Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jakobus 1,12-18

Pastor Hagen Kühne

in einer diakonischen Einrichtung in Lobetal

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserem Vater und von dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
...und führe uns nicht in Versuchung, so beten wir im Vaterunser. Ich weiß nicht, woran sie denken, wenn sie diese Bitte sprechen.
Viele denken dabei vielleicht an die so genannten guten Vorsätze: Aufhören mit dem Rauchen, fünf Kilo abnehmen, sich mehr um sich selbst oder die Kinder kümmern, mehr Sport machen... . Solche Entschlüsse sind schnell gefaßt. Und ebenso schnell findet man sich wieder im alten Trott. Warum? Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, so sagen wir mit leicht entschuldigendem Unterton. In der Tat: Gewohnheiten bestimmen über unser Verhalten. Beim Essen, in beruflichen Dingen, auf der Straße, in der Liebe – überall haben Gewohnheiten das Sagen. Oft ohne, daß wir es recht merken.
Viele von uns begehen die Passionszeit als Fastenzeit. Die inzwischen weit bekannte Aktion 7 Wochen ohne, erfreut sich wachsender Beliebtheit, weil sie genau dafür die Sinne schärft: Wie weit habe ich mich von mir selbst entfernt? Bin ich eigentlich der, der ich sein kann? Welche Gewohnheiten bestimmen meinen Alltag? Was will ich vielleicht verändern? Von welcher Gewohnheit habe ich mich schon abhängig gemacht? Aschermittwoch heißt ja: Wir dürfen die Masken ablegen, die wir normalerweise aufhaben. Die Maske des guten, hilfsbereiten und freundlichen Menschen. Fasching ist zu ende. Wir stehen am Beginn der Passion.  ---
Meine Tochter ist ein Fan von Handysprüchen. Jedes mal kommt sie mit einem anderen Spruch. Letzte Woche las ich auf meinem Handy: Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte, achte auf deine Worte, denn sie werden Taten, achte auf deine Taten, denn sie sind dein Schicksal. Ein gutes Wort am Beginn der Passion. – Aus Gewohnheiten der Gedanken, werden Gewohnheiten der Sprache, aus Gewohnheiten der Sprache, werden Gewohnheiten des Verhaltens, aus Gewohnheiten der Taten  entsteht mein Schicksal, das, was aus mir wird, meine Geschichte, mein Leben, mein Aussehen, meine Gesundheit usw..
Schon die simple Aufgabe, sich von einer bestimmten Gewohnheit zu lösen, ist für die meisten von uns eine Überforderung. Auch dann, wenn wir wissen, daß diese Gewohnheit uns selbst oder anderen schadet, uns selbst oder andere krank macht: Wir merken, daß wir nicht Herr im eigenen Hause sind, sondern inzwischen ganz andere Mächte uns bestimmen. Von der Macht einer Gewohnheit frei zu werden – wer das will, bei dem beginnt ein innerer Kampf, ein oft sehr langer und steiniger Weg.
So hören wir am Beginn dieses Weges mit geschärften Sinnen unser Bibelwort für den Beginn der Passion. Der Predigtabschnitt beginnt mit einer Seligpreisung: Selig der Mensch, der die Anfechtung erduldet, denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn lieben. (Jak 1,12) - Eine kämpferische Ansage. Und zugleich eine großartige Vision. Werden wir am Ende den Sieg davontragen? Etwas nüchterner formuliert: Werden wir ein Ergebnis erzielen? Die Stimme des briefeschreibenden Botschafters bleibt fest: Selig der Mensch, der sich auf diesen Weg begibt, der den Kampf aufnimmt mit dem Bösen, den Abgründen, den Fehlern und Schattenseiten. Ich glaube, wir brauchen diese Ermutigung. Damit wir losgehen, uns auf diesen Weg begeben und nicht gleich am Anfang aufgeben. Selig bist du! Die Krone des Lebens wartet auf dich!Natürlich haben wir eine Ahnung von den Schwierigkeiten, davon, wie es sein soll, unser Leben, unsere Gedanken, unser Verhalten. Natürlich, jeder von uns weiß oder ahnt, was er soll, kennt die Anforderungen und weiß, wie sehr er dahinter zurückbleibt. Aber wo sollen wir beginnen? Wo einen Ansatz finden? Auf griechisch heißt das Problem peirasmos – Versuchung, manchmal, wie in diesem Vers, übersetzt Luther auch Anfechtung. In der Tat: Versuchungen begleiten das Ringen um unseren Auftrag -als Mensch, als Christ, als Vater, als Mutter, als Kollege, als Nachbar, als Diakonie, als Hoffnungstaler Anstalten.
