Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jeremia 29,4-7.10-14a

Markus Baum

11.06.2000 im Evangeliumsrundfunk Wetzlar am Pfingstjugendtag des Christlichen Jugendbundes Bayern (cjb)

Der verloren gegangene Gott

Es kann jederzeit passieren. Jeder und jedem von uns. Es kann dich unter der Dusche treffen oder beim Frühstück oder beim Joggen, bei der Love-Parade oder während der Mathearbeit. Es kann sogar sonntag morgens in der Kirche passieren, Empore, letzte Reihe.

Ich wünsche es dir nicht, wirklich nicht, ich wünsche es mir ja auch nicht. Aber es kann. Und es ist schon passiert, tausendfach, millionenfach, und es wird auch in Zukunft immer wieder passieren. Die Spannung steigt: Was kann passieren? Dass einem von jetzt auf gleich was abhanden kommt. Was ganz Bestimmtes. Ein ganz bestimmter. Dass nämlich Gott aus dem Blickfeld verschwindet. Plötzlich weg.

Eben war er noch da. Eben hab ich ihn noch gespürt. Eben war ich mir noch ganz sicher. Da war das überhaupt keine Frage. Und jetzt auf einmal: Zapp. Licht aus. Ich seh ihn nicht mehr. Ich spüre ihn nicht mehr. Ich falle. Der Faden ist gerissen, ich habe Gott verloren, aus den Augen, aus dem Sinn, ich hab die Fühlung verloren, und ich fühle mich auch so: verloren.

Kann auch sein, dass es schon länger her ist, und ich merke es erst jetzt: Gott hat sich verflüchtigt. Da, wo ich ihn immer vermutet habe, da ist er jedenfalls nicht mehr.

Kann sein, dass mir mit einem Schlag klar wird: So, wie ich ihn bisher IMMER erlebt habe, so habe ich ihn zuletzt GAR NICHT MEHR erlebt. Und ich fange an zu grübeln. Und dann fällt mir auf: ich kann mich schon gar nicht mehr genau erinnern, WANN ich Gott zuletzt so erlebt habe, WIE ich ihn in Erinnerung habe. Und das ist dann oft der noch größere Hammer.

Was ist kaputt? Was ist los? Wo ist er hin?
Warum verletzt er die Regeln? Das ist doch nicht fair. Gott ist doch angeblich so zuverlässig.
Warum bricht er mit seinen Gewohnheiten?
Oder sind es vielleicht nur MEINE Gewohnheiten? Könnte ja auch sein. Aber es ist ja immer einfacher, die Schuld beim anderen zu suchen. In dem Fall bei Gott.
Warum versteckt er sich?
Warum mutet er mir das zu?
Warum spannt er mich auf die Folter?
Warum lässt er mich hängen?
Warum lässt er mich zappeln?
Warum lässt er das Marktredwitzter Pärchen zappeln? Die zwei würden doch bestimmt hervorragende, liebevolle Eltern abgeben. Was ist da schief gelaufen?

Fragen über Fragen. Und wenn ich nur lange genug puhle, dann kommt unter Garantie irgendwann die Grundsatzfrage: bin ich eigentlich auf dem richtigen Dampfer? Ich suche nach Gott. Ich erwarte wer weiß was von ihm. Aber vielleicht gibt's ihn ja gar nicht.
Vielleicht habe ich immer nur meine Wünsche an den Himmel projeziert. Hab mir was eingebildet. Hab mir was zurecht geträumt.
Und das ist nun die gerechte Strafe.

Gott verbirgt sich, Gott hat sich hervorragend versteckt - kein Wunder, es gibt ihn ja gar nicht wirklich. Vielleicht ist Gott ja eng verwandt mit dem Ungeheuer von Loch Ness. Das muss ja auch ne Tarnkappe haben. Da gibt's ja auch nur ein paar unscharfe Fotos. Nessie hält seine Fangemeinde ja auch ständig zum Narren. Da weiss ja auch keiner so genau: ist es wahr - oder ist es nur gut erfunden?

Der verloren gegangene Gott. Oft hängt dieses Thema zusammen mit dem Thema: Das Ende der Kindheit. Ist bei den meisten Leuten hier im Saal noch nicht so lange her.

