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Predigt über Jeremia 1,4-10

Pfarrer Alexander Behrend

15.10.2006 in Undingen

Liebe Gemeinde,

„Das Rad an meines Vaters Mühle brauste und rauschte schon wieder recht lustig,
der Schnee tröpfelte emsig vom Dache,
die Sperlinge zwitscherten und tummelten sich dazwischen;
ich saß auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen;
mir war so recht wohl in dem warmen Sonnenscheine.

Da trat der Vater aus dem Hause;
er hatte schon seit Tagesanbruch in der Mühle rumort und die Schlafmütze schief auf dem Kopfe,
der sagte zu mir:
"Du Taugenichts!
da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und läßt mich alle Arbeit allein tun.
Ich kann dich hier nicht länger füttern.
Der Frühling ist vor der Tür,
geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber dein Brot."
"Nun", sagte ich, "wenn ich ein Taugenichts bin, so ist‘s gut,
so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen." ///

Liebe Gemeinde,
die Anfangsszene „aus dem Leben eines Taugenichts“;
vielleicht haben Sie‘s mal gelesen, die Novelle von Joseph von Eichendorff.

„Taugenichts“ – schilt der Vater den Sohn.

Das würden wir natürlich nie tun, einen Menschen so zu nennen –
aber eine Novelle soll etwas Besonderes, Einmaliges vorführen –
und so stellt der Freiherr von Eichendorff sich diese Begebenheit vor vom Müller, der einen Taugenichts vor der Türe sitzen hat.

Taugenichts?
Obwohl – vielleicht liegt es so fern des Denkbaren nun auch wieder nicht für uns.

Einem anderen das Gefühl zu geben, nichts zu können,
nichts zu wissen, nichts bieten zu können –
und wenn schon nicht nichts, dann doch zu wenig:
zu wenig zu können, zu wissen, zu bieten haben:

Fast unser ganzes Schulsystem mit seinen Noten ist auf diese Defizite fixiert –
und in der Regel streichen wir auch im richtigen Leben eher die Fehler an, als daß wir das Richtige, Gelungene, Gute unterstreichen.

Liebe Gemeinde,
Taugenichts – sagt der Vater zum Sohn –
und dann gibt es Söhne, die lassen sich das nicht nur sagen,
die sagen das auch selbst zu sich selbst –
weil, wenn man es oft genug gehört hat, man es womöglich glaubt.

Und dann macht man sich womöglich von Hof und Acker.

Und ob man dabei sein Glück findet ist längst nicht so ausgemacht, wie wir es von Eichendorffs Taugenichts ahnen oder hoffen.

Ich bin ein Taugenichts:
Szenenwechsel:
Jeremia, einer der berühmten Propheten der Bibel, mag auch irgendwo im Alten Israel an einer Türschwelle gesessen haben,
Mitte 20,
Sohn eines Priesters am Jerusalemer Tempel.
Und dann bekommt er Gott zu hören.
Und es läuft genau andersherum wie beim Taugenichts von Eichendorff.

„Und des HERRN Wort geschah zu mir:
Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete,
und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest,
und bestellte dich zum Propheten für die Völker.
Ich aber sprach:
Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.
Der HERR sprach aber zu mir:
Sage nicht: »Ich bin zu jung«,
sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende,
und predigen alles, was ich dir gebiete.
Fürchte dich nicht vor ihnen;
denn ich bin bei dir und will dich erretten,
spricht der HERR.
Und der HERR streckte seine Hand aus
und rührte meinen Mund an
und sprach zu mir:
Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.
Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche,
daß du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst
und bauen und pflanzen.“

Liebe Gemeinde,
Sorry, Gott, ich bin ein Taugenichts,
nicht zu gebrauchen –
und wenn schon nicht für gar nichts, so doch hierfür nicht:
zu gehen und zu predigen,
zu gehen und Gottes Worte weitersagen!

Aber Gott sieht das ganz anders:
er wirft diesen selbsternannten Taugenichts nicht raus,
sondern schickt ihn auf seinen Weg, macht ihn zu seinem Boten:
Geh, wohin ich dich sende!
Predige, was ich dir gebiete!

Anders als bei Eichendorff steht hier einer offensichtlich schon auf eigenen Beinen,
muß da einer nicht erst flügge werden,
sondern ist schon wer,
ist schon ein ganzer Kerl –

und den nimmt Gott in Dienst, beruft er sich zum Propheten,
schickt er in die Welt, damit er dort Gott hin bringt, sein Wort.

Und wir hören gleich, daß das nichts ist, wonach man sich reißt,
ein Job, den man anstrebt,
keine Karriere, die man gerne machen möchte;

das, was Gott will, dagegen sträubt es sich erst einmal in uns,
das macht Angst und läßt nach Ausreden suchen.

