Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hebräer 13,20f.

Vikar Stefan Jooß

06.04.2008

Gottesdienst für Konfirmanden

Gottesdienst für Konfirmanden

Der Gott des Friedens,
der den großen Hirten der Schafe
– unsern Herrn Jesus –
von den Toten heraufgeführt hat
durch das Blut des ewigen Bundes,
der mache euch tüchtig in allem Guten,
zu tun seinen Willen,
und schaffe in uns,
was ihm gefällt,
durch Jesus Christus,
welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit!
Amen.
Hebräer 13,20-21

I. Schafe seid ihr! Eine kleine Gemeindebeschimpfung

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
liebe Gemeinde,

ihr seid doch alle Schafe! So wahr ich hier stehe: Schafe seid ihr!
Lämmer und Jungschafe, Böckchen und Hammel, Haus- und Wildschafe, schwarze Schafe, weiße Schafe – eine ganze Schafherde. Lauter Schafe!

O, ich sehe es Ihren Gesichtern schon an: Das hören sie nicht so gerne. Da regt sich Widerspruch. Sie empfinden „Schaf“ nicht gerade als Ehrentitel?! Und von einem dahergelaufenen Vikar wollen sie sich schon gar nicht als Schaf bezeichnen lassen! – Ach, wie recht sie doch haben – und dennoch: Sie sind alle Schafe!

II. Der gute Hirte und seine Schafe

Denn Jesus Christus spricht: Ich bin der gute Hirte und meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir.

Die Schafe Jesu Christi, das sind nun mal sie, liebe Gemeinde. Das seid ihr, liebe Konfirmandinnen. Und die Böckchen Jesu, das seid wahrscheinlich ihr Konfirmanden. Pfarrer Kittel gibt den Widder und ich mache dann eben noch den Hammel dazu!

Trotzdem – auch wenn Jesus selbst den Hirten spielt: Ich mag kein Hammel sein! Hammel gelten als stur, unfruchtbar und fett – das kann doch kein Mensch – und auch kein Vikar – wollen!
Und Pfarrer Kittel gibt auch keinen guten Widder ab. Widder sollen schließlich wilde, eigenbrötlerische Sonderlinge sein, die abseits der Herde blöken. Das trifft für ihn doch nun wirklich nicht zu!
Und ihr, Jungs, wie steht’s mit Euch? – Die Böckchen Jesu! Böckchen gelten als störrisch, aufmüpfig, undiszipliniert – und unglaublich süß! Wollt ihr, im Namen Jesu, wirklich süß sein?
Ach, die Schafe lachen. Oder weint ihr, Schafe? Ihr hättet Grund dazu. Denn Dr. Alfred Brehm, der Autor des Weltbestsellers „Brehms Tierleben“ – den Älteren unter uns dürfte das noch ein Begriff sein – Dr. Alfred Brehm also hat über das gemeine Hausschaf folgendes geschrieben: Seine Furchtsamkeit ist lächerlich, seine Feigheit erbärmlich. Jedes unbekannte Geräusch macht die Herde stutzig, Blitz und Donner und Sturm und Unwetter überhaupt bringen sie gänzlich aus der Fassung.
Fühlen sie sich da erkannt, liebe Gemeindeschafe?
Ich bin irritiert, keinen lautstarken Protest zu hören. Na gut, dann bleibt es wohl dabei: Schafe seid ihr!

III. In Jesu Namen – das müssen andere Schafe sein

Immerhin – und das mag uns trösten – haben wissenschaftliche Untersuchungen ergeben, dass Schafe ein ungewöhnlich gutes Langzeitgedächtnis besitzen. Ein Schaf kann sich über 50 Gesichter von Mitschafen merken – und zwar mehr als 2 Jahre lang. Schafe sind also nicht blöde.
Außerdem sind sie gesellig. Am liebsten halten sie sich in Gruppen auf. Und wenn sie das nicht haben können, werden sie nervös und depressiv. Aber wenn man einem einsamen Schaf dann ein paar Passfotos von Artgenossen an die Stallwand klebt, beruhigt sich sein Puls und sein Adrenalinspiegel senkt sich. Ganz relaxed rollt es sich dann im Stroh zusammen. Sagt die Wissenschaft. – Wenn das stimmt, dann erinnert mich so ein Schaf doch ein wenig an euch, liebe Konfirmandinnen: Am liebsten in der Gruppe. Und daheim: Poster von Pop-Artgenossen an den Wänden und ganz relaxed auf dem Bett lümmeln, das kommt mir irgendwie bekannt vor. Schafe und Konfirmandinnen mögen die Gemeinschaft, die Gruppe.
Und auch sie, liebe Schlater, gehören meiner Wahrnehmung nach zu den „gemeinschaftsbildenden Wesen“. „Zoa politika“ hätte der alte griechische Philosoph Aristoteles Sie genannt: „herdenbildende Wesen“. – „Schafe“ nennt Jesus sie. Friedliche, gesellige Tiere, die gerne unter ihresgleichen leben und allem Fremden oder auch Wölfischen eher skeptisch gegenüberstehen. Da sieht Brehm wohl schon was Richtiges. Aber wer fürchtet sich nicht vor Wölfen?

