Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 24,21b-23; 25,6-10a

Pfarrer Tilman Just-Deus (ev)

31.03.2013 in der Martinskirche in Langenbeutingen

Osterpredigt 2013

Ich liege wach. Dunkel ist es. Ich kann nicht schlafen. Ich bin aufgewacht, mitten in der Nacht – ich hab wohl geträumt. Bildfetzen des Traums hängen noch in meinem Kopf, ziehen wie Wolkenstreifen durch mein dämmerndes Bewußtsein.

 

Ich kann sie nicht festhalten. Vertrautes und Fremdes, Bizarres und Banales mischen sich. Da, eine kleine Sequenz kann ich festhalten. Stimmt! Das habe ich gerade geträumt. Doch was war weiter? Ich versuche wie an einem lockeren Faden die Bruchstücke des Traums zu bergen, doch die meisten reißen ab, gleiten in das Unbewußte des Traums zurück.

 


 

Jetzt bin ich wach und denke über die Bilder des Traums nach. Sie sind in mir und doch kann ich sie nicht greifen. Sie kamen aus mir und doch habe ich sie nicht gerufen. Sie erzählen mir etwas und doch kann ich sie kaum verstehen. Wie wenn jemand am anderen Ufer steht und mir etwas zuruft und ich allenfalls Wortfetzen verstehen kann.

Es ist noch dunkel draußen. Es geschieht nicht oft, dass ich so mitten aus dem Traum herausgerissen werde und dann wach bin. Ich erinnere mich, dass ich schon ganz beunruhigende Träume hatte, Träume, die mich richtig verstört haben.

Diesmal nicht. Diesmal ist es ein anderer Traum. Ein schöner Traum. Ich weiß nicht mehr, was es genau war. Vertraute Gesichter, wärmende Worte. Manches so unwirklich, wie es nur im Traum geschehen kann, anderes gar nicht gegenständlich, eher schlängelnde Formen, Farben, die ineinanderfließen.

Wenn ich im Sommer im Gras liege und die Augen geschlossen habe ist das ähnlich. Erst ist es hell und warm vor den geschlossenen Augenlidern, dann fließen Rot- und Orangetöne hinein, manchmal auch grün, violett oder blau. Dann blinzele ich in die Sonne und sehe meine Nasenspitze in den blauen Himmel weisen.

Schwerelos, wie die Wolken am Himmel ziehen, so sind solche Momente. Sie geben mir eine Ahnung von der Leichtigkeit, die das Leben haben kann – auch wenn es jetzt dunkel ist und Nacht.

Dunkel und Nacht ist es nicht nur draußen. Es gibt Zeiten, da fühlt sich das Leben wie eine lange, finstere Nacht an. Doch mitten in eine solche Nacht brechen Träume herein, die wie eine heilsame Unterbrechung sind, wie ein Atemholen für die Seele.

Menschen, die eine solche Nacht durchleben mussten haben mir lächelnd von ihren Träumen erzählt. „Da war er dann wieder bei mir, und es war so wie früher“ erzählen sie mit Tränen in den Augen, die sowohl ihrer Traurigkeit entspringen, als auch der wohltuenden Erfahrung des Traums.

Vor wenigen Tagen kam im Radio eine Reportage über Jugendliche in Syrien, die die Grausamkeit des Krieges erleben müssen. Einer sagte: „Das Schlimmste am Krieg ist, dass man den Glauben an das Gute verliert“. Ein anderer sagt: „Der Tod ist überall. Jeder Tag kann dein Letzer sein. Für mich hat das aber auch eine gute Seite. Denn ich sehe jeden Tag jetzt wie ein einzigartiges Geschenk für mich. Manchmal träume ich morgens, was ich mit diesem Tag machen würde, wenn kein Krieg wäre“.

Auch ein anderer erzählt seinen Traum. Auch er hat den Krieg erlebt, musste ansehen, wie Nachbarn, Frauen, Kinder und Männer vertrieben, verschleppt wurden. Als Gefangener lebt er uns sein Volk nun schon seit einiger Zeit in der Fremde, in Babylon – ein Ende ist nicht absehbar. Dieser Mann, vermutlich ein Schüler des Propheten Jesaja, träumt gewaltige große Dinge, die kommen werden, zu einer Zeit, von der er nicht weiß, wann sie sein wird:


Zu der Zeit wird der HERR das Heer der Höhe heimsuchen in der Höhe und die Könige der Erde auf der Erde, dass sie gesammelt werden als Gefangene im Gefängnis und verschlossen werden im Kerker und nach langer Zeit heimgesucht werden. Und der Mond wird schamrot werden und die Sonne sich schämen, wenn der HERR Zebaoth König sein wird auf dem Berg Zion und zu Jerusalem und vor seinen Ältesten in Herrlichkeit. Und der HERR Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist. Und er wird auf diesem Berge die Hülle wegnehmen, mit der alle Völker verhüllt sind, und die Decke, mit der alle Heiden zugedeckt sind. Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der HERR wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen; denn der HERR hat's gesagt. Zu der Zeit wird man sagen: »Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, dass er uns helfe. Das ist der HERR, auf den wir hofften; lasst uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil.« Denn die Hand des HERRN ruht auf diesem Berge. (Jesaja 25,6-9)

„Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden“ – noch immer klingen die Worte des Psalmbeters in mir, die ich vorhin mitgesprochen habe.

Eine erlöste, befreite, hoffnungsvolle Lebendigkeit klingt aus seinen Worten heraus und bringt auch in mir etwas zum Schwingen. Der Verstand rebelliert, und doch sagt mir die eine tiefere Einsicht: Ohne Träume, Visionen, Hoffnungen kommt niemand ohne aus. Wir brauchen sie, um leben zu können, um das Leben zu bewältigen und zu gestalten.

