Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jeremia 29,11

Pfarrer Ernst F. Jochum

24.12.2005 in der Christuskirche und Thomaskapelle Bonn-Bad Godesberg

Heiligabend 2005

Heiligabend 2005

Liebe Schwestern und Brüder von Jesus, liebe Gemeinde : -  

1

Kennen Sie BenQ? - buchstabieren -Die Kenner unter uns wissen natürlich, was sich dahinter verbirgt.Es ist der Name eines Unternehmens,der Name eines Elektronikkonzerns aus Taiwan.Aber es ist auch mehr.Der Name ist auch die Firmenphilosophie: BenQ - das sind die Anfangsbuchstaben des englischen SlogansBringing enjoyment and Quality. Wir bringen Spaß und Lebensqualität. 

Das könnte glatt ein Weihnachtsslogan sein:
Es bringt alles zum Klingen, was Weihnachten sein könnte.
Freude und Qualität in dein Leben - das ist es doch, was Gott mit dem Kind im Stall von Bethlehem bezweckt.

BenQ -
Aber Handykaufen ist noch nicht Weihnachten.
Wann und wie und wo ist Weihnachten?
Wenn Gott Freude und Qualität ins Leben bringt - dann ist Weihnachten.
Und das nicht nur am 24., 25., 26. Dezember.
Vielleicht sogar an diesen Tagen am wenigsten.
Wie viel Spannung wird bis zu diesen Tagen aufgebaut!
Und oft entlädt sie sich gerade an den Tagen, an denen wir auf Friede und Freude hoffen.  

2

Nein, Weihnachten ist, wenn Gott Freude und Qualität ins Leben bringt.Ich habe von solchem Weihnachten mehrfach gehört und erfahren in diesem Jahr. 

- Eine pensionierte Lehrerin geht einmal in der Woche ins Gefängnis und werkt und bastelt mit ihren Knastis. Sie erleben so, dass sie nicht vergessen sind, dass sie Menschen etwas wert sind - Zeit und Begabungen wert sind.

- Monatelang quält sich eine Frau mit Schmerzen aufgrund einer Fehldiagnose, dann wird die wahre Ursache erkannt. Die OP gelingt und schafft wieder schmerzfrei Freude am Leben. - Gegen all die Trennungen und Scheidungen steht dies Beispiel:
Ein Mann hält jahrzehntelang an seiner Frau fest, obwohl er allen Grund zur Trennung gehabt hätte. Als sie schwer erkrankt, pflegt er sie fürsorglich bis zum Tod. Beziehungsqualität.

- Goldene, Diamantene und Eiserne Hochzeiten haben wir gefeiert, 50, 60 und 65 Jahre lang haben sich Paare die Treue gehalten.

Freude und Lebensqualität - Weihnachten das ganze Jahr hindurch.  

3

Ich höre Ihren Einwand: Das ist doch nicht die ganze Realität!Nein, ist es nicht. Ich weiß. 

Ich habe nicht ohne Absicht dieses Wort für heute Abend ausgesucht, das uns Gott durch der Prophet Jeremia zuruft:
Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe,
spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch Zukunft und Hoffnung gebe.

Zukunft und Hoffnung - das brauchen wir.

Auch wenn uns in den letzten Tagen positive Wirtschaftprognosen ins Haus geliefert werden, können wir ja nicht übersehen, dass es für viele Leiden und keine Hoffnung gibt und weltweit kein Friede herrscht, voran in der Gegend, in der Jesus geboren und gelebt hat.

Da geht es uns nicht besser als denen, denen Gott dieses Wort zuerst ausrichten ließ. Sie sind Juden. Sie leben in der Hauptstadt der damaligen Weltmacht, in Babylon, heute Irak.
Sie sind dorthin gekommen, weil sie den Krieg gegen die Weltmacht verloren haben. Die Intelligenz und die wirtschaftlich wichtigen Leute haben die Sieger dorthin transportiert.

