Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über "In meines Herzens Grunde dein Nam‘ und Kreuz allein..." (Johannespassion von J.S. Bach)

Mag.Theol. Ute Schütze

02.03.2008 in der Dorfkirche in Wethen

A „Laetare – Freut euch mit Jerusalem“ – so wird dieser Sonntag im Kirchenjahr genannt. Wir kennen die Szene: Jesus ist unter dem Jubel der Menschenmenge in Jerusalem eingezogen und als König begrüßt worden.

B Was gibt es für uns zu freuen an dieser Geschichte? Wir wissen doch, wie sie weitergeht: Jesus geht seinen letzten Lebenstagen entgegen, Folterung, Verhöhnung und Tod stehen ihm nahe bevor. Was also gibt es zu freuen?

Dieses Ärgernis zieht sich für mich durch die ganze Passionszeit. Ich frage mich - und darin kann ich die Kritiker des christlichen Glaubens gut verstehen -: Warum konzentrieren wir uns über viele Wochen auf das Leiden des Gottessohnes? Warum feiern wir geradezu seinen Tod in Liturgien und Liedern, in unzähligen Kunstwerken? Warum suchen wir hier unsere Erlösung und nicht in seinem wunderbaren Leben?

„In meines Herzens Grunde dein Nam‘ und Kreuz allein funkelt all‘ Zeit und Stunde, drauf kann ich fröhlich sein...“ heißt es in einem Choral der Johannespassion von Johann Sebastian Bach.
Warum muss es das Bild von Jesus am Kreuz sein, das als Urbild von Gottvertrauen in unserem Herzen funkelt? Ist ein Jesus, der Kranke heilt, Kinder segnet und den Mächtigen seiner Zeit den Spiegel ihres Unrechts vorhält, nicht viel eher Urbild einer Gottesbeziehung in Vertrauen?

Nein, ich bin mit dieser Passionsseligkeit nicht einverstanden. Der Tod Jesu war Unrechtsjustiz, ein politischer Mord aus Angst vor Aufruhr, eine moralische Katastrophe. Ich will das nicht als Erlösung feiern.

A Ich denke, wir müssen einen Blick auf die Anfänge werfen. Das jüdische Volk war – wie so oft in seiner Geschichte – in der Hand einer Großmacht. Das bedeutete tägliches Leben unter einer Willkürherrschaft mit Demütigungen, Ängsten und Existenznöten. Die Sehnsucht nach einem starken König, der sie aus dieser Not befreite, war groß.

So ist es nicht verwunderlich, dass sich diese Sehnsucht auf den Mann aus Nazareth richtete, der als Helfer und Heiler, als Anwalt der Armen und Schwachen, als mutiger Kritiker aller Machthaber durch das Land zog und offensichtlich eine unwiderstehliche Ausstrahlung hatte.

Alles, was an Hoffnungen in den Herzen seiner Anhänger gewachsen war, brach im Augenblick seines Todes erst einmal zusammen. Den Spott der Gegner über den verehrten Rabbi können wir uns leicht vorstellen.
Der Kreuzigungstod war eine besonders verachtete Hinrichtungsart, bei der gewöhnlich nicht einmal eine Bestattung erlaubt war. Der Leichnam wurde in der Regel nach dem Tod den Tieren zum Fraß gelassen. Über den Tod hinaus sollte der Hingerichtete entwürdigt und vergessen sein.

Wie sollten die, die Jesus liebten, diesen Tod verstehen? War ihr Glaube an den Gottessohn eine große Illusion gewesen? War alles, was sie mit ihm erlebt hatten, ein flüchtiger Traum, alles, was sie gelernt hatten, wirklichkeitsfremde Phantasie?

Waren irdische Mächte stärker als Gott, der seinen eigenen Sohn nicht schützen konnte vor ihrer Gewalt?

Oder hatte dieser Tod einen festen Platz in der Geschichte zwischen Gott und den Menschen? Hatte Gott ihn zugelassen oder sogar gewollt?

Die Anhänger Jesu von Nazareth hatten ihr ganzes Vertrauen in diesen Menschen gesetzt und in den Gott, den er seinen Vater nannte. Wenn dieses Vertrauen nicht in Verzweiflung umschlagen sollte, dann mussten sie seinen Tod anders verstehen lernen denn als sinnlosen Zufall im Spiel der Mächtigen.