Warum nur, so denke ich, haben Träume, Visionen, Hoffnungen oft so einen schweren Stand? Träume, Visionen, Hoffnungen erscheinen vielen als Hirngespinste, als sinn- und zwecklose Träumerei, als etwas, was mit der Realität nichts zu tun hat.

Geht es nicht auch mir so? Nehme ich meine Träume und meine Sehnsüchte ernst, lasse ich zu, dass sie eine Bedeutung, eine Kraft, eine eigene Wirklichkeit haben, die mein Leben beeinflussen.

Wenn ich die Vision des Prophetenschülers aus dem babylonischen Exil höre: Klingt sie für mich nicht eher nach dem Fiebertraum eines gequälten Menschen in aussichtsloser Lage als nach Realität? Wozu sollen solche Träume, Visionen, Hoffnungen gut sein?

Doch dann fällt mir ein: Träume, Visionen, Hoffnungen haben diese Welt schon oft verändert. „I have a dream“. Martin Luther Kings Traum, dass Schwarz und Weiß gleichberechtigt in einem Land zusammenleben, ist kein Traum geblieben. Die Wiedervereinigung Deutschlands war eine Vision, die auch ich lange Zeit für unmöglich hielt.

Hoffnungen und Träume, Visionen und prophetische Bilder: Können sie mir, können sie uns nicht Wegweiser sein, die uns weiter leiten, damit wir nicht in der Resignation stecken bleiben? Können sie uns nicht Erinnerung und Mahnung sein, dass es noch ganz andere Möglichkeiten gibt, von denen wir, von denen ich noch gar nichts ahne? Sind sie nicht eine Widerstandskraft gegen Resignation und Gleichgültigkeit, die uns immer wieder suggerieren, es bliebe ja doch immer nur alles beim Alten.

Mir fällt ein Wort ein von Dietrich Bonhoeffer, der einmal schrieb: „Nicht unserer Hoffnungen werden wir uns einstmals zu schämen haben, sondern unserer ärmlichen und ängstlichen Hoffnungslosigkeit, die Gott nichts zutraut“.

In ärmlich-ängstlicher Hoffnungslosigkeit waren ja auch jene zwei Männer unterwegs, die Jerusalem den Rücken zukehrten und sich aufmachten nach Emmaus. Sie ließen alle Hoffnungen zurück, die mit dem verbunden waren, der vor drei Tagen grausam hingerichtet wurde: Jesus. Wie sie so niedergeschlagen des Wegs gingen, kam einer zu ihnen. Er spricht sie auf ihre Hoffnungen an, die mit Jesus begraben waren. Er erinnert sie an die Verheißungen und Visionen der Propheten hatten – vermutlich auch jene, des Prophetenschülers im Exil.

Und indem er mit ihnen darüber sprach, begannen diese Visionen, diese Hoffnungen wieder zu leuchten. „Brannte nicht unser Herz“ so werden sich die beiden später erinnern. Das war später, nachdem der Fremde ihnen am Abend das Brot gebrochen hatte und sie ihn erkannten als den Auferstandenen Herrn. Später, als sie begriffen, dass Gott auf wunderbare Weise diese Worte der Propheten zur Wirklichkeit werden lässt.

Die Osterbotschaft sind solche Worte, die in mir etwas aufleben lassen. Worte, die über meinen eigenen Horizont hinausreichen. Worte, in die ich mich mit meiner Hoffnung, mit meinem Durst nach Leben hineinlege, um meine Sehnsucht darin zu bergen.

Die verschiedenen Berichte, die Erzählungen und Zeugnisse: sie alle verdichten sich in mir zu einem Bild und bleiben gleichzeitig jene verwirrende Vielzahl an Bildern, wie wir sie aus unseren Träumen kennen. Träume, die etwas vom Leben erzählen, davon, wie es sein wird. Träume, die gleichermaßen real sind als noch ausstehend.

Die Osterbotschaft – sie tritt hinein in meine Träume, in meine Sehnsüchte, in meine Hoffnungen und Visionen, wie das Leben sein könnte. Manches davon ist mir fremd, manche Bilder kann ich nicht fassen. Manche Worte höre ich, doch kann sie noch nicht recht begreifen. Doch können sie nur dann wahr sein, wenn ich sie begreifen kann?

Ich wache an diesem Ostermorgen auf und spüre in mir diesen Traum. Den Traum von einem Leben, das die Grenzen meiner Wahrnehmung übersteigt. Nicht das was ich für möglich halte und verstehe ist die Wirklichkeit. Sie ist größer. Weil Gott größer ist.

So sammle ich die Bilder, die nicht die meinen sind und füge sie mit meinen eignen zu einem großen Hoffnungsbild zusammen. Ich nehme Worte, die nicht mir entspringen, lasse sie klingen und sie mit dem in Gespräch kommen, was meine Hoffnung formuliert. Ich nehme mein Lebensbild, meinen Lebenstext und bette ihn in einen Größeren.

Ich lasse die Osterbotschaft mir durch die Seele wehen und spüre, dass sie in mir die Ahnung wachsen lässt, wie weit mein Horizont sein kann, was mein Lebenstext, mein Lebensbild sein könnten.

Ich bin aufgewacht, mitten in der Nacht – ich hab wohl geträumt. Nur geträumt? Nein, da ist mehr. Da ist die alte Welt im neuen Licht des Ostermorgens. Und in diesem Licht sieht alles ganz anders aus. Und in mir klingen die Worte nach: »Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, dass er uns helfe. Das ist der HERR, auf den wir hofften; lasst uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil.«

AMEN.