Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hebräer 13,8

Weihbischof Dr. Hans-Jochen Jaschke


Zeitenwende - Christlicher Glaube im Wandel der Zeiten
Sein ist die Zeit - Lob auf die Ewigkeit Jesu

Wir leben in den Zeiten, jeder in seiner und wir alle gemeinsam in der Geschichtszeit zusammen mit allen Menschen. In diesen Zeiten feiern wir das Jahr 2000 nach Christus am Ende eines alten Jahrtausends, im Übergang zu einem neuen.

1. Annäherung an die Ewigkeit

Im Jahr 1940 - ein Jahr zuvor haben nach dem deutschen Angriff auf Polen Frankreich und England Deutschland den Krieg erklärt - gerät ein Franzose in deutsche Kriegsgefangenschaft. Er kommt in ein Lager bei Görlitz: der Komponist und Organist Olivier Messiaen. Sie bringen im Lager ein Klavier, eine Violine, ein Cello, eine Klarinette zusammen. Messiaen komponiert ein Quartett für das Ende der Zeit. Eine bewegende Melodieführung ergreift den Hörer. Sie führt ihn hinaus, entfremdet ihn der irdischen Zeit und nähert ihn der Ewigkeit an. Das Quartett hat acht Sätze. Den sieben Sätzen nach dem Bild der Siebentagewoche folgt ein achter, der in die Ewigkeit weist: Lob auf die Ewigkeit Jesu, lourange à l‘éternité de Jesus. Unendlich langsam, ekstatisch lautet die Tempoanweisung für ihn. Krieg ist Zeit des Schreckens und des Grauens. Das zurückliegende Jahrhundert hat sie mehr als genug erlebt. Es waren immer Menschen, die davon betroffen wurden, mittendrin, getriebene, zerriebene, gedemütigte und beleidigte, Menschen. Sie mussten ihre Machtlosigkeit erfahren. Wer beherrscht die Zeit? Sind es die frechen Götzen der Ideologien und Systeme, seien sie braun oder rot? Sind es die brutalen, lächerlich aufgeblasenen Menschen? Was wird aus den Menschen? Sollen sie wirklich untergehen im Strudel der Ereignisse? Was bleibt vom Einzelnen? Wie wahrt er seine Würde? Die Gefangenen im Lager bei Görlitz um Olivier Messiaen herum haben in der Sprache der Musik Halt, Perspektive gefunden. Sie haben sich an der Ewigkeit Jesu festgemacht.

2. Jesus Christus ist derselbe, gestern, heute, in Ewigkeit (Hebr. 13,8)

Im Brief an die Hebräer werden Menschen, die aus dem Glauben Israels stammen, zum Leben in der Zeit ermutigt. Jesus lebt für immer. Er war gestern, er ist heute, er wird morgen, ja er wird für immer sein. In ihm hat menschliches Leben Bestand, empfängt es seine Würde, erhält es Verantwortung, wird es kostbar. Menschen haben Jesus Christus, den Herrn, erfahren. Sie wurden von ihm angerührt. Er hat sie aufgerichtet und geheilt. Seine Sympathie hat sie ergriffen und bewegt. In der Nähe Jesu haben Menschen den unendlichen Gott erfahren und gespürt, wie der Unendliche sie anrührt und er Zeit für sie hat. Menschen wurden Zeugen, wie dieser Jesus im Konflikt besonders mit den Frommen aufgerieben wurde, wie der Konflikt sich immer mehr zuspitzte und ihn schließlich ans Kreuz gebracht hat. Fassungslos standen sie vor seinem Tod. Sie wurden überwältigt von der Auferstehung, von der Erfahrung, dass Gott den seinen nicht bei den Toten lässt. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Menschen wurden und werden auf seinen Namen getauft, auf den lebendigen Herrn, den gekreuzigten und auferstanden. Überall auf der Welt ehrt sein Name den Menschen. An Jesus Christus sehen wir, wer wir sind: Menschen mit Ewigkeitswert. Ewigkeit Jesu, das heißt: So wie uns Jesus in seinem Leben, in seinem Sterben, in seinem neuen Leben vor Augen steht, so ist Gott selber. Gott, der Unbegreifliche, ist so, wie wir es an Jesus sehen. Er neidet uns Menschen nicht das Leben, sondern schenkt und trägt es für immer. Gottes Ewigkeit bildet den Raum für die Zeit. Vor aller Zeit ist Gott, lebt der Sohn als Gott von Gott verbindet der Herr und Lebensspender Geist den Vater und den Sohn. Unsere Schöpfung vollzieht sich im Raum des ewigen Gottes. Er hat gute Zeit für uns.