Das Ende der Kindheit. Ein beliebter Zeitpunkt, um Gott zu verlieren. Du wachst plötzlich auf und stellst fest:
Ich kann nicht mehr glauben. Jedenfalls nicht mehr so wie früher.
Ich kann mich Gott nicht mehr einfach so in die Arme schmeissen. Geht nicht. Ich schmeiss mich ja auch anderen Leuten nicht mehr einfach so in die Arme. Die Zeiten sind vorbei. Ich überleg mir das vorher.
Ich will es genau wissen: was hab ich davon. Und bei Gott bin ich mir nicht so sicher, was ich davon habe.

Früher war das keine Frage. Jetzt ist es eine.
Gott, wie ich ihn bisher kannte.
Gott, wie ich ihn mir bisher vorgestellt habe: das kann doch überhaupt nicht sein. Sagst du dir. Stellst Gott in Frage. Stellst ja auch sonst alles in Frage. Und das ist ja auch kein Verbrechen. Im Gegenteil. Das zeichnet einen erwachsenen, reifen Menschen aus, dass er nicht alles ungeprüft schluckt. Dass er es genau wissen will.

So gesehen ist es eigentlich ein gutes Zeichen, wenn du sagst:
Gott ist mir abhanden gekommen. Ich hab ihn verloren.
Jedenfalls hab ich meine Zweifel.
Ich kann nicht mehr EINFACH ALLES SO glauben.
Ich muss noch mal von vorne anfangen. Ich will es genau wissen:

WO ist er. WIE ist er. WAS macht er.
WARUM macht er es so und nicht anders. Wenn er wirklich Gott ist mit allem Drum und Dran, wenn er gütig ist und allmächtig und was sonst zu einem richtigen Gott dazu gehört:
WARUM holt er dann nicht mal den Knüppel raus und beendet den Wahnsinn in Äthiopien und Eritrea?
WARUM lässt er einen Gangster wie Slobodan Milosevic gewähren? WARUM hat er nicht verhindert, dass sich die Eltern meiner besten Freundin auseinander gelebt haben?
WARUM kann er nicht hier und jetzt dafür sorgen, dass die Menschheit endlich klug wird, dass die Forscher endlich ein Mittel gegen Krebs finden, und zwar bevor mein Opa oder meine Großtante daran stirbt?
Ich versteh das nicht. Ich bring das nicht zusammen mit meiner Vorstellung von Gott. Das passt überhaupt nicht ins Bild.

Solche Fragen, solche Gedanken sind erlaubt. Solche Fragen sind wichtig. Gefährlich sind nur vorschnelle Antworten. Gefährlich sind Kurzschlüsse. Nach dem Motto: "Ich kann Luft nicht sehen, also gibt es keine Luft. Ich kann Musik nicht essen, also gibt es keine Musik."

Peinlich ist es auch, wenn man übers Fragen nicht hinaus kommt.
Warum steht da dieses doofe Schild, das mir Tempo 100 empfiehlt? Warum ist die Ampel rot, und was folgt daraus für mich? Warum winkt mir der grün gekleidete Herr mit der Schildmütze so wild mit der Kelle? Ist doch seltsam. Ich lass einfach den Fuß auf dem Gaspedal und warte mal ab, was passiert.

Von manchen Leuten habe ich den Eindruck, dass sie genau so mit der Frage nach Gott umgehen. "Ich habe Gott aus den Augen verloren. Ich weiss nicht, wo ist er hin, wo soll ich suchen. Ich frage mich: warum versteckt er sich überhaupt - aber egal." Und leben weiter, als wäre nichts geschehen.

