Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 10,1-3

Pastor Reiner Fröhlich (ev.)

19.10.2003

Gericht gegen Sozialabbau

Liebe Gemeinde,

Die Predigt des heutigen Sonntags ist eine prophetische Predigt. Propheten stehen im Auftrag Gottes auf und weisen auf Unrecht und Götzendienst hin, und sie rufen zur Umkehr. Propheten sagen das Gericht Gottes über alles Böse und Gottlose an. Propheten halten sich nicht an gute Konventionen, sondern sagen direkt und unverblümt Gottes Wort an.

Der Prophet Jesaja ist einer der großen Propheten Gottes in Israel. Ich lese einige Worte aus dem Jesajabuch.

10 1 Weh denen, die unrechte Gesetze machen, und den Schreibern, die unrechtes Urteil schreiben,
2 um die Sache der Armen zu beugen und Gewalt zu üben am Recht der Elenden in meinem Volk, dass die Witwen ihr Raub und die Waisen ihre Beute werden!
3 Was wollt ihr tun am Tage der Heimsuchung und des Unheils, das von ferne kommt? Zu wem wollt ihr fliehen um Hilfe?
5 20 Weh denen, die Böses gut und Gutes Böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen.
24 Darum: wie des Feuers Flamme Stroh verzehrt und Stoppeln vergehen in der Flamme, so wird ihre Wurzel verfaulen und ihre Blüte auffliegen wie Staub. Denn sie verachten die Weisung des Herrn Zebaoth und lästern die Rede des Heiligen Israels.

Im alten Israel war Gott das Zentrum des Lebens. Seine Gebote regelten das Leben. Und Gottes Gebote waren auf den Schutz der Armen bedacht. Jede Familie in Israel hatte ein Stück Land, das ihr von Gott bei der Ankunft in Kanaan verliehen worden war, so dachte man. Und dieses Stück Land war unveräußerlich. Außerdem war es den Israeliten verboten, Zinsen zu nehme und so Arme, die Geld leihen mußten, in bleibende Abhängigkeit zu stoßen.
Nun kamen aber irgendwann neue Zeiten. Verträge wurden geschlossen mit den Staaten und Königreichen um Israel herum. Israelitische Könige wie zum Beispiel Ahab heirateten phönizische Frauen wie die Prinzessin Isebel. So kamen die Oberen in Israel in Kontakt mit ganz anderen Wirtschaftsystemen und Regierungsformen. Da konnte ein König einfach das Land eines kleinen Mannes nehmen mit gewisser Entschädigung oder mit Gewalt. Sie kennen die Geschichte von König Ahab, Isebel und Nabots Weinberg.

Nun waren seit König Ahab schon hundert und mehr Jahre vergangen. In Jerusalem und Samaria, und in allen anderen Städten war alles modern geworden. Das Land von vielen einfachen Israeliten war von Reichen aufgekauft worden. Zinsnahme und sogar Schuldsklaverei waren gang und gebe. Die Schar derer, die arm wurden, wurde immer größer. "So ist der Lauf der Welt", sagten die Reichen. "Das ist überall anders auch so." - "Wer sich anstrengt und etwas leistet, der wird nicht arm bleiben." - "Jeder hat die gleichen Chancen." Die Reichen waren sich untereinander einig. Die Armen glaubten das bald auch, denn sie hatten keine Zeit, um viel nachzudenken und sich eine eigene Meinung zu bilden.

In diese Situation hinein bricht das lodernde Feuer der Liebe Gottes zu den Armen ein. Gott schickt die Propheten: Amos, Hosea, Nahum, Micha, Jesaja. Und alle sagen dasgleiche: Gott wird die Könige vom Thron stürzen, wenn sie die Armen weiterhin unterdrücken und Menschen in die Armut hinabstoßen. Gott wird die Reichen töten oder nackt als Kriegsgefangene in die Verbannung schicken, wenn sie weiterhin ein Haus ans andere und einen Acker an den anderen sammeln und Menschen als Material behandeln.

