Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hiob 2,1-10

Pfarrer Thomas Jabs (ev)

22.02.2015 in Berlin-Mahlsdorf

Invokavitgottesdienst

Was für ein Gott?

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen.

 

Hiob 2,1-10

Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den HERRN traten, dass auch der Satan unter ihnen kam und vor den HERRN trat. 2Da sprach der HERR zu dem Satan: Wo kommst du her? Der Satan antwortete dem HERRN und sprach:

Ich habe die Erde hin und her durchzogen. 3Der HERR sprach zu dem Satan: Hast du Acht auf meinen Knecht Hiob gehabt? Denn es ist seinesgleichen auf Erden nicht, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse und hält noch fest an seiner Frömmigkeit; du aber hast mich bewogen, ihn ohne Grund zu verderben. 4Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Haut für Haut! Und alles, was ein Mann hat, lässt er für sein Leben. 5Aber strecke deine Hand aus und taste sein Gebein und, Fleisch an: was gilt s, er wird dir ins Angesicht absagen! 6Der HERR sprach zu dem Satan: Siehe da, er sei in deiner Hand, doch schone sein Leben! 7Da ging der Satan hinaus vom Angesicht des HERRN und schlug Hiob mit bösen Geschwüren von der Fußsohle an bis auf seinen Scheitel. 8Und er nahm eine Scherbe und schabte sich und saß in der Asche. 9Und seine Frau sprach zu ihm: Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Sage Gott ab und stirb! 10Er aber sprach zu ihr: Du redest, wie die törichten Frauen reden.

Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen? In diesem allen versündigte sich Hiob nicht mit seinen Lippen.

11 Als aber die drei Freunde Hiobs all das Unglück hörten, das über ihn gekommen war, kamen sie, ein jeder aus seinem Ort: Elifas von Teman, Bildad von Schuach und Zofar von Naama. Denn sie waren eins geworden hinzugehen, um ihn zu beklagen und zu trösten.

12 Und als sie ihre Augen aufhoben von ferne, erkannten sie ihn nicht und erhoben ihre Stimme und weinten, und ein jeder zerriss sein Kleid und sie warfen Staub gen Himmel auf ihr Haupt

13 und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war. Daran

 

Liebe Gemeinde!

Alois Musil gibt im 3. Band seines Werks „Arabia Petraea (1908) folgende Schilderung:

„Dauert die Krankheit länger, so tragen ihn seine Verwandten in der trockenen Jahreszeit hinaus auf die hohen wallförmigen Kehrichthaufen vor den Ortschaften, errichten über ihm ein Schattendach …, und hier liegt er oft ganze Tage und Nächte … Sobald sich die Kunde von seiner Krankheit verbreitet, kommen sofort Verwandte und Bekannte auf Besuch und bilden um den Kranken einen Kreis;

stumm, ohne ein Wort zu sagen, hören sie seinem Stöhnen und seinen Klagen zu. Nur wenn er sie anspricht, antworten sie ihm und beklagen seinen Zustand, doch nicht alle, sondern nur die Ältesten; die übrigen wagen kaum ein Wort dreinzureden.“

 

So also saßen die Freunde Hiobs sieben Tage und Nächte.

So sitzen Angehörige bei Ihrem Vater im Pflegeheim am Bett und hören auf sein schweres Atmen.

So stehen Eltern am Bett ihrer erwachsenen Tochter die nach der Operation im Koma liegt.

So schweigt eine Mutter voll Entsetzen angesichts des schwer kranken Neugeborenen.

So stehen und sitzen Menschen zu allen Zeiten. Sie haben sicher auch schon ihre Erfahrungen damit oder Sie gehören zu den übrigen, die kaum wagen ein Wort dazu dreinzureden.

 

Doch egal wer Sie dabei sind, die Gedanken schweigen nicht. Ebenso wenig wie die Gefühle. Alles Mögliche geht Ihnen im Kopf herum und im Herz – selbst jetzt, da sie nur daran erinnert werden oder davon hören. Drei Fragen will ich Worte geben.

1. Was hat das für einen Sinn?

2. Wäre der Tod nicht besser als das?

3. Wie kann Gott das zulassen?

 

1. Was hat das für einen Sinn?

 

3Der HERR sprach zu dem Satan: Hast du Acht auf meinen Knecht Hiob gehabt? Denn es ist seinesgleichen auf Erden nicht, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse und hält noch fest an seiner Frömmigkeit; du aber hast mich bewogen, ihn ohne Grund zu verderben.

