Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jeremia 1,4-10 und Lukas 1,5-17

Diözesanpräses der Katholischen Landjugend Bayern Matthias Blaha (rk)

24.06.2001 in Wolkertshofen/Attenfeld am Hochfest Johannes der Täufer

"Propheten - Bauarbeiter Gottes für diese Welt"

Fast vor unserer Haustür läuft seit ein paar Monaten ein gigantisches Bauvorhaben: Die neue ICE-Trasse. Vielleicht haben Sie sie schon mal angeschaut. Was da für ein Aufwand getrieben wird! Tunnels werden in die Berge gesprengt, Brücken werden gebaut, Hügel werden abgetragen, Senken aufgefüllt, Bäume werden gefällt, und die aufgeschütteten Böschungen bepflanzt. Hunderte von Bauarbeitern bauen den Weg für die schnellere Verbindung zwischen München und Nürnberg.

Noch Jahre wird es dauern, bis auf der Strecke die ersten Züge rollen. Ja, Wege zu bauen, egal ob Schienen oder Straßen, ist eine langwierige Angelegenheit - und bedeutet für die Bauarbeiter eine Menge Schufterei: Abreißen, abtragen, sprengen, aufschütten, ausbessern, befestigen, bepflanzen.

In der Lesung haben Sie gerade von einem "Bauarbeiter" gehört, liebe Schwestern und Brüder. Er ist noch sehr jung, als er seinen Job kriegt. Jeremia heißt er. Er soll einen Weg bauen - und zwar keine Straße und auch kein Eisenbahngleis, sondern den Weg in eine bessere Zukunft. Deshalb nennt er sich auch nicht "Bauarbeiter", sondern "Prophet". Sein Chef ist nicht der Bauunternehmer, sondern Gott.

Aber das, was er tun soll, ist ganz ähnlich wie das, was ein Bauarbeiter tut: "Du sollst ausreißen und niederreißen, vernichten und einreißen, aufbauen und einpflanzen" - so lautet sein Auftrag. Genauer gesagt: Jeremia soll den Egoismus aus den Herzen der Menschen ausreißen, er soll die Mauer der Feindschaft zwischen den einzelnen Völkern niederreißen, er soll das Unrecht und die Korruption der Herrscher vernichten, er soll die Unterschiede zwischen Reich und Arm einreißen. Jeremia soll außerdem Frieden und Gerechtigkeit in seinem Land aufbauen und die Liebe in die Herzen der Menschen einpflanzen.

Eine anspruchsvolle, schwere Aufgabe. Jeremia will sich erst mal drücken: "Herr, ich bin zu jung für den Job. Außerdem bin ich kein großer Redner. Mich nimmt doch keiner ernst. Wie soll ich da den Leuten verklickern, was sie tun sollen?"

Gott lässt diese Ausflucht nicht gelten: "Jeremia, du schaffst das. Trau dich nur. Ich helfe dir." Und Jeremia macht sich an die Arbeit. Voller Leidenschaft. Er beklagt das Unrecht in seinem Land, kämpft gegen die Unterdrückung des Volkes durch die Herrscher, prangert die Gottlosigkeit an. Und er tröstet sein Volk: "Gott hat euch nicht verlassen. Eine bessere Zeit wird kommen. Nicht erst im Jenseits, wenn ihr längst tot seid, sondern hier."

Diese Welt verändern - das ist Jeremias Lebenswerk. Ein leichter Job war das nicht - das, was er zu sagen hatte, passte vielen nicht in den Kram. Er wurde belächelt, verspottet, verfolgt. Und trotzdem: Er baute weiter an diesem Weg, weil er daran glaubte: Irgendwann wird es eine bessere Welt geben.

Johannes der Täufer, den wir heute feiern, hat mit Jeremia einiges gemeinsam: Er ist ebenfalls Bauarbeiter im Auftrag Gottes, ein Prophet. Auch er soll für seine Mitmenschen einen Weg in eine bessere Zukunft bauen. Er kriegt seinen Job schon sehr bald, noch eher als Jeremia - schon im Mutterleib. Widerspruch ist also auch bei ihm zwecklos.