Die ihn liebten, lernten zu verstehen, dass das Annehmen dieses Todes, der Verzicht auf Flucht wie auf Gewalt, eine bewusste Tat war, kein Zeichen für Schwäche, sondern für besondere Stärke.

Und sie lernten in ihrem Suchen und Fragen nach dem Tod Jesu noch mehr: Wenn sie die Beziehung der Liebe zwischen Vater und Sohn, die sie in Jesus leibhaftig miterlebt hatten, ernst nahmen, dann musste dieses von Jesus angenommene Leiden etwas zu tun haben mit der Liebe zwischen Gott und den Menschen, denen Jesus in seiner Nachfolge die Gotteskindschaft zugesagt hatte.

B Aber muss das heißen, dass die Kinder Gottes nur im Leiden und Sterben wahre Kinder Gottes sind?
Das Bild vom gefolterten sterbenden Gottessohn, von dem mir als Kind gesagt wurde, dass er für meine Schuld so leiden musste, macht mir Angst. Mit dem Gott, der dieses Blutopfer braucht, um mir meine Schuld vergeben zu können, will ich nichts zu tun haben.

Die frühen Christen kannten noch ein ganz anderes Christusbild: das Bild des Heiligen Narren, des Narren in Gott. Sie waren überzeugt: Was der Welt eine Narrheit zu sein scheint, ist in Wahrheit die Weisheit Gottes. So waren sie, die diesem Narren in Gott nachfolgten, Narren in Christo. Auch Paulus bezeichnet sich im 2. Korintherbrief so.

Der Religionspädagoge Hubertus Halbfas weist in seinem Bibelkommentar darauf hin, wie viele Züge eines Hofnarren ,eines Clowns, eines fahrenden Bänkelsängers das Leben Jesu in den biblischen Geschichten hat: sein Spott über versteinerte Sitten und gekrönte Häupter, sein unstetes Wanderleben in den Jahren vor seinem Tod, seine Gewohnheit , auf Festen und Banketten (wir würden heute sagen, auf Parties) aufzutreten. Als Narr wird er am Ende zur Karikatur gemacht, unter Spott und Gelächter geschlagen und gekreuzigt. Das Schild an seinem Kreuz ist eine ironische Huldigung.

Christus in der Gestalt des göttlichen Clowns, - das scheint mir ein Urbild zu sein, das Machtlose befähigt, Widerstand zu leisten gegen die zerstörerischen Mächte der Welt. Nicht umsonst verschwand dieses Bild aus der christlichen Frömmigkeit, als die Kirche zu weltlicher Macht kam.

Ich wünsche mir heute etwas von dem Clown zurück, der mir Mut macht, für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung zu arbeiten, auch wenn es oft vergeblich oder auch närrisch zu sein scheint. Dieses Bild macht mir Hoffnung, dass das, was oft als vergebliche Narrheit bespöttelt wird, sich am Ende doch als Gottes Weisheit erweist.

A Ja, das Christusbild vom göttlichen Narren ist auch für mich ein Bild, das Phantasie und Kraft zum Handeln freisetzt, und ich denke, dass dieses Bild mit der schwindenden Macht der christlichen Kirchen auch wieder stärker ins Bewusstsein kommen wird.

Aber das ist so eine Sache mit den Bildern. Für das Christusbild gilt auch, was für das Gottesbild und für jedes Menschenbild gilt: Wenn es behauptet, die ganze Wahrheit zu zeigen, dann wird es falsch und gefährlich. Deshalb das Bilderverbot der Hebräischen Bibel, das verbietet, Gott oder Menschen auf eine einzige Erfahrung und ihre Deutung festzulegen.

Vielleicht ist Dir aufgefallen, dass es in der Erzählung des Lebens Jesu, wenn er als göttlicher Narr beschrieben wird, eine entscheidende Wende gibt:

Bis zum Beginn der Misshandlungen erzählen die Geschichten von seiner Lebensweise, von seinem Verhalten, von seinen Reden, von seinem - manchmal auch ironischen - Witz. Alles lässt sich als Weisheit des Narren verstehen.

Dann aber beginnt das Leiden: Der Narr in Gott muss ertragen, dass er von Menschen zum Narren gemacht wird. Das ist für den Menschen Jesus bitterer Ernst, und die weiteren Schilderungen seines Leidens lassen erkennen, dass Schmerz, Angst und Verlassenheit ihn treffen wie jeden anderen Menschen auch.

