Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 1,3

Pfarrerin Irmtraud Fischer (ev)

25.12.2012 in der Evangelischen Christuskirche in Buchen

Gottesdienst am 1. Christtag

„Der Esel Aaron erzählt“

© Irmtraud Fischer

Liebe Gemeinde!

„Oksch unn Äischel“ hieß das Theaterstück, das in der Adventszeit in der Bopp’schen Scheune aufgeführt wurde. Es hat mich angeregt, in der heutigen Predigt den Esel aus dem Stall in Bethlehem erzählen zu lassen. Ich habe ihn „Aaron“ *) genannt, nach dem Bruder des Mose. Aaron ist nämlich ein „frommer“ Esel. Er kennt sich in den biblischen Schriften aus. *) vgl. Fensterbild-Adventskalender: „Wie Aaron nach Bethlehem kam“ (Bergmmoser & Höller-Verlag, Aachen)

In der Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium (Lukas 2,1-20) werden Ochs und Esel nicht erwähnt. Frühchristliche Maler fügten sie zur Geburtsszene dazu und nahmen damit Worte aus Jesaja 1 auf: „Ein Ochs kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt’s nicht und mein Volk versteht’s nicht.“ (Jesaja 1,3) Ochs und Esel erkennen – so die Botschaft der Maler -, wer da in der Krippe liegt: Gottes Sohn.

 Plüsch-Esel wird auf die Kanzel gesetzt

Liebe Gemeinde in Buchen!

Ich war dabei: bei Jesu Geburt, beim Besuch der Hirten und der Aufwartung der Sterndeuter aus dem Morgenland, bei …

Doch eigentlich muss ich einige Monate früher anfangen: Ich gehöre nämlich Maria. In ihrer Familie bin ich aufgewachsen und groß geworden. Schon mein Vater und mein Großvater lebten dort. Sie nahmen regen Anteil am Leben der Familie und erfuhren viel über biblische Geschichten.

Wir Esel kommen in der Bibel gar nicht so selten vor - und immer wieder in bedeutenden Zusammenhängen! In einer Geschichte ergreift sogar ein Esel das Wort. Gott setzt ihn ein, damit sein Wille geschieht. (4. Mose 22 – 24, besonders 22,22-34)

Doch zurück zu Maria: Sie kam zu mir, nachdem ihr der Engel die Geburt des Jesuskindes angekündigt hatte. Sie streichelte mich: „Stell dir vor, Aaron, ich soll Gottes Sohn auf die Welt bringen. ‚Jesus’ soll ich ihn nennen; das bedeutet doch: ‚Gott hilft’ Ich kann mir das alles noch gar nicht vorstellen, aber ich will darauf vertrauen, dass Gott mir hilft.“

Bald darauf trug ich Maria zu ihrer Cousine Elisabeth, die trotz ihres Alters ebenfalls ein Kind erwartete.

Ja, und dann war ich wichtig, als sich Maria und Josef auf den Weg machen mussten: von Nazareth nach Bethlehem. Diese Menschen! Wenn die Macht haben, können sie den Hals nicht voll genug bekommen! Hatte doch der römische Kaiser Augustus beschlossen, dass alle sich zählen lassen mussten – wegen der Steuern. Und dazu ließ er sie auch noch in die Heimatstadt ihrer Familie reisen. Reisen?! Nicht mit Auto, Bus, Bahn oder Flugzeug wie bei euch, sondern zu Fuß! Wer einen Esel wie mich hatte, konnte froh sein.

125 km Luftlinie liegen zwischen Nazareth und Bethlehem. Der Weg über Stock und Stein, durch felsige Berge und Täler ist etliche Kilometer länger. Tagsüber brennt die Sonne gnadenlos vom Himmel, nachts wird es empfindlich kalt. Als Hochschwangere musste Maria immer wieder Pause machen, die Beine hochlegen.

Kein Wunder, dass alles voll war, als wir schließlich in Bethlehm ankamen. Meine Beine waren schwer und Maria am Ende ihrer Kräfte. Nur Josef, der gute Josef, sprach uns Mut zu und munterte uns auf.

Kinder führten uns zu Zacharias, einem hilfsbereiten Mann - einige von euch haben von ihm im Weihnachtsmusical gestern gehört. Ihm tat es sehr Leid, keinen Platz im Haus anbieten zu können. Aber dann fiel ihm der Stall ein, ganz in der Nähe.

