Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jeremia 1,4-10

Pfarrer Dr. Horst Jesse (ev.)

13.08.2006

Liebe Gemeinde,

Wir können mit Gott über sein Vorhaben mit uns reden. Deutlich macht dies uns der Prophet Jeremia, zu dem er sagt: "ich hatte einen Plan mit dir". Er will sich nicht vereinnahmen lassen, sondern selbst mitentscheiden. Freiheit der Rede meint nicht Freizügigkeit oder Zügellosigkeit, sondern beinhaltet die Wahlfreiheit, die eine Entscheidung von Ja oder Nein ermöglicht. Gott hat einen Plan mit Jeremia, der in die Zukunft weist. Diese positive Aussage können wir nur verstehen, wenn wir uns sein Gegenteil vor Augen führen. Deutlich wird dies an den sich vergeblich um Lehrstellen bewerbenden Jugendlichen. Sie können nicht durch die vielen Absagen ihren Lebensplan verwirklichen. Sie haben keine Wahlfreiheit. Sie müssen auf ihre Chance warten. Der Mensch definiert sich im gesellschaftlichen Leben durch Arbeit.
Im Gespräch mit Glaubenden fällt öfters der Satz: "Gott hat alles vorherbesimmt?" Ja,: "Gibt es denn dann noch eine Freiheit für den Menschens?" Die Reformatoren sprachen von der Prädestination, und meinten damit die Entscheidung des Menschen für das Evangelium. Auch in Glaubensangelegenheiten bedarf es einer Offenheit für das Evangelium. Demnach gibt es einen Einfluss auf unserer Leben. Gewiss wird der Mensch in seiner Entscheidungsfreiheit durch viele Faktoren geprägt: die Gene, das soziale Umfeld und die gesellschaftlichen Gegebenheiten. Dazu kommen noch die Gespräche und die Vorbilder und die persönlichen Neigungen. Aufgrund all dessen trifft ein Mensch seine Wahl im persönlichen und beruflichen Bereich. Ja, einer kann dann sagen: "Ich fühle mich zu dieser Entscheidung berufen."
Gerade bei geistlichen Berufen wird von Berufung gesprochen. Bei einer Berufswahl liegt eine Wechselbeziehung zwischen einer Person und seinem Beruf vor. Der Beruf spricht einen auf seine Neigung an und fördert die Berufsentscheidung. Von daher kann einer bekennen: "Ich fühle mich berufen" und sagen: "Ich stimme mit meinem Beruf überein". Die Reformatoren konnten in diesem Sinn von ihrer Berufung sprechen. Dr. Martin Luther erwähnt sie in seinen Tischreden und Johannes Calvin im Vorwort seines Römerbriefkommentars. Mehr sagten sie nicht über ihre Berufung aus.
Der Prophet Jeremia spricht offen in seinem Buch über seine Berufung. Er hat sich die Berufung nicht angemasst, sondern fühlte sich von Gott aufgefordert und von seinen Selbstzweifeln geplagt. Er ist nicht der einzige der Propheten, die sich gegen Gottes Berufung gewehrt haben. Wir wissen aus den überlieferten Prophetenberufungen, dass sich mancher Gottes Auftrag entzogen hat, so der Prophet Jona. Gott hat ihn zu seinem Aufgabe zurückgeholt und Jona predigte der großen Stadt Ninive die Gerichtsworte Gottes, so dass sich die Menschen bekehrten und besserten.
Jeremia lässt uns wissen, wie er mit Gott gerungen hat und seine Berufung zum Propheten gar nicht annehmen wollte. Das Gespräch zwischen ihm und Gott gleich einem Drama in Rede und Gegenrede. Er führt seine persönlichen Gründe an: "Ich bin zu jung". Er fühlt sich aufgrund seiner Jugend nicht gewachsen, die Aufgabe eines Propheten auszuführen, um den Menschen ins Gewissen zu reden. Er weiß, dass der Volkszorn machen Propheten getötet hat.
Jeremias Angst vor dem Prophetenamt hat ihn in der Aufregung nicht das ganze Wort Gottes hören lassen. Er handelt wie wir Menschen und überhört Gottes Worte: "Als du noch nicht geboren warst, hatte ich bereits die Hand auf dich gelegt." Jeremia hat diese Zusage Gottes überhört. Die Volksweisheit weiss etwas von diesem Zuspruch Gottes, wenn sie sagt: "Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand dazu." Ohne Gottes Kraft kann einer sein Amt nicht ausführen.
