Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hohelied 2,8-13

Pfarrerin Dr. Henrike Frey-Anthes (ev)

07.12.2014 in der Kirchengemeinde in Kupferzell

2. Advent 2014

Liebe Gemeinde,
hören Sie den Predigttext aus dem 2. Kapitel des Hohenliedes:

Da ist die Stimme meines Freundes!
Siehe, er kommt und hüpft über die Berge und springt über die Hügel. Mein Freund gleicht einer Gazelle oder einem jungen Hirsch.

„Ist er das? Ist es seine Stimme? Oder habe ich mich verhört?“

So oft meinte sie schon, seine Stimme schon zu hören. Der Klang seiner Stimme erfüllt die Luft, weil er ihr Herz erfüllt. Sehnsüchtig wartet sie auf ihn. Den ganzen Tag hat sie hinaufgeblickt zu den Bergen, ungeduldig darauf gehofft, dass seine schlanke Gestalt auftauchen würde über den Hügeln. Sie hat sich vorbereitet auf ihn. Auf sein Kommen.

Sie hat das Haus gereinigt bis auf das letzte Staubkorn. Der Lehm der Wände ist noch warm von den letzten Sonnenstrahlen. Das Haus nun in Dunkelheit getaucht, nur das flackernde Licht der Lampen, die sie entzündet hat, erfüllt den Raum mit einem warmen Gold.

Auch sie selbst hat sich geschmückt. Ihr schönstes Kleid hat sie angelegt. Das, das so schön in Falten herabfällt, mit den goldenen Fäden am Saum. Ihr Festtagskleid. Die silbernen Ringe an ihren Handgelenken klingen hell, als sie sich ihr Haar aus dem Gesicht streicht. Mit Öl hat sie es gepflegt, glänzend ist es nun und duftend.

Ein Fest soll es Fest sein, wenn er kommt.

Habe sie auch nichts vergessen? Ist wirklich alles bereit? Bereit für den Empfang ihres Liebsten?

1) Wie soll ich dich empfangen / und wie begegn ich dir,
o aller Welt Verlangen, / o meiner Seelen Zier?
O Jesu, Jesu, setze / mir selbst die Fackel bei,
damit, was dich ergötze, / mir kund und wissend sei.

Gewartet haben sie. So lange schon. Auf den Retter, den Messias. Auf den, der sie befreit. Und dann sehen sie ihn. Eine Eselin und darauf einen König, der dem Tod entgegenreitet. Gottes Sohn auf dem Weg, die Welt zu erlösen.

Menschen säumen seinen Weg. Menschen, denen er Leben geschenkt hat. Menschen, die außen standen und jetzt zu einer Gemeinschaft dazugehören dürfen. Menschen, deren Blick dunkel war von Hoffnungslosigkeit, und denen ein neues Licht aufgegangen ist. Menschen, die gelähmt waren vor Angst und Selbstzweifel, in die neue Bewegung gekommen ist. Sie rufen und jubeln, säumen seinen Weg mit Palmen und ihren Kleidern.

2) Dein Zion streut dir Palmen / und grüne Zweige hin,
und ich will dir in Psalmen / ermuntern meinen Sinn.
Mein Herze soll dir grünen / in stetem Lob und Preis
und deinem Namen dienen, / so gut es kann und weiß.

Jubel und Freude und Erwartung – und bereits ahnt man die dunklen, die erschreckenden Töne hinter dem hellen Jubel. Andere Stimmen schleichen sich in den Jubelklang hinein, Stimmen, die aus dem „Hosianna, Ehre sei Gott“ den Ruf „Kreuziget ihn“ formen. Gnadenlose Stimmen sind es, die da erklingen. Stimmen, die ohne Bedenken urteilen, über andere und über sich selbst. Hohl tönende Worte, die andere festhalten wollen in dem, was schwer zu schaffen macht. Die verhindern, dass Menschen neu anfangen können. Worte voller Angst und Misstrauen. Gleichgültige Worte, hingeworfen aus Gedankenlosigkeit und doch haben sie tief getroffen.

Leise spricht er dagegen an, der Friedenskönig. Leise, aber doch unüberhörbar. Und wer Ohren hat, zu hören, der höre: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“ „Fürchtet euch nicht, denn euch ist heute der Heiland geboren.“ „Fürchtet euch nicht, er ist auferstanden von den Toten“.

