Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaia 54, 07-10

Pfarrerin Eva-Maria Busch (ev)

30.03.2014 in der Dorfkirche in Zang

Sonntag Lätare

© privat

„Na, passt die Hose?“

Das war seine erste Frage, als ich am Sonntagnachmittag nach dem Gottesdienst das Kostüm gegen die neue Röhrenjeans austauschte. Er saß im Wohnzimmer, einen Tee vor sich, einen theologisch schwerwiegenden Wälzer vor der Nase. Aus dem CD-Player tönte Wagner. Meine Sonntagslaune war glänzend.

„Jap“, war meine Antwort: „Ich hab zwar Speck, der sitzt auch überall - aber nicht an den Beinen. Die schlanken Beine habe ich von meiner Mutter geerbt und dafür danke ich meinem Schöpfer.“

Mein Mann legte sein Buch weg und musterte mich. Aber anstelle noch etwas Positives über meine Beine, ein Kompliment oder etwas über die ultramoderne Jeans von sich zu geben, kam die Bemerkung: „Aha; wem dankst du jetzt: deiner Mutter oder Gott?“

Die Streit-und Diskutierlust war in ihm erwacht und schwang düster, spannungsgeladen und passend zum Es-Dur Akkord der Ouvertüre von Rheingold im Wohnzimmer an.

Also, ich setzte mich aufrecht vor ihn hin: „Ich danke meiner Mutter, die mir ihre Gene vererbt hat und ich danke Gott, der diese Gene schuf“.

Jetzt ist er platt, dachte ich, lachte wie eine der drei Rheintöchter über den garstigen Alberich in der Tiefe des Sofas. Dann aber musste ich zusehen, wie mein Mann, der Unhold an diesem Nachmittag, sich aufrichtete und quasi unter der Tarnkappe eines teetrinkenden weisen Lehrers den Advokatus diaboli spielte:

„Also, wenn du für deine Beine dankst, was sagt dann ein Mensch, der keine schlanken Beine hat? Was sagt ein Mensch, der vielleicht gar keine Beine hat? Was sagt einer, der querschnittsgelähmt ist, der chronisch schwerkrank ist, sagen wir ruhig – Krebs. Ich meine, sagt der: Danke Gott? Oder Danke Gene? Der hat doch nichts zu danken! Warum auch? Für was? Der verflucht doch sein Leben. Du, liebe Frau, kannst höchstens den Genen, also der Biologie danken - aber Gott?Wenn du glaubst, dass Gott dir die Beine geschenkt hat, wer hat dann dem Querschnittsgelähmten seine Lähmung, dem Kranken seinen Krebs, dem Blinden seine Blindheit geschickt? Ist das etwa Gott für dich, der da oben sitzt und dem einen schenkt und dem anderen eben verweigert? Und was ist das bloß für ein Gott?“.

Ich stand auf, um die Röhrenjeans wieder auszuziehen: für diesen Streit brauchte ich nun etwas Bequemeres. In Jogginghosen kann man ja bekanntlich jeden Sturm überstehen.

Also, du willst Streit. Kannst du kriegen. „Wieso fragst du mich so einen Stumpfsinn, du bist Theologe, Religionslehrer. Gib dir die Antwort selber.“

„Nein, ich will sie von dir...“.

Er blickte mich lauernd an. Ich hatte verstanden: Ein falsches Wort und ich würde in tiefste Verdammnis gestoßen, quasi exkommuniziert durch das Gesetz schlanker Beine.

Es ging um meine Vorstellung von Gott: Wenn er so mächtig war, dass er mir in meinem einfachen Leben etwas Gutes schenken konnte, warum war er dann nicht so mächtig, das Übel bei anderen oder insgesamt in der Welt überhaupt zu beseitigen?

Also, entweder dieser Schöpfergott ist Gott, dann ist er auch allmächtig - und dann ist er eine moralische Instanz. Also ganz klar, so ein Gott muss das Gute für seine Geschöpfe wollen. Und warum setzt er es nicht um? Woran hakt es? Also, entweder Gott ist nicht allmächtig oder aber es gibt einen Gegengott- aber dann ist Gott offenbar ab und an der Verlierer oder aber: Es gibt keinen Gott.