Als ich die Predigt über Jeremias Berufung anfertigte, ist mir die Jahreslosung 2006 eingefallen, die betont: "Gott spricht: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht."-Josua 1,5-. Es ist ein Zuspruch an Josua, der in schweren Zeiten das Volk Israel ins verheißene Land führen soll. Gott macht ihm durch sein Wort Mut, getrost in die Zukunft zu gehen. Mit dieser Zusage Gottes hat er es gewagt.
Es ist gut, dass die Bibel uns die Jeremias Gespräche mit Gott über die Selbstzweifel und Glaubensunsicherheit überliefert hat. Sie will uns einladen unsere Selbstzweifel in allen Lebenslagen und beim Gang ins Neue ernstzunehmen und vor Gott auszusprechen. Jeremia kann uns darin ein Vorbild sein. Es ist gut, wenn einer sich seine Schwäche bewusst macht. Bei diesen Überlegungen erkennt er dann auch seine Stärken. Gott weiss um die Schwächen und Stärken eines Menschen. Seine Aufgabe sieht Gott darin, dem Menschen Mut zu machen. Er setzt den menschlichen Zweifeln seine Kraft entgegen und überwindet sie. Er macht uns zu neuen Menschen, die im Vertrauen getrost in die Zukunft gehen und Neues anpacken können. Im Glauben an Gotteszusage lassen sich Zweifel und Unsicherheit besiegen. Diese Glaubenshaltung befreit zur rechten Berufsentscheidung und ja zum Leben zu sagen.
Jeremia hat sich im Gespräch mit Gott und durch dessen Zuspruch überwinden lassen und das Prophetenamt angenommen. Er hat zeitlebens an Gottes Zusage geglaubt, auch in schweren Zeiten als ihm sein Prophetenamt zur Last wurde. Sein Jammern und Klagen sind zusammengefasst im Wort Jeremiade. Das Wissen um Gottesberufung und Zusage haben ihm die Kraft gegeben Gottes Auftrag gegenüber seinem Volk auszuführen. Es ist nun einmal so, was er sich mit einem Menschen vorgenommen hat, dass führt er auch aus.
Gott stärkt nicht nur durch ein Wort, sondern auch durch ein Zeichen Jeremia in seinem Prophetenamt. Er berührt dessen Lippen und reinigt somit seine Worte, damit sie die Wahrheit verkünden können. Kein unreines Wort soll aus Jeremias Mund hervorkommen. Wir wissen, was Worte manchmal an Schaden anrichten. So soll es mit Jeremia Worten nicht sein. Sie sollen Gottes Worte weitersagen: "Ich lege meine Worte in deinen Mund. Von heute an hast du Macht über Völker und Königreiche. Reiße aus und zerstöre, vernichte und verheere, baue auf und pflanze an." Gottes Worte sind wirkmächtige Worte, die zerstören und aufbauen. Ja, Jeremia wird zum Richter über die Völker legitimiert. Sein Amt soll aber auch Mut zum Aufbauen und Neues schaffen machen. Gott will das Gute..
Nicht jeder kann von einer Berufung sprechen. Es gibt auch in der Kirche Menschen, die sich ein Amt anmaßen. Bereits im Alten Testament wie auch im Neuen Testament wird der Amtsmissbrauch klar erkannt. Er bedarf der Legitimation und der Beauftragung. In Gottes Reich herrscht Ordnung. Bereits die fünf Bücher Mose (5.Mose 18, 15) legen ausdrücklich fest, wer ein Prophet sein kann. Kennzeichen sind einmal das Hören der Stimme Gottes und dann das sichtbares Zeichen, dass Gott die Lippen des Propheten berührt und sein Wort in dessen Mund legt. Ja, er muss sich vor Menschen ausweisen können, die ihm nach seiner Legitimation befragen. Dazu kommt noch ein Drittes. Die Prophetenprophezeihungen müssen eintreffen. Wenn sie nicht geschehen, dann ist der betreffende ein falscher Prophet. Er ist an seinen Taten zu erkennen.
Auch in religiösen Dingen herrscht Ordnung. Menschen dürfen durch die Religion nicht in die Irre geführt werden. Wir sehen ihre Folgen in den Ländern der Welt, in denen mit Berufung auf eine Gottheit Mutwillen getrieben wird. Menschen sind leicht verführbar und werden zu Attentäter einer religiösen Sache. Worte ergreifen den Verstand eines Menschen, besetzen dessen Denken und können je nachdem Furcht und Schrecken oder Freude und Zuversicht hervorrufen. Auf Worte reagieren Menschen. Eine schlechte Nachricht löst Panik aus und führt zu überstürztem Verhalten. Eine frohe Botschaft baut auf und verweist in die Zukunft.
