Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jeremia 9,22-23

Pastor Dr. Klaus Schäfer (ev.-luth.)

05.02.2012 in der Christuskirche in Hamburg-Othmarschen

der Eröffnung der Hamburger Welt-Kirchen-Woche und der Verabschiedung und Einführung von Mitarbeitenden des Zentrums für Mission und Ökumene – Nordkirche weltweit

Liebe Gemeinde,

„Das rechte Rühmen“ ist der kleine Abschnitt in meiner Lutherbibel überschrieben, der uns heute als Predigttext aufgegeben ist.

„So spricht Gott, der HERR:

`Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit,

ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke,

ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums…`“

So beginnt dieser kleine Abschnitt, so lautet der erste der beiden Verse.

Wenn man nur diesen einen Vers liest, fragt man sich unwillkürlich, was denn an diesem Imperativen so besonderes sein soll. Einerseits haben wir alle die Erfahrung gemacht, dass es diese Rühmung der eigenen Weisheit, der eigenen Stärke und des eigenen Reichtums in mannigfachen Formen gibt, ganz offen oder auch sehr subtil. Ich denke etwa an die Fernsehreklame, in der ein Mann Fotos auf den Tisch legt und jeweils hinzufügt: „Mein Auto“, „meine Frau“, „mein Haus“, „meine Kinder“, „meine Kreditkarte“. Ja, es gibt solche Formen von Selbstruhm, und für manche Menschen scheint ihre Identität, ihr Status, ihr Gefühl für Wertschätzung und Anerkennung von solchen Dingen abzuhängen. Die eigene Weisheit, die Stärke und Macht, der Reichtum – diese Dinge sind es dann, die mich wertvoll machen.

Auf der anderen Seite wissen wir aber auch um die Hohlheit, ja um die Peinlichkeit eines solchen Rühmens. Ein Weiser, der sich seiner Weisheit rühmt, ist ja – jedenfalls nach meinem Gefühl – ein Widerspruch in sich selbst, geradezu eine Karikatur. Man denke nur an Sokrates, dessen Wort: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ uns allen ja sicher bekannt ist – so bekannt, dass dieses Wort einem selbst schon wieder als Selbstrühmung erscheint. In allen Kulturen, so lässt sich beobachten, gibt es die Kritik an der hohlen, hochmütigen, arroganten und eitlen Selbstinszenierung. Im Deutschen haben wir das Sprichwort: „Hochmut kommt vor dem Fall“, das übrigens auch aus der Bibel stammt. Es setzt dem Selbstruhm Grenzen, macht sich darüber lustig, endet in Schadenfreude. Andere Kulturen haben ähnliche Sprichworte, die den Selbstruhm auf die Schippe nehmen und davor warnen: „Der Büffel prahlt nicht mit seiner Kraft, wenn der Elefant da ist“, sagt man in Afrika. Oder: „Ein großer Stuhl macht noch keinen König“, und schließlich: „Und wäre das Huhn noch so schlau, eines Tages kommt es doch in den Kochtopf“. Die Schlussfolgerung heißt stets: „Sei vorsichtig mit dem Selbstruhm! Man läuft Gefahr, sich lächerlich zu machen, man kommt zu Fall. Bescheidenheit ist angesagt.“

Ist der erste Vers in unserem Predigttext also ein Gemeinplatz? Nein, offensichtlich nicht, denn es gibt ja dieses selbstbezogene Rühmen; sonst wäre die Welt der Sprichworte in allen Kulturen nicht voll davon. Und auch in Israel, zur Zeit des Propheten Jeremia gab es solchen Selbstruhm, mit dem Menschen und das Volk Gottes sich auf ihre eigene Stärke, die eigene Kraft, militärische Intelligenz, vielleicht sogar die vermeintliche religiöse Überlegenheit gegenüber anderen Völkern verließen.