Während sich in meinem Gehirn Argumente um Argumente drehten und mein Mann auf mich theologische Pfeile warf von ungefähr der Größe, mit der vor 33 Jahren Amors Pfeile auf mich gerichtet waren, atmete ich tief durch und unterbrach ihn mit dem verbalen Hammerschlag, der aus dem CD- player erscholl: (Ihr Wolken zu mir, Donner der Herr, ruft euch zu Heer).

„Lieber Mann, ich finde, jeder Mensch kann für etwas dankbar sein, manchmal auch erst im Nachhinein, manchmal ist der Sinn eines Lebens verborgen oder das Gute, das darin steckt und geschenkt wurde. Etwas als Geschenk zu begreifen, heißt doch, ich interpretiere es als Geschenk. Manche Dinge werden auch erst zum Geschenk, die ich zunächst als Fluch sah. Nehmen wir meine Krankheit (ich leide bekanntlich an Epilepsie). Es steckt doch auch ein Geschenk darin, sie zu haben. Ich wurde sensibler für das Leid anderer. Ich weiß heute, dass Epileptiker kreativer sind, als manch‘ andere Menschen. Ich trinke keinen Alkohol deswegen und konnte darum immer Auto fahren, als du es nach etlichen Bierchen nicht mehr konntest. Und überhaupt, man hat doch immer wieder dies Gefühl der Dankbarkeit gegenüber etwas Numinosem, etwas Großem, man kann es nicht immer benennen …Du bist doch hoffentlich auch dankbar für dein gutes Leben, deine Gesundheit und deine tolle Frau?“.

„Jaaa“ - wobei er das Ja sehr lange dehnte, fast zu lange! „Das kann man aber in Ausschwitz nicht sagen und nicht in den Slums dieser Welt, wo Kinder hungern und leiden - da ist kollektives, großes Leid und es wäre doch sehr zynisch, da im Nachhinein etwas Positives drin lesen zu wollen, weil doch noch ein Samenkorn an Gutem für irgendwas drin war - Nein:

Du kannst ja dankbar sein für etwas, ich bin es ja auch aber: Dieser Gott, dem du dankbar bist, sitzt nicht irgendwo in grenzenloser Kuschelgüte oben im Firmament und man muss ihn nur um etwas stetig genug bitten - Gott kann Leid nicht verhindern, auch wenn er es wollte. Er ist nicht allmächtig“.

Na prima, dachte ich.

Und was mache ich jetzt mit Jesaia 54,meinem Predigttext für Lätare? Tränen traten mir in die Augen.

[7] Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. [8] Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser. [9] Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will. [10] Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer.

Ja, in der Tat. Passt wie die Faust aufs Auge: Jesaja redet von einem großen Gott. Einem, der verlässt und sammelt, sich erbarmt, nicht mehr schilt und zürnt und einen nicht mehr zerstörbaren Frieden mit dem Menschengeschlecht eingegangen ist.

Genau der Gott, an den außer meinem Mann an jenem Nachmittag auch viele andere Menschen nicht mehr glauben können, weil sie ihn nicht zusammenbringen mit der erlebten Wirklichkeit.

Aber war das zur Zeit des Jesaja anders? Dies‘ Wort richtet sich an Menschen im Exil, die alles verloren haben, deren kleiner Augenblick der Verlassenheit immerhin schon 50 Jahre andauerte.

Und nicht wahr: Im Unglück vergeht die Zeit nicht. Sie ist zäh. Sie ist bleiern - auf deiner Seele eine Zenterlast. Da ist kein erbarmender Gott, da ist Gottverlassenheit. Eine Ewigkeit lang.