Ich möchte Euch jetzt einen Brief vorlesen, der ist knapp 2600 Jahre alt. Absender ist ein gewisser Jeremia von Anathot. Von Beruf Prophet, wohnhaft in Jerusalem. Empfänger sind die Judäer in Babel. Einige tausend Leute, zumeist gehören sie zur Oberschicht des jüdischen Volkes. Die Elite. Ein Teil des Hofstaates. Diese Leute sind nicht ganz freiwillig in Babel: Sie sind dorthin verschleppt worden auf Befehl des babylonischen Königs Nebukadnezar, und das alles warum: weil sich der damalige König von Juda unvorsichtigerweise mit der Weltmacht Babylonien angelegt hat. Das ist inzwischen 4 Jahre her. Die Verschleppten in Babel, die haben sich in dieser Zeit bestimmt so ihre Gedanken gemacht:

"Gott, womit haben wir das verdient? Ok, vielleicht haben wir es verdient. Aber wie soll das jetzt weiter gehen? Wir sind jetzt doch schon ne kleine Ewigkeit hier. Wir können hier doch nicht Wurzeln schlagen. Du könntest doch allmählich mal... Sag was. Mach was. Warum tust du nichts? Warum hören wir nichts von dir? Wo bist du?"
So in der Preislage werden sie gedacht haben, die Juden in der Verbannung. Und nun bekommen sie wie gesagt einen Brief des Propheten Jeremia. Den kennen sie gut, der hat ihnen nämlich Jahre vorher genau das angekündigt, was sie derzeit erleben.

Und was schreibt ihnen Jeremia? Ich zitiere, und ihr könnt das bei Gelegenheit nachlesen im Buch des Propheten Jeremia Kapitel 29:

Der Gott Israels, der Herr der Heerscharen, sagt zu allen, die er aus Jerusalem nach Babylonien wegführen ließ:
Baut euch Häuser und richtet euch darin ein! Legt euch Gärten an, denn ihr werdet noch lange genug dort bleiben, um zu essen, was darin wächst!
Heiratet und zeugt Kinder! Verheiratet eure Söhne und Töchter, damit auch sie Kinder bekommen! Eure Zahl soll zunehmen und nicht abnehmen.
Seid um das Wohl der Städte besorgt, in die ich euch verbannt habe, und betet für sie! Denn wenn es ihnen gutgeht, dann geht es auch euch gut." ...
Denn so spricht der Herr: "Die Zeit des Babylonischen Reiches ist noch nicht abgelaufen. Es besteht noch siebzig Jahre. Erst wenn die vorüber sind, werde ich euch helfen. Dann werde ich mein Versprechen erfüllen und euch heimführen.
Mein Plan mit euch steht fest: Ich will euer Glück und nicht euer Unglück. Ich habe im Sinn, euch eine Zukunft zu schenken, wie ihr sie erhofft. Ihr werdet kommen und zu mir beten, ihr werdet rufen, und ich werde euch erhören. So spricht der HERR.
Ihr werdet mich suchen und werdet mich finden. Denn wenn ihr mich von ganzem Herzen sucht, werde ich mich von euch finden lassen. So spricht der HERR."

Soweit erst mal. Es stehen noch einige andere Sachen in dem Brief, nicht nur schmeichelhafte. Aber das ist für uns jetzt nicht so interessant.

Interessant ist dieser Briefausschnitt, weil darin ein paar Hinweise stecken für Gottsucher und Zweifler und Frager. Für Leute, die ihren Gott sozusagen verschusselt haben. Verloren. Verlegt. Ich möchte jetzt mal nur auf vier dieser Hinweise eingehen.

Hinweis Nr. 1: Gott zeigt sich nicht auf Kommando. Aber er zeigt sich.

Hinweis Nr. 2: Gott redet auch dann deutlich, wenn er schweigt.

Hinweis Nr. 3: Wenn Gott sich Zeit lässt, dann lässt er uns Zeit.

Hinweis Nr. 4: Gottsuche ist Herzenssache


1. Gott zeigt sich nicht auf Kommando. Aber er zeigt sich.

In unserem Fall zeigt er sich schon mal mittels eines Briefes. Und nun ist interessant: wie stellt sich Gott denn selbst vor? Er stellt sich vor als "der Gott Israels, der Herr der Heerscharen." Das ist nicht ohne. Das ist ganz schön hintergründig. Gott meldet sich zurück als der Gott mit dem prallen Selbstbewußtsein. Vier Jahre vorher haben die Einwohner Judas eine vernichtende Niederlage einstecken müssen. Die Truppen Nebukadnezars waren den aufmüpfigen Judäern weit überlegen und sind regelrecht niedergewalzt worden. Der Tempel wurde geplündert und geschändet.

