Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hebräer 13,2

Pastor Hermann Bohlmann

01.05.2005 in der Werkhalle der Lloyd Werft in Bremerhaven

Sonntag der Seefahrt

Grenzenlos Glauben - Teilen bereichert

Ein Frosch hat sein ganzes Leben nur in seinem Brunnen gelebt. Irgendwann trifft er auf andere Frösche, die auch nur ihren eigenen Brunnen kennen. Auf viele Frösche. Das gibt vielleicht ein fröhliches Gequake. Aber so viel sie auch palavern und sich austauschen, die Weite des Ozeans werden sie damit nie erfahren.

Liebe Gottesdienstbesucher hier in der Lloydwerft, liebe Mitfeiernde Zuhause an den Fernsehern und im Internet - vielleicht in aller Welt. Wie so ein Frosch habe ich mich wahrscheinlich auch verhalten. Damals vor 2o Jahren, als ich zur Seemannsmission kam. Den Seeleuten aus Österreich, aus Panama, oder dem Sudan, selbst den Seefahrenden von den Kirabati Inseln, deren Familien uns ziemlich genau gegenüber, auf der Gegenseite der Weltkugel leben, all denen habe ich von meinen Brunnenwänden erzählt.

Aber dann wurde es spannend, als ich merkte: diese Fahrensleute, die haben ja Ozean - Erfahrung. Und jeder hat seine Weltsicht. Stundenlang könnte ich denen zuhören – diesen Weltphilosophien. Und das in den Worten eines einfachen Matrosen.
Eine besondere Erfahrung, die können viele Seeleute im wahrsten Sinn des Wortes erfahren. Auf ihren Fahrten nämlich. Stellen Sie sich vor: Da kommen auf einem Schiff Menschen zusammen aus ganz verschiedenen Ländern. Sie stammen aus völlig verschiedenen Kulturen. Haben verschiedene Essens- und Lebensgewohnheiten.
Ihre Muttersprache ist vollkommen verschieden. Und sie haben verschieden glauben und beten gelernt. Und dennoch: sie steuern gemeinsam die Güter sicher durch die Fluten in unseren Hafen. Ja, das macht Welt erfahren. Wie wir bei unseren Besuchen auf Schiffen immer wieder mit Freude erleben. Und dies ist eine wahrhaft ökumenische Erfahrung; denn Ökumene umfasst ja die ganze Welt.

Jawohl: ich werde meinem Enkel raten, so zur See zu fahren, wenn er Interesse hat. Dieser Welt - Erfahrung wegen. Denn die brauchen wir, gerade auch in unserem Land. Und ich denke, die Seeleute haben sicher Recht, wenn sie sagen: „die Politiker müssten einmal so zusammen arbeiten lernen, wie wir. Dann würde es besser zugehen auf der Welt. Dann würden auch die lernen: Teilen bereichert. Und gerade nicht nur für sich und ihr Land sorgen.“

Bei einem Thema geraten diese prächtigen Seeleute allerdings in Wallung. Wie der Werftarbeiter auch, der mindestens acht Stunden am Tag wirklich hart malocht. Und das manchmal 6 oder 7 Tage die Woche, wenn es drängt. Er verdient dafür gutes Geld. Aber beide Arbeitsgruppen sehen ihren Arbeitsplatz sehr gefährdet. Und sie können sich höllisch aufregen. Heute, am Tag der Arbeit, muss ich Ihnen das mal verraten, was wir immer wieder an Bord und in der Werft zu hören kriegen:
„Was, der soll ein anständiger Bankchef sein?! Dabei will der noch weitere Tausende von Mitarbeitern entlassen, nur damit sie 25% Rendite kriegen.“ Oder: „Das sind mir vielleicht Unternehmer. Gehen mit ihrem Betrieb ins Ausland oder mit ihrem Schiff unter fremde Flaggen und zahlen keine Steuern. Jedenfalls hier nicht. Aber ihren Gewinn, den verleben sie bei uns. Und all die Wohltaten, die ihre Gemeinde, das Land und der Bund mit unseren Steuern zahlt, die nutzen sie schamlos aus.“

Liebe Gemeinde.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich will hier keinen falschen Neid schüren. Wahrlich nicht.
Sich an den guten Gaben der Schöpfung Gottes freuen, ist eine Christenpflicht. Und dazu gehört auch, dass wir uns freuen über unsere gute Begabung, über einen ertragreichen Beruf und ordentlichen Verdienst. Und der war schon immer sehr verschieden.
Aber es kommt auf die Perspektive an, auf die rechte Durchsicht.

Und ich bleibe dabei:
Die Wirtschaft ist für den Menschen da.
Für was denn sonst. Doch nicht für das Ansammeln von Kapital, das nur noch für sich selbst sorgt.
Jesus hat uns ganz klare Angaben für den rechten Durchblick gegeben:
„ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“, sagt er! Und was nicht den Geschöpfen Gottes dient, den Menschen, den Kreaturen und der Natur, das gehört eben zum Mammon. Und das zerstört. Profit allein, der nicht Menschen Arbeit und Brot gibt, der zerstört.
In diesem Sinne bin ich stolz für eine non - profit Organisation zu arbeiten. Denn das ist eine uralte Erfahrung: Teilen bereichert.