6) Das schreib dir in dein Herze, / du hochbetrübtes Heer,
bei denen Gram und Schmerze / sich häuft je mehr und mehr;
seid unverzagt, ihr habet / die Hilfe vor der Tür;
der eure Herzen labet / und tröstet, steht allhier.

Noch einmal schweift ihr Blick. Er erfasst Stück für Stück die Wände ihres Hauses. Die unregelmäßigen Steine, zusammengefügt zu einem Ganzen. Und doch scheinen sie immer wieder auseinanderzustreben. Wie kann diese Wand halten? Welche Kraft ist es, die zusammenhält, was sich unter meinen Händen und in meinem Herzen so schwer und roh behauen anfühlt?

Sie versucht, mit ihrem Blick die dunklen Ecken zu ergründen, aber das Licht reicht nicht. Was verbirgt sich dort? Wird es hervorkommen, eines Tages? Und wie wird das sein? Tröstlich? Erschreckend?

Ihr kommt der Gedanke, dass alles umsonst sein könnte. Vielleicht kommt er gar nicht. Vielleicht hat sie sich umsonst gemüht. Vielleicht hat es nicht gereicht.

„Habe ich nicht schon so manches Mal gehofft, er käme? Und dann wartete ich umsonst?

Oder – wenn er kommt, aber ich weiß nicht, dass er es ist? Was, wenn er mir so fremd geworden ist, dass ich ihn gar nicht mehr erkenne, wenn ich ihn sehe?

Und – woher soll ich eigentlich wissen, dass er der Richtige für mich ist?

Was, wenn es ihn gar nicht gibt? Diesen Richtigen?

Was, noch viel schlimmer, wenn ich ihm nicht genüge? Wenn er kommt und mich nicht ansieht, weil ich nicht gut genug bin? Weil ich nicht schön genug bin?
Wenn er mich hässlich findet? Weil ich eben nur ich bin, voller Angst und Scham und Zweifeln? Was dann?“

7) Ihr dürft euch nicht bemühen / noch sorgen Tag und Nacht,
wie ihr ihn wollet ziehen / mit eures Armes Macht.
Er kommt, er kommt mit Willen, / ist voller Lieb und Lust,
all Angst und Not zu stillen, / die ihm an euch bewußt.

8) Auch dürft ihr nicht erschrecken / vor eurer Sünden Schuld;
nein, Jesus will sie decken / mit seiner Lieb und Huld.
Er kommt, er kommt den Sündern / zu Trost und wahrem Heil,
schafft, daß bei Gottes Kindern / verbleib ihr Erb und Teil.

Und so wartet sie. Hofft und bangt und freut sich. Wie wird es sein, wenn er da ist?

Wir wissen es nicht. Und doch warten auch wir auf ihn. Erwarten ihn.

Ich will mich vorbereiten, damit ich bereit bin, wenn es so weit ist. Und so so lange will ich es genießen, zu warten. Ich halte inne und erwarte, was kommt. Gespannt, erwartungsvoll. Ich genieße diese Zeit Moment davor, diese Zeit, bevor er wirklich da ist. Bevor er eintritt.

Ich genieße den Advent meines Lebens und fülle die Zeit meiner Erwartung, in der ich ahne, was sein wird, ohne es zu wissen. Ich freue mich darauf, seine Stimme zu hören. Das gute Wort, das mich tröstet und befreit. Ich warte.

Und dann – dann ist er da:

Siehe, er steht hinter unsrer Wand und sieht durchs Fenster und blickt durchs Gitter. Mein Freund antwortet und spricht zu mir:

Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm her!
Denn siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist vorbei und der Lenz ist herbeigekommen, dahin. Die Blumen sind aufgegangen im Lande, und die Turteltaube lässt sich hören in unserm Lande. Der Feigenbaum hat Knoten gewonnen, und die Reben duften mit ihren Blüten. Steh auf, meine Freundin, und komm, meine Schöne, komm her!“

Ich höre ihn! Ich höre seine Stimme. Sehen kann ich ihn nicht. Ich ahne seine Gestalt, aber noch ist sie nur ein Schatten. Hinter der Wand steht er, ebenso erwartungsvoll wie ich selbst. Ich höre es seiner Stimme an. Verborgen hinter dem Fenstergitter, dort ist er. Ich weiß es, auch wenn ich ihn nicht sehe. Aber ich höre ihn. Höre, wie er sagt:

Steh auf, meine Freundin, und komm, meine Schöne, komm her!“

Da ist er. Amen.