wo Dankbarkeit lebendig ist. Dank soll nicht gefordert, sondern hervorgerufen werden. Dank ist eine Reaktion, denn bei Gott geht es immer mit dem Schenken los.

Ein Dankopfer wird dort möglich bleiben, wo wir die Sorge um unser eigenes Leben der Regie Christi anvertrauen und ihm beim Tagesgeschäft, Terminkalender und Geldbeutel mitreden zu lassen. Wo sein Lebensopfer in der Gemeinde Thema bleibt, brauchen wir uns auch um solch eine Gemeinde nicht zu sorgen, die aus Überlegung und Verantwortung bewusst akzentuiert: `Für diesen Zweck geben wir ganz und gar all unsere Zeit, Gaben und Geld, für jenes andere aber ist jetzt und hier nichts oder weniger dran.`

Wir können dann aufhören, zu kalkulieren und zu rechnen und unser Geben in Eitelkeit zu feiern. „Lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut“ – so empfiehlt Jesus. Wir sind frei, denn Christus will nicht etwas von uns, sondern er will uns ganz.

Auch wir haben überlegt, was mit unserem Dankopfer an Erntedank wird, dem Geld und den herrlichen und den herrlichen Erntegaben? Unsere eigene Not war ständig mit im Gespräch. Wir müssen nicht mehr in die Paläste schauen und nachfragen, was machen, was geben und vor allem, wieviel nehmen „die da oben“ und unsere Opfer-Ethik an ihnen messen. `Wenn die geben, dann, ja dann geben wir auch`? Das Ergebnis unserer Dikskussion? Unsere Partnergemeinde soll nicht die Hälfte bekommen, sie sollen alles haben. Und es war ein Aufatmen nach dem Gespräch und unser Gesang war fröhlich. Wie beten wir oft zum Einsammeln der Kollekte: „Gieße aus auf uns deinen Geist der unerschöpflichen Freibgiebigkeit.“


(1) Khermani, Navid; Der Schrecken Gottes – Attar, Hiob und die metaphysische
Revolte, C.H. Beck 2005