Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über „Himmel, Erde, Luft und Meer...“ (eg 504)

Projektpastor Christian Butt

06.08.2006 in Hamburg-Bergstedt

Liebe Gemeinde,

vor genau 150 Jahren, im August des Jahres 1856, finden zwei Steinbrucharbeiter beim Kalkabbau in einer Grotte in der Nähe von Mettmann, im damals wildromantischen Tal durch das die Düssel führt, die Überreste eines Skeletts. Die Arbeiter halten die Skelettteile für die Knochen eines Bären und lassen sie im Schutt liegen. Allerdings geben sie an den Steinbruchbesitzer Nachricht, der die Knochen an den Lehrer und Naturforscher Karl Fuhlrott weitergibt.
Fuhlrott begutachtet die Knochen. Es sind 16 Knochen: Schädel, Oberschenkel, Becken. Und er stellt fest, dass dies die fossilen Überreste früherer menschlicher Vorfahren sind, die in der Eiszeit lebten. Schon damals weiß er um die Bedeutung des Fundes, auch wenn dies zunächst heftig umstritten ist. Erst 1864 erhält dieses Urzeitwesen, oder das, was davon übrig geblieben ist, einen Namen. Die 42.000 Jahre alten Überreste, eine Seitenlinie des Homo erectus, nennt man nach dem Tal des Fundortes, dem Neandertal, Neandertaler.
Von dem Neandertal ist heute wenig bis nichts übrig geblieben. Im Zuge der Industrialisierung wurden Hügel und Täler abgebaut.

II 

Doch. Wie kommt das Tal zu diesem Namen. Und hat es tatsächlich etwas mit dem Lieddichter Joachim Neander zu tun? Schauen wir also ein wenig in das Leben des evangelischen Lieddichters, um eine Antwort zu finden.
Joachim Neander, oder besser Joachim Neumann, wird 1650 in Bremen geboren. Nach einer Mode seiner Zeit gräzisiert, also übersetzt er seinen Nachnamen ins Griechische, aus Neumann wird Neander.
Joachim Neander wird in eine düstere Zeit hineingeboren. Der Dreißigjährige Krieg war gerade zu Ende gegangen. Das Land ist weitgehend verwüstet. Marodierende Truppen plündern, was übrig geblieben ist. Krankheit und Seuchen vernichten noch den letzten Rest Leben. Und auch Joachim Neander bleibt nicht verschont, seine Eltern sterben früh.
In dieser Notzeit finden viele Menschen wieder den Weg in die Kirche. Evangelisches Leben blüht auf. Es ist die Stunde der großen Prediger, die die Menschen zu einem neuen Leben und vertieften Glauben aufrufen. Erweckungsprediger. Gedanken, die auch bei Joachim Neander die Wirkung nicht verfehlen. Er studiert Theologie, kann das aber mangels Geldes nicht vollenden und wird Hauslehrer in Frankfurt. Später, mit 24 Jahren, Rektor der Lateinschule in Düsseldorf und 3. Prediger an der dortigen Kirche.
Nach dem Vorbild der Erweckungsprediger sammelt er eine kleine Gemeinde, einen Hauskreis, um sich. In privaten Erbauungstreffen wird gebetet, gesungen und die Bibel ausgelegt. Dies führt zur Kritik seitens der Düsseldorfer Gemeinde. So geht Neander mit seinem Kreis in das wildromantische Tal, durch das Flüsschen Düssel fließt. Hier kann er unbeobachtet seine kleine Gemeinde unterweisen. Aber auch das bleibt nicht ohne Folgen. Die Düsseldorfer Gemeinde belegt ihn mit Kanzelverbot. Neander sucht sich eine neue Stelle, kehrt zurück nach Bremen und stirbt dort bald mit 30 Jahren.
Das Tal jedoch, durch das er mit seinem Kreis wanderte und seine Erbauungsstunden abhielt, das wird aus gedenken und Dankbarkeit mit seinem Namen belegt: Neandertal. Und eben hier finden 1856 die Arbeiter die Reste des Urzeitmenschen, der so letztlich seinen Namen nach Joachim Neander erhält: der Neandertaler.
Und nun ist klar, wie beides zusammen gehört.
Doch ist das alles, was man über Joachim Neander sagen kann? 

III 

Nun. Neander ist mit sechs seiner Lieder in dem EG vertreten. Zum Teil hat er den Text, zum Teil die Musik geschrieben. Nicht alle seiner Lieder sind erhalten, manche sicherlich zu Recht vergessen.
Und doch ist er ein bahnbrechender Dichter und Komponist. Vergegenwärtigen wir noch einmal seinen zeitgeschichtlichen Hintergrund: Die Folgen des schrecklichen Krieges, die Seuchen, die bittere Armut. All das belastet die Bevölkerung so schwer. Und auch Neander kennt die Not durch den frühen Verlust der Eltern. Joachim Neander und seine Zeitgenossen sind wahrlich nicht auf Rosen gebettet.
Und doch. Dieser Mann schreibt nur Lob- und Danklieder. Er ruft in seinen Texten zum Lobe Gottes auf, nennt als Gründe die Erschaffung der Menschen, Gottes Schöpfung und den Erhalt des eigenen Lebens. Gott ist Grund zum Lob, Anlass zur Freude, wie ihn der christliche Glaube bekennt.
So haben wir es den bisherigen Liedern entnehmen können, die wir gesungen haben:
„Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret,
der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet.“ 317,2
So ruft es Neander seinen Landsleuten zu. Und wirkt deshalb so glaubwürdig und überzeugend, weil er die Not am eigen Leib durchlebt und durchlitten hat. 

