Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jeremia 23,16-29 und das Lied „Stimme, die Stein zebricht“

Pastor Matthias Bochow (ev.-luth.)

07.06.2015 in der Petruskirche in Osnabrück

Sonntagsgottesdienst

Gnade sei mit euch...

 

Es ist Nacht und Jeremia kann wieder mal nicht schlafen. Heiß und eng ist es in seiner kleinen Kammer. Aber daran liegt seine Schlaflosigkeit nicht. Sein Leben ist in Gefahr, einer seiner zahlreichen Widersacher könnte sich in der Nacht einschleichen und ihn und alle seine Unheilsweissagungen aus der Welt schaffen. Er muss wachsam sein.

Aber auch daran liegt es nicht, dass er nicht schlafen kann.

 

Sondern: Das Land – sein Land – ist in Aufruhr, der Krieg hat allen die letzten Reserven geraubt. Und jetzt ist da die Frage: Wie wird Israel zur Ruhe kommen? In so einer Situation hören die regierenden Politiker besonders genau auf die Berater und auf die Lobbyisten. Damals nannte man die „Propheten“. Und der Trend der meisten Analysten zeigt nach oben: Jetzt wird alles gut, sagen sie. Und Jeremia meint zu hören, wie sie jetzt tief und fest schlafen, friedlich vor sich hin schnarchen und von einer wunderbaren Zukunft träumen. Und selbstverständlich würde Jeremia sich das auch wünschen: dass endlich Friede ist, dass endlich Friede wird. Aber er kann und er will nicht heile heile Segen machen. Er ist sich sicher: Gott gefällt nicht, was er sieht. Die Politiker sind korrupt, die Aufsteiger – und es gibt viele von ihnen – sind gnadenlos machtversessen. Und die Priester benutzen die alte Religion und den Tempel nur dazu, um das Volk ruhig zu stellen. Die Armen arm zu halten die Reichen immer reicher zu machen. Immer wieder genehmigen sie sich einen großen Schluck aus der Friedenspulle: Bald geht es aufwärts. Das ist die Parole der Stunde. Nur Jeremia schreit immer wieder dazwischen: So nicht. Und er wirft sich auf die andere Seite seiner Pritsche und geht in Gedanken noch einmal den Text seiner flammenden Rede durch, die er am Morgen am Tempel halten will, auch wenn er sich damit in Lebensgefahr bringt - wieder einmal. Eine grandiose Publikumsbeschimpfung ist das, unser Predigttext für heute:

 

So spricht der HERR Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch; denn sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des HERRN. 17 Sie sagen denen, die des HERRN Wort verachten: Es wird euch wohlgehen -, und allen, die nach ihrem verstockten Herzen wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen. 18 Aber wer hat im Rat des HERRN gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört? 19 Siehe, es wird ein Wetter des HERRN kommen voll Grimm und ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf der Gottlosen niedergehen. 20 Und des HERRN Zorn wird nicht ablassen, bis er tue und ausrichte, was er im Sinn hat; zur letzten Zeit werdet ihr es klar erkennen.
21 Ich sandte die Propheten nicht, und doch laufen sie; ich redete nicht zu ihnen, und doch weissagen sie. 22 Denn wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren.
23 Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? 24 Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe? spricht der HERR. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt? spricht der HERR.
25 Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lüge weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt. 26 Wann wollen doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Herzens Trug weissagen 27 und wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, wie auch ihre Väter meinen Namen vergaßen über dem Baal? 28 Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen? spricht der HERR. 29 Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?

 

Singen wir die erste Strophe des Liedes „Stimme, die Stein zerbricht“

 

Stimme, die Stein zerbricht,

kommt mir im Finstern nah,

jemand, der leise spricht:

Hab keine Angst, ich bin da.