Kein Gemeinplatz also! Aber wirklich aufregend wird unser Bibeltext doch erst, wenn wir weiter lesen. Stand bisher die allgemeine menschliche Erfahrung im Hintergrund, kommt jetzt die sehr spezifische biblische Perspektive in den Blick. Unser Text geht so weiter:

„Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.“

Dem Selbstruhm gegenüberstellt wird jetzt eine Klugheit, die darin besteht, Gott selbst zu kennen: „wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin…“

Sich der Erkenntnis Gottes rühmen? Wo sind die Menschen, die dies in unserer Gesellschaft so unmittelbar tun würden? Wo sind die Menschen, die davon sprechen würden – freimütig, offen, rühmend -, dass sie Gott kennen, dass sie in einem besonderen Verhältnis zu Gott stehen – oder, um es etwas positiver zu formulieren: dass ihnen der Glaube an Gott etwas bedeutet? Ich glaube, es sind nicht allzu viele.

Und andererseits: Wo Menschen sich tatsächlich einer besonderen Kenntnis Gottes rühmen, berührt uns das oft peinlich. Solche Menschen sind verdächtig. Man hält sie womöglich für radikale Superfromme, Fundamentalisten gar, oder aber für skurrile Personen, die ein bisschen überdreht sind. Sich der Erkenntnis Gottes rühmen? Wer tut so etwas?

Ich lese Ihnen einmal einen kleinen Abschnitt aus einem Roman vor, in dem wir einer Frau begegnen, die sich ihrer Gotteserkenntnis, ihrer besonderen Beziehung zu Gott rühmt. Der kleine Absatz ist aus dem Roman „Die Missionarin“ entnommen, den Sibylle Knauss im Jahre 2007 veröffentlicht hat. In diesem Roman wird die bewegende Geschichte einer jungen Frau aus dem Sauerland erzählt, die als Missionarin in die Südsee, auf die Insel Ponape geschickt wird. Der folgende kleine Abschnitt findet sich im Tagebuch von Hedwig, die ebenfalls als Missionsschwester mit Lina, der eigentlichen Heldin dieses Romans, auf der Schiffsreise in den Pazifik ist. Hier lesen wir:

„Bis hierher hat uns Gott gebracht. Mich sanfter als Schwester Lina, die ER einer gründlichen Prüfung durch Seekrankheit unterzog. Die zwei Wochen zwischen Aden und Fremantle hatten wir ohne Unterbrechung schwere See. Da konnte die liebe Lina nur zum Herrn seufzen, und ich betete, las und sang fleißig mit für sie. Denn ich selbst wurde wunderbar bewahrt und sehe darin ein Zeichen, dass IHM diese Reise, die zu SEINEM höheren Ruhme von mir unternommen wird, wohlgefällt. Von Lina lässt sich ein Gleiches offenbar nicht sagen. Doch hat sie schwer gebüßt. Möge ihr vergeben sein. Von den Verunreinigungen in unserer Kabine, die mir zu säubern oblag, will ich nicht reden.“

Ja, hier rühmt sich jemand seiner besonderen Nähe zu Gott. Aber zu Recht finden wir eine solche Darstellung bigott und selbstgerecht, heuchlerisch und peinlich. Sich der Erkenntnis und Nähe Gottes zu rühmen, kann gefährlich und noch peinlicher sein als das direkte Selbstlob.

Dass hier das Selbstlob einer Missionarin vorgeführt und demaskiert wird, ist vielleicht kein Zufall. Das Stichwort Mission – und wir feiern diesen Gottesdienst heute zusammen mit dem „Zentrum für Mission und Ökumene“ der Nordkirche – steht ja oft unter dem Verdacht einer religiösen, sehr eigensüchtigen Selbstbehauptung. Man argwöhnt, dass hier Leute agieren, die sich rühmen, Gott auf eine ganz besondere, intensive Weise zu kennen. Man rühmt sich, dass rechte, richtige Wissen von Gott zu haben und will es anderen weitergeben. Man hält, so der Vorwurf, die eigene Religion für die beste, und die anderen für schlecht oder problematisch. Man fühlt sich überlegen – religiös, kulturell, intellektuell. Wir spüren: Darin steckt nicht nur ein Hauch von Arroganz, sondern eine ganz gehörige Portion religiös verbrämten Hochmuts.

