Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hebräer 5,7-10

Pfarrer Thomas Jabs (ev.)

21.03.2010 in der Evangelischen Kirchengemeinde Mahlsdorf

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen.

Liebe Gemeinde!

Vor zwei Wochen hatte ich eine Diskussion. Die entscheidende Frage spitzte sich zu. Ich formuliere sie einmal so:
Ist das Christentum besser als andere Religionen?
Ich antwortete nach kurzem Zögern einfach und unmissverständlich „Ja“.
Ja das Christentum ist besser als andere Religionen. Natürlich wurde ich sofort gefragt warum. Ein Teil dieser Frage heißt: Warum ist das Christentum besser als das Judentum, die Religion zu der Jesus von Nazareth gehörte. Noch vor zwei Wochen konnte ich nur sagen: Das Christentum ist für mich und damit für viele Menschen besser als das Judentum, weil ein wirklicher Jude von einer jüdischen Mutter geboren werden müsse. Wie viele andere Menschen wurde ich aber nicht von einer jüdischen Mutter geboren.
Heute weiß ich viel mehr, weil ich mich mit unserem kurzen Predigttext beschäftigt habe. Worte an die Hebräer geschrieben. Also an Juden, die auch diese Frage hatten: Warum sollten wir Christen sein als Juden? Was ist denn besser daran Christ zu sein?
Es gibt einen entscheidenden inhaltlichen Aspekt. Ein entscheidendes Qualitätsmerkmal. Und als ich das begriffen hatte, habe gleich noch verstanden, was eine Religion eigentlich ist.
Beides möchte Ihnen heute weitergeben. Was ist eigentlich Religion und warum ist das Christentum die Beste.
Hören wir auf den Hebräerbrief:
Hebr 5,7 Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. 8 So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. 9 Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden, 10 genannt von Gott ein Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks.
Alles was man zu den Unterschieden der Religionen wissen muss, ist mit diesem Text entschieden und eigentlich in einem Satz:
8 So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt.

