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Predigt über „In Gottes Nähe still geborgen“

Pfarrer Reinhard Bartha

21.03.2003 Radiogottesdienst aus der Ev. St. Bartholomäus Kirche in Lohmar-Wahlscheid

Predigtteil I (Pfarrer Reinhard Bartha)

(Liedtext von Prädikant Mundt in Violinenmelodie von „Lass uns, o Herre“ gesprochen)

Lass uns, o Herre, deine Klarheit schauen.
Wir wollen dir und deinem Wort vertrauen.
Deine große Güte erlös uns von den Sünden
Und lass uns in dir wahren Frieden finden.

Sei du uns Stärke, Trost und Kraft im Leben.
Zu dir allein woll´n wir die Augen heben.
Bleibe bei uns Herre, am Abend und am Morgen.
In deiner Nähe sind wir still geborgen.

Ein alter weißrussischer Text.
Eine alte weißrussische Weise.
Alte russische Glaubenskraft pur.

Entdeckt auf einer Begegnung
im Minsker Priesterseminar
der russ.-orth Kirche in Shirovici.
Übertragen vom Russischen ins Deutsche
durch Mitglieder unserer Gemeinde.
Kompositorisch bearbeitet
von einem Mitglied unseres Kammermusikkreises.

Russische Glaubenskraft pur:
Sei du uns Stärke, Trost und Kraft im Leben.
Zu dir allein woll´n wir die Augen heben.
Bleibe bei uns Herre, am Abend und am Morgen.
In deiner Nähe sind wir still geborgen.
  

- - - 

Was für eine gut tuende Botschaft?

In Gottes Nähe still geborgen.

Trostbilder steigen auf in mir.

Mir ist kalt.
Ich werde gewärmt.

Ich möchte mich anlehnen.
Ich werde behutsam umschlossen.

Ich hänge wurzellos im Zerrissenen.
Tragfähiger Boden wächst unter meinen Füßen.

Ich falle in ein tiefes dunkles Loch.
Heilende Kräfte ziehen mich sanft wieder empor.

In Gottes Nähe still geborgen.

Er, der Allmächtige,
er, der unendlich Ferne,
er, der von manchen für tot Erklärte,
er, der lebendige Gott,
ist tatsächlich an meiner Seite!

Mitten in dieser Welt voll von Widersprüchen.
Mitten in dieser Welt voll von Ängsten.
Mitten in diesem Leben.
Mitten in meinem Leben.

Konkret.
Fassbar.
Spürbar.

Kein Gespinst.
Keine Halluzination.

Er erhellt mein Dunkel.
Er trocknet meine Tränen.
Meine Verwundungen heilt er.

Still geborgen bin ich.
Still geborgen in Gottes Nähe.

Kammermusikkreis: „Lass uns, o Herre“ Instrumentalvariation III

Predigtteil II (Pfarrer Reinhard Bartha)

Still geborgen?
In Gottes Nähe?
Sind wir das?
Sind wir das wirklich?

Gottes Stärke erfahren,
Gottes Trost,
Gottes Kraft,
können wir Heutige das noch?
Sind wir dazu überhaupt noch fähig?

Sind da nicht all diese Fragen?
Gibt es da nicht all diese Zweifel?

Wo war er dieser dich bergende Gott,
als der Arzt offerierte,
dass der Mensch,
den du über alles liebtest,
einfach austherapiert sei?

Wo war er dieser dich bergende Gott,
als der Tod erbarmungslos zugriff,
du dem Beendiger des Lebens
für sein erlösendes furchtbares Werk
widersinnigerweise am Ende
auch noch dankbar sein durftest.

Danke, lieber Tod,
dass du den Menschen,
den ich so liebte,
endlich erlöst hast!

Wo war er da, dieser Gott?
Wo?

Wo war er,
als sie dir erbarmungslos
den Stuhl vor die Tür setzten?

Wo, als deine Hand hilflos nach Halt suchend
wieder und wieder ins Leere griff?

Wo, bitteschön,
wo ist er in all deinen Ängsten?
Wo, bei all dem,
was vielleicht gerade jetzt
in diesem Augenblick auf dir lastet?

Geborgenheit? -
Stärke? -
Trost? -
Kraft? -
Heilung? -
Wärme?

Von wegen!

Kalt ist´s in dieser Welt.
Einfach nur kalt.
Kalt hinein bis in die letzte Seelenspitze.

„Lass uns, o Herre“ kurze Saxophon-Orgel-Variation

Predigtteil III (Pfr. Reinhard Bartha)

Nicht auf den Höhen des Lebens,
so die alte russische Liedweise,
so unsere Glaubensmütter und -väter,
nicht auf den Höhen des Lebens,
stößt der Mensch auf seinen Gott,
in der Tiefe,
im Leid,
in Schmerz und Angst begegnet er ihm.