Und nun drückt Gott sozusagen schon im Absender aus: Nebukadnezar ist ein ganz kümmerlicher Wicht. Ein großer Weltherrscher, ein cleverer Politiker. Aber in meinen Augen trotzdem nur ein ganz kleines Licht. Er hat ein siegreiches Heer, schön und gut. Er ist erfolgreich. Aber der eigentliche Herr der Heerscharen bin ich. Auch Nebukadnezar kann nur, solange ich ihn lasse. Und das könnt ihr nun glauben oder nicht - es ist so.

Ich versuche mir vorzustellen, wie die Israeliten diesen Brief aufgenommen haben. Denn das war ja zunächst mal nur ein schwacher Trost. Gott meldet sich nach vier Jahren Sendepause und lässt ausrichten: "Tut mir leid, an eurer Lage wird sich in nächster Zeit nichts grundsätzlich ändern, aber macht euch nichts draus: ich habe alles unter Kontrolle." Toll. Dafür kann man sich viel kaufen.

Merkt ihr: das passt uns überhaupt nicht ins Konzept. Auch heute nicht. Wir hätten am liebsten einen Feuerwehr-Gott. Einen, der auf Knopfdruck zur Stelle ist, aber pronto. Aber Gott tut uns den Gefallen nicht. Jedenfalls nicht immer. Und wenn er uns doch mal den Gefallen tut, dann können wir daraus kein Gewohnheitsrecht ableiten. Lieber Gott, du hast jetzt die letzten drei Male mein Gebet erhört, mach gefälligst weiter so. - So funktioniert das nicht. Schade eigentlich.

Gott zeigt sich, aber er zeigt sich nicht auf Kommando. Gott lässt sich bitten, ja. Aber ich kann ihm nicht diktieren, wann und wie er auf meine Bitten eingehen soll. Ich kann den Arm Gottes bewegen, das ist tatsächlich so - aber vielleicht bewegt sich der Arm Gottes nur mit Verzögerung - oder er bewegt sich in eine ganz andere Richtung, als ich mir das ursprünglich gedacht habe, und dann habe ich ein Wahrnehmungsproblem: ich blicke in die falsche Richtung und werde ungeduldig und fange an zu meckern - dabei dürfte ich mich eigentlich gar nicht beschweren. Gott hat ja was getan. Nur eben nicht vor meiner Nase, sondern knapp daneben.

Das ist vielleicht das Hauptproblem, wenn mir Gott verloren gegangen ist: Ist er wirklich weg - oder dreh ich ihm nur den Rücken zu? Ist er nicht wirklich nicht da, oder ist er nur nicht dort, wo ich ihn vermute? Wenn ich sage: "Herr, mach dich bitte bemerkbar", und er tut mir den Gefallen und tippt mir sachte auf die Schulter - kann ich mich dann beschweren und sagen: "Das gilt aber nicht - du hättest mit mir reden sollen"? Geht ja wohl schlecht. Die Wahl der Mittel muss ich schon ihm überlassen.
Der verloren gegangene Gott zeigt sich. Das war das erste.

Zweiter Hinweis:

2. Gott redet auch dann deutlich, wenn er schweigt.

Sieben Tage hat die Schöpfung gedauert. Und was hat Gott am siebten Tag der Schöpfung gemacht? Antwort: Nichts. Pause. Siesta. Die Schöpfung war perfekt, sie war sehr gut. Aber vollkommen ist sie erst geworden durch das Nichtstun Gottes. Auch Gott macht mal Pause. Ich weiss nicht, ob er das nötig hat - vermutlich nicht; aber auf jeden Fall gönnt er es sich.

Gott rührt nicht pausenlos in der Weltgeschichte herum. Gott funkt uns nicht ständig ins Handwerk. Gott nimmt uns ernst. Uns, seine Geschöpfe. Dich. Mich. Gott lässt uns auch mal machen. Und manchmal lässt er uns auch ein Weilchen wursteln. Wäre ja auch schlimm, wenn Gott uns ständig ausbremsen würde. Wie so ein überbesorgtes Elternteil. Tu dies, lass das, hast du auch die Zahnbürste eingepackt, und melde dich, und schreib mal. - Macht Gott nicht so. Er hat uns Menschen einen freien Willen verpasst, und er hat sich was dabei gedacht.

