Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hohelied 8,6-7

Pastor Christian Hild (ev.-luth.)

12.09.2010 in der evangelisch-lutherischen Erlöserkirchengemeinde in Uetersen

15. Sonntag nach Trinitatis

Gnade sei mit Euch und Frieden von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Chris­tus.

 

Lie­be Schwe­stern und Brü­der,

I

was hat in un­se­rer Welt ei­gent­lich Be­stand? Gibt es noch ir­gen­det­was, das von Dau­er ist? Je­den Tag neue Nach­rich­ten, neue Ka­ta­stro­phen, eine neu Sau, die durchs Dorf ge­trie­ben wird. Ge­stern Lo­thar Matt­häus' Ex-Frau Li­li­a­na, heute ein wahn­sin­ni­ger Pa­stor aus Flo­ri­da, der hei­li­ge Schrif­ten ver­bren­nen will – und was kommt mor­gen? Schon 1968 hat der New Yor­ker Künst­ler Andy War­hol ge­sagt:

 

"In Zu­kunft wird je­der 15 Mi­nu­ten be­rühmt sein."

 

Und er hat wohl Recht. Fern­seh-Shows wie etwa der "Restau­rant Te­ster Rach" oder Ta­lent­shows wie "DsdS", "Schlag den Raab" oder "Big Brot­her" pro­du­zie­ren stän­dig neue Stars oder Stern­chen. Sie wer­den in den Sta­tus der Pro­mi­nenz er­ho­ben, nur um kur­ze Zeit spä­ter wie­der zu ver­schwin­den. Heu­te ab­ge­filmt und ab­ge­fei­ert – mor­gen ver­ges­sen. Be­rühmt für die Dau­er ei­ner Fern­seh­sen­dung oder ei­nen Bei­trag zwi­schen 45 Se­kun­den und ei­ner Mi­nu­te 30, ein­ge­bet­tet zwi­schen ei­nem Spen­den­auf­ruf für die Flut in Pa­ki­stan und den letz­ten Nach­rich­ten zu Jörg Ka­chel­mann und Thi­lo Sar­ra­zin. Und was kommt mor­gen?

Im Er­folg, den die­se Sen­dun­gen aber of­fen­bar ha­ben – denn sonst wür­den sie ja nicht ge­se­hen und aus­ge­strahlt wer­den – of­fen­bart sich eine Sehn­sucht. Die Sehn­sucht der Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer nach et­was Wert­schät­zung, Po­pu­la­ri­tät und Zu­wen­dung. Men­schen wol­len Wert­schät­zung, wol­len Zu­wen­dung, wol­len Be­deu­tung, ein of­fe­nes Ohr – das er­war­ten, er­hof­fen sie von die­ser me­dia­len Prä­senz. Doch gra­de die­se me­dia­le Prä­senz, die­se Be­rühmt­heit für 15 Mi­nu­ten ist doch nur ein Zei­chen für Ver­fall und Ver­gäng­lich­keit. Heu­te ab­ge­filmt und ab­ge­fei­ert – mor­gen ver­ges­sen. Nach 15 Mi­nu­ten Be­rühmt­heit.

II

Gibt es ei­gent­lich et­was, das sich nie än­dert? Be­stän­dig­keit und Zu­ver­läs­sig­keit – in ei­ner Zeit, in der Men­schen die Nacht zum Tag ma­chen und selbst das Kli­ma der Erde ver­än­dern? Un­ser Bi­bel­text für heu­te Abend nennt zwei Din­ge. Zu­erst die Lie­be. Lie­be ver­än­dert den Men­schen, aber sie än­dert sich nicht selbst. Und dann den Tod. Fast eine ba­na­le Ein­sicht. Ge­liebt und ge­stor­ben wur­de schon im­mer. Klar. Aber hö­ren wir den Text der heu­ti­gen Le­sung aus dem 8. Ka­pi­tel des Ho­he­lieds noch ein­mal.