IV. Da braucht es wohl einen Hirten

Also brauchen wir einen Hirten. Gegen die Wölfe und anderes Unheil. Damit wir in Ruhe unter unseresgleichen leben können.
Doch Hirte – das ist kein ganz ungefährlicher Job. Vielleicht kennen einige von ihnen „Glennkill“, den 2005 erschienenen Schafskrimi der Münchnerin Leonie Swann, der seitdem die Bestsellerlisten dominiert. Er beginnt folgendermaßen:

„Gestern war er noch gesund“, sagte Maude. Ihre Ohren zuckten nervös.
„Das sagt gar nichts“, entgegnete Sir Ritchfield, der älteste Widder der Herde, „er ist ja nicht an einer Krankheit gestorben. Spaten sind keine Krankheit.“
Der Schäfer lag neben dem Heuschuppen unweit des Feldweges im grünen irischen Gras und rührte sich nicht. Eine einzelne Krähe hatte sich auf seinem wollenen Norwegerpullover niedergelassen und äugte mit professionellem Interesse in sein Innenleben. Neben ihm saß ein sehr zufriedenes Kaninchen. Etwas entfernter, nahe der Steilküste, tagte die Konferenz der Schafe.
Sie hatten Ruhe bewahrt, als sie ihren Schäfer an diesem Morgen so ungewohnt kalt und leblos vorgefunden hatten, und sie waren sehr stolz darauf. Natürlich hatte es im ersten Schrecken ein paar unüberlegte Rufe gegeben: „Wer bringt uns jetzt Heu?“ etwa, oder „Ein Wolf! Ein Wolf!“ Aber Miss Maple hatte schnell dafür gesorgt, dass keine Panik ausbrach. Sie erklärte, dass mitten im Sommer auf der grünsten und fettesten Weide Irlands sowieso nur Dummköpfe Heu fressen würden und dass selbst die raffiniertesten Wölfe ihren Opfern keinen Spaten durch den Leib jagten. Und ein solches Gerät ragte ganz zweifellos aus den morgenfeuchten Innereien des Schäfers.

Hirten leben also gefährlich – und sterben nicht selten eines unnatürlichen Todes. Auch der große Hirte der Schafe, von dem unser Predigttext spricht, unser Herr Jesus Christus, starb eines unnatürlichen Todes – und das Kreuz ist ein noch viel brutaleres Gerät als ein Spaten. Jesus wusste um seinen riskanten Beruf: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe, so lässt ihn der Evangelist Johannes noch zu Lebzeiten sagen. Wie Recht er damit hatte.

Der Hirte lebt gefährlich, weil er mit Schafen und nicht mit Menschen lebt. Das macht ihn in unseren Augen suspekt. Wir nennen ihn deshalb auch „Schäfer“ und rücken ihn damit sprachlich ganz nahe an die Schafe heran und ganz weit von uns selbst weg. Und das entspricht geographisch durchaus der Wahrheit. Denn der Schäfer lebt außerhalb der Dörfer und ist für uns Menschen in den Dörfern nur schwer greifbar.
Unter Gottes freiem Himmel zieht er mit seiner Schafherde durch Auen und Wälder, überquert Flüsse und umrundet Seen, erklimmt Berge, durchstreift Schluchten und Täler. Er geht und steht und geht. Unvorhersehbar sind seine Wanderungen, abhängig von Wetter und Graswuchs, von Lust und Laune und von seinem Instinkt. Aber immer ist der Schäfer mit seinen Schafen unterwegs, auf der Suche nach fruchtbaren Wiesen und sicheren Weidegründen.
Für die Dörfler ist er schwer zu greifen. Heute hier, morgen dort, ist er immer ein Fremder. Und seine gesellschaftliche Unabhängigkeit macht ihnen Angst.