Die Not lehrt beten,
sagten die Alten.
Gewiss waren sie,
dass die Erfahrung ihnen recht gibt.

Auf den Lebenshöhen kann der Mensch
seinen Gott schon einmal vergessen,
aber in der Tiefe,
im Leid,
im Schmerz,
da spürt er,
da erkennt er,
wo er letztendlich herkommt,
wo er letztendlich dereinst hingeht.  

- - - 

Stimmt inzwischen auch das nicht mehr?
Greift der heutige Mensch
inzwischen auch hier ins Leere?

Ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs
inzwischen so tot,
so unendlich weit weg,
so verdunstet,
so verschüttet,
so verschollen,
dass ihn der Mensch nicht einmal mehr
in der Not zu finden vermag?

Kann sein, dass das so ist!

Möglicherweise ist es aber auch etwas ganz anderes.

Entfremdung.
Glaubensdistanz.
Gottvergessenheit.
Verlorene religiöse Wahrnehmungsfähigkeit.

Gott ist an meiner Seite.
Gott ist da.
Ich erkenne ihn nicht.

Meine Augen sind wie zugehalten.

Nein, nicht der scheinbar
sich ins Nichts verflüchtigende Gott
ist das Problem,
die minimierte religiöse Wahrnehmungsfähigkeit
macht uns zu schaffen.

Er war, er ist an deiner Seite.
Deine Augen sind wie zugehalten.

Muss das so sein?

Gott doch nur ein Gespinst?
Gott doch nur eine Halluzination?

Die Welt inzwischen zu mündig?
Der Mensch inzwischen zu aufgeklärt?

Das Wissen inzwischen zu fortgeschritten?

Es gibt Menschen, die das so sehen.
Das ist ihr gutes Recht.

Mein gutes Recht ist es,
Zweifel am Zweifel zu haben.

Auch im Hier und Heute
gibt es sehr wohl Gottesbegegnungen.

Noch sind die alten Gottesbrunnen in uns
nicht vertrocknet.
Noch fließen alte Quellen in uns.

Und nicht nur die Durstigen,
so der alte bekannte islamische Sufimeister
Maulana Dschalauddin Rumi,
und nicht nur die Durstigen suchen das Wasser,
das Wasser sucht auch den Durstigen.

Ja, auch hier und heute gibt es Gottesbegegnungen.

Wenn auch oft eher versteckt.
Wenn auch oft eher verschlüsselt.

Nicht immer sofort für jede und jeden offenbar.
Nicht immer sofort sichtbar.
Nicht unbedingt immer dort,
wo man sie für gewöhnlich erwartet.

Genau hinschauen muss man.
Genau hinhören.

Ja, Gott ist in dieser Welt.
Hier und heute.

Ist da, tröstet.
Ist da, gibt Mutlosen Kraft.
Ist da, gibt scheinbar Sinnlosem Sinn,

Hier und jetzt und heute tut er dies.

Mitnichten nur durch Pfarrerinnen oder Pfarrer.
Mitnichten nur in Kirchen.
Mitnichten nur für Fromme.

Mitten im Leben der Menschen tut er dies.

Herrliche Zeugnisse gibt es davon.

Marie Luise Kaschnitz schreibt:
(Text von Marie Luise Kaschnitz wird von Prädikant Mundt gesprochen)
Manchmal stehen wir auf.
Stehen wir zur Auferstehung auf.
Mitten am Tage.
Mit unserem lebendigen Haar.
Mit unserer atmenden Haut.

Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
mit weidenden Löwen und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken.
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht.
Und dennoch unverwundbar.
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung.
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht. -

Was für gut tuende Bilder:
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht!
Auferstehung mitten am Tage.
In Gottes Nähe still geborgen.

Nicht dereinst.

Hier und jetzt und heute.

Mitten im Leben.
Mitten in dieser Welt.
Mit lebendigem Haar.
Mit atmender Haut.

Er, der Allmächtige,
er, der scheinbar Abwesende,
er, der von manchen für tot Erklärte,
er, der lebendige Gott,
er ist da!

Mitten in dieser Welt voll von Widersprüchen.
Mitten in dieser Welt voll von Ängsten.
Mitten in diesem Leben.
Mitten in deinem Leben.

Wer Augen hat zu sehen, der sehe.
Wer Ohren hat zu hören, der höre.

(Violine spielt Melodie von „Lass uns, o Herre“!
Prediger spricht leise in die Melodie)
Lass uns, o Herre, deine Klarheit schauen.
Wir wollen dir und deinem Wort vertrauen.
Deine große Güte erlös uns von den Sünden
Und lass uns in dir wahren Frieden finden.

Sei du uns Stärke, Trost und Kraft im Leben.
Zu dir allein woll´n wir die Augen heben.
Bleibe bei uns Herre, am Abend und am Morgen.
In deiner Nähe sind wir still geborgen.

Amen.