Beispiele für das, was der große Theologe Karl Barth einmal „den blöden Hochmut des weißen Mannes“ genannt hat, gibt es aus der Geschichte der Mission zur Genüge. Interessant ist, dass schon der Apostel Paulus – der erste große Missionar, der uns namentlich bekannt ist – sich mit Missionaren auseinander setzen musste, die sich rühmten, mit Gott noch in einer viel tieferen Weise verbunden zu sein als Paulus selbst. Und so lässt Paulus sich – in einer Narrenrede, wie er selbst sagt – zwei lange Kapitel des 2. Korintherbriefes auf einen Wettstreit mit diesen anderen Missionaren ein, die sich rühmen, die wahren Boten Gottes zu sein (vgl. etwa 2. Kor. 10,17ff., in denen auch Jer. 9,22-23 zitiert wird).

Aber weder dem Apostel Paulus noch dem Propheten Jeremia geht es darum, den religiösen Hochmut anzustacheln. Die Erkenntnis Gottes, darauf will der Prophet Jeremia in seiner etwas paradoxen Rede ja hinaus, kann niemals dazu führen, dass Menschen sich selbst aufplustern, sich selbst inszenieren, sich als die großen Macher oder die großen religiösen Virtuosen, die von vielen bestaunt und verehrt werden, darstellen.

Was heißt aber „klug sein“ und „Gott kennen“? - Das biblische Wort „erkennen“ hat mit innewerden, gewahr werden, merken, spüren, erfahren, aber auch mit erkennen, begreifen, verstehen und einsehen zu tun; jemanden kennen bedeutet, mit ihm vertraut sein, sich um ihn kümmern, ihn anerkennen. Das Organ der Erkenntnis Gottes ist in der biblischen Sprache in der Regel nicht der Verstand – so wenig der natürlich ausgeschaltet werden soll -, sondern das Herz. Blaise Pascal hat das später so gesagt, mit einem kleinen kritischen Ton gegen die menschliche Vernunft: „Es ist das Herz, das Gott spürt, und nicht die Vernunft.“

Was ist denn das für ein Gott, den man da erkennen soll? Was charakterisiert ihn?

Hier wird es jetzt ganz aufregend, denn Gott definiert sich in unseren Versen selbst. Gott ist ein Gott, der sich nicht selbst rühmt, nicht seine eigene Ehre sucht. Der Gott Israels, in dessen Namen der Prophet spricht, ist ein Gott, der seine Ehre daran setzt, auf Erden Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit zu üben.

Wir finden in diesem knappen Vers viele der sehr großen Worte der hebräischen Bibel versammelt: Erkenntnis Gottes, Barmherzigkeit, Recht, Gerechtigkeit. Alle diese Worte haben gemeinsam, dass sie das Wohl und Heil der Menschen, ja der ganzen Erde, Gottes guter Schöpfung, im Blick haben. Es sind Worte, die gerade nicht auf ein selbstbezogenes Leben weisen, sondern auf ein Leben im Dienst und zum Wohl für Andere. Mit diesen Worten ist ein aufbauendes Handeln Gottes, etwas Aufrichtendes, Zurechtbringendes, Heilendes anvisiert. „Barmherzigkeit“, so übersetzt die Lutherbibel eines der großen hebräischen Worte, meint ja ganz wörtlich genommen: Das Herz bei den Armen haben, bei denen also, die sich selbst nicht helfen können, die Hunger und Durst leiden, die rechtlos und hilflos sind. „Recht“ meint die gute Ordnung des Lebens, das Zusammenleben der Menschen in Frieden und Freiheit, in Würde und wechselseitiger Solidarität; hier geht es um eine Sozial- und Lebensordnung, in der Menschen aufeinander angewiesen sind und dementsprechend ihr Leben gestalten. Und „Gerechtigkeit“ meint an dieser Stelle nicht (zuerst) das strafende Handeln Gottes, sondern das Zurechtbringen, das In-Ordnung-Bringen dessen, was aus der guten Ordnung herausgefallen ist; Gerechtigkeit Gottes meint die Treue Gottes zur Gemeinschaft mit den Menschen.

Gott übt Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit in der Welt. Es ist der Gott für Andere, der Gott der Gemeinschaft, der Gott, der nicht allein sein will, sondern sich kümmert um seine Welt. Hier ist uns ein Bild von der Menschenfreundlichkeit Gottes vor Augen gestellt.