Stall – das klang in meinen Eselsohren wunderbar. Stall – das klang nach frischem Heu und kuscheligem Stroh! Nur, für Menschen wie Maria und Josef war das ja nicht gerade die komfortabelste Herberge. Und ob sich der Stall als Kreißsaal für die Geburt eines Kindes eignen würde? Ich hatte den Verdacht, dass Maria schon eine ganze Weile Wehen hatte. Immer wieder hielt sie die Luft an, schnaufte tief durch und entspannte sich schließlich …

Trotz ihrer vielen Arbeit kümmerten sich der Wirt Zacharias und seine Frau Ruth rührend um uns. Sie versorgten Maria, Josef und mich mit kühlem, erfrischendem Wasser.

Als wir den Stall betraten, ging Zacharias zuerst zum Ochsen, der in der Ecke im Stroh lag. Wie einem Menschen erklärte ihm Zacharias die Situation und bat ihn, gut auf uns alle aufzupassen. Zuerst reagierte der Ochse ungehalten. Nach einem langen, schweren Tag hatte er schon geschlafen und wollte seine Ruhe. Aber er merkte, dass es auch Maria und Josef arg war, ihn stören zu müssen. Auch sie streichelten ihn.

Ja, und dann … dann wurde in dieser Nacht tatsächlich das Kind geboren. Da es keine andere Möglichkeit gab, legten es Maria und Josef in die Futterkrippe. Ruth hatte sie vorsorglich ganz weich gepolstert: erst mit Stroh und dann mit Heu. Sie hatte auch Windeln und warmes Wasser mitgebracht, damit Maria ihr Kind waschen und wickeln konnte. Das war mit dem Ochsen noch einmal eine heikle Situation: Ein Kind in seiner Futterkrippe! Nicht genug, dass er den Stall mit Menschen und mit mir teilen musste, aber dass ein kleines Kind in seinem Futtertrog lag, das war ja wirklich die Höhe! Glücklicherweise hatte Ruth einen großen Eimer aufgetrieben und ihn mit so viel Heu wie möglich gefüllt. Vor sich hin maulend zog sich der Ochse in seine Ecke zurück, ließ mich aber freundlicherweise mit fressen. Als er sich zum Wiederkäuen hinlegte, warf er einen schrägen Blick auf das Kind in der Krippe.

Doch was war das? Es war, als sei das Kind von einem zarten Schein umgeben, der den ganzen Stall erfüllte. Mir fielen auf einmal Verse aus dem Buch Jesaja ein. In ihnen wird Licht in den Zusammenhang mit der Geburt eines Kindes gebracht: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht und über denen, die im Dunkeln wohnen, scheint es hell. (…) Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben.“ (Jesaja 9,1.5 a) Von meinem Großvater weiß ich: In diesen Worten geht es nicht um irgendein Kind, sondern um den Retter, den Gott senden wird. Deshalb hat dieses Kind besondere, viel sagende Namen: „Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friedefürst.“ (Jesaja 9,5 b)

Moment mal?! Hatte Maria nicht gesagt, dass sie Gottes Sohn auf die Welt bringen würde? Dann musste das Jesus-Kind der Retter sein, den Jesaja verheißen hatte!

Ich hatte diesen Gedanken kaum zu Ende gedacht, da öffnete sich leise die Stalltür. Herein kamen Hirten, eine ganze Hand voll. Auf Zehenspitzen traten sie näher, begrüßten Maria und Josef freundlich. Leise flüsternd, um das Kind nicht zu wecken, erzählten sie von Engeln, die ihnen erschienen waren: „Fürchtet euch nicht! Ich verkündige euch große Freude (…): Euch ist heute der Retter geboren“, (Lukas 2,10 f) habe einer gesagt und: „Daran könnt ihr das Kind erkennen: Es ist in Windeln gewickelt und liegt in einer Futterkrippe“ (nach Lukas 2,12). Die Hirten gaben Maria und Josef, was sie mitgebracht hatten: ein Schaffell, einen Krug frische Schafsmilch, eine Laterne. Zärtlich legte Maria das Schaffell über ihr Kind.

Die Hirten knieten nieder, beteten das Jesuskind an – und mir war, als sei auf einmal der Stall nicht nur von Licht, sondern von Gesang erfüllt. Ich kann es nicht anders erklären. Ich weiß auch nicht, ob die anderen das hörten. Vielleicht war es auch nur himmlische Musik in mir selbst – so wie euch die Weihnachtslieder erfüllen und in euch summen mögen.