Zum freien Willen gehört als Gegenstück die Verantwortung. Ja, ich kann mich frei entscheiden, ob ich den Führerschein machen will oder nicht. Ob ich mich auf eine Beziehung einlasse oder nicht. Wofür ich mein Geld ausgebe. Ob ich sonntag früh liegen bleibe oder ob ich mich fein mache für den Gottesdienst. Es ist zunächst mal meine Entscheidung. Und es ist dann auch meine Verantwortung. Und deshalb schweigt Gott zu vielen Dingen. Hält sich raus. Sagt nichts. Meldet sich nicht. Wenn ich meine, ich muss nichts lernen für die Englischarbeit - bitteschön: nicht sein Problem. Meine Entscheidung. Wenns klappt, verbuche ich das ja auch auf mein Konto und nicht auf seins. Also wird Gott dazu normalerweise nichts sagen. Und wenns schief geht, und ich beschwere mich bei ihm - warum sollte er darauf reagieren?

Gott respektiert unsere Entscheidungen. Auch die unklugen Entscheidungen. Gott bewahrt uns nicht vor jeder Dummheit. Mal ehrlich: Das würden wir uns auch verbieten. Und deshalb schweigt Gott manchmal. Sagt nichts. Mischt sich nicht ein. Aber kein Kommentar ist ja auch ein Kommentar. Keine Antwort ist auch eine Antwort. Kann vielsagend sein. Gott spricht, auch wenn er schweigt. Und nun kommts auf den Einzelfall an. Vielleicht bedeutet sein Schweigen: "Mach ruhig mal, du hast freie Hand." Und in einem anderen Fall kann es bedeuten: "Mach ruhig weiter, wirst schon sehen, was du davon hast."

Gott handelt auch dann, wenn er nicht handelt. In dem Brief, der da im Jahr 594 vor Christus nach Babylon geschickt worden ist, da kündigt Gott sogar ausdrücklich sein Nichtstun an. Vers 10:
"So spricht der HERR: Wartet noch ein Weilchen. Es wird noch siebzig Jahre dauern, bis ich euch helfe und mein Versprechen einlöse und euch nach Hause bringe."
Toll. Siebzig Jahre. Mal angenommen, du bist jetzt im Moment sechzehn oder siebzehn. Plus 70. Willkommen im Altersheim. Das muss auch für die Israeliten in der Gefangenschaft in Babel ein Schock gewesen sein. Denn das heißt im Klartext: keiner von denen konnte sich Hoffnungen machen, die Heimat jemals wieder zu sehen. Und das völlig unabhängig davon, ob der oder die einzelne persönlich schuld oder mitschuld war an der Misere oder nicht. Schuld war vor allem der König Jojachin. Den Schaden, den hatte das ganze Volk.

Auch da kann man ins Zweifeln geraten: Ist denn das gerecht? Einer baut Mist, und alle müssen es ausbaden? Was ist das denn für ein Gott, der solche Spielregeln ausgibt? Aber das wäre schon wieder ein Kurzschluss. Wie gesagt: Die persönliche Verantwortung für Versagen und Schuld gehört untrennbar zu unserem freien Willen. Gott hätte uns ja ohne freien Willen erschaffen können - eine Welt voller glücklicher Idioten, aber das wäre uns vermutlich auch nicht recht. Und so müssen wir eben damit leben, dass wir auch in die Pflicht genommen werden.
Gott respektiert unsere Entscheidungen, er fährt uns nicht immer in die Parade, er zwingt uns seine guten Absichten nicht auf - aber er steht dann eben auch nicht immer grade, wenn wir es mal vermasselt haben. Die Schuld nimmt er uns gern - aber den Schaden, den wir mit unserem Handeln anrichten, den kann er nicht immer reparieren.