Wir wissen wohl: Die Wirklichkeit der Welt, die Erfahrung vieler Menschen spricht nicht unbedingt und sofort für diese Menschenfreundlichkeit Gottes. Statt Barmherzigkeit regiert nicht selten gnadenlose Kälte; statt Recht breiten sich oft Lüge und Korruption aus; statt Gerechtigkeit herrscht Unterdrückung und Friedlosigkeit. Gott und sein Heil liegen in dieser Welt nicht überall einfach vor Augen.

Auch im 9. Kapitel des Jeremiabuches ist eine unbarmherzige Wirklichkeit vorausgesetzt. Da ist vom Schrecken der Menschen die Rede, von Krieg und Kriegsgeschrei, vom Jammer und von Tränen, von Ruinen und Verödung, von Klagegeschrei und Tod.

Die Lebenswirklichkeit vieler Menschen, mit denen wir in unserer Arbeit im Nordelbischen Missionszentrum zu tun haben, zeigt ganz ähnliche Erfahrungen von Leid, Kummer, Ohnmacht und Hilflosigkeit. Ich will nur ein paar Stichworte aus den Arbeitszusammenhängen der Kolleginnen und Kollegen nennen, die wir heute aus dem aktiven Dienst im NMZ verabschieden oder neu in ihr Amt einführen.

Papua Neuguinea, die zweitgrößte Insel der Welt, ist zwar landschaftlich wunderschön und kulturell faszinierend. Aber es ist doch nicht einfach ein Südseeparadies. Das Land ist in Unruhe, es gibt politische Konflikte und Auseinandersetzungen; es herrscht Gewalt im Land, es gibt Überfälle, ethnisch bestimmte Über- und Angriffe auf Volksgruppen, Unsicherheit in vielen Teilen des Landes. Vor ein paar Tagen gab es vor der Küste Papua Neuguineas ein großes Fährunglück, bei dem viele Menschen starben. Und die Umweltzerstörung schreitet voran, das einstige Paradies wird ausgeraubt und ist geschunden.

Wir schauen heute mit Staunen auf Indien, das sich zu einem der boomenden Schwellenländer der Welt entwickelt hat; das Land erlebt großes Wirtschaftswachstum. Aber zugleich leben viele Menschen in entsetzlicher Armut und ohne die Rechte, die uns in der westlichen Welt selbstverständlich sind. In den letzten Dschungelregionen – etwa im Bundesstaat Orissa, in dem unsere Partnerkirche ihre Heimat hat - werden Ureinwohner aus Dörfern vertrieben, weil die Welt Hunger auf die dort anzutreffenden Rohstoffe hat. Von verschiedenen Seiten – den linken Maoisten auf der einen, den rechten Hindu-Nationalisten auf der anderen Seite – wird Hass gegen Minderheiten – Christen und Muslime – geschürt; Kirchen wurden angezündet, Bibeln verbrannt, Menschen eingeschüchtert.

Und hier bei uns? Auch hier gibt es Menschen ohne Rechte – Flüchtlinge, Asylsuchende, Menschen, die ihre Heimat verloren haben und sich hier mühsam durchschlagen müssen, um neu eine menschenwürdige Existenz aufbauen zu können. Und wir machen Europa zu, lassen die Menschen nicht rein, lassen sie im Mittelmeer und anderswo ertrinken.

Was bedeutet dann aber, den Gott zu erkennen, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden? Ist das denn nicht alles eine Illusion? Wie zeigen sich Gottes Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit in der Welt?

Es sind zwei Aspekte, die dabei wichtig sind:

Zum einen nämlich ruft uns der Bibeltext auf, unsere Hoffnung und Zuversicht auf diesen Gott zu setzen. Das Leiden, das wir in der Welt erleben, wird nicht das letzte Wort haben. Gott ist in dieser Welt gegenwärtig, er wirkt – manchmal trotz allem Augenschein – für die Heilung der Welt, er bringt zurecht, was falsch ist, er richtet auf, was zerbrochen ist.