3. Jesus Christus in der Geschichte

Mit steht eine herrliche Kirche vor Augen, auf Sizilien, in Monreale bei Palermo. Reiche, wunderschöne Bilder schmücken den Raum bis in den letzten Winkel hinein, die Darstellungen der Menschheitsgeschichte, wie sie besonders die Bibel zeigt. Am Zielpunkt der Kirche oben in der Apsis sehen die Besucher Christus, den Herrn der Welt. Alpha und Omega, Anfang und Ende bezeichnen ihn, den Herrn, der am Anfang war und am Ende bleibt. Er gibt der Geschichte, so sehen wir, ein Gesicht. In der Geschichte atmet Gottes guter Geist und garantiert das Leben der Menschen. Jesus - Mythe, Mythos Jesus, so wird uns entgegengehalten. Die Geschichten klingen schön, sie bauen Menschen auf. Aber vor allem sind sie gut erfunden. Die Kirche hat ein hohes Interesse daran, die frommen Traditionen weiter zu pflegen, um auf diese Weise ihren Macht und ihren Einfluss zu sichern. Wir wären wirklich ärmer ohne die guten Geschichten von Gottes Sohn, vom Wirken des Heiligen Geistes. Sie prägen das humane Gedächtnis, das große kollektive Gedächtnis von uns Menschen. Geschichtslosen Menschen, die keine Geschichten mehr erzählen können und die Geschichten verlieren, fehlt Tiefe, fehlt der Grund. Sie sind den Zufälligkeiten ausgeliefert, die auf sie einströmen, den flimmernden Bildern, die sie von allen Seiten umgeben und beeindrucken wollen. Ich denke besonders bei jungen Leuten mit Sorge daran, wie sie ihren Stand finden wollen in einer Welt, die mit so verwirrenden Eindrücken auf sie eindringt, und habe Sorge, dass der Traditionsverlust, der Verlust der alten Geschichten und Überlieferungen dazu führt, dass wir nur noch den Einrednern von heute und den vielen, die Stimmung machen wollen, ausgeliefert sind, ohne selber einen Stand zu haben. Die Geschichten von Jesus, die Geschichte Jesu Christi, sie hat sich wirklich ereignet auf dieser Erde. Ihre Wurzeln reichen in den Boden unserer Wirklichkeit. Wir können sie nachprüfen. Glaube bleibt immer ein Geschenk Gottes, und im Letzten können wir Glauben nicht beweisen. Aber der Glaube steht auf einem guten Grund, von dem aus er sich entfalten kann. Er hat seinen Grund in dem, was Gott selber real in unserer Geschichte gewirkt hat. Gott selber tritt in die konkrete Geschichte ein, bindet sich an sie und macht sich fest in ihr. Auf diesem Grund haben Menschen weiter gebaut, lebendige, zuverlässige Menschen, nicht Geschichtenerzähler, nicht Mythenerfinder. Das Jesuszeugnis ist greifbar überliefert. Wir in Hamburg sind stolz darauf, dass an den Anfängen unserer Stadt und unserer Kirche der lebendige Mensch Ansgar gestanden hat. Überall in der Welt waren und sind es solche Persönlichkeiten, die den Glauben bezeugen. Wir können nachprüfen, was wir glauben, und wir sind aufgerufen, Rechenschaft über den Glauben zu geben. So macht Jesus Geschichte, wirkt er in ihr und verändert er sie.