Weh denen, die unrechte Gesetze machen, um die Sache der Armen zu beugen und Gewalt üben am Recht der Elenden in meinem Volk.
Liebe Gemeinde, wir sind nicht das Volk Israel. Wir leben nicht im Heiligen Land, aber wir leben in dieser Welt und Gottes Gebote gelten auch hier in unserem Land.
Und in dieser Woche hat unsere Regierung unrechte Gesetze gemacht. Seit Jahren geht es den Armen an den Kragen, aber der Freitag hat dem Ganzen die Krone aufgesetzt. Hunderttausende, Millionen von Menschen werden in die Armut hinabgestoßen. Verbriefte Rechte werden für außer Kraft gesetzt erklärt. Sachzwänge, so heißt es. Es geht nicht anders, so sagen sie. Das sagen die Mächtigen seit 5000 Jahren, wenn es darum geht, die Armen ärmer zu machen.
Wenn da jemand sein Leben lang in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt hat, ist das jetzt mit einem Federstrich alles anders. Verkürzte Bezugsdauer und dann Sozialhilfeniveau. Die Arbeitslosen sind schuld. Die 4,2 Mill. können doch die 360.000 offenen Stellen annehmen, dann wäre keiner arbeitslos.

Moment, das geht doch gar nicht!

Aber das erzählen uns alle Parteien. Wir müssen die Arbeitslosen nur mehr zwingen, dann haben sie Arbeit.
Und mit der Gesundheitsreform genauso. Wer Jahrzehnte eingezahlt hat, der bekommt nun gesagt: Deine Ansprüche sind erloschen. Du mußt jetzt nicht nur mehr zuzahlen und beim Doktor Eintrittsgeld bezahlen, du mußt auch alles mögliche noch zusätzlich versichern. Gesundheit wird für Arbeitnehmer teurer. Sie werden ärmer.
Und Rente? Das Ziel aller Reformen ist, daß ein Rentner weniger Geld bekommt. Rente mit 67, 45 Jahre eingezahlt. Das Ziel ist nicht, daß wir so lange arbeiten, sondern daß wir weniger herausbekommen.

Liebe Gemeinde, bei der Vorbereitung auf diese Predigt fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Bei uns ist der Mensch für das Geld da. Der Mensch wird nur noch als ein Kostenfaktor gesehen. Der Mensch ist für das Geld da. Der Mensch hat keinen Wert mehr an sich. Der Mensch ist kein von Gott geliebtes kostbares und lebendiges Wesen. Der Mensch ist nur noch ein Kostenfaktor, ein Ding, und zwar ein überflüssiges Ding. Und da muß ich im Auftrag Gottes sagen: Das ist Götzendienst. Wenn Menschen geopfert werden für das Geld, dann muß die Kirche sich zu Wort melden.
Überflüssige Menschen.
Die Arbeitslosen: Die Politiker vermitteln uns: die sind überflüssig. Warum laufen die noch in Deutschland herum? Sie sind schuld an der Zerrüttung der Staatsfinanzen. Sie machen dem Herrn Eichel den ganzen Haushalt kaputt.
Die Kranken: Alle Parteien signalisieren: die sind überflüssig. Sie liegen den Gesunden nur auf der Tasche.
Die Rentner: Alle Kommissionen sagen durch die Blume: sind überflüssig. Die leben viel zu lange.
Summa: Das Geld ist wichtig, der Mensch zählt nicht mehr. Die Menschen werden arm gemacht und die soziale Leiter hinabgestoßen.

Ein Ingenieur wird arbeitslos. Er ist 52. Er findet längere Zeit keine Arbeit. Er muß schließlich einen befristeten Billig - Neben - Job für 350 Euro annehmen. Dann ist er wieder arbeitslos. Sein Arbeitslosengeld ist dann unter der Sozialhilfe. Er bekommt also Sozialhilfe. Seine Altersversorgung (wie Lebensversicherung) muß er zuerst verbrauchen, bevor er Sozialhilfe bekommt. Niemand will ihn dann mit 55 mehr einstellen. Er ist nun arm und bleibt es bis an sein Lebensende, weil er keine 45 Jahre eingezahlt hat.

