Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 2,4 und "Patronenkreuze" als Symbole des Friedens und der Gewaltlosigkeit

Pfarrer Roland Dürmeier (ev.)

09.05.2009

Gottesdienst am Vorabend der Konfirmation mit Taufe und Abendmahl

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Konfirmandinnen, liebe Konfirmanden, liebe Eltern, Paten und Patinnen, liebe Angehörige!

Morgen werdet ihr Konfis viele Geschenke bekommen. Ich habe euch heute Abend das Geschenk unserer Kirchengemeinde mitgebracht.

Ich habe dieses Geschenk schon lange – vor über einem Jahr - für euch bestellt, nämlich kurz nachdem wir im März 2008 unser erstes gemeinsames Treffen als Konfirmandengruppe hatten.
Wenn ich jedoch geahnt hätte, was vor fast genau zwei Monaten am 11. März passieren würde, hätte  ich mich nicht getraut, so ein Geschenk auswählen.
 
Klar, ich hätte jetzt noch schnell etwas anderes aussuchen können, aber das wäre zum einen feige gewesen und zum anderen auch ziemlich dumm, denn, dass ist mir inzwischen klar geworden, dieses Geschenk will genau in solche schwierigen, traurigen und grausamen Situationen hineinsprechen, wie sie sich leider immer wieder zwischen Menschen ereignen.

Jetzt fragt ihr euch bestimmt schon, was denn das für ein Geschenk ist, dass ihr bekommt.

Ich erzähle euch erst, was im März passiert ist, vielleicht habt ihr und viele andere das schon längst wieder vergessen, so viele Nachrichten und Ereignisse stürzen auf uns ein, dass wir schnell Geschehen auch wieder aus den Augen und den Herzen verlieren. Aber der 11. März war für ganz Deutschland, besonders für alle Schülerinnen und Schüler ein Schock.

Am 11. März wurden beim Amoklauf in Winnenden von einem 17-jährigen Täter 15 Menschen erschossen und 11 weitere zum Teil sehr schwer verletzt.

Und das ist das Geschenk, das ich vor über einem Jahr auswählte: (zeigen !!!!!!!!!!!)

Es ist gerade einmal 4 Zentimeter groß. Ihr erkennt vielleicht auch noch, dass es ein kleines Kreuz ist, aber es wurde aus einem besonderen Gegenstand geformt …

Es wurde aus einer Patrone gemacht.
Es ist ein Patronenkreuz.
Es stammt auch Liberia. Das ist ein kleines Land an der Westküste Afrikas.

Erst vor wenigen Jahren endete dort ein über 10 Jahre dauernder Bürgerkrieg. Jetzt sind dort UN-Truppen stationiert, um den brüchigen Frieden zwischen den Streitparteien zu sichern.

Im Land herrscht weiter große Armut. Mitten in dieser unsicheren und armen Lage, gibt es ein kirchliches Projekt, in dem Jugendliche und Erwachsene aus leeren Patronen- und Granatenhülsen Kreuze anfertigen.
Durch den Verkauf dieser besonderen Kreuze erwirtschaftet das Projekt ein bescheidenes Einkommen für die Menschen dort.

In der Bibel gibt es einen starken Satz. Er steht beim Propheten Jesaja (2,4) und heißt:
Dann schmieden sie aus ihren Schwertern Pflugscharen und aus ihren Speerspitzen Winzermesser.

Modern würden wir in unsere Welt vielleicht hinein übersetzen:
Dann schmelzen sie ihre Maschinengewehre in Spaten um und aus ihren Bomben machen sie Fahrräder.

In Liberia folgen die Menschen diesem Bibelvers und machen Symbole für den Frieden und für die Gewaltlosigkeit, denn sie schmieden Kreuze aus Patronen.

Kreuze erinnern an Jesus. Jesus hat sein ganzes Leben auf körperliche Gewalt gegen andere verzichtet. Er konnte zwar auch mal wütend werden und mit anderen streiten, aber es gibt keine Geschichte, in denen er andere schlägt oder prügelt.
Im Gegenteil, er stellte sich immer vor die Menschen, die von Gewalt bedroht waren.

Eine Frau sollte gesteinigt werden. Jesus stellte sich zu ihr und überzeugte die Täter, dass sie kein Recht hatten, diese Frau zu töten.

Ein anderes Beispiel ist, als die Jünger von Jesus Familien mit kleinen Kindern wegschupsen und nicht zu ihm kommen lassen. Auch da setzt Jesus durch, dass die Jünger mit dieser Gewalt aufhören und die Kinder und Familien zu ihm dürfen.

Was haben diese Patronenkreuze als Symbole des Friedens und der Gewaltlosigkeit mit euch zu tun?

Auch ihr werdet in eurem Leben immer wieder in Situationen geraten, in denen ihr vor der Wahl steht entweder selbst Gewalt auszuüben oder einen anderen Weg zu gehen!