IV 

Neander ist ein Gesprächspartner auch für uns heute. Er, der zu Lob und Freude, Dank und Zufriedenheit aufruft. Er kann unsere Gedanken auch heute bereichern. Uns zurechtrücken. Uns, die wir ja immer genau wissen, was nicht gut ist, die wir klagen, was nicht läuft, schlecht ist und warum es eigentlich allen anderen besser geht, als uns selbst.
Wie wäre es, Neanders Perspektive einzunehmen und mit und von ihm Dankbarkeit zu lernen? Er, der angesichts der gesellschaftlichen und persönlichen Katastrophe Gott lobt und dankt. Er kann uns den Weg deutlich zeigen, indem er uns vor Augen führt, wie gut es uns eigentlich geht. 

Aber etwas Weiteres kann man von Neander lernen. Und so will ich ein Lied, das wir gleich singen werden, mit Ihnen genauer bedenken.
Joachim Neander sieht in der Natur nicht nur Natur, sondern Gottes Schöpfung. Er sieht die Schöpfung wie ein Bilderbuch Gottes an. Er malt den Zeitgenossen im geschundenen und verwüsteten Deutschland seiner Tage dies vor Augen, um Hoffnung und Zuversicht zu vermitteln. Gottes schöne und vollkommene Schöpfung, sie fordert - so Neander - zu Lob, Preis und Gebet heraus.
Schau nicht immer auf das Kaputte und Zerstörte.
Lass dich nicht von dem Negativen und Dunklen faszinieren.
Blicke auf das Einfache: Die Natur, die Schöpfung Gottes und erblicke das Vollendete und Vollkommene. Gottes Gegenwart in seiner Schöpfung.
Das Lied „Himmel, Erde, Luft und Meer, zeugen von des Schöpfers Ehr...“ besingt genau das: Die Schöpfung in den filigranen Einzelheiten. Und beim Singen scheint man mit Neander in den wunderbaren Düsseltal unterwegs zu sein. - Aber sicherlich kommen auch Gedanken an Reisen, Ausflüge, Wanderungen oder den eigenen Garten in den Sinn.
Singen 504, 1-3 

VI 

Deutlich wird in den Strophen. Die Natur ist keine Laune, kein Glücksfall der Evolution, sonder Gottes Schöpfung. Jedes Detail ist ein Gleichnis des Handelns und Werkes Gottes. Alles: Himmel, Erde, Luft und Meer spiegeln Gottes Handeln wider.
Für mich ist das ein Hinweis, dass ich die Schöpfung viel intensiver wahrnehmen kann und soll. Mich an der Schönheit erfreuen - und nicht alles als so selbstverständlich betrachten.
Als ich die Verse so las, fiel mir besonders der Vers auf: Auch der Mond, der Sterne Pracht, jauchzen Gott bei stiller Nacht.
Mein früheres Pastorat liegt in der Einflugsschneise des Flughafens Fuhlsbüttel, an einer Hauptverkehrsstrasse und zudem Zufahrtsweg zum Klinikum Nord. Zehn Jahre war Lärm und Gestank täglicher Begleiter. Der Lärm einer Strasse endet auch nachts nicht. Krankenwagen, Busse oder lärmende Autos jugendlicher Musikfans, die mit dröhnenden Bässen auch die Nächte zur Disko machen, nie enden wollendes Getöse. Ich hätte in dieser Zeit die Zeilen nicht mitsingen wollen, jedenfalls wäre ich nicht auf die Idee gekommen, den Mond bei stiller Nacht betrachten zu wollen. - All das erlebe ich jetzt erst wieder und das voller Dankbarkeit. Stille und Ruhe als wirkliches Geschenk und nötig für die eigene Seele.
Vielleicht finden sie auch ein Wort oder Vers, eine Begebenheit, an die sie sich erinnern. Eigentlich so selbstverständlich und doch, bei genauerem Bedenken, wo ihnen einfällt, wie gut es Gott mit ihnen meint oder gemeint hat und wie dankbar sie sein können, dieses zu erleben.
Nicht umsonst schreibt Neander: Meine Seele singe du, bring auch jetzt sein Lob herzu. Die Seele ist aufgefordert, unser Innerstes. Mit der Seele nehmen wir die Schönheit und das Vollkommene auf. Mit der Seele Gottes Gegenwart, die alles durchdringt.
Singen 504,4-6 

VII 

Manche Urlaubserinnerungen blitzen auf. Tage in den Bergen, am Meer. Wie unendlich lange habe ich dieses Jahr in eine frischen Wasserfall in den Alpen geblickt. Wie herrlich rauschte das Wasser, welche Kraft und Wucht. Es ist schon so, man kann sich in dem Schauen und Sinnieren verlieren, Zeit wird unwichtig - von der Schöpfung umfangen.
Und doch: Joachim Neander geht es eben nicht nur um blosse Naturromantik. Alles ist Gottes Werk, seiner Finger Werk. So endet das Lied auch: Drücke stets in meinen Sinn, was du bist und was ich bin.
Gerade das kann man von der Schöpfung lernen, angesichts der Kräfte und Mächte. Wie klein und verletzlich wir eigentlich sind. Welches Wunder es ist, dass wir leben und leben dürfen. Und wie groß Gottes Güte und Liebe ist. Die sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dazu ruft Neander auf.
Drücke stets in meinen Sinn, was du bist und was ich bin. Dazu fordert Neander uns auf. In den schönen Sommerferientagen - aber eigentlich doch jeden neuen Tag.

Amen.