Die Zeit schien stehen zu bleiben, so lange die Hirten kniend an der Krippe verharrten. Es war, als sei Gottes Ewigkeit wie ein Lichtstrahl in unserer Mitte.

Schließlich standen die Hirten auf, drückten Maria und Josef stumm die Hand. Ich sah Tränen in ihren Augen glitzern. Nachdenklich schaute ich ihnen nach, wie sie einer nach dem anderen den Stall verließen und ganz leise die Tür schlossen.

Was mag das für diese Menschen bedeutet haben, das Gotteskind zu sehen? Hirten haben kein einfaches Leben. Was sie tun, ist Knochenarbeit bei Wind und Wetter – und trotzdem will kaum einer mit ihnen zu tun haben. Ich freute mich, dass Gott ausgerechnet sie zu den ersten Gratulanten gemacht hatte – so, als wollte er zeigen: Mein Herz schlägt besonders für die, die es schwer haben. Darum ist mein Sohn im Stall geboren, um besonders denen nahe zu sein, die unter schwierigen Bedingungen leben müssen.

Den Rest der Nacht blieb es ruhig, so dass wir alle einige Stunden schlafen konnten. Die nächsten Tage aber herrschte großer Trubel. Wie ein Lauffeuer sprach sich die Geburt des Kindes herum. Wer sich nur irgendwie fortbewegen konnte, kam, um es selbst in Augenschein zu nehmen.

Nach einigen Tagen kehrte allmählich Ruhe ein. Nun waren es nur noch einige wenige, die immer wieder den Weg zum Jesuskind fanden. Zacharias und seine Familie und vor allem „Mühselige und Beladene“, wie sie der erwachsene Jesus später genannt hat: Menschen, gebeugt von schweren Sorgen, Kranke oder Behinderte, Menschen, bei denen Streit in der Familie das „täglich Brot“ war, Menschen, die tiefer Kummer drückte. Manchmal sprachen sie mit Maria und Josef oder aber sie kamen einfach herein und knieten an der Krippe nieder. Wenn sie sich erhoben, war es, wie wenn das Licht des Kindes ihr Gesicht hell und klar gemacht hätte.

Eines Tages entstand vor dem Stall eine Riesenunruhe. Es klang so, als ob da Scharen von Menschen und Tieren zugange wären. Der jüngste Sohn von Zacharias schlüpfte herein: „Ganz vornehme und kluge Leute wollen das Gotteskind besuchen! Vielleicht sind es sogar Könige! Sie sind dem Stern gefolgt, der über dem Stall steht.“

Im nächsten Augenblick hörten wir ein sachtes Klopfen. Der erste streckte vorsichtig seinen Kopf herein, schob dann seinen Körper hinterher. Zwei weitere Männer folgten. Kostbar waren sie gekleidet. Sehr wertvolle Geschenke überreichten sie: Gold, Weihrauch und Myrrhe (Matthäus 2,11). Diese halfen Maria und Josef später – doch ich will nichts vorwegnehmen.

Die drei Männer, Sterndeuter aus dem Osten, hatten unabhängig voneinander den Stern erblickt und sich auf den Weg gemacht. Unterwegs waren sie aufeinander getroffen und gemeinsam weiter gezogen. Ein Berater von König Herodes, bei dem sie zuerst vorge-sprochen hatten, hatte sie nach Bethlehem gewiesen. Wer hätte auch ahnen können, dass ein Königskind im Stall geboren wird! -

Mitten in der folgenden Nacht schreckte Josef auf, packte in aller Eile zusammen und verwischte alle Spuren. Der Ochse, der uns lieb gewonnen und oft das Kind mit seinem Atem gewärmt hatte, grummelte mal wieder in der Ecke. Störungen mochte er gar nicht.

Josef kam zu mir, half mir aufzustehen und belud meinen Rücken. Dann setzte er behutsam Maria mit dem Jesuskind im Arm dazu. Wir brachen auf.

Viele, viele Stunden waren wir unterwegs. Ich fragte mich, wohin wir gingen und was dieser überstürzte Aufbruch zu bedeuten hatte. Gleichzeitig staunte ich, mit welcher Sicherheit Josef, der mich führte, den Weg im Dunkeln fand – so, als nähme ihn ein Engel Gottes an der Hand. Erst nach Einbruch der Dunkelheit am nächsten Abend machten wir kurz Rast. Wir hatten um jeden Ort einen weiten Bogen gemacht. Es sollte uns wohl keiner sehen.