Viele fallen ab von ihrem Glauben und halten die Tradition und Werte der Väter für überholt.
Andere aus dem Volk Gottes halten an ihrem Glauben und an ihrem Gott fest. Aber sie werden gequält von Zweifeln. Überall sehen sie, wie der babylonische Marduk vergöttert wird.
Offenbar ist er doch stärker als unser Gott, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Hat unser Gott nicht den Krieg verloren gegen den babylonischen Gott? Hat er nicht versagt?
Ob er doch nicht so mächtig ist, wie es unsere Väter erzählt haben -z.B. die Geschichte vom Auszug aus Ägypten, als die ganze ägyptische Militärmacht durch sein Eingreifen vernichtet wurde.
Ob es ihn womöglich gar nicht gibt, unseren Gott?
Jedenfalls nagt der Verdacht an ihnen: Gott hat uns vergessen hier fern der Heimat.  

4

Ich sehe Parallelen zu uns heute. Beides gibt es auch heute: Viele fühlen sich von Gott vergessen.Und: Gott wird vergessen. Er spielt im Leben keine Rolle mehr. 

Liebe Schwestern und Brüder,
das bleibt nicht ohne Folgen. Da macht sich dann Angst breit vor einem anderen Gott, dem Gott des Islam. Der Islam auf dem Weg zur Weltmacht - das ist für viele eine Schreckensvision.
Ich sage Euch: Der Islam kann nur dann und deshalb stark werden, wenn wir unseren Gott vergessen und unseren christlichen Glauben verkommen lassen.

Aber da gibt es noch etwas anderes, das vergöttert wird. Zu viele Menschen bekommen seinen Einfluß zu spüren, den Gott Kapital.

„Meine Zukunft ist Hartz IV,“ sagt eine 15jährige. Und es fällt einem schwer, dagegen zu halten, wenn sie dir die unzähligen Bewerbungen zeigt, keine Antwort oder nur Absagen hat sie bekommen.

Andere, die einen Job haben, klagen dir im vertraulichen Gespräch, dass ihnen immer mehr aufgepackt wird, wenn andere entlassen werden. Überstunden werden pauschal mit € 50 monatlich über dem Tarif abgegolten.

„Manager ohne Moral ? “ So fragte vor kurzem die Wochenzeitung DIE ZEIT, die wahrlich nicht im Verdacht steht, ein Kampfblatt der Gewerkschaften zu sein. Es sei Zeit, von Anstand in der Wirtschaft zu reden. Wenn ein Unternehmen Verluste mache, laute die Antwort: Entlassungen. Wenn ein Unternehmen Gewinne mache, laute die Antwort ebenfalls: Entlassungen. Es seien rücksichtslos Gewinne zu steigern zur Befriedigung der Aktionäre.
Anständig sei es, für den erzielten Gewinn denen zu danken, die ihn erarbeitet haben und sie daran teilhaben zu lassen und in Arbeitsplätze hier zu investieren.
Stattdessen werden skrupellos Firmen an die Wand gefahren, so spart man die Betriebsrente und kann zudem noch Mitarbeiter entlassen.

Die Ehre rettet der Mittelstand und hier besonders die Familienunternehmen. Dort ist man sich eher dessen bewusst, dass die Menschen mit ihrem Können und ihren Erfahrungen das wertvollste Kapital sind.

Es geht auch anders. Als ein deutscher Autokonzerns 2004 Rekordgewinne einfuhr, bekamen die Mitarbeiter nicht nur Urlaubs- und Weihnachtsgeld; sie erhielten zusätzlich eine Erfolgsbeteiligung.

Seit Jahren wird ein Niedergang der Werte beklagt. Das wirkt sich besonders im sozialen bereich aus. Für einen halbstündigen Spaziergang mit einem alten Menschen ist im Altenheim kein Geld da. Warum wird das nicht gesetzlichfestgelegt? Im Gefängnis ist der halbstündige Hofgang per Gesetz vorgeschrieben.

„Die Menschlichkeit unserer Gesellschaft entscheidet sich daran,“ wie sie mit Kranken, Kindern und Alten umgehe, sagte die Bundeskanzlerin in ihrer Regierungserklärung. Ich würde ergänzen: und mit Arbeitslosen und Sterbenden.  