Gott handelt, auch wenn er nicht handelt. Gott redet, auch wenn er schweigt. Wenn du den Eindruck hast: Gott ist mir verloren gegangen - dann forsch doch mal nach, ob du nicht wenigstens seine Spur, seinen Schatten, sein Negativ entdeckst. In den Psalmen gibt's dieses schöne Bild vom "Schirm des Höchsten und vom Schatten seiner Flügel". Kann sein, du siehst den Schirm nicht. Kann sein, du hörst die Flügel nicht rauschen. Aber vielleicht fällt dir auf: überall regnets, nur ich bin trocken geblieben. Um mich herum geht's drunter und drüber, aber mich schirmt irgendwer oder irgendwas ab. Das wäre dann zwar nur ein Indizienbeweis. Aber immerhin.

Hinweis Nr. 3:

3. Wenn Gott sich Zeit lässt, dann lässt er uns Zeit.

Siebzig lange Jahre. Jeremia muss seinen Volksgenossen in Babel ausrichten: Packt die Koffer wieder aus. Richtet euch wohnlich ein. Baut Häuser, pflanzt Gärten, schaut euch nach einem passenden Lebenspartner um, sorgt für Nachwuchs. Macht das Beste aus eurer Situation. Hängt nicht den alten Zeiten nach. Hört auf zu jammern, fangt wieder an zu leben. Macht die Augen auf, nehmt eure Umgebung wahr, eure Nachbarn. Betet für sie. Engagiert euch. Denkt nicht nur an euch, denkt an das Gemeinwesen. Ihr seid zwar nicht ganz freiwillig in Babylon, aber wenn ihr schon mal da seid, dann tut auch was für die Gemeinschaft. Wenns der Stadt gut geht, geht es euch auch gut.

Und nun schlage ich vor: Streiche Babylon und setze dafür deinen Wohnort ein. Werdorf. Amberg. Würzburg. Naila. Nürnberg. Schweinfurth. Erlangen. Herzogenaurach. München. Memmingen. Regensburg.

Es kann schon sein, dass dein Platz nicht im Fränkischen ist und noch nicht einmal im Freistaat Bayern. Dass Gott dich sonstwo haben will. Aber solange du das nicht genau weißt, kannst du dich ruhig an dem Ort einbringen, wo du jetzt im Augenblick wohnst.

Einbringen, damit meine ich: Mach Augen und Ohren auf. Werde wach für das, was die Menschen beschäftigt. Was sie freut, was ihnen Sorgen macht. Freu dich mit. Teile ihre Sorgen. Nimm sie ernst. Bete für diese Leute. Aber schiebe nicht an Gott ab, was du ganz gut selbst erledigen kannst.

Wenn Gott sich Zeit lässt, dann lässt er uns Zeit. Ich kann mich natürlich hinstellen und beten: "
Herr, kümmere dich um meinen Nachbarn und
mach den Leuten im Stadtrat klar, dass sie nicht so offensichtlich mauscheln sollen, das ist ja unerträglich, dieser mafiose Klüngel,
und mit meiner Kollegin Erna versteh ich mich auch nicht,
kannst du da nicht was dran drehen,
und erleuchte bitte meine Kusine, ich kann ihr schliesslich nicht alle paar Wochen schreiben, was denkt die sich,
und hilf mir, dass ich meinen Müll ordentlich trenne."
Und dann kann ich abwarten, was passiert. Und werde mich wundern, wenn nichts passiert. Und wenn ich lange genug warte, dann werde ich mich vielleicht sogar ärgern, dass immer noch nichts passiert:

Müsste Gott nicht? Könnte er nicht? Können vielleicht schon, aber müssen muss Gott gar nichts.
Gott ist doch nicht der Ausputzer für meine Faulheit.
Gott springt doch nicht dort ein, wo ich nur zu träge war.

Wenn sich Gott also Zeit lässt. Wenn er vielleicht auch über längere Zeit NICHT eingreift. Wenn KEIN Wunder geschieht. Dann könnte es sein, dass er die ganze Zeit wartet und sich denkt: komm doch. Mach DU doch. Greif doch DU ein. Setz DU dich hin, schreib einen Brief an die Fraktionsvorsitzenden im Stadtradt und geige ihnen die Meinung. Geh doch selber auf deine Kollegin zu oder such dir jemanden, der zwischen euch vermitteln kann. MACH erst gar nicht so viel Müll, dann musst du auch nicht so viel sortieren, und überhaupt, soll ich mich darum auch noch kümmern?