 

Ohne Grund. Der Professor für Altes Testament Jürgen Ebach übersetzt präzise: Umsonst.

Gott sagt: Du hast mich gegen ihn gereizt. Ihn umsonst zu verderben.

Umsonst!

Ohne jeden Sinn?

Jedenfalls ohne sinnvollen Grund. Da fragt man sich schon, was das für ein Gott ist. Doch ich hatte diese Frage ja an die dritte Stelle gesetzt, bitte also noch um Geduld.

Umsonst das ganze Leiden Hiobs im ersten Kapitel. Der Verlust all seines beweglichen Besitzes, der Tod aller Kinder. Umsonst. Die Schlussfolgerung im Buch Hiob ist jedoch nicht: Schluss damit sondern: noch schlimmer wird es werden.

Und da sitzt er auf dem Hügel und wir stumm davor mit unseren Gedanken und schütteln die Köpfe. Was hat das für einen Sinn?

Einen sinnvollen Grund hat es nicht dieses Leiden, sagt uns das umsonst. Hat es wenigstens ein Ziel?

Ein Ziel das dem Leiden Sinn geben kann?

Sie wissen was ich meine. Lass doch das Kind sich die Finger verbrennen unter Aufsicht, dann meidet es das Feuer in Zukunft besonders wenn es allein ist. Schmerz bewirkt manchmal das wir unser Verhalten ändern, manchmal sogar uns selbst. Ohne Leiderfahrungen werden wir nicht reifen als Mensch. Ein Kind kann nicht laufen lernen ohne zu fallen. Ein Mitmensch kann nicht trösten lernen ohne selbst Traurigkeit und Schmerz erfahren zu haben. Hiob jedenfalls steht erst am Anfang seiner Schmerzen und seiner Auseinandersetzung damit. Wir sind in Kapitel 2 von 42. Hiob wird sich ändern und seine Freunde erst recht. Alles was sie bisher vor dem Leid Hiobs über Gott zu wissen meinten, werden sie miteinander neu lernen. Was sie glaubten, wie man leben müsse, wird zumindest Hiob ändern und seine Verwandten auch. Doch das geschieht in einem langen schmerzvollen Klagen und beten, wüten und nachdenken, Sterben wollen und am Leben bleiben.

Am Ende wird alles doppelt haben. Nicht nur doppelt soviel Vieh und Kinder. Er wird auch alles doppelt zu schätzen wissen – nicht nur die Söhne auch die Töchter, nicht nur die Freude auch das Leid.

Ob dieses Ziel das Leid rechtfertigt? Ich weiß es nicht. Ob jeder Mensch diese Erfahrung Hiobs machen darf, kann und wird oder ob es bei ihm ein Ziel gab bei anderen bleibt es umsonst. Ich weiß nicht. Wie das bei ihnen ist, können nur sie allein beantworten.

 

2. Wäre der Tod nicht besser als das?

9Und seine Frau sprach zu ihm: Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Sage Gott ab und stirb!

Viel Leid wäre dem Hiob erspart geblieben, hätte er auf seine Frau gehört und einen Weg gefunden für eine schnelle Sterbehilfe. Hiob aber antwortete:

Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?

 

Ob er schon wusste wie sehr er den Tag seiner Geburt noch verfluchen würde? Das tut nichts zur Sache, davon bin ich fest überzeugt. Nachher weiß man immer mehr als vorher. Doch Hiob sagt in diesem einen Punkt nachher noch immer das selbe wie vorher. Er empfängt das Gute und das Böse aus Gottes Hand. Das Leben hat er von Gott und das Leiden hat er von Gott und mitten in der Unerträglichkeit seiner Krankheit will er den Tod von Gott.  Er bleibt dabei: Nicht er selbst, nicht seine Frau, nicht ein Todesurteil wegen Gotteslästerung, keine Organisation zur Sterbehilfe. Hiob jedenfalls wollte Gott bestimmen lassen über sein Leben und Sterben, über sein Leiden ja sogar über dessen Länge. Das wurde ihm nicht leicht, keine Frage. Er ist Gott hart angegangen deswegen. Ja, Hiob wurde Gottes Gegner in manchem seiner Gefühle, seiner Worte seiner Wut seiner Verzweiflung. Doch in all dem sündigte er nicht. Er wandte sich nicht an einen anderen oder an sich selbst in der Frage um Leben oder Tod.