Ich sehe heute und für uns drei Aufgaben, drei Versuchungen, drei Hindernisse, an denen wir mit unserer Aufgabe scheitern können, an denen wir uns bewähren müssen. Der Handyspruch soll uns dabei helfen, diese Versuchungen zu erkennen.
Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte. Das erste Hindernis, die erste Versuchung. Sie lauert schon am Anfang, in den Gedanken, die wir uns machen: Für eine echte Veränderung ist ehrliche Einsicht vonnöten. Im Grunde beginnt jede Veränderung mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme. Und das ist oft schon das Ende eines guten Vorsatzes. Auf den ersten Metern stirbt so mancher gute Vorsatz. Fragen sie mal Raucher, warum sie nicht aufhören zu rauchen. Die vernünftigsten Personen erzählen auf einmal den größten Unsinn: „Eine geräucherte Wurst hält länger“, so in der Preisklasse. Oder: „mein Opa ist 80 geworden und hat jeden Tag sein Pfeifchen geraucht“. Kaum einer gesteht ehrlich zu, daß Rauchen der eigenen Gesundheit und der seiner Mitmenschen großen Schaden zufügt. So ist es oft. Bei den meisten gut gemeinten Veränderungswünschen hapert es bereits an dieser Stelle. Bei der Behandlungseinsicht. Bei der Fähigkeit, sich selbst einzugestehen, daß man auf dem falschen Weg ist. Sich selbst gegenüber mutig und aufrichtig zu sein, sich Hilfe zu holen, Beratung anzunehmen. Überhaupt zu merken, woher die Probleme wirklich kommen – das ist schon viel. In der Beziehung, im Team, in meinem Verhältnis zu Gott. Ich glaube, das das sogar einer der größten Versuchungen unseres Auftrages ist: Die Unehrlichkeit. Viele Probleme in unserem Dienst werden wir nie lösen, solange wir nicht ehrlich zueinander sind.
Das zweite Hindernis, die zweite Versuchung liegt in der Art, wie wir darüber sprechen. Achte auf deine Worte, denn sie werden Taten. Das ist die Versuchung des Wortes.
Das, was ich eigentlich will, das tue ich nicht. Vielmehr lasse ich mich hinreißen, es passiert mir, ist mir weggerutscht – das sind doch die Vokabeln, mit denen wir Schuld beschreiben, ohne sie wirklich einzugestehen. Es ist unglaublich, welche Sprachleistungen wir erbringen, um Fehlverhalten zu vertuschen oder zu verdecken. Der Teufel benutzt sogar das Wort Gottes, um es gegen ihn zu verwenden: Es steht geschrieben: „Er hat seinen Engeln befohlen, daß sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“ Na also: wirf dich hinab! Wie oft benutzen wir das Wort Gottes, um uns gegen seinen Anspruch zu wenden? Wo führen wir fromme Reden, obwohl wir Böses im Sinn haben? Wo bemühen wir Gottes Wille, um unsere Feigheit und Antriebslosigkeit zu bemänteln. Wo sagen wir: das ist christlich und meinen: das macht weniger Arbeit, ist bequemer?
Niemand sage, wenn er versucht wird, daß er von Gott versucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht niemand. Sondern ein jeder, der versucht wird, der wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt.(Jak 1,13.14)
Keiner sage, wenn er versagt hat, ich habe es nur gut gemeint. Denn auf die Meinung kommt es nicht an, wenn etwas falsch gelaufen ist. Auf dem Weg der Bewährung kommt der Widerspruch in unserem Wollen zum Vorschein.
Achte auf deine Worte, denn sie werden Taten. Das gilt nicht nur zum Bösen, sondern auch zum Guten – wenn ich etwas verändern will, dann hilft es vielleicht, sich selbst und anderen nicht immer nur zu sagen: Nein, das will ich nicht, das darfst du nicht, das ist falsch – sondern ruhig einmal positiv zu formulieren: wie will ich dahin kommen, welche konkreten Schritte nehme ich mir vor. Welche Belohnungen winken nach welchem Abschnitt. Vielleicht sogar mit sich selbst eine schriftliche Vereinbarung abschließen: Wenn man sich aufschreibt, welche Schritte man wann machen will und wie sie genau aussehen sollen, der geht eine stärkere Verbindlichkeit sich selbst gegenüber ein. Also nicht sagen: Ab morgen esse ich keine Kalorienreichen Sachen mehr, oder laufe 5 mal um den Mechesee, oder halte meine Wohnung tip-top in Ordnung, sondern: schriftlich festlegen, wann ich in welchem Rhythmus was weglasse oder anders mache. Das ist wie beim Training. Kein Fußballer wird über Nacht ein Star, sondern nur durch kluges, kontinuierliches und manchmal hartes Training mit festen, aufgeschriebenen Zeiten. Achte auf deine Worte, denn sie werden Taten. Formuliere positiv, was du willst, sprich freundlich, setze dich und andere nicht unter Druck, sondern sage, wie es besser gehen kann und wie man dahin kommt.
Und schließlich, die dritte Versuchung. Das dritte Hindernis auf dem Weg der Bewährung. Das ist die Versuchung, am Ende gar nicht zur Tat zu kommen.
Der Jakobusbrief legt auf diesen Sachverhalt ganz besonderen Wert, ja es scheint so, als sei er gerade darum in den Kanon der biblischen Schriften aufgenommen worden, um noch einmal vor dem Mißverständnis zu warnen, als komme es am Ende gar nicht auf die Taten an, sondern nur auf die Motivation. Das hat ja Luther besonders geärgert, weswegen er den Jakobusbrief eine stroherne Epistel genannt hat, die man getrost in den Ofen werfen könne. Denn vom Wortlaut her widerspricht das ja dem, was im Römerbrief sein Hauptanliegen ist. Dort heißt es, seid Hörer des Wortes. Im Jakobusbrief steht dagegen ein paar Verse weiter ganz deutlich: Seid Täter des Wortes, nicht Hörer allein. Sonst betrügt ihr euch selbst. Das hört sich wirklich an wie ein Widerspruch. Aber wenn man die Sache im Blick hat, dann merkt man, daß die beiden Formulierungen zusammengehören und der Widerspruch löst sich auf. 
Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde, die Sünde aber, wenn sie vollendet wird, gebiert den Tod! (Jak 1,15) Unser Handyspruch macht klar, was gemeint ist: Achte auf deine Taten, denn sie sind dein Schicksal! Am Ende zählen nur die Taten. Im Jüngsten Gericht wird nicht gefragt, was hast du dir dabei gedacht? Sondern da stehen lauter Tätigkeitsworte: Hast du gekleidet? hast du besucht? hast du zu essen und zu trinken gegeben? hast du beherbergt usw.? Aus Taten entsteht unser Schicksal, Taten entscheiden über Tod und Leben. Wir brauchen uns so gesehen nicht zu wundern und nicht über Gott zu beschweren. Unser konkretes Verhalten entscheidet über unsere Beziehungen, unsere Perspektiven. Ob das Serviceversprechen auch eingelöst wird, das entscheidet über die Belegung unserer Plätze. Wie man sich bettet, so liegt man. Das gilt auch für das so genannte Schicksal. Es setzt sich zusammen aus unendlich vielen einzelnen Taten und ihren Folgen. Deshalb ist die Perspektive für unser Handeln so wichtig. Daß wir solche Taten eben nicht an uns selbst, nicht an anderen, sondern an Gottes Willen ausrichten. Was immer ihr tut, tut es um Gottes Willen. Denn: Wieviel Gutes wird nicht um Gottes willen getan, sondern um der Anerkennung, die das Gute hat und die damit auf den Täter zurückfällt. Damit tun wir das Gute dann nicht mehr aus Gottesfurcht, sondern aus Geltungsdrang. Und das verdirbt am Ende alles. Zum Wesen der Versuchung gehört ihre moralische Gebärde: Es ist doch so wichtig, zu helfen – und in Wahrheit möchte ich nur den guten Ruf haben!
Unser ganzes Schicksal hängt letztlich am seidenen Faden der Bewährung im Glauben. Unser Predigtwort läßt keinen Zweifel: Irrt euch nicht, liebe Geschwister, alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn. Er ist der Vater des Lichtes, bei dem keine Veränderung ist noch Wechsel des Lichts und der Finsternis. Er hat uns geboren nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit, damit wir Erstlinge seiner Geschöpfe seien. (Jak 1,16-18)
Und das heißt doch ganz schlicht: Letztlich brauchen wir bei der Überwindung all der Hindernisse und Versuchungen Gottvertrauen. Die Krone des Lebens bekommt, wer immerzu und allezeit auf ihn seine Hoffnung setzt und ihm den ersten Platz einräumt. Wo wir aufhören, an den Vater des Lichts zu glauben, auf seinen Beistand nicht mehr setzen, wo wir der von ihm gegebenen Perspektive nicht mehr trauen– da sind wir schon in der Finsternis. Uns aus dem Elend zu erlösen, das können wir gerade nicht selber tun. So gesehen stimmt es:  Heilfasten ohne den Heiland macht nicht wirklich heil. So laßt uns nachher mit den Worten unseres Heilands in diesem Sinne um Erlösung von dem Bösen beten. Denn durch den Glauben an ihn sind wir als seine Kinder geboren. Und nur als seine Kinder erben wir das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit. – Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn.

Amen.