Jeremia weiß sofort, daß dieser Auftrag, diese Berufung kein Zuckerschlecken wird.

Und er tut, was auch wir tun, wenn es zu heftig kommt und wir nicht wollen, was von uns verlangt wird:
wir suchen Ausflüchte und nach Argumenten, warum es jetzt im Moment ganz schlecht paßt.

Kopfschmerzen, Zeitnot, wichtige Verpflichtungen –
oder bei Jeremia: Sorry, bin zu jung!

Könnte auch heißen: zu alt, zu groß, zu klein, zu dick, zu dünn –
Gott kennt seine Pappenheimer und geht erst gar nicht drauf ein:
„Sage nicht: ‚Ich bin zu jung‘, sondern du sollt gehn.“

Ein ziemlich autoritärer Typ, dieser Gott –
schließlich sagt man uns doch immer, wir sollen auf die Gegenargumente und Befindlichkeiten des anderen eingehen
und sie ernst nehmen und so weiter.

Gott ist mal wieder ein bißchen anders als wir:
Auf, mach hinne!
Geh und predige!
Er kennt den Jeremia schon länger kennt als er sich selbst,
er hat ihn schon gekannt, als es ihn noch gar nicht gab,
er weiß genau, daß es nicht am zu jung oder zu alt liegt;
er weiß genau: der Kerl hat schlicht Angst.

Und das nicht unbegründet.
Soviel versteht Jeremia trotz seiner Jugend von Gott,
daß er weiß:
Wenn Gott dich ruft und sendet, dann geht’s zur Sache.
Dann gibt’s Streß mit den anderen.

Aber zugleich spürt er auch dieses andere:
Daß er nämlich mitnichten dieser Taugenichts ist, als den er sich ausgibt.
Keiner ist ein Taugenichts.
Und wenn Gott einen beruft, dann erst recht nicht.

Liebe Gemeinde,
nun haben wir uns schon fast ein wenig in diese Geschichte hineinverwickeln lassen zwischen Gott und dem Gar-nicht-Taugenichts Jeremia.

Aber auch diese kurze Erzählung von seiner Berufung ist eigentlich eine Novelle:
sie erzählt etwas Einmaliges, Besonderes,
etwas, das eben nicht alltäglich ist,
was sich eben zwischen diesem Mann vor über zweieinhalb Jahrtausenden und Gott abgespielt hat –

aber wie bei Eichendorffs Geschichte vom Taugenichts wird sie eben nicht informationshalber erzählt.
Die Bibel erzählt nur höchst selten Geschichten um der Information willen.

Die Bibel verstrickt uns in die alten Begebenheiten.
Und sie erzählt uns von uns selbst.

Und so ist es wohl beabsichtigt, wenn wir uns gerade selbst über die Schulter schauen,
und wenn wir uns fragen:
Mache ich mich selbst zum Taugenichts?

Welche Bild von mir selbst habe ich
und wie denke und rede ich über mich?

Und welches Bild habe ich von Gott –
wie schaut er mich an,
was denkt er über mich und sagt er über mich
und vor allem: was sagt er zu mir?

Martin Luther hat uns gelehrt, was Jesus zuwege gebracht hat:
daß nämlich jede und jeder von uns unmittelbar zu Gott ist,
daß jede und jeder von uns in der Taufe zu Gottes Kind gemacht wurde,
berufen wurde durch ihn –
ja: wohl auch zum Propheten berufen wurde wie der Jeremia einer wurde.

Zum Propheten berufen –
nicht zum Wahrsager, wie wir uns Propheten manchmal vorstellen, die eben jetzt sagen, was morgen schicksalhaft kommen wird;

nein:
Propheten sind Leute, die ganz im Hier und Jetzt leben und das in Verbindung bringen mit Gott,
die die Gegenwart im Lichte Gottes sehen – und die von Gottes Willen sprechen – jetzt und hier.

Solche Leute sind wir alle geworden in unserer Taufe.

Nicht solche herausgehobenen wie der biblische Jeremia – oder wie ein Amos, ein Micha, ein Jesaja.

Aber einer wie du und ich:
die manchmal und in bestimmten Situationen Gottes Wort haben,
die da oder dort berufen sind zum Teilzeit-Propheten –
und die dann um Gottes Willen nicht schweigen sollten
und nicht am falschen Ort sein sollten.

