Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jakobus 2,1-13

Pastor Jens-Uwe Flügel

im Hospital zum Heiligen Geist, Hamburg

Ich habe Ihnen jemanden mitgebracht er ist mir besonders ans Herz gewachsen: "Der kleine Rabe Tao", von dem die Autorin Else Schwenk-Anger erzählt ... ein Bilderbuch - nicht nur für Kinder, nicht nur für Ihre Enkel, Urenkel oder Ur-Urenkel, nein: eine richtige Geschichte für Sie und für mich: unsere Wirklichkeit verdichtet in Wort und Bild... Und wir können in der Tat gleichsam eintauchen in diese kleine Parabel, weil sie von uns erzählt:

Der kleine Rabe Tao lebt zunächst glücklich und zufrieden, wie es kleine Raben eben so zu tun pflegen...
eines Tages jedoch geschieht etwas Unvorhergesehenes: Ein großes, glänzendes Goldstück liegt vor ihm, nimmt ihn ganz gefangen.
An nichts anderes kann er denken, es lässt ihn nicht mehr los -
sogar die zauberhafte Blume in seinem Schnabel
lässt er fallen.
Stattdessen schleppt er das Goldstück mit sich herum -
Misstrauisch will er es an einem sicheren Ort verstecken.
Und dabei muß er Federn lassen.
Müde wird er.
Erschreckt stellt er fest,
dass er mit einem Mal nicht mehr fliegen kann,
ja, dass er gar kein richtiger Vogel mehr ist,
dass er nicht mehr das hat, was ihn zu einem Vogel macht,
dass er seine eigene Identität, seine Persönlichkeit verloren hat.

So leicht kann es also geschehen,
dass man nicht mehr man selber ist -
wenn man nicht rechtzeitig aufpasst:
Es muß ja nicht immer Gold sein. Nicht immer Luxus.
Es gibt ja auch andere Reichtümer,
die plötzlich vor uns liegen können.
Die zu besitzen so reizvoll erscheint,
so begehrenswert.
Wenn das vor einem liegt,
wonach man sich schon immer gesehnt hat,
was man beim Anderen schon immer neidvoll betrachtet hat..
mehr Rente oder Pension als die Nachbarin,
blendendes Aussehen, eine beneidenswerte Aktivität,
bewundernswerte Fitness und Beweglichkeit,
scheinbar verständnisvollere Kinder, Enkel und Urenkel,
Freundinnen und Freunde,
eine interessante Lebensgeschichte...
Urplötzlich kann es geschehen,
dass uns so ein Goldstück glänzend anlächelt,
sich uns großzügig anbietet:
Bewunderung vielleicht,
ein Ereignis, das mich stolz macht oder scheinbar glücklich:
da wird ein Erfolg in der Familie
mit einem Mal
als das Wichtigste in meinem Leben angesehen
und alle anderen werden von dieser Nachricht
gleichsam überrollt:
"Burkhard hat sich habilitiert",
erzählen wir stolz weiter,
"Heilwigs Buch ist erschienen
sie ist meine Enkelin, müssen Sie wissen...",
und Pilar, unsere Tochter, wird als Pianistin gefeiert...
Oder da tritt jemand in mein Leben,
bewundert mich
nicht alles zwar, aber doch manches - und das ist schon viel!
Und ich fühle mich geschmeichelt:
Bei meinem Alter - bei meinem Aussehen
Bei all meinen Zipperlein!

Und wir hüten unsere Schätze,
tragen sie misstrauisch mit uns herum,
wie der kleine Rabe Tao,
damit uns diese keiner nehmen kann!
Und wir merken nicht,
wie uns unsere eigene wunderschöne Blume
aus dem Schnabel fällt...
wie wir immer mehr Federn lassen,
all das verlieren, was unsere eigene Persönlichkeit
ausgemacht hat,
all das, was uns hat wirklich leben lassen!
Und das nur aus der Sorge heraus,
das andere zu schützen und zu bewahren,
denn: "Alles ist meins!" - denken wir...
Aber: zu welchem Preis?
Richtige Vögel, so richtig zum Gernhaben
sind wir dann nicht mehr!
Uns ergeht es so, wie dem kleinen Raben Tao!
... Hilflos und traurig fängt er an zu weinen ...