Wie Jeremia lebt Johannes in einer unerfreulichen Zeit: Das Volk Israel wird politisch und religiös unterdrückt, es stöhnt unter irrsinnig hohen Steuern.

Diesem Volk predigt Johannes ebenso leidenschaftlich wie Jeremia: "Kehrt um! Befreit euch von Hass und Gewalt! Wirtschaftet nicht bloß in die eigene Tasche! Und du, König Herodes, hör auf mit der Hurerei! Kümmer dich lieber um die Armen in deinem Volk!

Auch Johannes tröstet sein Volk: Es wird einer kommen, Jesus heißt er, der zeigt euch einen Ausweg aus eurer Misere. Tut, was er euch sagt, und es geht wieder aufwärts mit euch.

Prophet sein - dieser Job war auch für Johannes eine lebenslange Aufgabe, eine schwere Aufgabe. Auch er wurde ausgelacht, schließlich sogar getötet. Doch bis zu seinem Tod hat er weitergebaut an dem Weg in eine bessere Zukunft. Denn er hat dran geglaubt: Mit Jesus hat auf dieser Erde eine bessere Welt begonnen.

Liebe Schwestern und Brüder, zwei Bauarbeiter Gottes, zwei Propheten haben Sie kennen gelernt. Beide haben an eine bessere Welt - und zwar hier auf der Ede - geglaubt und versucht, einen Weg dorthin zu bauen.

Der Weg in eine bessere Welt ist aber noch längst nicht fertig. Davon kann sich jeder am Frühstückstisch überzeugen, wenn er die Zeitung aufschlägt.
Deshalb braucht auch unsere Zeit -- Propheten. Menschen, die den Weg weiterbauen in eine bessere Zukunft.

Was hat so ein Prophet heute zu tun? Und wer sind solche Propheten heute?

  • Ein Prophet heute reißt Trennendes nieder: Der Schulbub, der den Außenseiter zum Mitspielen einlädt.
  • Ein Prophet heute vernichtet den Hass: Die Cousine, die sich nach der Streiterei um die Erbschaft geschworen hat: "Mit der blöden Kuh red ich kein Wort mehr!" - und ihr nun doch eine Geburtstagskarte schreibt.
  • Ein Prophet heute baut Verbindungen auf: Die Nachbarin, die die neu zugezogene Familie von nebenan zum Kaffee einlädt.
  • Ein Prophet heute pflanzt die Liebe ein: Die Eltern, die ihren Kindern Zeit schenken und sie ernst nehmen.

Liebe Schwestern und Brüder, an den paar Beispielen haben Sie vielleicht gemerkt:

  • Die Aufgaben eines Propheten sind heute wie damals die gleichen: Niederreißen und vernichten, aufbauen und einpflanzen, um einen Weg zu bauen in eine bessere Zukunft.
  • Heute wie damals ist das kein leichter Job. Man kann schon mal als der Dumme dastehen oder sich verarscht vorkommen. Doch heute wie damals gibt es Menschen, die trotzdem an diesem Weg weiterbauen. Denn sie glauben an eine bessere Welt - nicht erst im Jenseits, sondern hier, auf der Erde.
  • Heute wie damals kann jede und jeder Prophet werden. Alter und Bildung spielen keine Rolle. Wichtig ist nur eine große Portion Gottvertrauen und der feste Wille, in dieser Welt etwas ändern zu wollen.

Nicht nur die Welt der Bibel, nein, auch unsere Welt heute braucht Propheten. Bauarbeiter im Auftrag Gottes, die ein Leben lang dran bleiben an ihrem Bauvorhaben. Die an eine bessere Welt glauben und heute damit anfangen, einen Weg dorthin zu bauen.

Propheten gesucht.
Liebe Schwestern und Brüder, was halten Sie von dem Job?