 

8,6    Ma­che mich zum Sie­gel auf dei­nem Her­zen,

zum Sie­gel an dei­nem Arm,

denn stark wie der Tod ist die Lie­be,

so un­er­bitt­lich wie die Un­ter­welt ist mei­ne Lei­den­schaft.

Ihre Pfei­le sind Brand­pfei­le,

flam­men­de Blit­ze.

7       Was­ser­mas­sen kön­nen die Lie­be nicht lö­schen

und Flu­ten kön­nen sie nicht über­schwem­men.

Wenn je­mand sei­ne gan­ze Habe für die Lie­be gäbe,

man wür­de ihn bloß ver­ach­ten.

 

Die­ser Text ist rund 2.500 Jah­re alt. Schon 2.500 Jah­re be­glei­tet er Lie­ben­de und ver­leiht ih­rer Lei­den­schaft Spra­che. Da­mals, ge­stern und heu­te ist er ein Aus­druck mensch­li­cher Ge­füh­le. Er hat Jahr­tau­sen­de über­dau­ert und doch ist er klei­ner als das, was er be­zeich­net. Der Text ist klei­ner als die Lie­be. Klei­ner auch als der Tod.

In dem Lie­bes­lied bit­tet die Ge­lieb­te den Ge­lieb­ten, sie zum Sie­gel auf sei­ner Brust oder sei­nem Hand­ge­lenk zu ma­chen. (Vgl. Oth­mar Keel, Das Ho­he­lied, S. 246) Dar­aus spricht die Sehn­sucht, je­der­zeit wie "ein Amu­lett oder ein Schutz­zei­chen an der Brust oder dem Arm des Ge­lieb­ten" zu ru­hen." (Ebd.) Die Lie­be selbst soll das Sie­gel­zei­chen des Amu­letts sein. Sie al­lein ge­währt Schutz vor der eben­bür­ti­gen Kraft des To­des. Die Lie­be der Ge­lieb­ten kann dem Tod eben­bür­tig ge­gen­über­tre­ten.

Denn die Lie­bes­lei­den­schaft wird be­schrie­ben wie ele­men­ta­re Ge­wal­ten: Blit­ze und Brand­pfei­le. Stär­ker noch als Flu­ten und Was­ser­mas­sen. Ein­drucks­voll ha­ben Sie, lie­ber Herr Schulz, das in dem Bild auf der Rück­sei­te der Bro­schü­re auf­ge­malt. Eine Glut – rot, gelb, vol­ler Lei­den­schaft und so­gar grün, grün wie die Hoff­nung – die den Was­ser­mas­sen wi­der­steht.

Je­den­falls ist Lie­be nichts, was sich ir­gend­wie – und schon gar nicht durch Hab und Gut und Geld oder Po­pu­la­ri­tät – steu­ern, "hand­ha­ben" und be­ein­flus­sen lie­ße.

III

Gro­ße Wor­te also für et­was noch Grö­ße­res – für die Lie­be zwi­schen zwei Men­schen. So groß ist die Lie­be, dass sie zu al­len Zei­ten Men­schen dazu ge­bracht hat, dazu hin­ge­ris­sen hat, ih­rer Lei­den­schaft, ih­rer Be­rührt­heit von der Lie­be durch Spra­che, Klang und Bild Aus­druck zu ver­lei­hen. Das Ho­he­lied selbst spielt da­bei ein gro­ße Rol­le, wur­de es doch über Jahr­tau­sen­de im­mer wie­der neu auf­ge­schrie­ben und in neu­en Spra­chen wei­ter über­lie­fert – so wie bei­spiels­wei­se im so­ge­nann­ten "Co­dex Si­nai­ti­cus" – ei­ner grie­chi­schen Hand­schrift aus dem 4. Jahr­hun­dert nach Chri­stus, die auf dem Lied­blatt als Bild ab­ge­druckt ist.