Ein solcher Glaube und eine solche Zuversicht erscheinen vielleicht als eine Zumutung. Aber das Wort Zumutung trifft vielleicht genau, worum es beim Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit und Gerechtigkeit geht. „Glaube ist der Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist“, sagt ein indisches Sprichwort. Glaube entsteht und bewährt sich dort, wo das Dunkel uns umstellt und keine menschliche Hoffnung zu sehen ist. Dieser Glaube, dieses Vertrauen in Gottes Güte wird uns zugesprochen. Ja, es ist eine Zumutung – aber diese Zumutung bedeutet auch, dass den Menschen daraus Mut erwachsen kann, Kraft zum Leben, Hoffnung auf Gottes Liebe und Barmherzigkeit. Ich bin froh und dankbar darüber, dass wir in unserer Arbeit im Zentrum für Mission und Ökumene in vielen Begegnungen mit Menschen aus an deren Ländern immer wieder erfahren dürfen, dass der Glaube, das uns zugesprochene und damit zugemutete Vertrauen auf sein Heil den Menschen eine Perspektive für ihr Leben eröffnet.

Und der zweite Aspekt ist dieser: Erkenntnis Gottes führt nach biblischer Sicht immer auch zu einer Lebensführung, die dem Wesen Gottes entspricht. Gotteserkenntnis ist in der Bibel niemals ein kühles, objektives Wissen über Gott und die Welt. Man kann Gott nicht aus der Distanz wahrnehmen. Gott zu erkennen führt zu einem verwandelten Herzen, einer Verwandlung unserer selbst, einer Angleichung unseres Lebens an das Wesen Gottes. Man kann es auch so sagen: Das Herz, mit dem man Gott erkennt, muss selbst vom Herzschlag der Barmherzigkeit, dem Recht und der Gerechtigkeit Gottes bestimmt sein. Wer Gott erkennt, wird von ihm verwandelt werden.

Und dies, liebe Gemeinde, führt dann dazu, dass unsere Erkenntnis der Menschenfreundlichkeit Gottes uns zu einem bestimmten, Gott gemäßen Lebensstil anleitet. Aus der Gotteserkenntnis heraus, ja in der Erkenntnis dieses Gottes Israel liegt eine Bestimmung für uns, eine Rolle und eine Aufgabe, die wir in der Welt spielen sollen und können: Wir selbst, die wir Gott zu erkennen suchen, werden Künder und Trägerinnen, Botinnen und Praktiker von Gottes Barmherzigkeit, Gottes Recht und Gottes Gerechtigkeit in der Welt.

Hier liegt die Aufgabe, die dem Nordelbischen Missionszentrum (NMZ) jetzt auch unter dem neuen Namen „Zentrum für Mission und Ökumene – Nordkirche weltweit“ für die Zukunft in der größer werdenden Kirche gegeben ist. Mit den verschiedenen Arbeitsbereichen – im Begegnungen und Kontakt mit Partnerkirchen, in Förderung und Unterstützung, in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit, im interreligiösen Gespräch, im Einsatz für Menschenrechte – geht es nicht um uns, unser Prestige, unsere „Marke“, unseren Ruhm, sondern darum, dass Menschen etwas von diesem Gott erfahren. Wir sind Instrumente für Gottes Barmherzigkeit, wir wollen uns von Gott gebrauchen lassen und den Menschen dienen. Das gilt auch in besonderer Weise für die Mitarbeiterin und Mitarbeiter, die wir heute aus ihrem Dienst verabschieden oder neu in ihren Dienst einführen: für Martin Krieg und Hofagao Kaia, die beide mit Papua Neuguinea verbunden sind, und für Dr. Axel Siegemund als Indienreferenten und Dietrich Gerstner als neuen Referenten für Menschenrechte und Migration. Wir danken Euch, dass Ihr Euch als Trägerin und Träger von Gottes Wirken in der Welt bei uns eingebracht habt. Ihr habt unter den Menschen im Pazifik und hier bei uns und an vielen anderen Orten in Wort und Tat etwas von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes weitergegeben, und dafür sind wir außerordentlich dankbar. Und ihr, die Ihr neu in Euer Amt eingeführt werdet, dürft und sollt Euch verstehen als Träger von Gottes Wirken in der Welt.