Aber für die Schafe ist der Schäfer lebensnotwendig. Wer bringt uns jetzt Heu? rufen einzelne Schafe in Glennkill beim Anblick ihres toten Schäfers. Das ist zwar dumm, mitten im Sommer auf fetter Wiese, aber es zeigt, dass sich die Schafe darauf verlassen, dass der Schäfer sie versorgt. Und wenn andere angstvoll Ein Wolf! Ein Wolf! schreien, dann bringen sie damit ihre Schutzlosigkeit zum Ausdruck, denn ihr Schäfer hat sie ja immer beschützt, vor Wölfen, vor Menschen, vor Krankheit und allem anderen Unheil.

Der Hirte hütet seine Schafe. Er hält die Herde zusammen und die Schafe vertrauen ihm: Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Ja, sie hören recht, Psalm 23. Das ist ein schafechter Hirtenpsalm, den wir da vorher miteinander gebetet haben: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Schafe sind wir!

V. Pastor pastoris, Schäferschafe und Agnus Dei

Schafe seid ihr! Denn manche Schafe, ich z.B., werden ihrerseits zu Hirten und heißen dann lateinisch würdevoll „Pastor“. Pastor – der Hirte.
In der Verniedlichungsform wird daraus ein unwürdiger Stellvertreter, der „Vikar“. Der Vikar Jooß ist also der Stellvertretungsschäfer des Pastors Kittel.
Aber auch der Pastor Kittel ist bloß ein Stellvertretungsschäfer. Denn es kann nur einen echten Hirten geben – und der heißt Jesus Christus. Die kirchliche Tradition nennt ihn gerne den „pastor pastoris“, den Hirt der Hirten, den Oberhirten. Die Pastoren sind also auch nur Schafe – Schafe im Pastorenpelz.

Lauter Schafe! Die Kirche ist eine Gemeinschaft von Schafen. Und darüber steht ein großer Hirte: Jesus Christus.
Könnte man meinen! Ist aber mitnichten so! Denn auch Jesus Christus ist ein Schaf, gar ein Lamm: Siehe, das ist das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt!
Jesus Christus ist also ein Schaf wie wir – aber ein Schaf in Hirtengestalt.
Mit ihm leben wir alle in einer großen Schafsgemeinschaft. Wir feiern sie heute im Abendmahl. Dabei erinnern wir uns an Gottes Lamm, an Jesus Christus. Sein Tod hat dafür gesorgt, dass wir Schafe enger zusammengerückt sind, dass wir uns organisiert haben. Wie die Schafe in Glennkill, die in der Konferenz der Schafe zusammenrücken, als sie ihren Schäfer tot auffinden.

VI. Die Schäferei Schlat – Schafsleben

Wir rücken zusammen. Wir sind eine Gemeinde. Wir sind füreinander da. Jedes Schaf an seinem Ort.
Viele von ihnen, liebe Gemeindeschafe, sorgen Woche für Woche für volle Opferbüchsen – und am Adventsbazar sogar für einen vollen Tresor.
Andere sorgen für das Jungvolk. Die Schafsältesten unterstützen die Aufzucht nach Kräften und gehen den Jungschafen als Vorbilder voran. In Jungschafscharen und Böckchenschaften und Schäfchenkreisen erfahren die Lämmer, was die älteren Schafe im Leben trägt und stärkt. Sie leben und lernen miteinander, im Schutz der Herde.
Dafür bringt ihr Jungschafe Leben in die Herde, wenn ihr albernd und springlebendig über die Gemeindewiesen flitzt und den Stellvertretungsschäfer Jooß fast zur Verzweiflung treibt, weil er euch doch die Herdenregeln beibringen soll. Damit Friede herrsche in der Herde und kein Jungschaf verloren gehe.

Heute zeigt ihr, dass ihr die Herdenregeln gelernt habt und dass ihr sie anerkennt und dass ihr euch zu Jesus Christus, unserem Mitschaf und unserem Oberhirten bekennt.

VII. Die Wehmut des Schäferschafs

Nun, meine Lieben, da sind wir. Die Aufzucht ist fast beendet, das Bekenntnis steht euch noch bevor – und nächste Woche werdet ihr zu Vollschafen unserer Schlater Herde und der Herde Jesu Christi ernannt. Einen großen Festgottesdienst wird es geben, ein paar Worte auf den Weg, Gottes Segen über euer Leben. Vielleicht werden wir ein paar Tränen verdrücken – und dann werde ich euch eurer Wege ziehen lassen und wir alle hier hoffen und beten, dass diese Wege euch nicht allzu weit von uns wegführen.
Der Gott des Friedens aber,
der den großen Hirten der Schafe
– unsern Herrn Jesus –
von den Toten heraufgeführt hat
durch das Blut des ewigen Bundes,
der mache euch tüchtig in allem Guten,
zu tun seinen Willen,
und schaffe in uns,
was ihm gefällt,
durch Jesus Christus,
welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit!

Amen.