Auch 1.400 Jah­re spä­ter be­zieht sich der schwäb­si­che  Dich­ter und Pfar­rer Edu­ard Mö­ri­ke auf das Ho­he­lied Sa­lo­mos. Er schreibt 1828 in sei­nem Ge­dicht "Nim­mer­sat­te Lie­be":

 

„So ist die Lieb‘! und war auch so,

Wie lang‘ es Lie­be gibt

Und an­ders war Herr Sa­lo­mo,

Der Wei­se, nicht ver­liebt.“

 

Ob damals also oder heu­te – alle Men­schen, ob Sa­lo­mo, Mö­ri­ke oder wir: an­ders ist nie­mand ver­liebt.

IV

Heu­te wie da­mals ver­lei­hen Men­schen ih­rer Lei­den­schaft Aus­druck – su­chen Men­schen For­men, Klän­ge, Wor­te für die Lie­be und fin­den dar­in kein Ende, ja sie kön­nen dar­in gar kein Ende fin­den, denn im­mer wird die Lie­be grö­ßer sein als alle die­se Kunst-Stüc­ke, die­se For­men, Klän­ge, Wor­te. Kunst-Stüc­ke blei­ben es des­we­gen, weil sie ver­gli­chen mit der gro­ßen Lie­be im­mer nur Stück-Werk blei­ben kön­nen, ein Ab­glanz eben. Den­noch: Lie­be be­ein­flusst uns, ver­än­dert uns und wenn wir lie­ben, spü­ren wir die­sen Drang, ge­nau das auch mit­zu­tei­len – in Wort, Klang und Bild: durch Spra­che also. Die­sen Vor­gang be­schreibt der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Ro­land Bart­hes so:

 

"Die Spra­che ist eine Haut: ich rei­be mei­ne Spra­che an ei­ner an­de­ren. So als hät­te ich Wor­te an­stel­le von Fin­gern oder Fin­ger an den En­den mei­ner Wor­te. Mei­ne Spra­che zit­tert vor Be­gier­de. Die Un­ru­he er­wächst aus ei­nem dop­pel­ten Kon­takt: ei­ner­seits … je­nes 'ich be­geh­re dich' … an­de­rer­seits wick­le ich den An­de­ren in mei­ne Wor­te ein, streich­le, be­rüh­re ihn sanft da­mit … ver­aus­ga­be mich da­bei, dem Kom­men­tar Dau­er zu ver­lei­hen, den ich der Be­zie­hung an­ge­dei­hen las­se."

 

Das Kunst­werk – Barthes nennt es den "Kom­men­tar" – soll also Dau­er be­kom­men, Be­stän­dig­keit, ge­nau wie die Be­zie­hung, die Lie­be. Und also wick­le ich den Ge­lieb­ten, die Ge­lieb­te in mei­ne Wor­te, in mei­ne Kunst ein. Ich ver­aus­ga­be mich da­bei. Mei­ne Kunst, mei­ne Wor­te sol­len schließ­lich mei­nem Ge­fühl ent­spre­chen. Mei­ne Kunst soll so groß sein wie die Lie­be zum dem ge­lieb­ten Ge­gen­über. Mei­ne Spra­che ist da­bei emp­find­lich wie mei­ne ei­ge­ne Haut. Ja, mei­ne Spra­che wird zu ei­ner Art Haut.

Durch die­ses emp­find­sa­me, zärt­li­che Stre­ben kann und soll das Re­den von der Lie­be zwi­schen Mann und Frau kein Ende neh­men. Und es nimmt auch kein Ende. Das be­weist un­ter an­derem un­ser klei­nes Pro­jekt, das Buch, das Lied und die Bil­der von Herrn Schulz. Vor 2.500 Jah­ren und auch heu­te re­den Men­schen von "ih­rer" Lie­be – da ist es ganz gleich, ob sie selbst dich­ten, kom­po­nie­ren, ma­len oder aber sich die Ge­dan­ken, Klän­ge oder Bil­der an­de­rer zu­ei­gen ma­chen und die ih­nen zu­teil­ge­wor­de­ne Lie­be da hin­ein­le­sen, -hö­ren und -den­ken und da­durch die Lie­be prei­sen.