 

Es ist mitten in der Nacht und Martin Luther kann wieder einmal nicht schlafen. Die Bewegung, die er vor über zehn Jahren angestoßen hat, sie ist immer gewaltiger geworden. Die Verkrustungen und Versteinerungen sind aufgebrochen. Vieles ist in Fluss geraten und er ist der Kopf dieser Bewegung. Jeden Sonntag und oft auch noch unter der Woche ist er auf die Kanzel gestiegen, hat immer wieder gepredigt – und er kann predigen! – von der Kraft Gottes, die uns befreit. Und trotzdem ist er frustriert. Er merkt, dass der erste Schwung erlahmt. Seine Predigten wollen immer weniger Leute hören. Von Gottes Kraft, die uns verändert, hat er gepredigt. Davon, dass unsere guten Taten nicht nötig sind. Und jetzt merkt er: Für einige ist das ein willkommener Grund, sich auf die faule Haut zu legen. Sich nicht mehr anzustrengen, für andere, für Gott. Dabei hat er in seinen Predigten gelockt und geworben, er hat gedroht und geschimpft. Aber jetzt beschleicht ihn das Gefühl, dass er so nichts bewirken kann. Der Stoff, den der Feind seinen Leuten eingetrichtert hat, die Pulle mit magischem Geschwätz, das alles ist offensichtlich stärker als all seine klaren und deutlichen Worte. Er kommt nicht durch bei seinen Wittenbergern. Er hat das Gefühl, dass seine Worte an den felsenharten Stirnen seiner Leute einfach abprallen. Und das ärgert ihn maßlos, gerade weil er sie so liebt, seine Gemeinde. Wie kann ich noch etwas bewirken?, fragt er sich. Und auf einmal geht ihm auf: nicht durch Reden, nicht durch eine noch so gut gehaltene Predigt, lässt sich noch etwas ausrichten. Hier hilft nur noch Schweigen. Eine Stille, die ihnen in den Ohren gellt. Die „Wittenbergische Nachtigall“, so haben sie ihn genannt. Jetzt wird sie aufhören zu zwitschern, die Nachtigall. Er will in einen Predigtstreik treten. Einfach nicht mehr die Kanzel besteigen. Vielleicht werden sie dadurch beschämt. Vielleicht merken sie dann, auf was für einem Holzweg sie gerade unterwegs sind. Und er nimmt sich für morgen Früh, einem Sonntag, vor: ich werde sie die Lücke hören lassen. Das, worauf sich doch immer noch einige freuen, seine wunderschönen Predigten, die gibt es nicht mehr. Ein Loch, eine Stille, die weh tut, weh tun soll.

 

Singen wie die zweite Strophe vom angefangenen Lied.

 

Sprach schon vor Nacht und Tag,

vor meinem Nein und Ja,

Stimme, die alles trägt:

Hab keine Angst, ich bin da.

 