Wenn sich Hiob darin nicht versündigte, dann sagt das einiges zu unserer dritten Frage:

3. Wie kann Gott das zulassen?

Ich kann ihnen nicht sagen Wie Gott das zulassen kann oder was das für ein Gott ist. Ich kann ihnen aber mit den Hiobversen sagen, was wir über Gott denken können was wir nicht über ihn denken sollen.

3Der HERR sprach zu dem Satan: Hast du Acht auf meinen Knecht Hiob gehabt? Denn es ist seinesgleichen auf Erden nicht, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse und hält noch fest an seiner Frömmigkeit; du aber hast mich bewogen, ihn ohne Grund zu verderben. 4Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Haut für Haut! Und alles, was ein Mann hat, lässt er für sein Leben.

 

Haut für Haut. Ein Sprichwort aus einer Zeit als eine der  meistgehandelten Waren Tierhaut, Leder, Pergament, Fell, also Haut gewesen ist.

Ein Sprichwort der Händler. Haut für Haut.

Die Frage ist also lässt Gott mit sich handeln?

Lebe gerecht und es geht dir gut. Nein lesen wir bei Hiob.

Ich gebe dir, Gott, meinen Glauben, meine Gebete, meine Spenden und dafür bekomme ich von Dir Gesundheit, Kinder, Wohlstand. Nein lesen wir bei Hiob. Nein unsere Händlermentalität kann Gott nicht begreifen. Solange Du, Gott, deinen Teil erfüllst, will ich mir auch Mühe geben. Wenn du mich aber leiden lässt, dann werde ich nicht an dich glauben, dir nicht vertrauen, dich auf dem Müll meiner Lebensgeschichte zum Abfall der Geistesgeschichte werfen.

Was ist das für ein Gott im Buch Hiob, im Altenheim und im Krankenhaus und am Bett eines totkranken Kindes?

Ich weiß es nicht. Nur handeln lässt er nicht mit sich. Er schenkt das Leben und er nimmt es. Er schenkt Gesundheit und mutet uns die Krankheit zu. Und es gibt ihn, ja. Er erwartet nicht, dass wir damit zufrieden sind, was er tut, er erwartet nicht, dass wir alles still dulden oder gar noch gut finden. Er erwartet dass wir nicht über ihn urteilen,

sondern mit ihm streiten.

Denn er leidet mit uns.

Das ist der Gott Hiobs, unser Gott.

Er ist der Schöpfer des Lebens und der Herr über den Tod. Es gibt nichts womit wir ihn zu unserem Schuldner machen können. Bei uns und mit uns will er sein im Glück und im Leid.

Bei und mit Hiob ist er gewesen. Hiob wusste, dass er in Gottes Hand war, geborgen und ausgeliefert, dankbar und anklagend überließ er Gott die Entscheidung über Leben und Tod. Nur er entscheidet ob es besser ist zu sterben oder zu leben, selbst wenn Manches umsonst war.

Ob es ein sinnvolles Ziel gibt für das Leid, für Ihr Leid, liebe Predigthörerinnen und -hörer, wissen Sie allein.

 

Ich weiß, dass in dieser Kirche Menschen sitzen, die diesem Gott vertrauen und darum Menschen im Pflegeheim, im Intensivbett, in der Angst um das Neugeborene nicht allein lassen, sondern die Kraft haben zu ihnen zu gehen, zu ihnen zu stehen. Ich weiß, dass in diesem Glauben Menschen schweigen können mit einem Leidenden Mitmenschen und es aushalten, dieses Leid nicht weg zu quatschen. Ich weiß, dass Menschen mit unserem Glauben nicht die übrigen sind, die kaum wagen ein Wort dreinzureden.

Hier sind Menschen, die mit klagen können im Gebet. Die mit weinen können im Angesicht Gottes und die Worte finden des Trostes und der Kraft.

Und das verdanken wir unserem Gott. So einer ist er.

Amen

Und der Friede Gottes der höher ist alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und sinne in Christus Jesus unserem Herrn.