Und nun ein Zweites:
Es kommt auf die Perspektive an. Auf die Durchsicht.
Eben auch auf die Durchsicht zum Himmel.
Eines ist verwunderlich: nämlich wie viele Seeleute in dieser Hektik und Entbehrung der Schifffahrt ihren Glauben durchhalten.
Als wir vor Jahren zwischen Island und Grönland fischten und fast übernatürliches Licht das Nordmeer zum Glitzern brachte, sagte Kapitän Hartmann:
„wer hier nicht die Größe Gottes spürt, der hat Hornhaut auf der Seele.“
Oft werden wir gefragt: „was meint eigentlich Mission in eurem Namen Seemannsmission?“
Das will ich Ihnen erzählen:
Als in Russland gegen Gorbatschow geputscht wurde, baten mich russische Seeleute um einen Weltempfänger. Ich brachte ihnen den spät abends auf ihr ziemlich abgewracktes Kreuzfahrtschiff, das lange bei uns im Hafen lag. Natürlich luden sie mich ein. Da fragte der Chief erbost: „Warum lässt Gott so etwas zu?“ Und Igor, der Steuermann, antwortete: „Das lässt Gott nicht zu. Diesen bösen Putsch richten Menschen an.
Wir können trotzdem auf Gott vertrauen!“
Und dann holte er aus:
„70 Jahre lang hat man uns in der Sowjetunion erzählt: ‚wer an Gott glaubt, der ist dumm’. Aber ich habe viel gelesen. Ich habe viel Tolstoi gelesen. Und Tolstoi ist von einem Gottesleugner zu einem geworden, der auf Gott vertraute. Und dieser Tolstoi ist überhaupt nicht dumm. So habe ich gelernt, auf Gott zu vertrauen. Und davon bringt mich so leicht keiner ab.“
So hat in dieser Nacht der sowjetische Kommunist Igor uns eine Predigt gehalten.
Auch mir, dem Seemannspastor. Und das ist für mich Mission. Dass wir zu jeder Tages- und Nachtzeit in diesem hektischen Hafenbetrieb über Gott und die Welt ins Gespräch kommen können. Dass wir dort manchmal miteinander beten oder Gottesdienste an Bord feiern. Das macht Mission.
Und wie das Beispiel zeigt:
Das ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Und gerade auch hier gilt: Teilen bereichert

Ich vermute: Gott lächelt häufig über unsere Brunnenwandperspektiven, wenn wir um unsere trennenden Glaubensweisen streiten. Oder er weint gar, dass wir so selten über den Brunnenrand schauen.

Und nun als Drittes und Letztes.
Ich bin dankbar, dass ich durch meine Arbeit mit den Seeleuten so viele unterschiedliche Christen kennen lernen konnte. Teils sehr feste, teils äußerst lebendige und überzeugende Arten, ihren Glauben zu leben.
Eigenartig oder doch nicht?
Je länger desto mehr habe ich meinen eigenen evangelisch – lutherischen Glauben, schätzen gelernt. So wie ich ihn als Kind in unserm Dorf erlebt habe.

Im Laufe der Zeit habe ich allerdings gelernt:
unter all den Gläubigen treffen wir immer auf welche, die sehr auf das feste Einhalten von Formen, Vorschriften und Gesetzen pochen. Und das gilt für Christen, Muslime, Bhuddisten und andere gleichermaßen, habe ich erfahren. Anderen liegt mehr das Spirituelle, der Weg nach Innen und die Suche nach Gott am Herzen. Und das ist mir immer wichtiger geworden.
Bei der Seemannsmission habe ich vor kurzem mit Freude erlebt, wie nach jahrzehntelangem Hickhack teure Doppelstrukturen aufgehoben wurden.
Mein Wunsch ist, noch zu meinen Lebzeiten die großen christlichen Kirchen am Tisch des Herrn vereint zu erleben.
Das scheint mir für die Überzeugungskraft unseres Glaubens für die kommende Zeit überlebenswichtig. Ich liebe die wunderschöne Verschiedenheit der vielen Glaubensformen. Sie müssen gewiss bleiben.
Aber es reicht nicht aus, dass wir nur in Notfällen an Bord, das Abendmahl mit Katholiken, Orthodoxen und Evangelischen zusammen feiern.
Vielleicht mögen sie sagen: „mit diesem Wunsch zum Einssein bricht die Wehmut seines Alters durch.“ Doch ich betone: Jesus hat diesen flehentlichen Wunsch für seine Nachfolger, „dass sie alle eins sein sollen“, als junger Mann zu Gott gebetet.
Und das wollen wir doch mal festhalten: Jesus Christus selbst lädt uns ein zur eucharistischen Feier, zum Abendmahl und nicht wir mit unseren Brunnenwanderfahrungen.
Und nirgendwo in der Welt wird deutlicher erfahren als an diesem Abendmahlstisch, dass Teilen bereichert.

Ich wünsche Ihnen und uns hier heute am Tag der Arbeit
und in Zukunft bei Ihrer Arbeit
aber auch in Ihrer Seele
und Ihrem Glauben
die Erfahrung:
Teilen bereichert über Grenzen hinweg.

Und darum:
Gastfrei zu sein vergesset nicht,
denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt

Amen.