Es ist Nacht und Angela Merkel kann wieder einmal nicht schlafen. Sie hat sich ihr Übernachtungszimmer im Kanzleramt genommen, denn gestern ist es spät geworden und morgen muss sie wieder früh raus. Die nächste Krisensitzung steht dann an, sie hat schon längst aufgehört zu zählen, zum wievielten Mal ihre Berater von einer „Schicksalssitzung“ sprechen. Diesmal also und immer wieder Griechenland. Entweder neue Kredite bewilligen und sich in große Risiken begeben. Oder einen Schlussstrich ziehen, Griechenland aus dem Euro werfen und vielleicht eine noch viel gefährlichere Katastrophe auslösen. Die Krise, die vor 4 Jahren begann, will und will einfach nicht enden. Die Krise als Dauerzustand. Sie will helfen, aber sie weiß nicht, wie. Sie liebt ihr Land, Deutschland, und sie hat große Sympathie für Europa. Und sie weiß, dass das ihren Kollegen von den anderen Parteien ganz genauso geht. Und die ganze Wirtschaftspolitik der letzten Jahre kommt ihr vor wie ein Spielcasino, in dem sich das Rouletterad immer schneller dreht, in dem die irrsinnig hohen Stapel an Jetons in immer kürzeren Abständen auf bestimmte Zahlen geschoben werden. Aber immer öfter heißt es: Nichts geht mehr. Die Kugel fällt falsch. Und noch mehr Geld muss in das Spiel geworfen werden, damit das Rad nicht zum Stillstand kommt. Und die Staaten stehen wie vor Kurzem die Banken Schlange, betteln um immer noch mehr Milliarden, um einen weiteren Schluck aus der Finanzpulle. Das Spiel hat eine eigene Logik bekommen, es funktioniert nach eigenen Regeln und es scheint keine Möglichkeit zu geben, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Die Unheilspropheten scheinen sich immer düsterere Szenarien auszudenken, aber keiner weiß Rat. Weil jeder gefangen ist in der Binnenlogik des Systems. Sie selbst wahrscheinlich auch. Und sie denkt weiter herum an einer großen Rede, die sie halten möchte, irgendwann. Eine Rede, in der sie neue Perspektiven aufzeigt, ausbricht aus den eingetretenen Pfaden und einen Weg in die Zukunft weisen kann. Wie könnte so ein Weg aussehen? Wie könnte so eine Rede sich anhören? Vieles ist noch unklar, liegt im Dunkeln.

 

Singen wie die dritte Strophe vom angefangenen Lied.

 

Bringt mir, wo ich auch sei,

Botschaft des Neubeginns,

nimmt mir die Furcht, macht frei,

Stimme, die dein ist: Ich bin’s

 

Eine Frau hier aus unserer Gemeinde liegt in ihrem Bett und kann nicht schlafen. Ich nenne sie nicht beim Namen, aber es gibt sie. Ihr Mann neben ihr schnarcht laut und hemmungslos, nach den allabendlichen Schlucken aus der Schnapspulle im Keller schläft er tief und traumlos. Sie haben sich gestritten, aber es war ein fruchtloser Streit. Sie hat ihn angeschrien: Hör endlich auf damit, du machst dich kaputt, und das, was uns noch miteinander verbindet. Und er hat undeutlich zurückgenuschelt: Du liebst mich nicht mehr. Und dieser Vorwurf nagt an ihr, er lässt sie nicht schlafen, gerade weil sie ihn liebt. Und sie muss an das kleine Bild denken, das bei ihnen auf dem Klo hängt: eine Strichzeichnung von einem Mann und einer Frau, die sich an den Händen fassen. Und die Bildunterschrift: „Liebe ist… da zu sein, wenn er dich braucht“. Jahrelang hat sie diesen Spruch, hat sie diese Haltung verinnerlicht. Zu ihrem Mann stehen, schon seit über 40 Jahren. Egal, was er tut oder ob er dich verletzt. Du musst mitmachen. Und sie hat mitgemacht, hat ihm die Flaschen besorgt, hat ihn geschützt und entschuldigt vor den Freunden und Verwandten, und auch vor dem Arbeitgeber. Und viele von denen haben auch mitgemacht. Haben immer wieder gesagt: Er hat halt einen anstrengenden Beruf. Da braucht er abends die Entspannung. Seit wann wird ein bisschen Feiern denn verboten sein? Und sie dreht sich auf die andere Seite, und sie nimmt sich vor: Morgen, wenn er nüchtern ist, vor dem ersten Schluck, sage ich ihm klar und deutlich: Ich liebe dich. Und ich hasse es, wenn du betrunken bist. Und darum gibt es für uns beiden nur zwei Möglichkeiten. Entweder, ich verlasse dich, oder du hörst auf. Du machst eine Therapie. Und ich lasse mich von dir nicht emotional erpressen. Ich habe das so lange mitgemacht, dass wir beide uns festgefahren haben. Ich muss aus dieser Spirale, aus diesem Teufelskreis heraus. Und du auch. Sonst geht alles kaputt. Und ich bin mir sicher, es tut dir jetzt am besten, wenn ich auf Abstand gehe. Für ein paar Wochen zu meiner Schwester ziehe. Bei dem, was du jetzt tun musst, kann ich dir nicht helfen. Gerade weil ich dich liebe, gehe ich auf Abstand.