4. Der unsterbliche Mensch

Die Ewigkeit von Gottes Sohn, in dem der unendliche Gott selber Zeit für seinen Menschen hat, darf uns aufgehen. Wir sehen und erfahren, wer wir sind: Menschen, die für immer ins Leben gerufen sind, hier und heute und in ein Leben ohne Grenzen, ins ewige Leben. Unsere Lebenszeit ist begrenzt. Die Bibel weiß: Das Leben des Menschen währt 70, wenn es hoch kommt 80 (Ps 89/90). Heute sagt man, vielleicht könnten wir schon mal 125 Jahre erreichen. Das Leben ist zeitlich und das ist auch gut so. Immer in der Zeit zu leben, ohne dass die Dinge weitergehen, ohne dass die Zeit ein Ende findet, wäre nicht gut zu ertragen. Dadurch, dass das Leben begrenzt ist und sich in der Zeit entwickelt, wird es kostbar. Die endlose Zeit die sich immer wiederholt, sie ist langweilig, sie muss zur tödlichen Langeweile werden. Aber in jedem Menschen, der in diesem begrenzten Leben seine Erfahrungen macht, steckt ein Kontinuum, etwas was auf Dauer angelegt ist. Der Mensch dauert in den Zeiten fort. Wir merken es: In den Zeiten, die wir erleben, bleiben wir identisch mit uns selber. Wir verändern uns äußerlich wie innerlich, machen alle möglichen Erfahrungen. Aber es gibt ein Kontinuum in uns, das uns Halt in den Zeiten schenkt. Seit alters her nennen Menschen dieses Kontinuum die Seele. Jeder Mensch hat seine Seele, die unsterbliche Seele. Sie gibt uns Identität in der Zeit macht unseren Wert aus, und bezeichnet uns ganz besonders. Jesus lädt uns ein, unsere Seele zu gewinnen. Was hat der Mensch davon, wenn er alles gewinnt, aber seine Seele verliert? Setzen wir darauf, unseren Personenkern, unsere Seele, rein zu halten! Setzen wir darauf, die Seele zu gewinnen, indem wir uns an Jesus festmachen, indem wir dem Guten Raum geben, indem wir uns nicht von irgendwelchen Zufälligkeiten treiben lassen, von Wünschen, die gerade einmal angesagt sind, sondern das tun, was in sich gut und richtig ist. Jesus, der uns so anspricht, geht uns voraus. Sein Leben macht keinen Halt an der Todesgrenze. Die Auferstehung zeigt, wie er die geschlossenen Räume unserer irdischen Begrenztheit durchbricht. Er kommt in seiner Auferstehung auf die Jünger zu und zeigt ihnen, dass das Leben stärker ist als der Tod: neues, entgrenztes Leben, Leben in Weite, Leben in Perspektive. So zeigt uns Jesus, dass wir Menschen deswegen unsterblich sind, weil Gott uns ruft. Er legt diesen Personenkern, dieses Kontinuum in uns, damit es sich entwickelt und entfaltet. Von ihm angesprochen, dürfen wir unsere Würde als Menschen erfahren. Aber wenn wir auf Jesus den Auferstandenen schauen, sehen wir: Zum Leben über die Zeit hin, zum Leben in der Ewigkeit, gehört nicht nur eine schöne Seele, sondern alles, was am Leib erfahren, was am Leib erlitten, am Leib getan wird. Das hat Bestand im ewigen Leben! Wir werden nach dem Tode nicht in einem Leib leben, so wie wir es jetzt erfahren. Das weiß jeder: Der Leib zerfällt. Auferstehung besagt, dass uns ein neuer Leib, ein verwandelter geschenkt wird. Paulus spricht vom geistigen Leib, der die ewige Existenzform für uns Menschen sein wird. Aber dieser ist eben mehr als eine reine Seele, die nichts zu tun hätte mit den körperlichen, leibhaftigen Realitäten unserer Welt. Wir leben in dieser realen Welt. Was wir in ihr an Freude und Leid erfahren, wird eingehen ins ewige Leben. So ist der ewige Jesus unser Kontinuum. Er gibt uns Dauer im Wandel der Zeiten.

5. Unsere Ehre, das Lob auf die Ewigkeit Jesu

Olivier Messiaen hat in schlimmer Zeit in eine musikalische Form gebracht, was Menschen Halt in der Zeit verleiht. Unendlich langsam, so hat er es angeordnet, soll dieser Satz gespielt werden, um so an die Dauer zu erinnern. Ein Buchtitel unserer Jahre heißt „Die Entdeckung der Langsamkeit.“ Er will uns zeigen, dass wir nicht zu einem hektischen Leben verurteilt sind, sondern erfahren dürfen, was Dauer bedeutet. Wir sind nicht getrieben und gejagt, sondern dürfen das Kontinuum, leibhaftig spüren und ihm Ausdruck geben. Unendlich langsam, aber ekstatisch, über uns hinaus, soll das Lob auf die Ewigkeit Jesu erklingen. Jesus ist einer von uns, in allem uns gleich, außer der Sünde. Aber er führt den Menschen über sich hinaus. Gut dass wir nicht bei uns bleiben müssen, dass wir nicht eingeschränkt sind in die geschlossenen Systeme, gut dass wir nicht eingemauert sind in irgendwelche Panzer unserer selbst. Nein, wir dürfen uns herausführen lassen, ekstatisch über uns hinaus. Verlieren wir diesen Blick, diesen Ausgriff nicht! Er begegnet uns in vielem: in der Musik, der Kunst. Er entspricht der Sehnsucht, die in uns steckt; dem, was wir möchten, ohne dass wir uns immer Rechenschaft darüber geben können. Überall da, wo Menschen leben, haben sie diesem ekstatischen Ausgriff Ausdruck gegeben. Der Mensch ist mehr als Wesen von jetzt auf gleich, mehr ist als eine Masse Mensch, mehr ist als einer, mit dem man machen kann, was man will. Gerade in unseren schnelllebigen Zeiten um das Jahr 2000 herum, beim Übergang in neue Zeiten ist es unendlich wichtig, daran zu erinnern, dass wir Menschen uns in der Ewigkeit festmachen können. Um, den Ewigen, zu loben; im Blick auf ihn Zutrauen zu fassen; immer neu zu sehen, was Leben bedeutet, was wir können und was von uns erwartet wird, das macht uns bleibend schon. Viele Deutsche haben ein Lieblingslied. „So ein Tag, so wunderschön wie heute, der dürfte nie vergehen.“ Wir können die wunderschönen Momente nicht festhalten. Aber im Blick auf die Ewigkeit Jesu gewinnen wir Dauer und Halt. Das was wichtig ist, kann uns keiner nehmen. Und wir selber müssen nicht alles selber leisten. Die Ewigkeit wird uns geschenkt. Wir stehen nicht unter einem Druck, der uns unruhig macht, einem Druck, der uns so treibt, dass wir den Atem verlieren. Als von Jesus Beschenkte dürfen wir in der Zeit leben und Ewigkeit erfahren. So gewinnt unser Menschenname für immer seine Ehre.