Er hält inne - und spürt,
dass irgendetwas nicht mit ihm stimmt.
Und genau das ist seine Chance.
Das ist vielleicht auch unsere Chance,
die wir nutzen könnten.
Und genau dazu macht diese kleine Fabel Mut:
Ein Glückskäferchen tritt heran und fragt:
"Kann ich Dir helfen?"
Jeder und Jedem kann das so oder anders geschehen,
denn es gibt sie,
die kleinen und großen Glückskäfer
auf unserem Lebensweg - wir müssen sie nur entdecken,
diese guten Boten einer guten Nachricht,
eines guten Ratschlags, einer echten Hilfe...
Es gibt sie, von denen die Bibel erzählt
Und sie "Engel" nennt -
Angelus - Bote einer guten Nachricht, ja:
Der guten Nachricht,
vielleicht einmal auch das wieder aufs Spiel zu setzen,
was man vorher noch für allein wichtig erachtet hatte...
vielleicht war es ja genau das Falsche,
auf das wir gesetzt hatten, wer weiß?
Das Risiko muß ich aber eingehen!

Tao wagt es.
Er tauscht sein Stück Gold ein,
er setzt es aufs Spiel,
er setzt es ein,.
um wieder auf das Geheimnis seines Lebenszieles und -sinns
zu kommen...
Bei Tao ist es die Feder der weißen Eule...
Und das Wunder geschieht:
Nach und nach wird Tao wieder er selber, findet wieder zu sich:
- Er findet seine Ruhe wieder
unter dem Sternenhimmel der Geborgenheit -
- Er kann wieder fühlen,
weil er die Sonnenstrahlen auf sich wirken lässt
und spürt die Wärme -
- Er öffnet seine Ohren und kann wieder hören,
was er lange vermisst hatte:
das Zirpen der Grillen, das Plätschern des Wassers,
den Wind zwischen den Gräsern -
- Er kann wieder riechen:
angenehme Düfte, zarte und kräftige, feine und herbe...
wie aufregend ist all das! -
- und schmecken erst!
Lecker so vieles,
wie die leuchtend roten Kirschen!
- Sein Blick wird klarer, er bekommt den Durch-Blick,
kann wieder sehen,
auch durch die Vordergründigkeit hindurch...
Die Mohnblumen, die Tautropfen auf den Gräsern...
Wo hatte er vorher nur seine Augen!? -
- Tao entdeckt, dass Allein-Sein nicht glücklich macht,
und wird anderen zum Freund,
bekommt selber wieder Freunde,
entdeckt das Wunder der Kommunikation! -
- Er findet seine Fähigkeit wieder,
anderen zu helfen, wie dem Glückskäfer,
den er aus dem Wasser zieht -
- und mutig ist er,
wie er die kleinen Eulen vor dem Fuchs warnt -
er verschließt nicht seine Augen, sondern
zeigt Zivilcourage -

Zu guter letzt bewundern die beiden Weggefährten
den wunderschönen Regenbogen:
"Ich fühle etwas stark und tief in mir," sagt Tao.
"Es ist mehr als Glück.
Ich habe den Wunsch, andere glücklich zu machen!"
"Da hast Deine beste Fähigkeit entdeckt,"
erwidert der Glückskäfer, "nämlich zu lieben!
Wer lieben kann, der besitzt den Himmel,
der bereitet anderen den Himmel.
Liebe ist mehr wert als Gold."
Nun hatte er seine letzte verloren gegangene Feder Wiederbekommen.
Er hatte wieder zu sich selber gefunden.
Er war wieder er selbst.

Und genau das wünscht uns Jakobus mit dem
für den heutigen Sonntag empfohlenen Predigttext,
das wünsche ich Ihnen allen, uns allen:
ein wenig von dem kleinen Tao in uns,
der gelernt hat,
das zu leben, womit Leben lebenswert wird,
ob wir klein sind oder groß, reich oder arm, jung oder alt....
Daran erinnerte Jakobus seine Freundinnen und Freunde
Damals vor fast 2000 Jahren:
"Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! so tut ihr wohl!
so tut ihr wohl!"

"Ein schöner warmer Sommer ist vorüber
und die Tage werden kürzer." So schließt unsere Parabel.
"Tao erinnert sich an die weise Eule
und überbringt ihr dankbar ihre kleine Feder.
Nun bekommt er auch sein Goldstück zurück.
Es glänzt noch genau wie früher.
Doch: Tao lässt sich nicht mehr davon blenden.
Was wird Tao wohl mit dem Goldstück machen?!"