 

Singen wir die vierte Strophe vom angefangenen Lied.

 

Wird es dann wieder leer,

teilen die Leere wir.

Seh dich nicht, hör nichts mehr

und bin nicht bang: Du bist hier.

 

Es ist Nacht und Gott kann wieder einmal nicht schlafen. Nicht die großen Probleme der Welt treiben ihn heute um, nicht die Kriege in Syrien und anderswo. Er kann nicht schlafen wegen eines kleinen Stadtteils am Rande Osnabrücks. Gretesch, Lüstringen, Darum. Es raubt ihm die Ruhe, dass sich hier zwei erwachsene Menschen bis aufs Blut bekämpfen können, sie nicht einen Schritt zurücktreten und über sich selber, ihr Kindergartenverhalten, lachen können. Dass sie sich stattdessen immer wieder gegenseitig reizen, vom anderen immer wieder alles Mögliche Böse annehmen. Ihm treibt es die Zornesröte ins Gesicht, wenn zwei Jugendliche einen Gleichaltrigen immer wieder ärgern, weil er nicht so schnell denken kann wie sie, und weil sein Mundwerk nicht so flott ist wie ihres. Er ist wütend bei dem Gedanken, dass sie jetzt alle so ruhig schlafen können, obwohl es doch unhaltbare Zustände gibt: Streit und Armut und Böswilligkeit, und vor allem die Lahmheit, gegen das alles vorzugehen. Er will kein Kuschelgott mehr sein, zu dem ihn viele machen wollen. Immer weich und lieb und verständnisvoll. Einer, der nett brummt, wenn man ihn drückt. Er will kein Beruhigungsmittel für die Selbstzufriedenen sein, die sich mit einem Schluck aus der Glaubenspulle sagen können: „Gott liebt mich gerade so, wie ich bin, mit allen meinen Fehlern und Schwächen. Und darum gibt es auch keinen Grund für mich, an meinen Fehlern und an meinen Schwächen etwas zu ändern.“ Er ist tief enttäuscht, gerade weil er seine Leute hier liebt. Aber so kann es nicht weitergehen: „Ich bin nicht nur ein Gott der Nähe, sondern auch der Ferne. Ihr seid fern von mir, dann bin ich es eben auch von euch.“ Und er denkt (und der Gedanke, er ist so groß und so dunkel wie Gott selbst sein kann): „Ich muss mich entziehen, muss auf Distanz gehen. Denn gerade wenn ich mich entziehe, gerade wenn ich fern bin von ihnen, eine Leerstelle, ein Loch an der Stelle, wo sie mich sonst immer erwartet haben, gerade dann spüren Sie, dass es mich gibt. Dass ich da bin. Eine Stimme, die Stein zerbricht. Ein Hammer, der Felsen zerschmeißt. Eine Lücke, die kein anderer füllen kann.“

 

Singen wir das ganze Lied zum Schluss gemeinsam:

 

Stimme, die Stein zerbricht,

kommt mir im Finstern nah,

jemand, der leise spricht:

Hab keine Angst, ich bin da.

 

Sprach schon vor Nacht und Tag,

vor meinem Nein und Ja,

Stimme, die alles trägt:

Hab keine Angst, ich bin da.

 

Bringt mir, wo ich auch sei,

Botschaft des Neubeginns,

nimmt mir die Furcht, macht frei,

Stimme, die dein ist: Ich bin’s

 

Wird es dann wieder leer,

teilen die Leere wir.

Seh dich nicht, hör nichts mehr

und bin nicht bang: Du bist hier.