Und er hätte recht damit. Die Zeit, die Gott sich lässt, die lässt er uns. Warum lässt Gott sich so viel Zeit? Warum unternimmt er nichts? Warum lässt er die Mordbuben auf der Welt gewähren? Wie kann er das zulassen?
Warum reagiert er auf so viele Bitten nicht?
Diese Fragen biegen sich unweigerlich um. Weisen zurück auf den, der fragt:
Warum lässt DU dir so viel Zeit? Was tust DU denn?
Was unternimmst DU denn gegen Gewalt und Unrecht?
Schon klar, dass du nicht so wahnsinnig viel tun kannst, aber tu in Gottes Namen dieses Wenige. Bevor du Gott anklagst, frage dich: Wie kannst du das zulassen? Hast du wirklich überhaupt keine Möglichkeit, zu protestieren, das Böse zu verhindern, den Schaden zu mildern? Und wenn du mal wieder Bitten an Gott richten willst - überleg dir vorher zweimal, ob sie wirklich alle bei Gott an der richtigen Adresse sind.

Es gibt dann noch genügend Anliegen, da kann wirklich nur Gott helfen. Und mit diesen Bitten und Fragen kann ich Gott löchern und nerven, die kann und darf ich ihm immer wieder vortragen. Die hört er sich gerne an.

Gott lässt sich manchmal Zeit, aber es ist oft auch eine Frage des Blickwinkels: Die Zeit, die er sich lässt, die lässt er uns. Wir können was draus machen. Wir sollen was draus machen.

Vierter und letzter Punkt, in aller Kürze:

4. Gottsuche ist Herzenssache

"So spricht der Herr: wenn ihr mich von ganzem Herzen sucht, werde ich mich von euch finden lassen."

Gott lässt sich finden. Und er macht es uns verhältnismässig leicht. Er fordert keine intellektuellen Klimmzüge. Gottsucher müssen eigentlich nur eins: sie müssen ihr Herz aktivieren. Das ist der Sensor. "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist dem Auge unsichtbar", sagt der Kleine Prinz. Gottsuche ist Herzenssache. Völlig klar, es geht nicht um die Pumpe hier drin - es geht um die Mitte unseres Seins. Dein Innerstes - Mein Innerstes. Ich kann viel oberflächlich über Gott schwadronieren und komme ihm keinen Schritt näher. Das Herz muss dabei sein. Die Erschütterung, wenn ich in mich selber reinschaue und mir klar wirde, wie armselig, wie beschädigt ich bin. Die Sehnsucht, heil zu werden. Mit Gott eins zu werden. Du in mir und ich in dir. Die Sehnsucht nach restlosem Verstehen. Keine Fragen mehr. Nur noch Vertrauen. Manche Leute können es auch überhaupt nicht in Worten ausdrücken, wie ihr Herz Gott gesucht hat, was sie sich ersehnt haben, was sie von ihm erwartet haben. Schon die Suche des Herzens nach Gott ist was ganz Intimes. Das ist eine Sache nur zwischen mir und Gott. Da kann mir keiner helfen, das kann ich mit niemandem richtig teilen, diese Erfahrung - nur wieder mit Gott. Das kann mir später aber auch keiner nehmen. Das kann ich mir nur selber verderben.

Gottsuche ist Herzenssache. Gottsuche ist riskant. Das muss uns klar sein. Da geht es um alles. Mit halbem Herzen klappt es nicht. Aber wenn du Gott von ganzem Herzen suchst, dann lässt er sich finden.

Gottsuche ist Herzenssache.
Die Zeit, die Gott sich lässt, die lässt er uns.
Gott redet, auch wenn er schweigt.
Der verloren gegangene Gott zeigt sich nicht auf Kommando. Aber er zeigt sich. Gott lässt sich finden. Ich bin sicher: er ist uns auch heute und in den nächsten Tagen ganz nah.