Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hiob 4,17

Pfarrer Dr. Horst Jesse (ev)

21.11.2010 in München

Wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott?

„Teile gerecht mit deinem Bruder“; „Sei gerecht zu deinem Bruder“ sagt die Mutter zum älteren Bruder in einer Familie. Gerechtigkeit wird in der Gemeinschaft eingefordert, weil es in ihr ungerecht zugeht; denn jeder sucht aufgrund seines Egoismus seinen Vorteil. Der Mensch muss zur Gerechtigkeit erzogen werden, um in einer Gemeinschaft Friede zu halten. Wir wissen, dass wir persönlich nicht leicht Ungerechtigkeit verzeihen; denn sie stört das eigene Leben und das der Gemeinschaft. Deshalb fordern wir Gerechtigkeit ein.

 

Der Wunsch und die Sehnsucht nach Gerechtigkeit sind dem Menschen angeboren. Verständlich, dass Hiob, der so viel Leid und Unglück in seinem Leben erfahren hat, nach Gerechtigkeit zu Gott schreit. Wir dürfen Hiobs Reden nicht als vermessen und unerlaubt ansehen. Er, der nach Gottes Willen lebt und für alles, was er und seine Kinder tun, Gott um Gnade anfleht. Er will mit seiner Familie vor Gott gerecht leben. Er weiß, Ungerechtigkeit zerstört die Gemeinschaft mit Gott wie auch mit den Menschen und zieht ein Strafgericht nach sich. 

 

Unserer Reformator Dr. Martin Luther hat genauso gedacht. Aufgrund Gewissenskrupel und Glaubenszweifel wählte er den Weg ins Kloster, um durch gute Werke und Bußübungen vor Gott . . gerecht zu erscheinen. Durch sein Gebetsleben und durch sein Bibelstudium gelangte er zur Erkenntnis, dass kein Mensch vor Gott gerecht erscheinen kann. Vielmehr erfuhr er durch das rechte Verständnis des Evangeliums von Jesus Christus und seines Kreuzestod, dass Gott dem Menschen seine Gerechtigkeit zuweist, also schenkt. Gott also bringt das Verhältnis des ungerechten Menschen, der an ihn glaubt mit sich in Ordnung. Der so gerechtfertigte Mensch darf leben und handeln.

 

Für Hiob und seinen Freunden war die Erkenntnis der schenkenden Gerechtigkeit Gottes, die er dem Glaubenden durch Christus zuweist, fremd und unbekannt.

Hiobs drei Freunde zeigen ihm durch ihren Besuch ihr Mitgefühl. Sie hören sich zunächst seine Klagen über seine Not schweigend an. Endlich bricht einer seiner Freunde das Schweigen und versucht ihn mit seiner Lebenserfahrung zu trösten. Er spricht wohlmeinende Worte, die wohl jeder von uns aufgrund seiner Lebenserkenntnis sagen könnte: „Denk einmal nach, ob Du nicht in Deinem Leben Böses getan hast und nun die wohlverdiente Strafe erhältst?“ Mit dieser menschlichen Lebensweisheit will der Freund Hiob zur Einsicht bringen, dass er selbst an seinem Unglück schuld sei. Solche wohlmeinenden menschlichen Lebensweisheiten trösten nicht. Sie stoßen den leidenden Hiob noch tiefer in sein Unglück. Denn sie sind richtende Worte über den leidenden Hiob und gipfeln in dem Satz: „Wie kann ein Mensch vor Gott gerecht sein?“ Solch ein allgemein gesprochener Gedanke, den auch Hiob kennt, lädt zum Philosophieren ein und verwirrt einen leidenden Menschen. Diese Worte trösten nicht, sondern belasten. Hiob durchschaut die Reden seines Freundes und empfindet sie als anmaßendes Richten. Der an Gott glaubende Hiob kennt nur Gott als den gerechten Richter.

 

Deshalb antwortet Hiob dem ihm tröstenden Freund und weist ihn zu recht: "Von dieser Art habe ich genug gehört! Nur Last ist euer Trost für mich, nicht Hilfe! Machst du nun endlich Schluss mit dem Gerede?" (Hiob 16, 1-3)

 

Mit seinen Worten macht uns Hiob aufmerksam, dass wohlmeinende und all zu kluge Worte in einer Leidenssituation falsch sind. Sie trösten nicht, sondern belästigen nur und verschlimmern nur das Leiden.

 

Was ist dann zu tun?   - Hiob verweist auf das Schweigen und ermahnt zum Schweigen. 

Deshalb ist manchmal beim Besuch eines leidenden Menschen angebracht, zu schweigen, um so durch das schweigende Verhalten den leiden Menschen wissen zu lassen: "Ich trage mit Dir Dein Leiden". Dadurch fühlt sich der Leidende angenommen und in die Gemeinschaft einbezogen.

Anwesendes Schweigen bringt auch Trost bei einem Krankenbesuch.

 

Es lohnt sich das Hiobbuch in diesem Punkt weiter zu lesen und nachzudenken, wie Gott auf das Gerede der Freunde Hiobs reagiert und was Gott tut.           Amen