Was wäre gewesen, wenn die Angst Besitz ergriffen hätte von dem Narren in Gott, wenn er, um sein Leben zu behalten, vor den Mächtigen sein Reden und Handeln zur Narrenposse erklärt hätte, die man doch bitte nicht ernst nehmen dürfe?

Wenn er sich von denen, die ihm vertrauten, losgesagt und den Mächtigen seine Redegabe zu Diensten angeboten hätte?

Wir würden wohl kaum hier zusammen sitzen und von ihm reden. Er wäre längst im Dunkel der Geschichte verschwunden und mit ihm das Vertrauen unzähliger Menschen in das Leben als Kinder eines liebenden Gottes.

Jesus von Nazareth besiegelt sein Schicksal mit dem Entschluss, sich und seine gelebte Wahrheit nicht zu verstecken, sein von Gott empfangenes Licht nicht unter einem Scheffel zu ersticken.

Er besiegelt sein Schicksal mit dem Entschluss, der von ihm gepredigten Feindesliebe treu zu bleiben und keine bewaffnete Macht zu seinem Schutz in Anspruch zu nehmen.

Er sucht nicht das Leiden, aber er sucht die Menschen. Und er besiegelt sein Schicksal mit dem Entschluss, dem Leiden nicht auszuweichen, wenn das Durchhalten der Liebe es erfordert.

Bleiben wir einen Augenblick bei dem Bild des Siegels. Das Siegel auf einem Brief, auf einer Urkunde bezeugt die Echtheit des Schreibens und die Identität seines Schreibers, seiner Schreiberin. Wenn Jesus sein Leben besiegelt mit dem Leiden um der Liebe willen, dann prägt er allem, was er gelebt und gepredigt hat, das Echtheitssiegel dieser Liebe auf.

So unverzichtbar sein Leben für uns ist als Urbild für gelebte Gottesbeziehung, ohne dieses Siegel der durchgehaltenen Liebe würde es uns nichts nutzen. Er gibt uns Brief und Siegel.

Und wenn wir uns jedes Jahr aufs neue in vielfältigen Formen an die Leidensgeschichte Jesu von Nazareth erinnern, dann feiern wir nicht das Leiden selber. Was wir feiern und preisen in der Passionszeit, ist diese Besiegelung seines Lebens. Der Text des heutigen Evangeliums in Joh.12 nennt es „Verherrlichung“, was soviel heißt wie „in Herrschaft setzen“. Erst das Durchhalten der Liebe bis in die äußerste Konsequenz macht den Menschen Jesus zum Urbild für Gotteskindschaft, zur gestaltenden Kraft der Geschichte, zum Weizenkorn, das sich in die Erde versenken lässt.

B Aber spiegeln Texte, Musik und Rituale der Passionszeit und der Karwoche dieses Verständnis vom Leiden Jesu wider? Ich finde hier mehr Elemente von Trauer und Selbstzerknirschung als von Ermutigung. Ich fürchte mich vor solchen Totengedenkfeiern. Wie sollen sie zur Weltgestaltung heute beitragen?

Wenn wir das Kreuz als Zeichen der durchgehaltenen Liebe verstehen, dann müssten Darstellungen, die das Kreuz als Lebensbaum oder als segnenden Christus zeigen, eine viel größere Rolle spielen. In diesem Symbol wird die Einheit von Leben und Tod Jesu sichtbar als Sieg des Lebens, und so wird es zur Ermutigung für Menschen in seiner Nachfolge.

Auf der anderen Seite müsste das kritische Nachdenken darüber, wie oft das Kreuz in der Geschichte des Christentums für Menschen zum Zeichen der Vernichtung geworden ist, und wie Menschen es noch heute als Zeichen ausbeuterischer Weltherrschaft erleben, viel entschiedener sein.

Für Gefühle der Empörung gegen das Unrecht heute ist neben der Trauer über das Unrecht damals oft wenig Raum in Passionsfeiern.

Wenn wir uns in den Evangelien von Matthäus, Markus und Lukas anschauen, welche Texte von den Evangelisten zwischen den Bericht über den Einzug Jesu in Jerusalem und den über seine Verhaftung gestellt wurden, so beschäftigen sie sich durchaus nicht nur mit Glaubensfragen im engeren Sinn. Sie zeigen einen Jesus, der seinen Jüngern mehr hinterlässt als Abschiedsreden und Trostworte.

