Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 29,17-24

Pfarrer Dr. theol. Sascha Flüchter (ev)

14.08.2005 in der Ev. Kirchengemeinde Mittelmeiderich

Liebe Gemeinde,

heute vor 56 Jahren, am 14. August 1949, hat die erste Bundestagswahl überhaupt und - neben den Landtagswahlen - die erste freie Wahl auf deutschem Boden seit 1932 stattgefunden. Nach den Jahren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und den katastrophalen Folgen des Krieges bestand in Deutschland wieder Hoffnung auf einen neuen Anfang.

Heute stehen wir - wie es aussieht - vor den vorgezogenen Neuwahlen zum 16. Deutschen Bundestag. Doch mit Hoffnung lässt sich die Stimmung in unserem Land zur Zeit beim besten Willen nicht beschreiben. Im Gegenteil! Ich habe immer mehr den Eindruck, dass sich unter uns eine tiefe Angst vor der Zukunft breit macht. Untersuchungen zeigen, dass viele Menschen verunsichert sind. Sie haben das Gefühl, dass es morgen sicher schlechter sein wird als heute. Die Zeitungsmeldungen und Nachrichtenbilder dieser Tage tun da ihr Übriges: Atomprogramm im Iran, neun Babyleichen in Brandenburg, Waldbrände in Südeuropa und verhungernde Kinder in Afrika. - Ist unsere Welt eigentlich noch zu retten?!

Der Politik, egal welcher politischer Richtung, trauen nur die Wenigsten eine spürbare Veränderung zu. Was dazu nötig wäre, das passt ja auch in kein Wahlprogramm. Wer will schon die wunden Punkte beim Namen nennen. Wer will den Wählern sagen, wie es wirklich steht um die Renten, um die Staatsschulden, um die notwendigen Einschnitte, das kostet schließlich Stimmen. Wer will den Großen dieser Welt und in unserem Land sagen, dass der Reichtum und die Macht zum Wohle der Menschen und nicht zum eigenen Vorteil zu gebrauchen sind. Wer will den Menschen - ob nun Hartz IV Empfängern oder Konzernchefs - sagen, dass sich grundsätzliches etwas ändern muss, nämlich sie selber? Und vor allem: Wer hat soviel begründetet Hoffnung aufzubieten, dass er die Veränderung der Welt ansagen könnte?! - Wer könnte das? Da müsste man schon Prophet sein!

Ja, Prophet müsste man sein. Wie der Verfasser des Predigttextes für den heutigen Sonntag. Ich lese aus dem Buch des Propheten Jesaja, Kapitel 29, die Verse 17 bis 24:
Dauert es nicht nur noch eine ganz kurze Weile, dass sich der Libanon in einen Fruchtgarten verwandelt und der Karmel dem Wald gleichgeachtet wird?
An jenem Tag werden die Tauben die Worte des Buches hören, und aus Dunkel und Finsternis hervor werden die Augen der Blinden sehen. Und die Demütigen werden mehr Freude im Herrn haben, und die Armen unter den Menschen werden jubeln über den Heiligen Israels.
Denn der Gewalttätige ist nicht mehr da, und der Spötter geht zugrunde. Und ausgerottet werden alle, die auf Unheil bedacht sind, die den Menschen in einer Rechtssache schuldig sprechen und dem Schlingen legen, der im Tor über Recht und Unrecht entscheidet, und mit nichtigen Beweisgründen den Gerechten aus seinem Recht verdrängen.
Darum, so spricht der Herr, der Abraham erlöst hat, zum Haus Jakob: Jetzt wird Jakob nicht mehr beschämt werden, und sein Gesicht wird jetzt nicht mehr erblassen.
Denn wenn er und seine Kinder das Werk meiner Hände in ihrer Mitte sehen, werden sie meinen Namen heiligen; und sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten.
Und die mit irrendem Geist werden Einsicht kennen, und Murrende werden Belehrung annehmen.