Gott setzt Jeremia zum Überbringer der Botschaft an alle Völker ein, an alle Reiche der damaligen Zeit. Gottes Botschaft ist an alle Völker gerichtet und nicht auf eines beschränkt. Er hat alle Völker im Auge und weiß, wie sie zusammenwirken und von einander abhängig sind. Wenn Frieden herrscht, dann sind alle Völker vor Übergriffen sicher. Ganz anders wenn Krieg ausgebrochen ist, dann sind alle Völker in Mitleidenschaft gezogen. Gott ist ein Gott der Geschichte. Das wissen alle Historiker und erinnern daran mit dem bekannten Satz: Gottes Geschichte ist auch Gottesweltgericht. Nicht ein blindes Schicksal waltet unter den Menschen, sondern Gott, der mit Menschen sein Reich baut. Nur wir Menschen wollen nicht so recht dabei mitmachen. Wir bauen unsere Reiche, anstatt am Reich Gottes mitzuwirken. Deshalb gehen menscliche Reiche unter, weil sie vom Egoismus beherrscht sind und nicht von Gott dem Herrn, der das Heil aller Menschen will.
Gewiss wir können geschichtliche Ereignisse nur im Nachhinein deuten. Am 13. August 1961 ist die Berliner Mauer errichtet worden. Lange Zeit wurde berichetet, dass sie ewig bleiben werde. 1989 wurde sie eingerissen. Ein Weltreich brach zusammen und Menschen erlangten die Freiheit.
Am 13. August 1727 ist die Herrnhuter Brüdergemeinde gegründet worden. Sie gibt es heute noch Ihr Wirken strahlt in die Welt. Menschen lesen heute noch die Herrnhuter Losungen. Gottes Wort warnt und baut auf. An ihm ist menschliches Verhalten auszurichten. Menschlich geschichtliches Denken soll sich bestimmt lassen von Glaube, Liebe und Hoffnung. Diese drei Kräfte weisen in die Zukunft.
Wir wünschen uns in unserer Zeit einen Propheten, der wieder den Menschen ins Gewissen redet und ihnen sagt, dass sie Umkehren sollen.Wir leben in einer Zeit der Veränderung. Dass die Geschichte immer wieder aufweist. Mit Gottes Zuspruch können wir uns auch auf Veränderungen einlassen. Natülich müssen wir aufpassen, dass wir nicht auf falsche Propheten hereinfallen und uns durch falsche Hoffnungsversprechungen vor der wahren Realität abhalten lassen. Wir haben mitzudenken. Popheten müssen einen klaren Blick haben, um Weisung geben zu können und sie müssen vernünftig sein.
Gott hat mit zwei Worten Jeremias Aufgabe beschrieben: Schlechtes niederzureissen und Gutes aufzubauen. Die Kritik muss einerseits das Negative bennenen wie auch auf das Positive hinweisen und sagen, wie es weiter gehen soll. Gott will das Heil des Menschen. Er will das Schlechte durch das Gute ersetzen.
Als Glaubende können wir uns sehr wohl an diesem Gespräch zwischen Gott und Jeremia im Leben orientieren. Wir wissen, dass Prophetenamt ist schwer. Wir wissen auch, dass die Prophetenworte wahr sein müssen. Wir wissen, dass wir von Gott gewollt sind und dass wir geistige und körperliche Fähigkeiten geschenkt bekommen haben, mit denen wir arbeiten dürfen und sie in die Gemeinschaft einzubringen haben.
Der Zuspruch Gottes an Jeremia gilt auch uns. Gott baut mit uns Christen sein Reich. Er wagt es mit uns und vertraut uns. Das Leben bleibt für uns alle ein Wagnis. Weiter dürfen wir uns auf Gottes Zusage einlassen, dass er mit jedem von uns seinen Plan hat und dass wir unsere Kräfte für das Gemeinwohl einsetzen dürfen. Gewiss ergeht es manchmal einem Glaubenden nicht besser als einem Ungläubigen. Doch der Glaubende kann wie Jeremia mit Gott ringen und ihn um seine Hilfe bitten, dass sich doch eine Tür auftue. Es ist gut zu wissen, dass Gott auch in dunklen Stunden trägt und weiterhilft. Es ist gut zu wissen, dass Gott seinen Plan mit uns nicht aufgibt und einen jeden seinen Beruf finden lässt und einen jedem seinen Platz in der Gesellschaft und in der Kirchengemeinde gibt. Ein fester Glaube hilft. Er wird gestützt durch Gottes Zuspruch und Wort.

Amen.