So denken wir. Aber wir sehen nicht alles. Wir erkennen nicht die ganze Tiefe von Gottes Wesen. Er ist ja nicht aus der Welt, weil wir oder ein anderer sich verlassen fühlen. Er ist ja nicht aus der Welt, weil die Einen ihm danken und die Anderen nicht. Er ist ja dennoch da. Er gibt Leben, neu, anders, täglich immer und immer wieder. ….hat seine Allmacht vielleicht sogar aufgegeben zugunsten seines Mitleids. Zugunsten seiner Liebe, seines Mitgefühls, seiner Barmherzigkeit. Ewige Gnade…..Und jeder von uns hat die Freiheit dies zu glauben, diesem Gott nachzufolgen oder auch nicht. Aber: Gott geht deswegen nicht weg. Er leidet mit seinen Menschen, er ist in den tiefsten Tälern bei ihnen, er lässt Neues wachsen auch aus dem größten Übel, wie Bonhoeffer es einst sagte:

Ich glaube,
dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube,
dass Gott uns in jeder Notlage
soviel Widerstandskraft geben will,
wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst
vor der Zukunft überwunden sein.
Ich glaube,
dass Gott kein zeitloses Fatum ist,
sondern dass er auf aufrichtige Gebete
und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Und darum ist Gott für mich der Fels in der Brandung, ein Berg, der nie wankt, eine Gnade, die nie geht. Und zugleich ist er einer, der sich je und je verändert und die Zeiten und Äone mit durchlebt und mitdurchleidet und sie zugleich doch auch erschaffen hat. Ich kann auf ihn bauen und ihn doch nicht als ewiges Bild festhalten. Ich kann ihm danken, dann wirkt das auf mein Leben zurück und ich lebe eben nicht mehr so, als sei alles selbstverständlich, denn da ist noch etwas außerhalb von mir. Ich kann ihn anklagen, weil es mir schlecht geht und dann wächst in meiner Seele am trostlosesten Ort doch noch ein Hoffen auf Morgen und darauf, dass das Leben weitergeht.

Und auch das ist ein Geschenk. Eines, für das der Ostermorgen steht, wenn aus dem Dunkel des Grabes neues Leben erwacht. Lätare - freut euch drum, schon jetzt. Und ich kann diesem gnädigen Gott folgen, der auf Liebe und Verzeihen setzt, auf Ohnmacht und Glück unter allen Menschen ohne Unterschied.

Und dann folge ich ihm nach in der Gestalt Jesu Christi, Kraft und Vorbild, Fundament und Begleiter meines Lebens zugleich. In wenigen Tagen wird er wieder in Jerusalem einziehen, arm und auf einem Esel. Kein in sich selbst verliebter Gott, dem es in seinem Walhall besser gefällt als unter den Menschen, keiner dem es darum ginge, Ehre und Ansehen zu bewahren.

Ich danke diesem machtlosen, heruntergekommenen Gott für mein Leben, und das hat Auswirkungen darauf, wie ich dieses Leben sehe, mein Glück und mein Leid, und wie ich mit den Menschen darin umgehe und lebe - so wie es gestern Abend beim Treffen mit unseren syrischen Flüchtlingen eine alte Syrerin sagte: „Ich danke Deutschland für die erwiesene Hilfe. Wer den Menschen nicht dankt für Beistand, dankt dem Schöpfer nicht“.

Ich selbst danke Gott, für die Möglichkeit, in der Nachfolge diese Welt ein wenig besser zu machen. Ich danke ihm, dass er in tiefster Not bei mir sein will und mich nicht verlässt. Für alle Kraft danke ich die er gibt, für jeden Freund den er schickt und für die Biologie…..und auch dafür, dass er Gott ist - in dieser Welt und außerhalb von ihr und so für einen jeden entdeckbar, wandelbar, täglich neu. Auch für meinen Mann.

Am Ende des Nachmittags sind wir auf einen gemeinsamen Nenner gekommen. Ich ziehe meine Jeans wieder an, wir schalten Wagner aus und gehen spazieren. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages sind ein wunderbares Geschenk. Auf meiner Haut bis tief in meine Seele hinein kann ich sie spüren, die Zusage Gottes: Berge weichen und Hügel sollen hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen. Komme, was mag. Amen!