5

W I R sind Gott nicht egal. Kein Mensch. Es gibt nichts Wertvolleres als einen Menschen! Als Dich!Darum liegen wir Gott am Herzen.Warum sonst sollte er sich die Mühe gemacht haben,warum das Risiko eingegangen sein, Mensch zu werden?Es geht ihm um Dich. 

Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe,
Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch Zukunft und Hoffnung gebe.
Nein, ich habe euch nicht vergessen. Mag sein, dass Ihr nicht mehr wisst, wer ich bin und wie ich bin. I c h weiß, wer ihr seid und was Euch fehlt. I C H fehle euch!

Erdbeben, Kriege, Ungerechtigkeiten - sie mögen uns den Blick verstellen auf Gott und seine Zukunftspläne mit uns. Und wenn wir unser eigenes persönliches Schicksal auf die Waage legen, dann neigt sie sich auch manchmal nicht zu Gottes Gunsten.

Aber wir tun ihm Unrecht. Er ist aus seiner himmlischen Verborgenheit herausgetreten. Warum denn feiern wir jedes Jahr wieder Weihnachten? Warum treffen wir uns hier in der Kirche?
Ist nicht auch ein Stück Sehnsucht dabei?
Die Sehsucht, dass wir uns täuschen?
Dass Gott doch da ist? Auch für mich da ist?
Dass er uns nicht vergessen hat? Auch dich nicht?

Liebe Schwestern und Brüder,
ich finde es tröstlich, dass Gott sich längst Gedanken gemacht hat über uns. Er hat seine Pläne mit uns.
Weihnachten hat er einen seiner großartigen Gedanken umgesetzt.
Er selbst ist Fleisch und Blut geworden. Mit Jesus von Nazareth hat Gott sich auf den Weg in die Zukunft gemacht.
Keiner kann ihn mehr hindern. Niemand kann zu dieser Zukunft mehr die Tür zuschlagen. Auch kein Tod mehr.
Du kannst wohl sagen: Da gehe ich nicht mit. Aber diese Zukunft wird trotzdem kommen.
Unaufhaltsam.

Darum treffen wir uns doch jedes Jahr wieder zu Weihnachten in der Kirche, weil wir die Hoffnung nicht aufgegeben haben,
weil wir noch etwas zu erwarten haben.
Weil sich noch nicht alles ereignet hat, was Gott sich vorgenommen hat.
Immer wieder wollen wir uns vergewissern.
Gott - das ist nicht einer von gestern.
Jesus Christus - der ist nicht in der Krippe geblieben.
Der ist auch nicht am Kreuz hängen geblieben.
Jesus Christus - mit ihm hat Gott einen Prozess begonnen.
Er hat sich mit uns heute auf den Weg gemacht.
Am Ende des Weges steht eine neue Welt.
Da erwartet uns eine neue Gesellschaft.
Eine Zukunft, in der es kein Leid und keinen Unfrieden mehr geben wird, keine Ungerechtigkeit und keinen Tod.
Positiv können wir das gar nicht sagen,
Da wird alles so anders sein,
dass wir gar keine Vorstellungen davon haben können.
Da müssen wir Gott einfach vertrauen
Frieden und nicht Leid, das ist eure Zukunft.  

6

Mag sein, dass manche das für Utopie halten,für völlig an der Realität vorbei.Jesus wurde in einer Stallhöhle geboren. Mehr hatte die Welt schon damals nicht für ihn übrig.So konnte man sich Gott schon damals nicht vorstellen. 

Gott hat eben andere Wertmaßstäbe als wir sie gewöhnt sind.
Sehen Sie sich einmal das BILD auf unserem Gottesdienstblatt an:
Wie nackt das Kind ist.
Es gibt sich jede Blöße.
Hier ist nichts verborgen.
Hier ist nichts abgesichert.
Von entwaffnender Offenheit ist diese Kind.
Arglos begegnet es dem Menschen.
Gott hat nichts zu verbergen.
Gott braucht keine Waffen, um sich zu behaupten.
Er will keine Gewalt.
Seine Waffe ist die Freundlichkeit, wie sie uns im Gesicht dieses Kindes begegnet. Freundlichkeit, die entwaffnet.
Offenheit, die Vertrauen schafft.