Das ist doch mal eine klare Ansage, liebe Gemeinde. Der Prophet nimmt wirklich kein Blatt vor den Mund. Das Unrecht wird beim Namen genannt. Übrigens sah es zu den Zeiten Jesajas - was das Unrecht angeht - nicht viel anders aus als bei uns heute. Dass die Armen immer ärmer und Reichen immer reicher wurden, das gab es damals auch schon. Dass statt Gerechtigkeit und Frieden, Unrecht, Gewalt und Terror an der Tagesordnung war, das gab schon dort. Und das diejenigen, die Macht und Geld haben, auch aus der gegenwärtigen Krise noch Kapital schlagen, das kennen wir doch heute auch. Da wird die Angst der Menschen um ihren Arbeitsplatz ausgenutzt, um die Gewinne des Unternehmens zu maximieren. Es macht mich schon wütend, wenn kurz nach der Streichung mehrer hundert Arbeitsplätze, die gewaltige Umsatzsteigerung der Konzerne durch die Medien geistert.

Da tut es richtig gut, den Propheten zu hören, wie auf den Tisch kommt, was nicht verschwiegen werden darf…

Doch dann frage ich mich auch, wo ich mich in seinen Worten selber wieder finde. Denn sicher gehöre ich nicht immer zu den Demütigen und Armen, die mit Freude das Eingreifen Gottes erwarten. Es gibt sicher Situationen, in denen auch ich unter die Tyrannen zu rechnen bin. Wo es mir gut geht, auf Kosten anderer, und sei es nur, weil ich davon profitiere, dass sie ausgebeutet werden. Die unglaublich niedrigen Preis vieler Produkte sind schließlich nur deshalb möglich, weil die, die sie herstellen - fernab von deutschen Tarifverträgen und Mindestlöhnen - daran kaum etwas verdienen.

Und dann gehöre ich sicher oft auch zu den Tauben und Blinden. Die die Botschaft von Gottes Kommen und seinem Eingreifen zur Erlösung der Welt und uns Menschen zwar lesen und hören, aber doch nicht wirklich sehen und verstehen, was das bedeutet. Dauert es nicht nur noch eine ganz kurze Weile, dass sich der Libanon in einen Fruchtgarten verwandelt und der Karmel dem Wald gleichgeachtet wird? Wer, frage ich mich, damals wie heute kann dem Propheten hier uneingeschränkt zustimmen? Wer kann sehen, was er gesehen hat und hören, was er gehört hat? Wer kann einer so starken Hoffnung das Wort reden, wenn er die Zeitung aufschlägt oder die Nachrichtensendung einschaltet…?

Und dennoch - oder gerade deshalb - fallen die Worte des Propheten wie warmer Regen auf meine Seele. Nur noch eine kleine Weile… Damit singt er an gegen die Hoffnungslosigkeit seiner Zeit, gegen die Hoffnungslosigkeit unserer Zeit und aller Zeiten: Auch wenn die anderen resignieren - er singt. Auch wenn die anderen ihn auslachen - er singt. Auch wenn die anderen sagen: Wo ist denn dein Gott? - Er singt…

Er singt, weil er etwas weiß von einer ganz anderen Wirklichkeit. Einer, die man auf den ersten Blick nicht sieht und von der kaum jemals etwas in der Zeitung steht. Die aber gleichzeitig alle menschlichen Hoffnungen, Sehnsüchte und Erwartungen kühn in den Schatten stellt.

Er singt, weil er weiß, dass diese Wirklichkeit keine Illusion ist, die seinen eigenen Wünschen entsprungen wäre. Sie ist auch nichts, was im Bereich der menschlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten anzusiedeln wäre. Die Wirklichkeit, die den Propheten beflügelt, das ist Gott selber. Er ist es, der diese Welt verwandeln wird. Gott selbst ist es, der die Menschen erlösen wird, ja die ganze Schöpfung. Er kommt uns entgegen…