Die Zeitungen und die ungerechten Politiker schildern alles aus der Sicht der Reichen. Welche Auswirkungen die Entscheidungen des Bundestages für die Menschen haben, die davon betroffen sind, das wird nicht gesagt. Das interessiert keinen. Es interessiert aber den Schöpfer dieser Welt und den Helfer und Erlöser aller Menschen.

Weh denen, die ungerechte Gesetze machen, sagt Gott, der Beschützer der Armen. Weh denen, die Böses gut und Gutes Böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen.
Gott wird über diese Regierung und die anderen Parteien, die noch schlimmeres vorhaben, sein Gericht schicken. Wer die Armen antastet, der bekommt es mit Gott zu tun.
Gott ruft den Regierenden und der Opposition zu: Kehrt um vom Weg der Beraubung der Armen und des Hinabstoßens von immer mehr Menschen in die Armut.
Sorgt dafür, daß die erwirtschafteten Güter dieses Landes gerecht verteilt werden. Das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland hat sich in den letzten 30 Jahren ungefähr verdoppelt. Deutschland ist reicher als nie zuvor. Wo bleibt das Geld? Billiarden von Euro liegen auf der Bank oder an der Börse. - Über Reichtum spricht man nicht.
Beraubt nicht die Alleinerziehenden und die Familien mit vielen Kindern. Beraubt nicht die Arbeitslosen, die sich zu Zehnt keine freie Stelle teilen können.
Kehrt um von dem teuflischen Weg, euch am großen Geld und am Groß - Kapital zu orientieren und die normalen Menschen zu einer Sache und zu Material zu entwerten.
Gott ruft die Regierenden und die Opposition dazu auf, aus der Sicht der Armen ihre Vorhaben zu betrachten, anstatt aus der Sicht der Reichen.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, betet für eine andere Politik. Betet für unsere Politiker, daß sie nicht die Lüge verbreiten und selbst glauben: Es gibt dazu keine Alternative. Dieser Satz ist eine Lüge. Beraubung der Armen hat immer eine andere Alternative. Das Hinabgestoßen - Werden in Sozialhilfe und Altersarmut muß von Gott her rückgängig gemacht werden. Gerechtigkeit muß der Maßstab sein, nicht die alte Raubritter - Ordnung von Manchester oder die neue von Chicago. Horst Seehofer, Norbert Blüm, Heiner Geißler, Wolfgang Schreiner sind keine Träumer, sie wollen eine andere Politik. Und es gibt immer eine andere Politik. Betet für eine andere Politik.

Weh denen, die Böses gut und Gutes Böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen.
Die Worte, die heute gebraucht werden, sind in sich eine Lüge. Sie sind in ihr Gegenteil verkehrt. Heute bedeutet:
Reform = Beraubung der Armen.
Traditionalist = Einer, der sich für Gerechtigkeit einsetzt.
Freiheit = Wir sollen zuzahlen.
Modern sein = Akzeptieren, dass man ärmer gemacht wird.
Rückwärtsgewandter = einer, der gegen den Neoliberalismus der Chicagoschule ist.
Eigenverantwortung = Wir sollen zuzahlen.
Mehr Markt = Besserverdienende werden begünstigt.
Demographischer Faktor = Die Geringerverdienenden bekommen weniger Rente, die Billiarden Euro, die die Besserverdienenden auf der Bank oder an der Börse haben, bleiben unangetastet. Liebe Gemeinde, eine prophetische Predigt erregt Anstoß. Sie steht quer zur allgemeinen Meinung. Über eine prophetische Predigt kann man sich ärgern.

Hinter einer prophetischen Predigt steht aber immer das brennende Herz Gottes für die Armen. Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, nicht das Geld, nicht das Kapital, nicht der Markt. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften. Und: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Der Arme und Geringverdienende ist dein Nächster.

Amen.