Dieses Kind lädt uns ein, es wie dieser König zu machen.
Er hat seine Krone abgelegt.
Er hat seine Rolle abgelegt.
Er ist nun nur noch Mensch,.
Er hat etwas von Gott verstanden:
Wo Menschen bedeutend sein wollen,
hält er es für die größte Ehre, aller Diener zu sein.
Seine Stärke ist die Geduld, und unbesiegbar ist er durch die Macht seiner Liebe.
Und der Stärkste im Streit ist der, der ihn zu schlichten und Frieden zu stiften versteht.

Wo wir uns rechtfertigen,
nimmt er alle Schuld auf sich.
Wo du dich ständig meinst beweisen zu müssen,
hat er längst Ja zu dir gesagt.
Wo wir um alles in der Welt leben wollen,
nimmt er den Tod an - und nimmt ihm seine Allmacht.
Ja, Gott ist so anders,
darum entdecken wir ihn auch so schwer.  

7

Lass dich hineinziehen in die Zukunftsbewegung Gottes: Gott will nicht ohne uns in die Zukunft gehen. Die Hilflosigkeit des Kindes in der Krippe fordert uns heraus: Ich brauche Euch.Gott möchte uns einbinden in seine Zukunftsbewegung. 

Ja, wir haben eine Zukunft. Aber Gott legt sie uns nicht in den Schoß.
Wir müssen schon mitspielen.
Wie sich die Hirten damals aufgemacht haben und zum Stall gegangen sind und erfahren haben: Ja, es stimmt! Die Botschaft hat Hand und Fuß. Wenn sie sich wieder hingelegt hätten nach ihrem Weihnachten, das Ganze als ein tolles event angesehen hätten, bei dem sie viel Spaß hatten, dann hätte Gott es sehr viel schwerer gehabt..
Stattdessen haben sie die Erfahrung gemacht:
Das ist etwas für uns. Gott ist für uns.
Gott tut uns gut.

Gott wirkt hinein in das Denken und Handeln von uns Menschen.
Damals bei den Hirten, heute bei uns.
Da wird für Menschen Weihnachten zu einem All-Jahresereignis.
Davon erzähle ich jetzt zum Schluss noch einmal:

- Ich nenne den belgischen Arzt, der für die Christoffel-Blindenmission arbeitet. In Ruanda hat er eine spezielle Klinik aufgebaut, in der er sich um Kinder mit angeborenem Grauen Star kümmert. Hoffnung für die Kinder in Ruanda!

- Ich nenne den Polizisten. Er ist seit Jahren zuständig dafür, Familien die Todesmitteilung zu überbringen, nach einem Unfall, nach einem Mord. Er merkt, wie das Elend der Angehörigen wächst von Jahr zu Jahr wächst. Er gründet eine Selbsthilfegruppe für die Angehörigen, gewinnt dafür Ärzte, Sozialarbeiter, Seelsorger. Kleine Schritte, ab er sie öffnen den Menschen eine Perspektive.

- Ich nenne die Staatsanwältin. Im Sommer erschütterte das ganze Land Brandenburg, dass eine Mutter ihre Kinder umgebracht hatte. Die Staatsanwältin tat das menschlich Nächstliegende: sie ging ins Gefängnis und teilte ihre Zeit mit dieser Frau, hörte zu, fragte nach, wachte mit ihr.
So macht Gott es, wenn er Menschen begegnet, die schuldig geworden sind.

- Ich erwähne die Journalisten, die unerschrocken berichten über soziale Missstände, Ungerechtigkeiten, Katastrophen in der Welt. Sie halten unser Gewissen wach, wecken unsere Hilfsbereitschaft und erreichen oft, dass Menschen zu ihrem Recht kommen.

Bewahren Se sich den Blick für Gott unter uns.
Das macht Eure Hoffnung stark.
Damit macht Ihr anderen Hoffnung.
Ihr könnt das.
Gott wirkt hinein in Dein Denken. Auch jetzt.
Macht Euch vertraut mit seinen Gedanken.
Freude und Qualität bringt Er dann in dein Leben.

Amen.