Und natürlich, liebe Gemeinde, gilt diese Bestimmung auch für uns alle, für Sie und mich, für jeden Christenmenschen. Gotteserkenntnis, Freundschaft mit Gott führt zu einem Leben, das sich für Gottes Wirken in der Welt öffnet, sich selbst hineinstellt in den Strom der Liebe und Zuwendung Gottes zu den Menschen. Wir sind – wir dürfen sein! – Instrumente von Gottes Barmherzigkeit.

So spricht unser Bibeltext am Ende von der Mission, zu der wir als Christen berufen sind, von unserer Sendung in die Welt. Unser Engagement hat nichts mit Ruhmsucht, Hochmut oder Arroganz zu tun. Nein, wir sind Beschenkte, wir haben selbst Gottes Barmherzigkeit erfahren; er hat unser Leben zurecht gebracht. Wir sind begnadete Sünder, und als solche dürfen wir uns auf den Weg in die Welt und zu den Menschen machen. „Wir sind Bettler, das ist wahr!“, hat Martin Luther am Ende seines Lebens gesagt. Und „Mission“, so hat Bischof D. T. Niles aus Sri Lanka es einmal formuliert, „Mission ist, wenn ein Bettler dem anderen erzählt, wo es etwas zu essen gibt.“

Wenn es um die Erkenntnis Gottes geht, dann geht es auch um unser Leben, ja um unseren Lebensstil, um unsere Aufgabe und Rolle in der Welt. Diese Rolle ist nicht frei gewählt, sondern uns von Gott gegeben, der sich selbst als ein Gott definiert, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden.

Zum Schluss möchte ich den Anspruch, der uns aus unserem kleinen Abschnitt aus der Bibel entgegentritt mit einer Geschichte zusammenfassen, die aus Indien stammt. Es ist eine sehr radikale Geschichte, die aber doch – auf einem sehr hinduistischen Hintergrund – deutlich macht, dass unser Gott, der selbst als der Barmherzige sein Herz bei den Armen hat, uns zu Trägern und Botschafterinnen seiner Barmherzigkeit machen möchte:

Es meditierte einmal ein alter Mann täglich am Ufer des Ganges. Eines Morgens öffnete er nach seiner Meditation seine Augen und sah einen Skorpion hilflos in der Strömung des Flusses treiben.

Als der Mann dies sah, streckte er sich bis zu den Baumwurzeln vor und griff nach dem ertrinkenden Skorpion, um ihn zu retten. Doch sobald er ihn berührte, wand sich der Skorpion und stach ihn. Doch als er sein Gleichgewicht wieder gefunden hatte, streckte sich der Mann abermals vor, um den verzweifelt ringenden Skorpion zu retten. Jedes Mal jedoch, als der alte Mann in Reichweite kam, stach der Skorpion ihn so schlimm mit seinem giftigen Schwanz, dass seine Hand blutig wurde und sein Gesicht sich vor Schmerz verzog.

In diesem Moment sah ein Vorbeigehender den mit dem Skorpion kämpfenden alten Mann auf den Baumwurzeln und rief: „He, du dummer alter Mann, was ist los mit dir? Nur ein Narr riskiert sein Leben zugunsten einer hässlichen, nutzlosen Kreatur. Weißt du nicht, dass du dich vielleicht selbst umbringst, um dieses verfluchte Tier zu retten?“ Langsam wandte der alte Mann seinen Kopf und schaute dem Fremden ruhig in die Augen, wobei er sprach: „Freund, es liegt im Wesen des Skorpions zu stechen. Warum sollte ich mein Wesen verleugnen und aufhören zu retten?“1

Nein, retten können wir die Welt nicht. Das bleibt Gottes Aufgabe. Wir können nicht alle Probleme dieser Welt lösen, aber wir dürfen Zeichen für Gottes Liebe in der Welt setzen.

Möge Gott uns dazu segnen!

Amen.

1 Quelle unbekannt; zitiert nach Frieden stiften – jeden Tag. 365 Gedanken und Anstöße, mit einem Vorwort von Dorothee Sölle, Hamburg 2002, 42f.