„Du sollst gehen, wohin ich dich sende,
und predigen alles, was ich dir gebiete.
Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.
Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche.“

Wahrscheinlich nicht über Völker und Königreiche:
aber vielleicht hast du das Wort für deinen Nachbarn oder deine Tochter oder deinen Enkelsohn oder deinen Freund oder deine Mitschülerin oder deinen Patienten oder die Kundin.

Das könnte schon sein, daß wir da oder dort Gottes Hand an unserem Mund spüren – und eigentlich wissen: jetzt um Gottes Willen nicht die Klappe halten!

Vor einiger Zeit: mal wieder beim Zahnarzt;
erst mal die obligatorische Betäubungsspritze ins Zahnfleisch, dann ist erst mal Ruhe.
Wirkt klasse –
der Schmerz, den das Einsetzen der Brücke verursacht, ist weg,
ist auch gut so, daß er weg ist, weil er nichts nützt –
nur wirklich anrühren lassen kann man sich anschließend ein paar Stunden nicht –
man taugt nicht zum Küssen und man sabbert beim Trinken rum –
und man würde es womöglich gar nicht spüren, wenn Gott den Mund anrührt.

Keine Betäubungsspritzen gegen den anrührenden Gott!

Sensibel bleiben für ihn.

Und keine Angst –
auch wenn das Sprechen manchmal mehr weh tun kann, als der Bohrer des Zahnarztes.

Denn bequem ist das offensichtlich nicht, was dem Jeremia aufgetragen wird zu sagen.

Seine Angst dürfte kaum unbegründet gewesen sein.

Er wußte genau, daß jetzt nicht nur die Zeit für Hoffnungsbotschaften und Trost sein würde,
sondern für unbequeme Worte und Worte, die man nicht hören will.

Liebe Gemeinde,
Sie, wir alle sind für Gott keine Taugenichtse.
Also machen wir uns auf etwas gefaßt.
Machen wir uns darauf gefaßt, daß er unseren Mund anrührt und uns seine Worte gibt –
und dann gilt es für uns als Teilzeit-Prophetinnen und -Propheten zu gehen und zu reden.

Da sprechen Sie mit jemandem, der Schweres zu tragen hat, vielleicht guten Grund zur Trauer hat –
und Sie lassen ihn tatsächlich reden und warten auf das Wort Gottes – und manchmal ist Gott nur Schweigen.

Da stellen Sie sich zu einem, der Schuld auf sich geladen hat –
und Sie wiegeln nicht ab oder diskutieren die Schuld nicht weg –
sondern tragen sie wirklich gemeinsam.

Da sind Sie bei jemandem, dem der Erfolg gerade aus allen Knopflöchern quillt und der seiner selbst gewiß ist –
und Sie neiden es ihm nicht,
sondern freuen sich mit den Fröhlichen
und bestärken ihn in seiner Gewißheit und in seinem Mut, Verantwortung zu übernehmen.

Da sprechen Sie von Ihrem Glauben, weil Sie zwar von Ihren Zweifeln und um Ihre Wissenslücken wissen –
aber eben auch wissen,
daß viele Menschen gerade in unserer Zeit Menschen suchen,
die etwas vom Glauben verstehen,
weil sie ihren eigenen Glauben kennen und haben.

Liebe Gemeinde,
wie geht Eichendorffs Taugenichts-Novelle aus?
Leichter und beschwingter als oftmals im richtigen Leben.
Aber glücklich endet sie.

„Nun war‘s mir doch nicht anders, als wenn mir ein Stein vom Herzen fiele!
"Gott segne den Portier", versetzte ich ganz entzückt, "daß er unser Onkel ist! ich habe immer große Stücke auf ihn gehalten."
"Er meint es auch gut mit dir", erwiderte sie, "wenn du dich nur etwas vornehmer hieltest, sagt er immer. Du mußt dich jetzt auch eleganter kleiden."
"Oh", rief ich voller Freuden, "englischen Frack, Strohhut und Pumphosen und Sporen! Und gleich nach der Trauung reisen wir fort nach Italien, nach Rom, da gehen die schönen Wasserkünste, und nehmen die Prager Studenten mit und den Portier!"
Sie lächelte still und sah mich recht vergnügt und freundlich an, und von fern schallte immerfort die Musik herüber, und Leuchtkugeln flogen vom Schloß durch die stille Nacht über die Gärten, und die Donau rauschte dazwischen herauf - und es war alles, alles gut!“

Eigentlich wollte Taugenichts sich aus dem Staube machen;
in Wirklichkeit hat er getan, was das Leben im aufgab.
Und Jeremia und seine Teilzeit-Nachfolger haben getan, was Gott ihnen aufgab.
Ständige Freude und immerwährendes Glück ist ihnen nicht beschieden:
aber es war alles, alles gut.

Amen.