Jeden Tag, so staunte ich, führte uns der Weg an Brunnen vorbei, an denen Josef die Wasserschläuche auffüllte und mir zu trinken gab. Erstaunlicherweise brauchten wir keinen Hunger zu leiden. An den Wasserstellen gab es Früchte und für mich frisches Gras.

Nach etlichen Tagen erreichten wir Ägypten. Dort blieben wir die nächsten Jahre und führten ein zurückgezogenes Leben. Josef arbeitete als Zimmermann. Die kostbaren Geschenke der drei Sterndeuter ermöglichten anfangs, weitab von der Heimat das Nötige zu kaufen.

Eines Tages traten wir den Heimweg zurück nach Nazareth an. Jesus war inzwischen ein quirliger, interessierter, unglaublich liebevoller Junge geworden. Auf dem Weg nach Hause erzählte und erzählte er von seinen Erlebnissen und, welche Gedanken ihn beschäftigten. Manchmal aber war er ganz ruhig, in sich gekehrt, als würde er Zwiesprache mit Gott halten. Die große Ehrfurcht, mit der er jedem Geschöpf: Menschen, Pflanze, Tier begegnete, berührte mich zutiefst.

In Nazareth erfuhr ich endlich den Grund für die Flucht nach Ägypten: König Herodes hatte nach der Abreise der Weisen Soldaten nach Bethlehem geschickt. Die brachten alle Jungen, die zwei Jahre und jünger waren, mit dem Schwert um. Wie grausam können Menschen sein, wenn sie jemanden beseitigen wollen, der ihnen gefährlich werden könnte! Mein Eselsherz zog sich zusammen, als ich an die betroffenen Familien dachte. Gleichzeitig war ich dankbar: Gott hatte seinen Sohn beschützt. Er hatte Josef den richtigen Weg gezeigt und dafür gesorgt, dass wir alles Nötige zum Leben hatten. -

Als Jesus viele, viele Jahre später sein Elternhaus verließ, um Gottes Auftrag nachzukommen, war ich dabei. Maria fiel es deutlich leichter, ihn in meiner Begleitung gehen zu lassen. „Aaron, du bist ein kluger Esel. Du spürst, wenn’s schwierig wird. Jesus ist sehr mit dir verbunden; er hört auf dich.“

Ja, und so war ich weiterhin dabei: als Jesus vom Reich Gottes predigte und Menschen heilte, als er solchen, die falsche Wege gegangen waren, zu einem neuen Leben verhalf.

Nur ganz zum Schluss, als Jesus nach Jerusalem zog, musste ich in Nazareth bleiben. Ich war inzwischen alt und hätte Jesus nur belastet.

Erst mit einiger Verzögerung hörte ich darum von den Ereignissen:

Jesus zog unter großem Jubel in Jerusalem ein – und saß dabei auf einem Esel! Damit erfüllten sich Worte des Propheten Sacharja: „Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel.“ (Sacharja 9,9)

Wenige Tage später wurde Jesus verhaftet und gekreuzigt. Doch Gott ließ seinen geliebten Sohn auch da nicht im Stich. Er erweckte ihn vom Tod und schenkte ihm ewiges Leben. „Jesus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“ (nach Lukas 24,6 und 24), jubelten die Seinen nach dem ersten Schrecken und Entsetzen. -

Ja, liebe Gemeindeglieder in Buchen, ich war dabei, damals in Bethlehem und bei vielen Ereignissen später. Ein Leben lang war für mich klar, zu wem ich gehöre und dass mit Jesus Gott in unsere Welt getreten ist. Ich habe miterlebt, wie innig Jesus mit Gott verbunden war und aus seiner Kraft lebte. Immer und immer wieder wurde ich Zeuge, wie liebevoll und sorgsam Gott für seine Menschen sorgt: wie Traurige wieder froh wurden und Verzagte neuen Mut schöpften, wie Zerstrittene den Weg zur Versöhnung fanden.

Ich wünsche euch sehr, dass es von euch heißt: Nicht nur ein Esel kennt die Krippe seines Herrn, sondern auch jeder und jede einzelne von euch! Schalom – sagen die Menschen. Friede sei mit euch! Gesegnete Weihnachten!

Amen.