Die Reden vom Doppelgebot der Liebe und vom Weltgericht, in denen so schlicht und deutlich entfaltet wird, wie Liebe zu leben ist und gesegnet wird, richtet sich an alle, die ihm als König zugejubelt haben.

Die Antwort auf die Fangfrage nach der kaiserlichen Steuer zeigt wohlüberlegte listige Klugheit im Umgang mit der weltlichen Macht.

Die Reden gegen die Schriftgelehrten und das Gleichnis vom treuen und vom schlechten Knecht sind deutlich vom Zorn bestimmt gegen Machthaber, die ihre Macht über Menschen missbrauchen.

Die Vertreibung der Händler aus dem Tempel und die Verfluchung des Feigenbaums, der keine Früchte bringt, zeigen Züge eines Wutanfalls.

Könnte nicht etwas mehr von diesem kämpferischen Jesus in den Passionsfeiern sichtbar werden, den die irdische Wirklichkeit so sehr interessiert, der so leidenschaftlich protestiert gegen Machthaber, die ihre Macht missbrauchen, der sich so eindeutig auf die Seite der Bedrängten und Verdrängten stellt?

Eins will ich aber nicht vergessen: Überall werden täglich Menschen Opfer brutaler Gewalt und Ungerechtigkeit. Und vielen wird wirklich ihr Leben abverlangt, wenn sie den Mächtigen die Stirn bieten und für Gerechtigkeit eintreten.

Und wenn Menschen in so schwerer Bedrängnis Trost finden in dem Bild vom geschundenen Gottessohn, der aus freiem Willen unsere Not teilte, dann kann ich das zutiefst respektieren und darauf hoffen, dass auch Ostern in ihren Herzen lebendig ist.

A Ich gebe dir recht in deiner Kritik an einer Passionsfrömmigkeit, die die konkrete Not von Menschen heute vergisst.

Aber nicht jede meditative Versenkung in Texte, Musik und Bilder der Passion muss auf diese Weise unfruchtbar sein. Das hängt mit der Kraft von Symbolen und Urbildern zusammen, die in der Tiefe unserer Seele ihre Wirkung entfalten.

Für Menschen, die sensibel sind für die Not anderer, sammelt sich in der Leidensgeschichte Jesu wie in einem Brennglas die Trauer und der Zorn über Leidensgeschichten in der Welt von heute. Ihre Gefühle im Erleben von Texten, Musik und Bildern zur Passion können in dieser Weise auch ihrer konkreten Wirklichkeit und dem Leiden heute gelten.

Wer von den Geschichten der Passion ergriffen ist, sollte sich der nüchternen Frage stellen, ob die großen Gefühle auch anregen und ermutigen zum entschlossenen Handeln gegen Unrecht, Gewalt und Vernichtung, oder ob sie die Mühen eines Lebens im Geist Jesu nur ersetzen. Im letzten Fall bleiben sie unfruchtbare Sentimentalität.

Eine solche unfruchtbare Sentimentalität in den religiösen Gefühlen sehe ich als besondere Gefahr in der spirituellen Entwicklung der reichen Industrieländer, deren Bürger in gesicherten Reichtum und immerwährendes Glück verliebt sind.

Vielen gilt es als klug, dem Leiden auszuweichen, indem man die Botschaften des Leidens verdrängt oder Leidenden verlässt. Und Vielen gilt es als lebensuntüchtig, einer Liebe, einer Freundschaft, einer Aufgabe die Treue zu halten, wenn sie mühsam wird.

Ich beobachte, dass es im theologischen Denken unserer westlichen Kulturen zunehmend nur noch Raum gibt für das Bild von einem lieben Gott, der uns immer freundschaftlich begleitet, in unserem Sosein bestätigt, der nicht straft oder auch nur zornig ist, gleichgültig was an Ungeheuerlichem in der Welt geschieht.

Zu diesem Gottesbild einer ichbezogenen Gesellschaft passt das Bild des sanften, liebevollen Sohnes, dessen brutaler Tod ein so tragischer Fehler der Weltgeschichte war, dass er uns zu Tränen rührt.

Wer würde sich trauen, diesen lieben Gott mit diesem Sohn den unzähligen Hungernden, Heimatlosen, Gejagten und Gefolterten unserer Welt zu predigen?

Deshalb bleibe ich dabei: Das Zeichen des Kreuzes, verstanden als Zeichen für aktive und durchgehaltene Liebe, ist für unsere Gesellschaft eine unverzichtbare ständige Mahnwache.

Amen.