Religion ist Gehorsam. Und da es im hebräischen, der Sprache Jesu und der Sprache der Hebräer dieses Wort gar nicht gibt, ist es noch einfacher. Im hebräischen ist Gehorsam nichts weiter als Gott hören.
Genau das ist Religion. Gott hören.
Doch das ist noch nicht alles. Es gibt einen zweiten Schritt:
  1. Gott hören und
  2. von ihm lernen.
Es gibt ein wunderschönes Beispiel in unserer Welt für hören und lernen. Hoffentlich hilft Ihnen mein Vergleich genau so sehr, wie er mir geholfen hat.
In einer Dokumentation wurde dargestellt, wie in Afrika Menschen das Trommeln lernen. Das will ich Ihnen schildern.
Der beste Trommler des Dorfes sitzt in seinem Haus. Er trommelt dort stundenlang seine Rythmen. Das Haus sitzt voller Schüler und ist nicht groß genug, so dass auch noch Schüler vor dem Haus sitzen. Das Lernen funktioniert nun folgendermaßen:
Ein Kind, das trommeln lernen will und gerade erst anfängt, geht zum Haus des Lehrers. Die Anfänger sitzen am weitesten weg, draußen vor der Hütte. Dort setzt sich das Kind an den Rand. Es kann den Lehrer nicht sehen. Sein Trommeln kann es nur hören. Die komplizierten Rythmen kann es noch nicht mitspielen. Also sitzt es am Anfang nur da und hört. Mit der Zeit hört so ein Kind Unterschiede heraus. Es hört die lautesten, sich regelmäßig wiederholenden Töne. Es beginnt mitzutrommeln. Am Anfang ab und zu, einen der Töne, dann langsam immer mehr. Jetzt darf es schon näher an der Hütte sitzen und die neuen nur Zuhörer bleiben am Rand hinter ihm.
Mit der Zeit schlägt dieses Kind den Grundton genau mit dem Trommler mit. Wenn es das richtig gut kann, besser als andere, dann rückt es vor diese anderen. Langsam über Wochen vielleicht Monate versucht dieses Kind mehr Töne, mehr Rhythmus mitzutrommeln. Zu den Grundtönen kommen langsam immer mehr Zwischentöne. Je genauer ihm diese gelingen desto weiter rückt es nach vorn.
Schließlich hat einen Platz in der Hütte.
Dort kann es den Lehrer endlich hören und sehen. Die Gemeinschaft wird enger. Das kann allerdings durchaus so lange dauern, bis aus dem Kind ein Jugendlicher geworden ist. Nun hört und sieht er sich immer mehr von seinem Lehrer ab. Schließlich gelingen ihm komplizierte Rhythmen, die er ganz genau nach spielen kann, ja selbst beherrscht.
Irgendwann sitzt der inzwischen erwachsen Gewordene ganz nah bei seinem Lehrer. Irgendwann fehlt ihm nur noch der allerletzte Schwierigkeitsgrad. Das, was am allerschwersten selbst getrommelt werden kann. Genau das, was den Lehrer vom Schüler unterscheidet.
Hat dann der Schüler ein gewisses Alter erreicht wird er sich entscheiden: Werde ich nun selbst Lehrer und gebe das große Können weiter, das ich bisher erworben habe.
Werde ich Lehrer und lasse mir an meinen Rythmen genügen oder bin ich so fasziniert von dem Vollkommenen, dass ich lieber Schüler bleibe um das Vollkommene hören zu können und will ich versuchen noch mehr zu lernen - so viel, dass ich meinem Lehrer ebenbürtig bin.
Wenigen vielleicht nur einem gelingt es, genau so gut, genau so vollkommen zu werden, wie der Lehrer selbst.
Dieser Eine wird immer in dessen Haus bleiben und irgendwann seinen Platz einnehmen und andere scharen sich um ihn.
Manch anderer ist ein großer Könner geworden doch ohne diesen letzten Schritt. Auch diese unterrichten. Auch bei Ihnen zu lernen lohnt sich. Denn sie können ja fast soviel, wie der Beste. Doch wer wirklich dorthin kommen will, in das Haus des Besten, der bleibt besser Schüler in seinem Haus und hört auf ihn und seinen einen Nachfolger. Nur dort kann man wirklich alle Rythmen hören, die eine Trommel zu schenken vermag.
Damit will ich Religion vergleichen. Die Musik der Trommel ist wie das wahre Leben voller Rhythmus, mit wenigen Grundtönen auf die es aufbaut, doch mit unendlich vielen Variationen die alle zusammen erst seine Vollkommenheit ausmachen.
Der Beste ist der, der auf den Grundtönen des Lebens alle Variationen kennt und beherrscht. Das vollkommene Leben, alle Lebensvariationen aller Zeiten und Orte beherrscht nur Gott allein.
Auf ihn hören lehrt uns, in den Rhythmus des Lebens hineingenommen zu werden.
Genau das ist Religion: Den Rhythmus des Lebens hören und darin einstimmen, mit den oft begrenzten Möglichkeiten, die ein Mensch hat. Der eine sitzt vielleicht ein Leben lang draußen und hört und schlägt die Töne mit, die ihm gelingen. Die andere ist möglicherweise begabter und rückt auf und lebt intensiver die Möglichkeiten, die es gibt.
Und dann gibt es die ganz begabten. Sie schaffen es Gott ganz nahe zu kommen, ihn zu hören und fast vollkommen den Rhythmus des Lebens, die Wahrheit über die Welt und uns Menschen zu erfassen. Sie entscheiden sich. Werde ich nun selbst ein Lehrer in meinem Haus in meiner Religionsgemeinschaft und schare Schüler um mich. Dafür haben sich viele entschieden und wurden zu Religionsgründern oder Lebensphilosophen. Die Größten unter Ihnen waren wohl Prinz Siddharta, verehrt als Budda, Mose, der Israel in die Freiheit der Thora führte, Konfuzius und die Philosophen des Alten Griechenlands, vor allen anderen Plato und Aristoteles. Mohammed gründete den Islam.
Jesus von Nazareth gründete nichts. Er stand vor seiner Verhaftung. Er wusste: es folgt Gericht, Folter und Tod. Seine Jünger werden ihn verlassen. Er stand vor der Alternative: gehe ich den Weg des Leidens, werde ich leiden und sterben. Werde ich auch jetzt auf Gott hören, der mich in das Leiden ruft.
Höre ich auch auf diesen letzten, kompliziertesten Rhythmus des Lebens, das menschliche Leid und den Tod oder gehe ich jetzt.
Höre ich von jetzt an nicht mehr auf Gott, weil ich das eigene Leid nicht erlernen kann oder will. Gründe ich stattdessen meine eigene Schule, die alles andere zu lehren vermag bis auf dieses eine:
Von Gott in Leid und Tod gerufen und begleitet werden.
Hebr 5,7 Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. 8 So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. 9 Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden, 10 genannt von Gott ein Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks.
Jesus von Nazareth entschied sich für Leid und Tod, entschied sich: auf Gott zu hören, auch wenn es für ihn selbst Leid und Tod bedeutete, für seine Schüler und seine Bewegung scheinbar das Ende. Wir wissen wie es weiterging. Gott selbst hat ihn zu neuem Leben auferweckt zum vollkommenen Leben, das alle Rhythmen kennt und spielen kann.
Er sitzt zur Rechten Gottes und gibt den Ton an für alles Leben auch in Leid und Tod in alle Ewigkeit. Und ich bin froh mit Ihnen vor seinem Haus zu sitzen auch wenn ich selbst vielleicht nicht mehr zu erlernen vermag, als Menschen, die in anderen Religionen das Leben lernen. Ich höre doch wenigstens den Einen, den Besten, das Vollkommene. Amen
Und der Friede Gottes der höher ist alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn.