Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jakobus 1,12-18

Pfarrer Werner Beuschel (ev)

09.03.2014 in der evangelischen Christuskirche zu Mönchengladbach

Sonntagsgottesdienst

Dieser Satz sollte ein Satz fürs ganze Leben werden: Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben. Noch auf seine alten Tage gab er diesen langen Satz bei Gelegenheit wieder. Ihm war es ernst damit. So ernst, dass dieses Bibelwort das letzte Wort für sein Leben haben sollte.

Sein Pfarrer hatte ihm dieses Bibelwort zur Konfirmation ausgesucht und es ihm bei der Einsegnung zugesagt. Der Pfarrer wusste, was für seine Gemeinde das Wort „Anfechtung“ bedeuten kann. Besonders für die junge Gemeinde.  Deren Herzen hatten nämlich auch die Machthaber in Deutschland erobert. In den mittlerweile mehr als sechs Jahren ihres Regimes hatten sie besonders der Jugend ein süßes Gift eingeträufelt. Sie hatten ihr vermittelt: du bist wichtig für das neue Deutschland, ihr seid flink wie die Windhunde, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl.  Das Glaubensbekenntnis der Machthaber hörte sich entsprechend an: der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte. 

Dieses Glaubensbekenntnis hatte sogar in der evangelischen Kirche ihren Platz. Aber es gab auch andere, die widersprachen. Eher leise, doch bestimmt. So wie der Vater unseres Konfirmanden. Er war Betriebsschlosser bei der Reichsbahn, kein Akademiker, doch zugleich gebildeter als viele von diesen. Denn nicht zuletzt sein Glaube hatte sein Herz gebildet, und das sagte ihm: dieses Geschrei der braunen Horden führt direkt in die Barbarei. Sein Sohn im jugendlichen Alter konnte das nicht verstehen. Er stellte seinen Vater regelrecht zur Rede, wenn der  verbotenerweise wieder BBC hörte. Dieser Sender wollte vom Ausland aus den Deutschen  die Augen öffnen. Der Vater machte, was er für richtig hielt.

Und dann gab es auch noch den öffentlichen Widerspruch, auch in der evangelischen Kirche. Diese tapferen Frauen und Männer hatten zueinander gefunden in der Bekennenden Kirche.  Der Pfarrer unseres Konfirmanden war einer von ihnen. Und der sagte, worauf es ankommt im Leben und im Sterben. Nicht auf einen Gott, der Eisen wachsen ließ. Sondern auf einen Gott, der einzig und allein in Jesus Christus Gestalt gefunden hat.  Nur ihm darf man sein Leben anvertrauen.

Anfechtung war also kein leeres Wort in dieser Zeit. Denn Anfechtung heißt: Mir wird der Grund, auf dem ich stehe, durchlöchert. Mir wird das madig gemacht, was mir mein Trost im Leben und Sterben sein soll. Mir wird vielleicht sogar gedroht, ich solle nicht länger festhalten an dem Gott Abrahams. Isaaks und Jakobs, der der Vater Jesu Christi ist.

Darum: Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben.

Ja, nicht weniger als eine Krone wurde dem jungen Mann bei seiner Konfirmation in Aussicht gestellt.

Seine erste ernst zu nehmende Kopfbedeckung war keine Krone. Sie war ein Stahlhelm.  Ein mickriger Schutz für den kaum 19jährigen, jetzt, wo er sich am Boden liegend in den eiskalten Matsch gepresst hatte und darauf hoffte, dass er irgendwie diese Hölle überlebt. Maschinengewehrsalven ratterten über ihn hinweg, nicht weit neben und hinter ihm explodierten Granaten. Er fühlte sich hilflos und elend, und der Wehrmachtsbericht sprach von der Ardennenoffensive.

Aber unser Mann fühlte sich nicht allein. Das Neue Testament steckte auch jetzt in der Brusttasche seiner Uniform, und er sagte sich das, was er schon von seiner Mutter gehört hatte: du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.

Er überlebte tatsächlich diese letzten Kriegsmonate. Irgendwie. Und kam in französische Gefangenschaft. In offenen Eisenbahnwagen wurden er und seine Kameraden durch Frankreich gekarrt, und auf den Brücken standen Franzosen, die sich über ihnen erleichterten.

Hart arbeiten musste er in einem Sägewerk, und anfangs machten die Gefangenen abends am großen Topf das Licht in der Baracke aus. Man wollte nicht sehen, was genau man in sich hineinlöffelte.  Und wieder war es nichts mit einer Krone. Dafür schmerzte der Rücken und knurrte der Magen.

Den ersten anständigen Hut kaufte er, als er wieder zu Hause war. Mit dem konnte er sich sehen lassen in seiner Ausbildung zum Staatsdiener und bei der Brautschau.  Mit vielen anderen seiner Generation baute er auf: seine Heimat, ein Haus, eine Familie. Auf der Karriereleiter ging es schnell nach oben. Und dann, mit Mitte vierzig, der erste Herzinfarkt.

Ja, auch nagender Hunger und eine schwer lädierte Gesundheit können mir den Grund, auf dem ich stehe, durchlöchern. Sie können mein Vertrauen ins Leben erschüttern und damit auch das Vertrauen zum Ursprung allen Lebens. Und es ist dann wirklich selig  der Mann, der die Anfechtung erduldet und sich so bewährt.

Dem Konfirmand von ehedem und jetzigem Familienvater wurde der liebe Gott nicht fraglich. Im Gegenteil: von Zeit zu Zeit sah man ihn im Gottesdienst seiner Gemeinde, und man sah ihn nicht nur, man hörte ihn auch. Es war ihm eine Lust, die alten Choräle mit fester Stimme zu singen und derart gestärkt die Kirche wieder zu verlassen. Am Ausgang setzte er dann seinen Hut mit Band und breiter Krempe wieder auf den Kopf.

Mit einer Leinenkappe sah man ihn erstmals, als er seiner Frau zeigen wollte, wo er vor Jahrzehnten in Kriegsgefangenschaft war. Und im sommerlich heißen Frankreich trafen sie auch auf den Patron, den Sägewerksbesitzer, für den er als junger Mann schwer schuften musste. Es hätte eine delikate Begegnung werden können. Aber unser Mann ging unbefangen auf den Patron und seine Frau zu, und es entwickelte sich eine späte Freundschaft zwischen den Ehepaaren. Andere würden das als gelungene Versöhnungsarbeit zwischen den Völkern feiern. Aber für ihn war es nur etwas Naheliegendes.

Nicht viel später hielt er schon mal schriftlich fest, was alles zu tun sei, wenn er für immer die Augen zumacht. Die Dinge, die zu regeln sind, sollten halt geregelt sein. Und dazu gehörte auch die Gestaltung der Trauerfeier. Im Mittelpunkt sollte der Konfirmationsspruch stehen:  Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben.

Liebe Gemeinde, Sie werden sich vielleicht fragen, warum ich das alles so ausführlich erzähle. Ich erzähle es darum, weil dieser Mann, der Konfirmand, Ehemann, Familienvater und pflichtbewusster Staatsdiener mein Schwiegervater ist. Er ist jetzt gestorben. Und nach seinem Begräbnis sieht der liturgische Kalender für mich als nächsten Predigttext ausgerechnet diesen Bibelvers vor. Es hätten Hunderte anderer sein können. Zufall? Ich würde sagen, es ist ein Einfall, ein Einfall des Himmels. Und die Einfälle des Himmels sind manchmal sehr überraschend.

Im Mai werden wieder junge Leute konfirmiert, und ich habe ihnen freigestellt, ob sie den Konfirmationsspruch sich selber aussuchen oder sich ihn von mir aussuchen lassen. Falls einzelne mich darum bitten, so weiß ich nicht, ob ich genau diesen Vers aus dem Jakobusbrief der Konfirmandin oder dem Konfirmanden als Denkspruch mitgeben soll. Wir leben nicht mehr im Jahr 1939, wir müssen keine Anfechtungen erdulden, die eine Diktatur mit sich bringt. Gott sei Dank.

Gleichwohl sind wir einem Diktat ausgesetzt, mindestens einem. Mit großer Sorge sehe ich da zum Beispiel das Diktat der ständigen Verfügbarkeit und Erreichbarkeit. Arbeitnehmer und noch mehr Selbstständige können darunter mächtig leiden. Doch nicht nur sie. Junge Leute beugen sich dem Diktat des Smartphones, und wie sie sich beugen, kann man schon am stets nach unten gerichteten Kopf erkennen. Vermutlich werden sie es von sich weisen, sie würden dem Diktat der ständigen Erreichbarkeit sich beugen. Aber vor achtzig Jahren haben auch Millionen Deutsche gesagt, sie würden nicht in einer Diktatur leben.

Es ist mehr etwas anderes, das mich zögern lässt, gerade diesen Bibelvers als Konfirmationsspruch weiterzugeben. Denn wenn ich genau hinhöre, klingt es so, als könnte ich die Krone des Lebens erwerben:  nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben.

Martin Luther hat wegen solcher und anderer Sätze mit dem Jakobusbrief stark gefremdelt. Er nannte ihn eine „stroherne Epistel“, also ein Brief, das ausgedroschen ist und in dem kein gutes Korn mehr zu finden ist. Luther hatte durch sein Studium  der übrigen neutestamentlichen Schriften, speziell der Briefe des Paulus, ja die Entdeckung gemacht: ich kann für mein Seelenheil nichts tun. Und das muss ich auch nicht.  Denn der auferstandene Christus steht für mich gerade.

Und so frage ich mich nun: trägt nun mein Schwiegervater nach Stahlhelm, elegantem Herrenhut und Leinenkappe jetzt die Krone des Lebens? Hat er die Anfechtung erduldet und sich bewährt?

Ich würde diese Fragen mit einem uneingeschränkten Ja beantworten. Er selber würde vermutlich sagen: wenn ich mich tatsächlich bewährt haben sollte, so liegt das nur daran, dass ich bewahrt worden bin.

Und ich sehe ihn vor meinem inneren Auge, wie er mir unter seiner Krone ein Auge zukneift und sagt: Du wirst es nicht glauben, aber das Beste kommt noch. Amen.