Und dabei verstehe ich unter Gewalt nicht nur das Schlagen oder Treten, Gewalt ist auch jemanden Beleidigen, das Erzählen von schlimmen Lügen über andere, Anschreien, jemanden Einschüchtern. Gewalt hat viele Gesichter und Formen.

Ihr als Christen und Christinnen, dazu bekennt ihr euch ja morgen öffentlich vor hunderten von Leuten, seid dazu aufgefordert, euch nicht von der Gewalt locken zu lassen, sondern nach anderen Wegen zu suchen, um Konflikte und Probleme zu lösen.

Im Alltag, im Verstricktsein in Kränkung und in Wut, aber auch in Angst und in Hoffnungslosigkeit, ist es bestimmt nicht immer leicht, auf Gewalt zu verzichten. Noch dazu, wenn andere einen nicht als schwach erleben sollen, wenn andere immer nur „den“ oder „die“ Starke in mir sehen sollen.

Trotzdem will euch dieses kleine Kreuz ein großes Erinnerungszeichen sein:
Versucht in eurem Leben ohne Gewalt in all ihren Formen auszukommen, so wie es euch Jesus vorgelebt hat. Es zu versuchen, ist schon viel wert, das ist ein guter Anfang.

Die andere Seite müssen wir aber auch nennen.

Wo ihr zu Opfern von Gewalt werdet, da wehrt euch. Holt euch Hilfe, wendet euch an Lehrer, an Erwachsene, Freunde, Freundinnen und die Polizei. Es ist wichtig, nicht in einer Opferrolle zu bleiben, denn das ermutigt die anderen weiterzumachen. Sucht euch Schutz und Hilfe – und wo ihr selbst es könnt, da steht anderen bei, die das Opfer von Gewalt sind.

Euer Patronenkreuz ist kein Holzkreuz in der Form z.B. eines Handschmeichlers (zeigen!!!!), dass ganz angenehm und warm in der Hand liegt.

Euer Kreuz ist hart, mit Ecken und Kanten.
Hier drückt sich etwas von der Härte unserer Welt aus. In unserem Leben geht es nicht immer leicht und fröhlich zu. Erfahrungen mit den unschönen Seiten des Lebens bleiben keinem von uns erspart. Dieses Kreuz spiegelt diese Tatsache wieder.

Aber das ist noch nicht alles. Wenn ihr das Kreuz mit ein wenig Phantasie anschaut, dann erkennt ihr, da steht jemand der breitet die Arme für euch aus. So als wollte er euch umarmen

Die schönste Geschichte in der Bibel, die von einer Umarmung erzählt, ist die vom verlorenen Sohn.

Ein Sohn macht sich auf den Weg nach Hause. Es ist ein schlimmer Weg für ihn. Einmal war er dort nämlich mit ganz großen Plänen weggegangen, hatte sich vom Vater seinen Teil des Erbes auszahlen lassen und wollte endlich sein Leben leben.

Doch alles kam ganz anders als erwartet. Er scheitert völlig. Das Geld ist bald weg, weg sind auch alle Freunde und Freundinnen, niemand will ihm mehr helfen.

So macht er sich auf den Weg nach Hause, voller Angst und Scham. Was wird der Vater sagen, wenn er plötzlich vor der Tür steht? Der Vater wird bestimmt wütend sein und ihn wieder wegschicken!

Doch das absolute Gegenteil passiert. Der Vater erkennt seinen Sohn schon von weitem. Da hält es den Vater nicht mehr. Er rennt seinem Sohn entgegen, umarmt und drückt ihn.
Jesus erzählte den Menschen diese Geschichte, um ihnen klarzumachen, dass Gott so wie dieser Vater ist: voller Liebe für sie. Ein Gott, der mich in die Arme nimmt, mich hält und stützt.

Und hier schließt sich für mich der Kreis zu Winnenden. Viele Schüler- und Schülerinnen, Lehrer und Lehrerinnen, Eltern, Geschwister, Freunde und Freundinnen haben in dieser schrecklichen und traurigen Zeit nach dem Amoklauf auch empfunden, das Gottes Arme für sie offen sind, dass er ihre Trauer, Wut und Verzweiflung hört und teilt, dass er ihnen die Kraft für den nächsten Tag gibt, das er ihnen den Trost schenkt, das die Opfer von ihm gehalten und bewahrt werden.

Das Symbol des Patronenkreuzes ist für mich ein Zeichen gegen die Gewalt. „Setzte dich für den friedlichen Weg ein“, sagt es.

Und gleichzeitig zeigt es, hier ist einer, der hat immer offene Arme für dich.

Was auch immer geschehen mag, bei ihm ist immer ein Platz für dich frei, an ihm kannst du dich festhalten. Er schickt dich nicht weg. Schwierigkeiten und auch Leid wird dir deshalb zwar nicht erspart bleiben, aber halt dich an ihm fest, dann kommst du da durch.

So begleite euch dieses Kreuz auf eurem Lebensweg als Lebenskompass und als starker Trost. Amen.  

Und der Friede Gottes der höher ist als unser menschliches Denken und Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne. Amen.