Das ist die Wirklichkeit, die der Prophet vor Augen hat. Und mit seinen Augen, können auch wir sie sehen. Die Worte der Bibel sind ein einzigartiges Zeugnis von der Wirklichkeit Gottes. Das Alte Testament erzählt uns, wie das Volk Israel sie auf seinem Weg durch die Geschichte immer wieder neu erlebt hat. Als Gott Israel als sein Volk erwählt hat und seinen Bund mit ihm schloss. Als er ihr Schreien hörte und es gerettet hat aus der Sklaverei in Ägypten und es herausgeführt hat, durch die Wüste hindurch, in das verheißene Land. Als Gott sein Volk getragen hat und so manches Mal auch ertragen hat, wenn es sich abwandte und eigene Wege ging. Als Gott es auch dann nicht aufgegeben hat und es schließlich wieder heimkehren ließ nach dem Exil. - Diese Geschichte mit Gott ist für Israel die Quelle der Hoffnung, die es getragen hat und bis heute trägt. Dass die unvorstellbaren Leiden des Holocaust diese Hoffnung nicht haben zu Schanden werden lassen, gibt uns eine Ahnung davon, wie stark diese Hoffnung ist.

Das neue Testament erzählt uns, wie die Wirklichkeit Gottes mitten unter uns Gestalt angenommen hat, wie sie Mensch geworden ist in Jesus Christus. An ihm können wir sehen, wie die Hoffnung auf Gottes Kommen die Menschen verändert. Was es heißt, wenn der Name Gottes geheiligt wird: Die blind waren vor Angst, die können wieder sehen, sehen ein Licht am Ende des Tunnels. Die gelähmt waren von der eigenen Schuld und verkrümmt durch die Last ihrer Vergangenheit, die werden aufgerichtet und können wieder gehen, erhobenen Hauptes. Selbst Tote stehen wieder auf, denn das, was uns Menschen unmöglich ist, das braucht nicht länger die Grenze unserer Hoffnung zu sein! - An Jesus selber ist es wahr geworden. Spätestens am Ostermorgen wird unübersehbar deutlich, dass die Wirklichkeit Gottes größer ist als alle Hoffnungslosigkeit dieser Welt - und stärker als der Tod!

Dauert es nicht nur noch eine ganz kurze Weile, dass sich der Libanon in einen Fruchtgarten verwandelt und der Karmel dem Wald gleichgeachtet wird? - So langsam, liebe Gemeinde, beginne ich die Hoffnung des Propheten zu teilen. Und ich kann mir jetzt auch vorstellen, dass diese Hoffnung so stark ist, dass sie es mit den entmutigenden Nachrichten aufnehmen kann, die uns täglich aus der Zeitung entgegen schlagen.

Vielleicht probieren sie das morgen früh einfach mal aus: Beginnen sie den Tag einmal nicht mit Lektüre der Zeitung, sondern mit dem Lesen der Bibel. Lassen sie sich begeistern von Gottes Wort als tägliches Brot der Hoffnung. Danach lesen sie dann die Zeitung, so dass die Hoffnung dabei noch mitschwingt. Die Nachrichten werden dieselben sein, aber sie werden sich verändert haben. Denn das Besondere an der Hoffung ist, dass sie schon da anfängt sich zu erfüllen, wo sie einfach nur geweckt wurde. Das heißt, wir sind schon mitten drin in Gottes Verwandlung dieser Welt, weil sie bei uns selber anfängt.

Aber Vorsicht: Wenn sie mit der Hoffnung aus der Bibel die Zeitung lesen, dann werden sie in die Verantwortung genommen. Denn die Hoffnung sagt uns, dass nichts bleiben muss wie es ist, sondern werden kann, wie es sein soll. Das gilt zu Hause genauso wie in der Schule oder auf der Arbeit, das gilt für unsere Gemeinde, unsere Stadt und unser Land, ja für die ganze Welt. - Wir haben die Chance, etwas zu verändern. Was die bevorstehenden Wahlen angeht, so haben wir wichtigste Entscheidung schon getroffen, wenn wir unsere Verantwortung wahrnehmen und Wählen gehen. Dann ist unsere Wahl nämlich schon gefallen: Und zwar auf die Hoffnung!

Amen.