V

Wie aber ge­nau kommt es über­haupt zur Lie­be? Ist denn die Welt, in der wir le­ben, zum Lie­ben wirk­lich an­ge­tan? Die­se kal­te, töd­li­che und flüch­ti­ge Welt, in der nichts Be­stand hat?

Ein Bild möch­te ich auf der Su­che nach ei­ner Ant­wort et­was ge­nau­er mit Ih­nen und Euch an­schau­en. Es ist auf der Ti­tel­sei­te der Bro­schü­re ab­ge­druckt. Wer­ner Schulz hat es "… denn lie­be ist stark wie der tod …" ge­nannt. In ei­ner han­dähn­li­chen, auf­stre­ben­den Form in gel­be und rote Farb­tö­ne ein­ge­bet­tet, rec­ken sich zwei Ge­stal­ten ei­nem wei­ßen Licht ent­ge­gen. Von die­sem Licht wer­den sie be­leuch­tet. Das Licht liegt auf dem sti­li­sier­ten Ge­sicht der bei­den Ge­stal­ten. Scharf be­grenzt wird die­ser gelb, oran­ge, rote Far­braum rechts und links durch   blau­graue Flä­chen. Am lin­ken obe­ren Eck tritt aus dem blau grau­en Feld ein hohl­wan­gi­ges, to­ten­kop­fähn­li­ches Ge­sicht her­vor.

Wer­ner Schulz, hat mir das im Ge­spräch so er­klärt, dass das Licht für das Gött­li­che ste­hen soll. Gott er­hellt un­ser Le­ben, er­hebt uns aus dem töd­li­chen Grau in Grau des All­tags – über­all da, wo min­de­stens zwei sich ihre Lei­denschaft ver­mit­teln, sich lie­ben, be­schen­ken, be­sin­gen – Gott sieht uns an, sieht uns lie­be­voll an. Sein Blick lässt Men­schen als Lie­ben­de auf­ste­hen, auf­recht ste­hen. Es ist die­ser Blick, über den Max Frisch, wie  auf S. 16 und 17 der Bro­schü­re nach­zu­le­sen ist, phi­lo­so­phiert. Max Frisch sagt dazu:

 

"… In ge­wis­sem Grad sind wir wirk­lich das We­sen, das die an­dern in uns hin­ein­se­hen, … Auch wir sind die Ver­fas­ser der an­dern; wir sind auf eine heim­li­che und un­ent­rinn­ba­re Wei­se ver­ant­wort­lich für das Ge­sicht, das sie uns zei­gen …"

 

Gott sieht uns lie­be­voll an. Und kön­nen wir Max Frisch Glau­ben schen­ken, dann sind wir Lie­ben­de, weil Gott uns lie­be­voll an­sieht. Oder bes­ser: weil uns Gott lie­be­voll an­sieht, wer­den wir Lie­ben­de – her­aus­ge­ris­sen aus den Fän­gen des To­des. Wir sind das We­sen, das an­de­re in uns hin­ein­se­hen. Gott sieht uns lie­be­voll an und wir strec­ken uns Gott, der Lie­be, dem Le­ben, dem Licht ent­ge­gen. Weil Gott will, dass wir le­ben und lie­ben, hat der Mensch ge­wor­de­ne Gott dem Tod die Macht ge­nom­men, weil er auf­er­stan­den ist. So hat er der Lie­be Dau­er ver­lie­hen über die Flüch­tig­keit hin­aus. Dem Tod, dem kal­ten, grau­en lieb­lo­sen Blick der Men­schen un­ter­ein­an­der, ist die Macht ge­nom­men – die Lie­be bleibt. Die Lie­be bleibt, weil Gott uns lie­be­voll an­sieht, uns so zu Lie­ben­den und da­mit Lieb­ha­be­rin­nen und Lieb­ha­bern macht. Die Lie­be macht uns also zu Men­schen, die Lie­be auch wei­ter­ge­ben kön­nen. Und so bleibt die Lie­be. Ges­tern, heu­te und auch mor­gen. So lan­ge es Men­schen gibt.

Amen.